soulfood düren – #012

29 Mrz
Carbonara im Il Piacere, Düren 2017

Carbonara im Il Piacere, Düren 2017

Il Piacere

„Schön habt ihr’s hier“, sage ich und setze mich an einen der Tische mit den rot-weiß-karierten Decken. Ein bisschen Italo-Folklore, aber eher dezent – der Name des Restaurants als Schriftzug aus Weinkorken und ein paar Schilder mit Pizza und Pasta hier und da. „Ja“, sagt Georg Mierau, „man könnte noch so einiges machen, optisch verkleinern oder so, aber ist schon schön.“ Vorher, so erfahre ich, war hier auch ein italienisches Restaurant. „Portofino, bestimmt 30 Jahre lang – sah aus wie in den 70er Jahren.“ Er geht mit meiner Bestellung in die Küche. Im Hintergrund laufen italienische Pop-Klassiker. Dass das 70er-Ambiente definitiv weg ist, denke ich, während ich die schöne Theke aus roh gezimmertem Holz betrachte. Lediglich die Musik lässt noch erahnen, wie das hier mal ausgesehen haben muss.

Georg – wir einigen uns schnell auf’s duzen – kommt eigentlich aus Estland, aus Tartu, um genau zu sein. „Bin aber schon seit über 30 Jahren in Düren“, sagt er und erzählt, wie er durch einen Job in der Systemgastronomie zur italienischen Küche gefunden habe. Erst in Mönchengladbach und dann in Köln. Eigentlich hätte er eines der Lokale übernehmen sollen. „Hat nicht geklappt. Da haben meine Frau und ich beschlossen, dass wir selbst ein Konzept machen.“ Ein Pilotprojekt in Düren., zwischenzeitlich gab es auch mal einen Laden in Zülpich. Der lief zwar gut, weil es kaum Konkurrenz gab, war aber letztlich zu klein, um wirklich Gewinn zu machen. Deshalb konzentrieren sich die beiden jetzt auf Düren. Da haben wir also etwas gemeinsam.

Der Erst-Kontakt war überraschend: „Hallo Herr Arens, danke für den Blog, den Sie machen. Da Düren sehr italienisch-lastig ist – möchten Sie sich nicht mal an italienische Restaurants machen? Originale Rohes Ei-Speck-Parmesan-Lecker-Echt-Carbonara oder handgemachte Ravioli? Mit kulinarischen Grüßen Georg Mierau“

„Hallo Herr Mierau, das Thema „italienisch“ habe ich in der Tat noch nicht angepackt. Ganz spontan: Morgen Mittag bin ich in Düren. Da könnte ich mal vorbeischauen …“

Jetzt bin ich hier und freue mich auf die Carbonara. Ein Mann ein paar Tische weiter bestellt eine Flasche Wein. Offensichtlich ein Stammgast, der dem Padrone erklärt, dass er gerne jedes Mal an einem anderen Platz sitzt. „Dann schmeckt’s irgendwie auch jedes Mal anders“, sagt er und lacht. Ich probiere die hausgemachte Limonade – nicht zu süß, mit einer angenehmen Minz-Note. Der Chef bringt einen Teller mit meiner Carbonara, was übrigens soviel bedeutet wie „nach Art der Köhler“. Diese hier sind die besten, die mir seit langem auf den Teller gekommen sind – fest, aber nicht hart, mit würzigem Speck und Parmesan und zusammengehalten von einem Hauch Ei. „Wie werden die denn bei euch gemacht?“, will ich wissen. „Also die Pasta machen wir auch selber“, beginnt ein Plädoyer, dass in seiner Leidenschaft dem eines Italieners vermutlich in nichts nachsteht. Die hausgemachte Pasta werde al dente gekocht, währenddessen der Speck in nativem Olivenöl angebraten und beides wird dann mit den Eiern vermischt. „Das ist ziemlich original. Die Italiener machen den Parmesan noch ins Ei. Das stockt aber sehr schnell. Darum lege ich den obendrauf.“

Georg Mierau – Il Piacere, Düren 2017

Georg Mierau – Il Piacere, Düren 2017

Dass Georg Mierau eine kulinarische Mission verfolgt, wird nicht nur im Gespräch deutlich. Vor der Theke steht eine Tafel, auf der handschriftlich erklärt wird, warum die Nudeln al dente gekocht gehören (Aufnahme der Soße durch die raue Oberfläche) und was eine gute Pizza ausmacht (u.a. Mozzarella statt Gouda). 70:30 ist hier das Verhältnis zwischen Kochtopf und Ofen. Eigentlich würde er lieber mehr Pasta verkaufen. „Aber die Leute gehen für Pizza zum Italiener“, sagt er und wirkt dabei trotzdem nicht ganz unzufrieden.

Il Piacere | Weiherstraße 16 | Düren | http://www.il-piacere17.de

 

Im Projekt „Soulfood Düren“ mache ich mich auf die Suche nach der kulinarische Seele der Stadt. Mit interessanten Gästen spreche ich in der zweiten Runde über Lieblingsessen und -orte und das Thema „heute“. Am kommenden Freitag sind eine Konditorin, ein Supermarktleiter und eine Mitarbeiterin der VHS dabei.

Hier das Erklärvideo zur Veranstaltung.

Und hier noch eins.

 

Soulfood Düren II

  1. März 2017 | 19.00 Uhr | Bistro im Haus der Stadt

Tickets € 1 5 | iPUNKT Düren | Markt 6 | Tel. 02421 252525

soulfood düren – #011

22 Mrz

Am 31.03. geht’s weiter mit der Suche nach der kulinarischen Seele der Stadt.

Hier erklären der wunderbare Gastronom Richard Bühl und ich noch einmal kurz, was Soulfood eigentlich bedeutet …

Wir sehen uns am 31.03. im Haus der Stadt!

SOULFOOD DÜREN – Thema „heute“

Freitag, 31.03.2017
19.00 | Bistro im Haus der Stadt
Tickets € 15 | iPUNKT Düren | Markt 6

ethnografische notizen 226: museum ludwig/köln

5 Feb
Daniel Spoerri | La table de Robert | 1961 Dieter Roth | Schokoladenplätzchenbild | 1969 Jasper Johns | Bread | 1969

Daniel Spoerri | La table de Robert | 1961
Dieter Roth | Schokoladenplätzchenbild | 1969
Jasper Johns | Bread | 1969

Nach meinem Besuch in der Gemäldegalerie Berlin, untersuche ich diesmal kursorisch die Sammlung des Museum Ludwig in Köln auf die Darstellung und Präsenz von Essen und Trinken.

James Rosenquist | Star Thief | 1980 Georg Schrimpf | Schweinehirt | 1923 Francis Bacon | Painting 1946, Second Version | 1971

James Rosenquist | Star Thief | 1980
Georg Schrimpf | Schweinehirt | 1923
Francis Bacon | Painting 1946, Second Version | 1971

Dass in einem Haus mit Schwerpunkt auf Pop-Art einiges zu finden ist, überrascht nicht. Wohl aber, dass genau diese Kunst, deren Motive vielfach aus der Welt der Unterhaltung und des Konsums stammen, eher unappetitlich daherkommt. Das mag an der gesellschaftskritischen Haltung jener Richtung liegen, an der Tatsache, dass Lebensmittel als künstlerisches Material im Laufe der Jahre dem Verderb erliegen und vielleicht auch daran, dass in den 1960er und 70er Jahren, der Begriff „food porn“ vermutlich noch eine ganz andere Bedeutung hatte (die ich an dieser Stelle lieber nicht vertiefen möchte).

Pablo Picasso | o. A. Renato Guttuso | Caffè Greco | 1976 Howard Kanovitz | The Opening | 1967

Pablo Picasso | o. A.
Renato Guttuso | Caffè Greco | 1976
Howard Kanovitz | The Opening | 1967

ethnografische notizen 225: berlin 2017/02

20 Jan

Garten der Lüste – Gemäldegalerie der Staatlichen Museen zu Berlin

Abgelegen zwischen irgendwie Parkplätzen und Baustellen, an denen mit diesen Temperaturen irgendwie niemand arbeitet. Das Niemandsland des Potsdamer Platzes ist nach Wende aus der Mitte hierhergerutscht. Irgendwie, alles irgendwie. Unmengen von Rollsplit, die, auch jetzt, wo das Eis der letzten Wochen nicht mehr da ist, nicht weggekehrt werden. Die beiden älteren Damen vor mir versuchen, das Gebäude durch die mittlere Eingangstüre zu betreten. Die macht aber keine Anstalten sich zu öffnen. Ich halte ihren die rechte Türe auf, während sie sich die Schuhe an der Schmutzmatte abstreifen.

Frans Snyders | Stilleben mit Hummer und Früchten | o.J. Kopie nach Hieronymus Bosch | Der Garten der Lüste | um 1550/60 Jan Davidsz de Heem | Früchte und Blumenkartusche mit Weinglas | 1651

Frans Snyders | Stilleben mit Hummer und Früchten | o.J.
Kopie nach Hieronymus Bosch | Der Garten der Lüste | um 1550/60
Jan Davidsz de Heem | Früchte und Blumenkartusche mit Weinglas | 1651

Am Eingang unterhält sich eine blonde Wächterin (in Zivil) mit ihrem schnauzbärtigen Kollegen (in Uniform) über die Überstundensituation. Weil ich nicht stören möchte, frage ich eine Kollegin im Nachbarraum nach der Hieronymus Bosch-Ausstellung. Da scheine ich nicht der erste zu sein. Sehr verbindlich weist sie mir den Weg und begleitet mich sogar ein paar Schritte. Bevor sie an ihren Platz zurückkehrt, bitte ich noch um Erlaubnis, mit dem Handy und ohne Blitz fotografieren zu dürfen. „Selbstverständlich“, sagt sie.

Frans Hals | Catharina Hooft mit ihrer Amme | um 1619/20 Jan Gossaert | Der Sündenfall | um 1525 Nicolaes Maes | Alte Frau beim Apfelschälen | um 1655 Meister des Gereon-Altars | Marienaltar aus St. Gereon | um 1420/30

Frans Hals | Catharina Hooft mit ihrer Amme | um 1619/20
Jan Gossaert | Der Sündenfall | um 1525
Nicolaes Maes | Alte Frau beim Apfelschälen | um 1655
Meister des Gereon-Altars | Marienaltar aus St. Gereon | um 1420/30

In Raum Römisch Zwei (Deutsche Malerei) berührt ein kleines Mädchen mehr oder weniger unbeabsichtigt den Rahmen eines Bildes und erschrickt ob des durchdringenden Alarmtons. Eine jüngere Frau mit zwei auf den Hals tätowierten Sternen, einem knielangen Pullover (schon wieder ein Pullover) und einer schwarzen Carharrt-Mütze durchquert den Saal.

Joachim Antonisz Wtewael | Küchenstück mit dem Gleichnis vom Großen Gastmal | 1605 Anne Vallayer-Coster, Stilleben mit Schinken, Flaschen und Radieschen, 1767 Pieter Bruegel d.Ä., Die niederländischen Sprichwörter, 1559

Joachim Antonisz Wtewael | Küchenstück mit dem Gleichnis vom Großen Gastmal | 1605
Anne Vallayer-Coster, Stilleben mit Schinken, Flaschen und Radieschen, 1767
Pieter Bruegel d.Ä., Die niederländischen Sprichwörter, 1559

Im der dann doch irgendwie überschaubaren Sonderausstellung sitzen weitere ältere Damen in kurzen Tweed-Jackets und flauschigen Pullovern auf schwarzen Plastikklappstühlen und kleben an den Lippen eines jüngeren Kunsthistorikers. Als er ihre Aufmerksamkeit auf eine Kopie des Gartens der Lüste lenkt, drehen sie ihre Stühlchen synchron um einen Viertelschlag nach rechts.

Quinten Massys | Die thronende Madonna | um 1525 Meister des Hausbuchs | Das Abendmahl | um 1475/80 Pieter Aertsen | Marktfrau am Gemüsestand | 1567

Quinten Massys | Die thronende Madonna | um 1525
Meister des Hausbuchs | Das Abendmahl | um 1475/80
Pieter Aertsen | Marktfrau am Gemüsestand | 1567

Ich verlasse die Schau und spaziere chronologisch an den Höhepunkten westeuropäischer Kunstgeschichte vorbei. Dürer, Cranach, Holbein. Einiges kommt mir sehr bekannt vor. Van Eyck, Bruegel, Bosch. „Das auch hier?“, denke ich. Rubens, Rembrandt, Vermeer. Lauter Juwelen, versteckt in einem unscheinbaren, beinahe unsichtbaren Museum mit noch unspektakulärerer Bezeichnung.

Hendrick ter Brugghen | Esau verkauft sein Erstgeburtsrecht | o.J. Matteus Stom | Esau verkauft sein Erstgeburtsrecht | o.J. Willem Kalf | Stilleben mit chinesischer Porzellandose | 1662

Hendrick ter Brugghen | Esau verkauft sein Erstgeburtsrecht | o.J.
Matteus Stom | Esau verkauft sein Erstgeburtsrecht | o.J.
Willem Kalf | Stilleben mit chinesischer Porzellandose | 1662

„Man müsste“, sage ich wenig später beim Lunch zu meinem Berliner Freund P., „man müsste mal das ganze klassizistische Gerümpel von der Museumsinsel aufräumen.“ Ich gerate in Fahrt. „Antikensammlung interessieren doch eigentlich nur ein Nischenpublikum.“ Relikte fragwürdiger preußischer Ideale, die den Bürger durch die Erbauung vor griechischen Statuen zum Maßhalten aufriefen und ihn so regier- und beherrschbar machen sollten. „Edle Einfalt, stille Größe“, oder so. Und irgendwie immer noch.

Denn die Dicken und die Alten, die Hässlichen und die Gierigen, die Maßlosen und die Fleischigen, die Obszönen und die Geilen – wohnen weiterhin unbemerkt irgendwo zwischen Parkplatz und Baustelle im Zonenrandgebiet am Potsdamer Platz. Es lohnt sich, sie dort einmal zu besuchen!

Jan Steen | So de Ouden songen, so pypen de jongen | u, 1663 Jan Vermeer | Das Glas Wein | um 1661|62 Simon Marmion | Szenen aus dem Leben des hl. Bertin | 1459

Jan Steen | So de Ouden songen, so pypen de jongen | u, 1663
Jan Vermeer | Das Glas Wein | um 1661|62
Simon Marmion | Szenen aus dem Leben des hl. Bertin | 1459

Gemäldegalerie

Staatliche Museen zu Berlin | Kulturforum

Matthäikirchplatz 6 | Berlin

ethnografische notizen 224: berlin 2017/01

17 Jan

Nach dem Kino laufen wir über den Kottbusser Damm zurück nach Neukölln. J., der eine Woche gefastet hat, spricht den ganzen Abend schon von einem halben Döner, den er gerne essen möchte. Mir jedoch ist nicht nach der anderen Hälfte. Auf halbem Weg landen wir als Kompromiss im Burrito-Fenster. Mit einem Beef und einem vegetarischen Burrito – beide scharf und mit extra Guacamole – nehmen wir im Verkaufsfenster des ehemaligen Spätis platz. „Nix los heute Abend“, sagt J. und schaut über die Straße in Richtung des koreanischen Grillrestaurants.

Burritofenster Berlin, Januar 2017

Burritofenster Berlin, Januar 2017

Die Tortilla kann, wenn sie von feiner und gut durchgequetschter Masse, gut gebacken ist und ganz frisch in einer sauberen Serviette geboten wird, vollkommen befriedigen (…) Da man aber leider nicht immer frische Tortillas bekommt, wenn man keine eigene Tortillera zur Verfügung hat, so hilft man sich, indem man die kalt gewordenen am offenen Feuer röstet (…)“

Cäcilie Seler, Mexikanische Küche. In: Zeitschrift für Volkskunde 19 (1909)

Mehr zum Burrito hier.

soulfood düren – #010

31 Dez

Mit den Fingern zu essen hat mir so gut gefallen, dass ich zurück ins „Amma“ bin, um es mir vor der Kamera nochmal erklären zu lassen …

Im Projekt „Soulfood Düren“ mache ich mich auf die Suche nach der kulinarische Seele der Stadt. Mit interessanten Gästen spreche ich in der zweiten Runde über Lieblingsessen und -orte und das Thema „heute“.

Hier das Erklärvideo zur Veranstaltung.

Soulfood Düren II

8.02.2017, 19.00 Uhr Betriebsrestaurant der Sparkasse, Wilhelmstr. 38

Karten (15 Euro, inkl. Verköstigung) beim iPunkt, Markt 6

soulfood düren – #009

22 Dez

Essen und Trinken sind eine ziemlich persönliche Angelegenheit. Aber unsere Ernährung hat immer auch ethisch-moralische, ökologische und ökonomische Auswirkungen. Darüber will ich mit Expert*innen sprechen.

Den Anfang macht Thomas Hissel, Erster Beigeordneter und Stadtkämmerer der Stadt Düren und verantwortlich für die Wirtschaftsförderung.

Thomas Hissel, Erster Beigeordneter und Stadtkämmerer der Stadt Düren, Dezember 2016

Thomas Hissel, Erster Beigeordneter und Stadtkämmerer der Stadt Düren, Dezember 2016

 

Herr Hissel, Sie arbeiten jetzt ein gutes Dreivierteljahr in und für Düren. Wie sieht es aus mit ihrem Gefühl für die Stadt und die kulinarische Identität?

Das Gefühl für die Stadt entwickelt sich so langsam, eine kulinarische Identität kann ich aber noch nicht erkennen. Das liegt vielleicht auch daran, dass ich ja nicht jeden Tag essen gehe.

Was essen Sie denn mittags so?

Ich habe eigentlich nie was mit, dazu komme ich morgens nicht. Wenn wir unseren drei Kindern die Butterbrote gemacht haben, muss es schnell losgehen. Mittags kaufe ich mir entweder ein Brötchen oder ich gehe mit Arbeitskollegen essen. Das kommt so ein oder zwei Mal in der Woche vor und ist eine gute Gelegenheit sich mal eine Dreiviertelstunde auszutauschen. Jetzt tobt allerdings gerade der Jahresendwahnsinn, deshalb hat es in den letzten Wochen eigentlich gar keine Mittagspause gegeben.

Wie findet man denn am besten Restaurants in Düren?

Es gibt in der Innenstadt ja schon ein halbes Dutzend guter Restaurants, aber die muss man sich erst mal erschließen, auch online. Wenn ich mir zum Beispiel die App von YELP anschaue, dann hat das Restaurant mit den meisten Punkten gerade mal elf Bewertungen. In anderen Städten vergleichbarer Größe sieht das anders aus.

Das ist eine interessante Beobachtung, weil die Restaurants hier – zumindest jetzt in der Vorweihnachtszeit – ja durchaus voll sind.

In meiner Heimatstadt brauche ich auch keine App, die brauchen die Dürener in ihrer Stadt auch nicht. Aber was ist mit den Leuten, die nicht von hier sind, etwa Geschäftsreisende, Touristen oder Besucher die zu einem Shopping-Event wie etwa „Düren leuchtet“ kommen? Wenn die ihren Aufenthalt hier mit einem Restaurantbesuch verbinden wollen, müssten die jemand in der Fußgängerzone fragen.

Es gibt also Informationsbedarf?

Es gibt ein verschüttetes Nachfragepotenzial, das man freilegen muss. Düren muss in den einschlägigen Apps oder Guides vorkommen. Dazu muss sicher einige Aufbauarbeit geleistet werden, etwa gastronomische Beratung, ein Restaurantführer oder ein Hotelverzeichnis. Für Nicht-Dürener, und das ist ja noch meine Perspektive, liegt das eben nicht auf der Straße.

Und Sie haben als Wirtschaftsförderer ja auch ein professionelles Interesse.

Durchaus. Ansiedlungswilligen Unternehmen müssen wir Düren zeigen, wenn die vor Ort sind. Wo geht man mit denen hin? Ich gebe mich nicht zufrieden mit der Ansage, dass es hier nichts gebe und man lieber nach Köln oder Aachen fahre. Das wäre Anti-Marketing. Mag sein, dass das Angebot noch verbesserungsfähig ist, aber das gilt vermutlich für jede Stadt. Ich bin davon überzeugt, dass es hier gute Restaurants gibt, die aber nicht ausreichend vermarktet und darum nicht wahrgenommen werden.

Was muss sich ändern?

Das fängt bei den Einwohnern an, geht über die Verwaltung und endet bei den Unternehmen. Wir alle sind Botschafter dieser Stadt, müssen das Angebot kennen und nach außen tragen. Die Aachener und die Kölner fühlen sich ganz klar als Botschafter ihrer Stadt – der Dürener unterschätzt, was er hat. Wir müssen die Stadt mit mehr Selbstbewusstsein wahrnehmen und nach außen transportieren. Das gilt für das kulinarische Angebot, aber auch für die Wirtschaftsstruktur und eigentlich alle Angebote von Kultur bis Kinderbetreuung. Da hat Düren mehr zu bieten, als man von außen erkennen kann.

 

Im Projekt „Soulfood Düren“ mache ich mich auf die Suche nach der kulinarische Seele der Stadt. Mit interessanten Gästen spreche ich in der zweiten Runde über Lieblingsessen und -orte und das Thema „heute“.

Hier das Erklärvideo zur Veranstaltung.

Soulfood Düren II

8.02.2017, 19.00 Uhr Betriebsrestaurant der Sparkasse, Wilhelmstr. 38

Karten (15 Euro, inkl. Verköstigung) beim iPunkt, Markt 6

soulfood düren – #008

17 Dez
Helles im Brauhaus Birra Duria, Düren, Dezember 2016

Helles im Brauhaus Birra Duria, Düren, Dezember 2016

Birra Duria

Ich komme aus der Eifel und nehme den Weg nach Düren, den wir immer gefahren sind, als ich ein Kind war. Tal runter, Tal rauf, scharfe Links- und Rechtskurven. Eine Straße, die ich sicher mehr als 20 Jahre nicht mehr gefahren bin. Auf der Monschauer Straße kann man schon den Turm der Annakirche sehen. Riesig wirkt er, der Annakirmesplatz hingegen scheint mir um einiges kleiner als in meiner Erinnerung. Ich bin mit einer Freundin und ehemaligen Kollegin verabredet, die in Düren aufgewachsen ist. Eine Weihnachtsfeier en miniature, wenn man so möchte. Seit Jahren haben wir vor, eine Tour durch Düren zu machen. Jetzt wohne ich in Köln und wir treffen uns einfach in der Mitte zwischen Aachen und Köln.

„Bin in 8 Minuten da“, schreibt Z. Ich warte vor dem Brauhaus und schreibe ein paar Beobachtungen in mein Notizbuch. In der Dämmerung kreisen große Schwärme von Krähen über der Innenstadt. Es riecht ein bisschen nach Brikett. Zwei schwarz gekleidete junge Frauen nähern sich. „Ich hab voll den Hunger“, sagt die eine von ihnen. Sie gehen zunächst am Brauhaus vorbei und dann doch zurück Richtung Eingang. Weihnachtsfeier, würde ich vermuten. Während die Hungrige schon mal hineingeht, raucht ihre Freundin noch eine Zigarette vor der Türe. Ein älterer Mann kommt auf mich zu. „Schreiben Sie hier auf?“ Ich schaue ihn fragend an. „Weil ich da hinten gerade nur kurz parken muss, weil hier vorne alles voll ist.“ Endlich verstehe ich, was er meint. „Ich schreibe nur so Sachen auf“, sage ich, „von mir aus dürfen sie parken, wo sie wollen. Ich bin nicht von der Stadt.“ „Du hast eine Menge Kernkompetenzen“, lacht Z., die gerade ankommt.

„Kann ich Ihnen helfen“, fragt uns eine der Servicekräfte als wir das Lokal betreten. „Wir hätten gerne einen gemütlichen Tisch“, sagt Z. „Da kann ich Ihnen …“, sie tippt ein paar Mal auf den Bildschirm an der Theke, „einen Tisch am Fenster anbieten, oder einen von den hohen Tischen hier. Ansonsten sind wir heute Abend ausgebucht.“ Wir nehmen den Platz am Fenster. Das kleine Schild zwischen Getränkekarte und Teelichthalter mit der Aufschrift „Sonja, habt einen schönen Abend und lasst es euch schmecken“, kommt kurzerhand auf den Nachbartisch.

Wir bestellen Birra Duria, ein in Düren gebrautes Helles, und ich überreiche Z. ein recht persönliches Geschenk. „Oh Gott, ich fange gleich an zu weinen“, sagt sie als die Getränke gebracht werden. „Ich habe ihr keinen Antrag gemacht“, sage ich zur Kellnerin.

„Die haben hier eigentlich so kleine Schälchen mit Sachen“, sagt Z., die hier im Frühjahr mit ihrem Junggesellinenabschied gestartet ist. Ich frage an der Theke nach und bekomme erklärt, dass es die Miniportionen nach wie vor gibt. Aber eben nicht im Dezember. „Wir haben hier vor Weihnachten einfach zu viele große Gruppen“, sagt die Bedienung. Und auch heute Abend sind wir hier nicht die einzige Weihnachtsfeier – der gesamte hintere Raum ist für eine Firma reserviert. Papierverarbeitung wohlgemerkt, wir sind ja schließlich in Düren.

Nach guten zwei Stunden ziehen wir ein positives Resümee: das hauseigene Bier schmeckt hervorragend, das alkoholfreie Bitburger danach (wir sind ja beide mit dem Auto hier) kann da in keinem Fall mithalten. Das Brauhaus-Schnitzel, mit gebratenen Zwiebeln, Champignons, Paprika und Sauce Hollandaise, ist ebenfalls ziemlich beeindruckend, bodenständig und lecker.

Draußen ist es dunkel. „Das machen wir bald mal wieder“, sage ich während wir unter der Weihnachtsbeleuchtung durch die leere Fußgängerzone laufen, „einen Anlass finden wir schon.“

 

Im Projekt „Soulfood Düren“ mache ich mich auf die Suche nach der kulinarische Seele der Stadt. Mit interessanten Gästen spreche ich in der zweiten Runde über Lieblingsessen und -orte und das Thema „heute“.

Hier das Erklärvideo zur Veranstaltung.

Soulfood Düren II

8.2.2017, 19.00 Uhr Betriebsrestaurant der Sparkasse, Wilhelmstr. 38

Karten (15 Euro, inkl. Verköstigung) beim iPunkt, Markt 6

 

ethnografische notizen 223: kochkäs

7 Dez
Schichtkäse, Edeka Weiterstadt, Dezember 2016

Schichtkäse, Edeka Weiterstadt, Dezember 2016

Während Freund F. Schlange steht, streune ich durch die Gänge des Edeka im hessischen Weiterstadt. Auf der Suche nach regionalen Produkten werde ich hier ziemlich schnell fündig. Kräutermischung für Frankfurter Grüne Soße in der Tiefkühlabteilung, Odenwälder Blutwurst in der Fleischtheke, Frankfurter Äpfelwein im Getränkelager und Schichtkäse bei den Molkereiprodukten.

Handgeschöpfter Schichtkäse nach „altbewährter Tradition“ lese ich auf der durchsichtigen Plastikverpackung. Darin, noch einmal in Papier gepackt, 500 Gramm Edelquark mit zehn Prozent Fett in der Trockenmasse. Der Unterschied, so lese ich später bei Wikipedia, liegt vor allem in den unterschiedlichen Fettstufen der einzelnen Schichten. Bei genauerer Betrachtung entdecke ich an der Seite des Papiers ein Rezept für selbstgemachten Kochkäse. Den kann man zwar auch in rheinischen Supermärkten kaufen, aber meine Neugier ist geweckt. Zumal ich vor gut einer Woche mit einer Original-Odenwälderin im Kölner Exil ein Gespräch über Kochkäs führte. „Kennst du Kochkässchnitzel?“, fragt sie mich, nachdem das Thema auf ihre Heimatregion gekommen ist. Ich nicke und kann ihr mit der Alten Dorfmühle in Auerbach sogar den Ort benennen, an dem ich zum ersten Mal ein solches vorgesetzt bekam. „Endlich mal jemand, der Kochkässchnitzel kennt“, sagt sie erleichtert. „Wir machen Kochkäs“, sage ich zu F., als wir wieder zusammenfinden und lege den Schichtkäse in den Einkaufswagen. „Dann brauchen wir noch Natron“, sagt er, denn auch wenn er bis dato noch nie selbst Käse hergestellt hat, sind ihm als Biologen die Grundlagen der Küchenchemie vertraut.

Zubereitung von Kochkäse, Büttelborn, Dezember 2016

Zubereitung von Kochkäse, Büttelborn, Dezember 2016

Mit Butter, Natron und Salz verrühren wir am nächsten Tag den Quark, den wir zu diesem Zeitpunkt schon mehr als 24 Stunden auf einem Sieb haben abtropfen lassen. Dann muss er noch einmal zwei Stunden stehen und wird dann im Wasserbad auf maximal 42 Grad erhitzt. Zum Mittagessen braten wir Kartoffeln in der einen, sorgsam paniertes Schweineschnitzel in der anderen Pfanne. „Nur das Beste“, sagt F., „nur mit Eigelb paniert!“ Er verschweigt, das selbiges noch vom Lebkuchenbacken am Vortag übrig ist, aber das ist eine andere Geschichte. Ein bisschen später sitzen wir am Tisch und beobachten, wie der Käse langsam in die Panade schmilzt.

Kochkässchnitzel, Büttelborn, Dezember 2016

Kochkässchnitzel, Büttelborn, Dezember 2016

„Jetzt ist unser Magen mit einer resistenten Schicht ausgekleidet“, sage ich nach dem Essen. „Wir könnten Salzsäure trinken“, sagt F., „was essen wir als nächstes?“

soulfood düren – #007

1 Dez

laktosefrei, glutenfrei und vegetarisch/vegan

In einer Drogeriefiliale im StadtCenter begebe ich mich in die Lebensmittelabteilung. Hinter mir stehen Frauen mit Kinderwagen an den Foto-Bildschirmen und sortierten ihre Schnappschüsse. Vor mir ein Regal mit den glutenfreien Produkten eines Anbieters aus Südtirol. Butterkekse, Ciabatta und Salzbrezeln in einer gelben Verpackung. Saisonware wie Spekulatius und Lebkuchen sind in rot gehalten, damit man sie besser erkennen kann. Im Regal gegenüber gibt es diverse Alternativen für laktoseintolerante Menschen, Mandelmilch, Reisdrink in Natur und Calcium und laktosefreie H-Alpenmilch. Eins weiter wird der vegane Trend mit der Marke Veganz aufgegriffen. Laut Website „ein vielfältiges und köstliches Sortiment rein pflanzlicher Produkte. Yummie!“ In der Auslage befinden sich unter anderem Kokosblütenzucker, Chiasamen und Matcha Mix Vanille.

Die Versorgung mit Lebensmitteln bei Unverträglichkeiten und Intoleranzen scheint also hier wie in jeder anderen deutschen Stadt gesichert. Aber das kann ja nicht alles sein, man will ja nicht unbedingt bei DM Kaffee trinken, Brot kaufen oder Essen gehen. Daher mache ich mich einen Nachmittag lang auf die Suche nach den besonderen Orten für Menschen mit besonderen Bedürfnissen.

 

laktosefrei – Angie’s Mocca

Angie’s Mocca, Düren, November 2016

Angie’s Mocca, Düren, November 2016

Als ich in der Kreuzstraße ankomme, telefoniert Mustafa gerade.  „Ich komme gleich zu Ihnen“, sagt er und geht vor die Türe, um das Gespräch fortzusetzen. Ich sehe mich derweil ein wenig um. Hübsch ist es hier, geradezu hipp. Niedrige Sessel in cognacfarbenem Leder mit Patina und Hocker aus poliertem Edelstahl. Dunkle, fast schwarze Wandfarbe, dunkles Holz, überhaupt viel Holz. Draußen ein paar pastellfarbene Tische – für die Kälteunempfindlichen und/oder die Raucher. Ein bisschen Nippes auf der Theke und auf der Fensterbank. Ein Buch mit Blumenzeichnungen und dem bezeichnenden Titel „Die Harmonie der Welt“. Im goldenen Kühlschrank eine bereits angeschnittene Schwarzwälderkirschtorte und ein paar liebevoll hausgemachte Cupcakes. Ich werfe einen Blick in die Karte und freue mich über die türkischen Einträge wie Sandwich mit Sucuk oder Poğaça.

„Entschuldigung“, sagt Mustafa, als er wieder reinkommt, „war gerade ein bisschen stressig.“ Ich reiche ihm die Hand. „Wir hatten auf Facebook geschrieben.“ „Ah ja, genau. Was möchtest du trinken?“ Ich folge ihm an die Theke. „Ich habe hier ein gutes Tagesgeschäft“, sagt er, während er meinen doppelten Espresso zubereitet, „Schüler, die Leute aus dem Ärztezentrum und die anderen, die hier arbeiten. Wenn die erst in die City gehen, ist die Pause ja schon wieder vorbei.“

Bis vor kurzem war Mustafa Autohändler, viel unterwegs, Stuttgart, München, immer überall Autos abholen. Dann erzählt ihm eine Freundin, dass sie mit ihrer Änderungsschneiderei umziehen wird und er hat eine Idee. „Ich komme von hier“, sagt er, „ich wohne 20 Jahre hier auf der Straße. Ich wollte einfach was für die Straße machen.“ Im Juni 2016 eröffnet er Angie’s Mocca, benannt nach dem wohl sanftmütigsten Pitbull der Stadt. Unterstützt von seiner Mama, die Köchin ist, und den Laden jeden Tag mit Suppe, Gebäck und Kuchen versorgt.

Fast wie bestellt betritt eine Schülerin den Laden. „Ist noch was von der Suppe da?“, fragt sie. „Klar“, antwortet Mustafa, „ich mach es dir nochmal warm.“ Das Mädchen nimmt an einem der Tische Platz und beginnt in einem dicken Buch zu lesen.

„Früher habe ich ein paar Autos für nen Tausender verkauft. Heute mache ich in der Zeit drei Kaffee“, sagt er und sieht dabei ziemlich zufrieden aus. Aber stillstehen kann und will er nicht. Ein neues Lokal in der Innenstadt hat er schon im Auge. Er zeigt mir ein Foto auf dem Handy. „Wandfarbe dunkel wie hier, dann aber MOCCA auf der Wand aus so Kupferrohren und Glühbirnen.“

Seine Kaffeekurse hat er bei Schamong gemacht, der ältesten Kaffeerösterei Kölns. „Ich hatte vorher nix mit Cafés zu tun, nichts, null, nothing.“ Die Bohnen sind eine eigene Röstung. „Sonst müsste ich ja immer nach Köln fahren“, sagt er. „So geht Regionalität“, denke ich zufrieden.

Ich erkläre Mustafa, dass ich nach laktosefreien, veganen und glutenfreien Möglichkeiten suche. „Kein Problem“, sagt er, „ich habe laktosefreie und Sojamilch. Wird ziemlich häufig gefragt. Anderswo kostet das 50 Cent mehr. Ich verlange aber keinen Aufpreis. Glutenfrei habe ich auch. Da backe ich mit Maisgrieß, Mascarpone und Rosenwasser. Also … die Mama backt.“

Angie’s Mocca / Kreuzstraße 8

 

glutenfrei – Reformhaus Bacher

„Liebe S., hast du mal einen Tipp für glutenfreies Brot in Düren?“, schreibe ich per SMS. „Guten Morgen,“ kommt die Antwort, „in Düren gibt es nur abgepacktes GF-Brot. Ich persönlich kaufe immer das VITAL von Schär. Gibt es u.a. im Reformhaus in der Wirtelstr. Ich hoffe, das hilft dir weiter.“

Im Reformhaus gibt es, ganz hintendurch, ein Regal mit glutenfreien Produkten von mindestens drei Lieferanten. Darunter auch abgepackte Waren der Firma Poensgen aus Eschweiler, 17,2 Kilometer von hier entfernt. Die meisten geläufigen Backwaren kann man hier bekommen. Brötchen, Rosinenstuten und Knäckebrot. Vorne, hinter der Kasse gibt es ein Regal mit frischem Brot. „Nur aus Interesse“, sage ich zu der jungen Verkäuferin, „haben Sie eigentlich auch frisches glutenfreies Brot?“ „Also das ist so“, erklärt mir ihre freundliche Kollegin, auf deren Namensschild „Teamleiterin“ vermerkt steht „es gibt das von der Firma Poensgen. Also das ist auch verpackt, aber eben frisch. Das haben wir mal mit ein paar Broten probiert. Das ist aber nicht so lange haltbar und wir haben die Hälfte dann wegwerfen müssen. Das kann es ja auch nicht sein.“ Da stimme ich zu. „Und das andere“, sie zeigt in Richtung des Regals im hinteren Bereich, „ist ja auch frisch. Nur eben vakuumverpackt.“

Reformhaus Bacher / Kölnstraße 7

 

vegetarisch/vegan – Restaurant Amma

Restaurant Amma, Düren, November 2016

Restaurant Amma, Düren, November 2016

Im Restaurant in der Neuen Jülicher Straße spült eine junge Frau Gläser und sortiert sie in das Regal über der Theke. Sie trägt einen Wollpullover auf dem vorne ein Tiger eingestrickt ist, Ohrringe und ein Bindi auf der Stirn.

„Haben Sie es gut finden können“, fragt sie, als ich das Lokal betrete. Ich nicke und richte mich an einem der Tische am Fenster ein. Sie reicht mir die Speisekarte. „Wollen Sie schon etwas trinken?“ Während ich gucke betreten drei Jungs den Raum und bestellen eine Portion Ulunthu Vadai, kleine gebackene Kuchen aus Urdbohnen mit Zwiebeln. Einer von ihnen scheint Tamile oder Inder zu sein. Während sie an einem der Tische warten albern sie herum und gucken die Musikvideos auf dem Fernseher über der Eingangstüre.

Ich mache es wie sie und bestelle ebenfalls die frittierten Bohnen und dann die Nummer 12, Parotta Roti – Tamilisches Fladenbrot dazu Sambal (Chutney aus frischen Kokosraspeln und Chili) und Sambar aus Straucherbsen. Die drei bekommen eine kleine, bedruckte Papiertüte und ziehen weiter.

„Mein Papa meint, dass sie besser die 21 nehmen“, sagt die junge Frau, die Thiviya heißt und die Schwester des Eigentümers ist, „weil sie dann verschiedene Currys probieren können.“ Ich schaue in der Karte nach: Reis Menü vegetarisch, Basmati Reis, dazu vier verschiedene frische vegetarische Curry und Papadam. „Einverstanden“, sage ich, „aber das tamilische Fladenbrot würde mich trotzdem interessieren.“

Während ich auf das Essen warte, unterhalte ich mich zunächst mit Thiviya und später auch mit ihrem Bruder. Seit März gibt es das Restaurant, das gewissermaßen aus dem tamilischen Lebensmittelgeschäft schräg gegenüber heraus gegründet wurde. „Amma“ bedeutet übrigens „Mama“ und die tamilische Bezeichnung draußen auf dem Schaufenster „Mamas Ort zum Essen“. Die Mutter, so erfahre ich, komme allerdings erst später. Jetzt sei der Vater noch allein in der Küche.

In der Reflektion des Schaufensters betrachte ich die großen Fotografien von Sonnenuntergängen, Elefanten und Teeplantagen. Da ich nur wenig über tamilische Küche und noch weniger über Sri Lanka im Allgemeinen weiß, lese ich nach der Vorspeise ein wenig auf Wikipedia.

„Gegessen wird mit den Händen?“, frage ich, als der Hauptgang kommt. „Wollen Sie es wagen?“, antwortet sie und bringt mir eine Metallschüssel mit warmen Wasser und ein paar Limettenscheiben an den Tisch. Nur mit der rechten Hand und nur mit den Fingerspitzen. Soße und Reis mischen. Das klingt einfacher als es ist, zumal unter Beobachtung, macht aber nach ein paar Minuten Übung richtig Spaß. Ich schmecke nicht nur die Currys mit Aubergine, Drumstick-Gemüse, Linsen und Spinat, sondern ich fühle sie auch. Angenehm scharf ist das Essen, ganz unterschiedlich gewürzt und vor allem vegetarisch.

„Noch Platz für ein bisschen Nachtisch?“, werde ich gefragt. „Aber nur ein ganz kleines bisschen“, sage ich. „Meine Mutter ist jetzt da“, sagt Thyvia, „die macht den Nachtisch.“ Draußen fährt ein Bus mit der Aufschrift „Kaiserplatz ZOB“ vorbei und erinnert mich daran, dass ich mich im November und im Rheinland befinde.

Restaurant Amma / Neue Jülicher Str. 17

 

Im Projekt „Soulfood Düren“ mache ich mich auf die Suche nach der kulinarische Seele der Stadt. Erste Ergebnisse gibt’s am kommenden Freitag in einer Talkshow. Mit interessanten Gästen spreche ich über Lieblingsessen und -orte.

Hier das Erklärvideo zur Veranstaltung.

Soulfood Düren I

2.12.2016, 19.00 Uhr Betriebsrestaurant der Sparkasse, Wilhelmstr. 38

Karten (15 Euro, inkl. Verköstigung) beim iPunkt, Markt 6