ethnografische notizen 223: kochkäs

7 Dez
Schichtkäse, Edeka Weiterstadt, Dezember 2016

Schichtkäse, Edeka Weiterstadt, Dezember 2016

Während Freund F. Schlange steht, streune ich durch die Gänge des Edeka im hessischen Weiterstadt. Auf der Suche nach regionalen Produkten werde ich hier ziemlich schnell fündig. Kräutermischung für Frankfurter Grüne Soße in der Tiefkühlabteilung, Odenwälder Blutwurst in der Fleischtheke, Frankfurter Äpfelwein im Getränkelager und Schichtkäse bei den Molkereiprodukten.

Handgeschöpfter Schichtkäse nach „altbewährter Tradition“ lese ich auf der durchsichtigen Plastikverpackung. Darin, noch einmal in Papier gepackt, 500 Gramm Edelquark mit zehn Prozent Fett in der Trockenmasse. Der Unterschied, so lese ich später bei Wikipedia, liegt vor allem in den unterschiedlichen Fettstufen der einzelnen Schichten. Bei genauerer Betrachtung entdecke ich an der Seite des Papiers ein Rezept für selbstgemachten Kochkäse. Den kann man zwar auch in rheinischen Supermärkten kaufen, aber meine Neugier ist geweckt. Zumal ich vor gut einer Woche mit einer Original-Odenwälderin im Kölner Exil ein Gespräch über Kochkäs führte. „Kennst du Kochkässchnitzel?“, fragt sie mich, nachdem das Thema auf ihre Heimatregion gekommen ist. Ich nicke und kann ihr mit der Alten Dorfmühle in Auerbach sogar den Ort benennen, an dem ich zum ersten Mal ein solches vorgesetzt bekam. „Endlich mal jemand, der Kochkässchnitzel kennt“, sagt sie erleichtert. „Wir machen Kochkäs“, sage ich zu F., als wir wieder zusammenfinden und lege den Schichtkäse in den Einkaufswagen. „Dann brauchen wir noch Natron“, sagt er, denn auch wenn er bis dato noch nie selbst Käse hergestellt hat, sind ihm als Biologen die Grundlagen der Küchenchemie vertraut.

Zubereitung von Kochkäse, Büttelborn, Dezember 2016

Zubereitung von Kochkäse, Büttelborn, Dezember 2016

Mit Butter, Natron und Salz verrühren wir am nächsten Tag den Quark, den wir zu diesem Zeitpunkt schon mehr als 24 Stunden auf einem Sieb haben abtropfen lassen. Dann muss er noch einmal zwei Stunden stehen und wird dann im Wasserbad auf maximal 42 Grad erhitzt. Zum Mittagessen braten wir Kartoffeln in der einen, sorgsam paniertes Schweineschnitzel in der anderen Pfanne. „Nur das Beste“, sagt F., „nur mit Eigelb paniert!“ Er verschweigt, das selbiges noch vom Lebkuchenbacken am Vortag übrig ist, aber das ist eine andere Geschichte. Ein bisschen später sitzen wir am Tisch und beobachten, wie der Käse langsam in die Panade schmilzt.

Kochkässchnitzel, Büttelborn, Dezember 2016

Kochkässchnitzel, Büttelborn, Dezember 2016

„Jetzt ist unser Magen mit einer resistenten Schicht ausgekleidet“, sage ich nach dem Essen. „Wir könnten Salzsäure trinken“, sagt F., „was essen wir als nächstes?“

soulfood düren – #007

1 Dez

laktosefrei, glutenfrei und vegetarisch/vegan

In einer Drogeriefiliale im StadtCenter begebe ich mich in die Lebensmittelabteilung. Hinter mir stehen Frauen mit Kinderwagen an den Foto-Bildschirmen und sortierten ihre Schnappschüsse. Vor mir ein Regal mit den glutenfreien Produkten eines Anbieters aus Südtirol. Butterkekse, Ciabatta und Salzbrezeln in einer gelben Verpackung. Saisonware wie Spekulatius und Lebkuchen sind in rot gehalten, damit man sie besser erkennen kann. Im Regal gegenüber gibt es diverse Alternativen für laktoseintolerante Menschen, Mandelmilch, Reisdrink in Natur und Calcium und laktosefreie H-Alpenmilch. Eins weiter wird der vegane Trend mit der Marke Veganz aufgegriffen. Laut Website „ein vielfältiges und köstliches Sortiment rein pflanzlicher Produkte. Yummie!“ In der Auslage befinden sich unter anderem Kokosblütenzucker, Chiasamen und Matcha Mix Vanille.

Die Versorgung mit Lebensmitteln bei Unverträglichkeiten und Intoleranzen scheint also hier wie in jeder anderen deutschen Stadt gesichert. Aber das kann ja nicht alles sein, man will ja nicht unbedingt bei DM Kaffee trinken, Brot kaufen oder Essen gehen. Daher mache ich mich einen Nachmittag lang auf die Suche nach den besonderen Orten für Menschen mit besonderen Bedürfnissen.

 

laktosefrei – Angie’s Mocca

Angie’s Mocca, Düren, November 2016

Angie’s Mocca, Düren, November 2016

Als ich in der Kreuzstraße ankomme, telefoniert Mustafa gerade.  „Ich komme gleich zu Ihnen“, sagt er und geht vor die Türe, um das Gespräch fortzusetzen. Ich sehe mich derweil ein wenig um. Hübsch ist es hier, geradezu hipp. Niedrige Sessel in cognacfarbenem Leder mit Patina und Hocker aus poliertem Edelstahl. Dunkle, fast schwarze Wandfarbe, dunkles Holz, überhaupt viel Holz. Draußen ein paar pastellfarbene Tische – für die Kälteunempfindlichen und/oder die Raucher. Ein bisschen Nippes auf der Theke und auf der Fensterbank. Ein Buch mit Blumenzeichnungen und dem bezeichnenden Titel „Die Harmonie der Welt“. Im goldenen Kühlschrank eine bereits angeschnittene Schwarzwälderkirschtorte und ein paar liebevoll hausgemachte Cupcakes. Ich werfe einen Blick in die Karte und freue mich über die türkischen Einträge wie Sandwich mit Sucuk oder Poğaça.

„Entschuldigung“, sagt Mustafa, als er wieder reinkommt, „war gerade ein bisschen stressig.“ Ich reiche ihm die Hand. „Wir hatten auf Facebook geschrieben.“ „Ah ja, genau. Was möchtest du trinken?“ Ich folge ihm an die Theke. „Ich habe hier ein gutes Tagesgeschäft“, sagt er, während er meinen doppelten Espresso zubereitet, „Schüler, die Leute aus dem Ärztezentrum und die anderen, die hier arbeiten. Wenn die erst in die City gehen, ist die Pause ja schon wieder vorbei.“

Bis vor kurzem war Mustafa Autohändler, viel unterwegs, Stuttgart, München, immer überall Autos abholen. Dann erzählt ihm eine Freundin, dass sie mit ihrer Änderungsschneiderei umziehen wird und er hat eine Idee. „Ich komme von hier“, sagt er, „ich wohne 20 Jahre hier auf der Straße. Ich wollte einfach was für die Straße machen.“ Im Juni 2016 eröffnet er Angie’s Mocca, benannt nach dem wohl sanftmütigsten Pitbull der Stadt. Unterstützt von seiner Mama, die Köchin ist, und den Laden jeden Tag mit Suppe, Gebäck und Kuchen versorgt.

Fast wie bestellt betritt eine Schülerin den Laden. „Ist noch was von der Suppe da?“, fragt sie. „Klar“, antwortet Mustafa, „ich mach es dir nochmal warm.“ Das Mädchen nimmt an einem der Tische Platz und beginnt in einem dicken Buch zu lesen.

„Früher habe ich ein paar Autos für nen Tausender verkauft. Heute mache ich in der Zeit drei Kaffee“, sagt er und sieht dabei ziemlich zufrieden aus. Aber stillstehen kann und will er nicht. Ein neues Lokal in der Innenstadt hat er schon im Auge. Er zeigt mir ein Foto auf dem Handy. „Wandfarbe dunkel wie hier, dann aber MOCCA auf der Wand aus so Kupferrohren und Glühbirnen.“

Seine Kaffeekurse hat er bei Schamong gemacht, der ältesten Kaffeerösterei Kölns. „Ich hatte vorher nix mit Cafés zu tun, nichts, null, nothing.“ Die Bohnen sind eine eigene Röstung. „Sonst müsste ich ja immer nach Köln fahren“, sagt er. „So geht Regionalität“, denke ich zufrieden.

Ich erkläre Mustafa, dass ich nach laktosefreien, veganen und glutenfreien Möglichkeiten suche. „Kein Problem“, sagt er, „ich habe laktosefreie und Sojamilch. Wird ziemlich häufig gefragt. Anderswo kostet das 50 Cent mehr. Ich verlange aber keinen Aufpreis. Glutenfrei habe ich auch. Da backe ich mit Maisgrieß, Mascarpone und Rosenwasser. Also … die Mama backt.“

Angie’s Mocca / Kreuzstraße 8

 

glutenfrei – Reformhaus Bacher

„Liebe S., hast du mal einen Tipp für glutenfreies Brot in Düren?“, schreibe ich per SMS. „Guten Morgen,“ kommt die Antwort, „in Düren gibt es nur abgepacktes GF-Brot. Ich persönlich kaufe immer das VITAL von Schär. Gibt es u.a. im Reformhaus in der Wirtelstr. Ich hoffe, das hilft dir weiter.“

Im Reformhaus gibt es, ganz hintendurch, ein Regal mit glutenfreien Produkten von mindestens drei Lieferanten. Darunter auch abgepackte Waren der Firma Poensgen aus Eschweiler, 17,2 Kilometer von hier entfernt. Die meisten geläufigen Backwaren kann man hier bekommen. Brötchen, Rosinenstuten und Knäckebrot. Vorne, hinter der Kasse gibt es ein Regal mit frischem Brot. „Nur aus Interesse“, sage ich zu der jungen Verkäuferin, „haben Sie eigentlich auch frisches glutenfreies Brot?“ „Also das ist so“, erklärt mir ihre freundliche Kollegin, auf deren Namensschild „Teamleiterin“ vermerkt steht „es gibt das von der Firma Poensgen. Also das ist auch verpackt, aber eben frisch. Das haben wir mal mit ein paar Broten probiert. Das ist aber nicht so lange haltbar und wir haben die Hälfte dann wegwerfen müssen. Das kann es ja auch nicht sein.“ Da stimme ich zu. „Und das andere“, sie zeigt in Richtung des Regals im hinteren Bereich, „ist ja auch frisch. Nur eben vakuumverpackt.“

Reformhaus Bacher / Kölnstraße 7

 

vegetarisch/vegan – Restaurant Amma

Restaurant Amma, Düren, November 2016

Restaurant Amma, Düren, November 2016

Im Restaurant in der Neuen Jülicher Straße spült eine junge Frau Gläser und sortiert sie in das Regal über der Theke. Sie trägt einen Wollpullover auf dem vorne ein Tiger eingestrickt ist, Ohrringe und ein Bindi auf der Stirn.

„Haben Sie es gut finden können“, fragt sie, als ich das Lokal betrete. Ich nicke und richte mich an einem der Tische am Fenster ein. Sie reicht mir die Speisekarte. „Wollen Sie schon etwas trinken?“ Während ich gucke betreten drei Jungs den Raum und bestellen eine Portion Ulunthu Vadai, kleine gebackene Kuchen aus Urdbohnen mit Zwiebeln. Einer von ihnen scheint Tamile oder Inder zu sein. Während sie an einem der Tische warten albern sie herum und gucken die Musikvideos auf dem Fernseher über der Eingangstüre.

Ich mache es wie sie und bestelle ebenfalls die frittierten Bohnen und dann die Nummer 12, Parotta Roti – Tamilisches Fladenbrot dazu Sambal (Chutney aus frischen Kokosraspeln und Chili) und Sambar aus Straucherbsen. Die drei bekommen eine kleine, bedruckte Papiertüte und ziehen weiter.

„Mein Papa meint, dass sie besser die 21 nehmen“, sagt die junge Frau, die Thiviya heißt und die Schwester des Eigentümers ist, „weil sie dann verschiedene Currys probieren können.“ Ich schaue in der Karte nach: Reis Menü vegetarisch, Basmati Reis, dazu vier verschiedene frische vegetarische Curry und Papadam. „Einverstanden“, sage ich, „aber das tamilische Fladenbrot würde mich trotzdem interessieren.“

Während ich auf das Essen warte, unterhalte ich mich zunächst mit Thiviya und später auch mit ihrem Bruder. Seit März gibt es das Restaurant, das gewissermaßen aus dem tamilischen Lebensmittelgeschäft schräg gegenüber heraus gegründet wurde. „Amma“ bedeutet übrigens „Mama“ und die tamilische Bezeichnung draußen auf dem Schaufenster „Mamas Ort zum Essen“. Die Mutter, so erfahre ich, komme allerdings erst später. Jetzt sei der Vater noch allein in der Küche.

In der Reflektion des Schaufensters betrachte ich die großen Fotografien von Sonnenuntergängen, Elefanten und Teeplantagen. Da ich nur wenig über tamilische Küche und noch weniger über Sri Lanka im Allgemeinen weiß, lese ich nach der Vorspeise ein wenig auf Wikipedia.

„Gegessen wird mit den Händen?“, frage ich, als der Hauptgang kommt. „Wollen Sie es wagen?“, antwortet sie und bringt mir eine Metallschüssel mit warmen Wasser und ein paar Limettenscheiben an den Tisch. Nur mit der rechten Hand und nur mit den Fingerspitzen. Soße und Reis mischen. Das klingt einfacher als es ist, zumal unter Beobachtung, macht aber nach ein paar Minuten Übung richtig Spaß. Ich schmecke nicht nur die Currys mit Aubergine, Drumstick-Gemüse, Linsen und Spinat, sondern ich fühle sie auch. Angenehm scharf ist das Essen, ganz unterschiedlich gewürzt und vor allem vegetarisch.

„Noch Platz für ein bisschen Nachtisch?“, werde ich gefragt. „Aber nur ein ganz kleines bisschen“, sage ich. „Meine Mutter ist jetzt da“, sagt Thyvia, „die macht den Nachtisch.“ Draußen fährt ein Bus mit der Aufschrift „Kaiserplatz ZOB“ vorbei und erinnert mich daran, dass ich mich im November und im Rheinland befinde.

Restaurant Amma / Neue Jülicher Str. 17

 

Im Projekt „Soulfood Düren“ mache ich mich auf die Suche nach der kulinarische Seele der Stadt. Erste Ergebnisse gibt’s am kommenden Freitag in einer Talkshow. Mit interessanten Gästen spreche ich über Lieblingsessen und -orte.

Hier das Erklärvideo zur Veranstaltung.

Soulfood Düren I

2.12.2016, 19.00 Uhr Betriebsrestaurant der Sparkasse, Wilhelmstr. 38

Karten (15 Euro, inkl. Verköstigung) beim iPunkt, Markt 6

soulfood düren – #006

29 Nov

Düren. Ich mache mich auf die Suche nach den kulinarischen Vorlieben, Erinnerungen und Gewohnheiten dieser Stadt mit deutschem Durchschnitt. Zwischen Köln und Aachen, zwischen hier und da. Ungeliebte Stadt, weggebombt und Annakirmes, Underdog, Papier. Reden wir drüber, denn sprechen über Essen und Trinken heißt sprechen über das Leben, die Liebe und die Stadt …

Dürener Zeitung, 14. Dezember 1946

Dürener Zeitung, 14. Dezember 1946

 

Dürener Tafel

Auf dem Weg zur Ausgabestelle laufe ich einmal im Kreis. Das Smartphone schickt mich schließlich am Posthotel in eine schmale Gasse und dann über einen Parkplatz. „Kommt da noch was?“, frage ich mich. Dann begegnet mir eine ältere Frau, die ihre schwer bepackte Einkaufstasche abstellen muss, um zu verschnaufen. Am Ende des Platzes, vor einem schlichten, eingeschossigen Gebäude, wartet bereits eine lange Schlange. Durch die mattierten Scheiben kann man nicht hineinschauen. Die Türe geht auf, ein paar Leute kommen raus und einige aus der Schlange gehen hinein. Als ich näherkomme, überlege ich, wie ich das jetzt mache, ohne das Regelsystem zu brechen. Optisch unterscheide ich mich nicht unbedingt von den Wartenden, mein Dufflecoat ist Second Hand und schon einige Jahre alt und meine Turnschuhe haben auch schon bessere Zeiten gesehen. „Entschuldigung“, sage ich zu den Leuten direkt am Eingang, „ich möchte nicht einkaufen, ich habe einen Termin.“ Ein älterer Mann lächelt mich an und hält mir die Türe auf.

Hinter hüfthohen Metalltischen stehen Frauen in orangefarbenen Schürzen und geben die Waren an die Kunden aus, die auf der anderen Seite warten, bis sie an der Reihe sind. Eine ältere Dame schaut mich fragend an. „Ich habe einen Termin mit Frau Becker“, sage ich, „wo finde ich die?“ „Oh“, sagt die Dame, „da müssen wir mal fragen.“ Sie wendet sich an ihre Nachbarin. „Weißt du, wo die Edith ist?“. „Hier bin ich“, ruft eine Stimme aus dem mit Jalousien abgeteilten Ende des Raums. Frau Becker kommt um die Ecke und zeigt mir, dass ich einmal um die Ausgabe herumgehen soll. „Das ist die Dürener Tafel“, sagt sie und für einen kurzen Augenblick betrachten wir die Warenausgabe, „wir können uns aber auch hinsetzen.“ Ich folge ihr und wir nehmen an einem großen Tisch Platz. „Das hier räumen wir einfach zur Seite“, sagt sie, schiebt Teller, Tassen und Brötchen ein Stück weiter und schaut mich erwartungsvoll an. Ich nehme Notizbuch und Stift aus meiner Tasche und stelle die ersten Fragen.

Wie sie zur Arbeit bei der Tafel gekommen ist, möchte ich wissen. „Wie?“, Frau Becker lacht, „eine Bekannte hat mich gefragt, ob ich nicht mal mitkommen möchte. Und dann bin ich halt dabei geblieben.“ Das war vor fünfzehn Jahren. Mittlerweile ist sie Vorstandsvorsitzende und verantwortlich für die Koordination von insgesamt rund 90 ehrenamtlichen Mitarbeiter*innen, von denen die Älteste stolze 81 Jahre alt ist. „Und die jungen Leute?“, frage ich. „Die jungen Leute sind wir“, witzelt ein älterer Herr, der am Tisch mit einer Kollegin ein Brötchen isst. Wir lachen und mir wird erklärt, dass es manchmal zwar Praktikant*innen gebe, aber kaum langfristiges Engagement von jüngeren Menschen. „Die haben da kaum noch Zeit für“, sagt Frau Becker und schaut auf die Bilder auf dem Einsatzplan. „Hier, die Nadine, die ist 35. Das ist unsere Jüngste.“

Im Hintergrund hört man das Klappern von Kisten. Durch die Sichtblenden sehe ich einzelne Kunden bei der Abrechnung. Das Handy klingelt und Frau Becke geht ran. Sie trägt eine elegante graue Strickjacke, einen Rock und kniehohe Stiefel. Tatkräftig wirkt sie. Mittwochs ist sie hier vor Ort, um die Neuanmeldungen entgegen zu nehmen, ansonsten telefoniert sie jeden Morgen mit den jeweiligen Einsatzleitern. Sie beendet das Gespräch. „Heinz“, sagt sie zu einem Mitarbeiter, der sich gerade verabschiedet, „ich wollte noch was fragen.“

Ich betrachte die Stellwand mit der Wochenplanung. Nichts scheint hier dem Zufall überlassen. Geht vermutlich auch nicht anders bei 2.000 registrierten Kunden und rund 100 Familien am Tag. „Am Monatsende werden das auch mal ein paar mehr“, erklärt Frau Becker. Eine Kollegin drückt ihr einen 20-Euro-Schein in die Hand. „Von einer unbekannten Frau auf dem Markt.“ „Was gibt es denn heute so?“, frage ich. „Rewe-Tüten“, sagt Frau Becker, „die konnte man im November im Laden kaufen. Für fünf Euro das Stück.“ Über 1.000 davon stehen jetzt im Keller der Dürener Tafel und werden nach und nach ausgegeben. Pfefferminztee, Reis, Spaghetti, Tomatenketchup und Kekse. Neben der Zusammenarbeit mit Rewe gibt es auch Kooperationen mit Aldi, Lidl, Penny, Netto und Edeka. „Habe ich jetzt alle?“, fragt sich Frau Becker und zählt noch einmal durch. „Real“, ergänzt der Mann am Tisch und die Bäckereien.“ „Genau, zehn Bäckereien und zwei Metzger.“ In gut einem Monat steht die nächste großer Aktion an – die Weihnachtspakete, die in der Arena Düren ausgegeben werden. „In guten Jahren hatten wir schon 1.400 Pakete. Es wäre schön, wenn wir diesmal 600 Pakete gespendet bekommen. Dann könnten alle unsere Kunden ein Paket erhalten.“

Nach einer knappen halben Stunde will ich den Geschäftsgang nicht weiter stören und mache mich wieder auf. Als ich auf die Straße trete schaut mich die ältere Dame an der Spitze der Schlange prüfend an. Bin ich Kunde oder Besucher? „Hallo, bittescheen“, wird sie von einer Frau ein paar Plätze dahinter ermahnt, „gehen sie mal rein, bittescheen.“


 

Dürener Tafel e.V.

300 Quadratmeter stehen der Dürener Tafel zur Verfügung. Geöffnet ist jeweils montags und dienstags, sowie donnerstags und freitags von 14.00 bis 16.00 Uhr. Mittwochs wird an Kunden geliefert, die nicht mehr mobil sind und samstags können diejenigen kommen, die unter der Woche arbeiten müssen. Die regulären Kund*innen kommen wöchentlich nach einem ausgeklügelten System, zugeteilt nach Anfangsbuchstabe des Nachnamens mit rotierendem Zeitfenster. Für Haushalte von einer oder zwei Personen kostet der Einkauf pauschal € 1,50, drei bis vier Personen zahlen € 2,- und ab fünf Personen sind € 2,50 fällig. Neben der direkten Ausgabe von Lebensmitteln beliefert die Dürener Tafel 13 Kindergärten und acht Jugendtreffs mit Obst und Gemüse. In Deutschland gibt es rund 920 Tafeln.

www.duerener-tafel.de

 

soulfood düren – #005

22 Nov

Düren. Ich mache mich auf die Suche nach den kulinarischen Vorlieben, Erinnerungen und Gewohnheiten dieser Stadt mit deutschem Durchschnitt. Zwischen Köln und Aachen, zwischen hier und da. Ungeliebte Stadt, weggebombt und Annakirmes, Underdog, Papier. Reden wir drüber, denn sprechen über Essen und Trinken heißt sprechen über das Leben, die Liebe und die Stadt …

Bonjour Vietnam, Düren, November 2016

Bonjour Vietnam, Düren, November 2016

Bonjour Vietnam

Auf meine Anfrage im Facebook-Forum „Düren, unsere Stadt“, bekomme ich den neuen Vietnamesen in der Zehnthofstraße ans Herz gelegt. „Unbedingt empfehlenswert“, schreibt D., „authentische Küche, guter Service. Eine Bereicherung für Düren.“ „Was gab’s denn beim letzten Besuch?“, frage ich zurück. Prompt folgen zwei appetitliche Fotos. „Unbedingt den vietnamesischen Kaffee zum Abschluss.“ „Und die Suppe als Vorspeise“, ergänzt M. mit einem eigenen Bild. Weiterlesen

ethnografische notizen 222: muschelessen

18 Nov
Oh les belles moules, Muschelabend in der Vincaillerie, Köln, November 2016

Oh les belles moules, Muschelabend in der Vincaillerie, Köln, November 2016

Wir sind früh dran in Ehrenfeld und somit die ersten. Von der Venloer biegen wir in die Leostraße. Vor der Vincaillerie, in der heute ein experimentelles Miesmuschel-Dinner mit Weinbegleitung stattfindet, sitzen Leute auf dem Fensterbrett. In der Dämmerung kann ich nichts genaues erkennen. Weiterlesen

soulfood düren – #004

25 Okt

Düren. Ich mache mich auf die Suche nach den kulinarischen Vorlieben, Erinnerungen und Gewohnheiten dieser Stadt mit deutschem Durchschnitt. Zwischen Köln und Aachen, zwischen hier und da. Ungeliebte Stadt, weggebombt und Annakirmes, Underdog, Papier. Reden wir drüber, denn sprechen über Essen und Trinken heißt sprechen über das Leben, die Liebe und die Stadt …

Café an St. Anna, Düren, Oktober 2016

Café an St. Anna, Düren, Oktober 2016

Café an St. Anna

Ein paar Jugendliche spielen Fußball am Haus der Stadt. Mit voller Kraft und nicht ohne Talent schießen sie den Ball gegen die Backsteinmauer. Zwei von ihnen gehen vor mir durch die Bahnunterführung. Schwarze Lederjacken, Trainingshosen, die Sporttaschen lässig über die Schulter gehängt. „Du hast mein Vertrauen so derbe gefickt, Alter“, sagt der größere von beiden zu seinem Kumpel. Weiterlesen

soulfood düren – #003

14 Okt

Düren. Ich mache mich auf die Suche nach den kulinarischen Vorlieben, Erinnerungen und Gewohnheiten dieser Stadt mit deutschem Durchschnitt. Zwischen Köln und Aachen, zwischen hier und da. Ungeliebte Stadt, weggebombt und Annakirmes, Underdog, Papier. Reden wir drüber, denn sprechen über Essen und Trinken heißt sprechen über das Leben, die Liebe und die Stadt …

13.10.2016

In der Facebook-Gruppe „Düren, unsere Stadt“ poste ich morgens die Frage nach der kulinarischen Identität der Stadt. „Bin für jeden Tipp dankbar“, schreibe ich und hoffe, dass es vielleicht jemanden gibt, der am Donnerstagmorgen die Zeit findet, mir zu antworten. Als ich mich am Abend verabschiede, bin ich im Besitz eines riesigen Pakets von Empfehlungen, Hinweisen, Telefonnummern und Namen. „Da sage nochmal jemand, in Düren wäre nix los!“ Weiterlesen

soulfood düren – #002

10 Okt

Düren. Ich mache mich auf die Suche nach den kulinarischen Vorlieben, Erinnerungen und Gewohnheiten dieser Stadt mit deutschem Durchschnitt. Zwischen Köln und Aachen, zwischen hier und da. Ungeliebte Stadt, weggebombt und Annakirmes, Underdog, Papier. Reden wir drüber, denn sprechen über Essen und Trinken heißt sprechen über das Leben, die Liebe und die Stadt …

Restaurant Mongol Hann, Düren, Oktober 2016

Restaurant Mongol Hann, Düren, Oktober 2016

Mongol Hann

„Ich mach heute in Düren Mittagspause. Gib mir mal den goldenen Tipp!“, schreibe ich einer Freundin, die im Dürener Grüngürtel aufgewachsen ist. „Wie aufregend! Meine Mutter geht immer zu Mongol Hann, dem AYCE Mongolen“, schreibt sie zurück.

„Was bedeutet AYCE?“

„All you can eat J“

„Verstehe, ich dachte schon, das wäre was Türkisches.“ Weiterlesen

ethnografische notizen 221: schwarzmarkt

26 Sep

6. Schwarzmarkt | 25.09.2016 | Marieneck | Köln-Ehrenfeld 

Marieneck, September 2016

Marieneck, September 2016

Vom halbjährlichen Schwarzmarkt gibt’s diesmal keinen Erfahrungsbericht und auch kein Video, sondern eine schlichte Auflistung aller Produkte, die getauscht wurden – weil man viel zu schnell vergisst, was die anderen (und manchmal auch was man selbst) mitgebracht hat. Weiterlesen

ethnografische notizen 220: AHOI 3 – kochen mit geflüchteten jugendlichen

3 Aug

Es regnet in Strömen. Als ich am Ludwig Forum ankomme, habe ich bereits nasse Füße. Ein Junge steht in der Tür der Museumsschreinerei und mustert mich, wie ich mit Taschen und Tüten über den Hof laufe. Ich grüße und gehe nach hinten in die temporäre Küche, krame unsere Einkäufe auf den großen Tisch in der Mitte. Die Messer im Schrank sind nicht sonderlich scharf, aber das hatte ich auch nicht erwartet in einer improvisierten Küche. Zwei Induktionsplatten, eine große und eine kleine Elektroplatte und ein ziemlich professioneller Ofen gibt es. Die ersten Jugendlichen treffen ein und begutachten die Zutaten auf dem Tisch. Mexikanische Mole soll es geben, gemischtes Gemüse aus dem Ofen, Korianderreis und Pickled Onions. Vegan muss es sein (für das Ordnungsamt) und irgendwie kompatibel für Menschen sehr unterschiedlicher Herkunft (für die hungrigen Jugendlichen). Eine kleine kulinarische Brücke in die Region wollen wir bauen, mit rheinischem Rübenkraut, Aachener Pflümli und Kräuterprinten.

Mole, Gemüse, Korianderreis und Pickled Onions – AHOI 3, Aachen (August 2016)

Mole, Gemüse, Korianderreis und Pickled Onions – AHOI 3, Aachen (August 2016)

„Sind Sie Koch?“, werde ich gefragt. „Nein“, antworte ich, „ich koche aber gerne.“ Für den Rest des Nachmittags bin ich „der Chef“. „Die hier ist die Chefin“, sage ich und zeige auf Christiane V., Geschäftsführerin der Region Aachen, die gerade mit dem geputzten Gemüse aus dem Waschraum kommt. „Aha“, sagt einer der Jungs, „sie ist DER GENERAL.“ Das ist zwar überhaupt nicht zutreffend, aber auch irgendwie sehr lustig. Weiterlesen