Tag Archives: restaurant

soulfood düren – #010

31 Dez

Mit den Fingern zu essen hat mir so gut gefallen, dass ich zurück ins „Amma“ bin, um es mir vor der Kamera nochmal erklären zu lassen …

Im Projekt „Soulfood Düren“ mache ich mich auf die Suche nach der kulinarische Seele der Stadt. Mit interessanten Gästen spreche ich in der zweiten Runde über Lieblingsessen und -orte und das Thema „heute“.

Hier das Erklärvideo zur Veranstaltung.

Soulfood Düren II

8.02.2017, 19.00 Uhr Betriebsrestaurant der Sparkasse, Wilhelmstr. 38

Karten (15 Euro, inkl. Verköstigung) beim iPunkt, Markt 6

soulfood düren – #009

22 Dez

Essen und Trinken sind eine ziemlich persönliche Angelegenheit. Aber unsere Ernährung hat immer auch ethisch-moralische, ökologische und ökonomische Auswirkungen. Darüber will ich mit Expert*innen sprechen.

Den Anfang macht Thomas Hissel, Erster Beigeordneter und Stadtkämmerer der Stadt Düren und verantwortlich für die Wirtschaftsförderung.

Thomas Hissel, Erster Beigeordneter und Stadtkämmerer der Stadt Düren, Dezember 2016

Thomas Hissel, Erster Beigeordneter und Stadtkämmerer der Stadt Düren, Dezember 2016

 

Herr Hissel, Sie arbeiten jetzt ein gutes Dreivierteljahr in und für Düren. Wie sieht es aus mit ihrem Gefühl für die Stadt und die kulinarische Identität?

Das Gefühl für die Stadt entwickelt sich so langsam, eine kulinarische Identität kann ich aber noch nicht erkennen. Das liegt vielleicht auch daran, dass ich ja nicht jeden Tag essen gehe.

Was essen Sie denn mittags so?

Ich habe eigentlich nie was mit, dazu komme ich morgens nicht. Wenn wir unseren drei Kindern die Butterbrote gemacht haben, muss es schnell losgehen. Mittags kaufe ich mir entweder ein Brötchen oder ich gehe mit Arbeitskollegen essen. Das kommt so ein oder zwei Mal in der Woche vor und ist eine gute Gelegenheit sich mal eine Dreiviertelstunde auszutauschen. Jetzt tobt allerdings gerade der Jahresendwahnsinn, deshalb hat es in den letzten Wochen eigentlich gar keine Mittagspause gegeben.

Wie findet man denn am besten Restaurants in Düren?

Es gibt in der Innenstadt ja schon ein halbes Dutzend guter Restaurants, aber die muss man sich erst mal erschließen, auch online. Wenn ich mir zum Beispiel die App von YELP anschaue, dann hat das Restaurant mit den meisten Punkten gerade mal elf Bewertungen. In anderen Städten vergleichbarer Größe sieht das anders aus.

Das ist eine interessante Beobachtung, weil die Restaurants hier – zumindest jetzt in der Vorweihnachtszeit – ja durchaus voll sind.

In meiner Heimatstadt brauche ich auch keine App, die brauchen die Dürener in ihrer Stadt auch nicht. Aber was ist mit den Leuten, die nicht von hier sind, etwa Geschäftsreisende, Touristen oder Besucher die zu einem Shopping-Event wie etwa „Düren leuchtet“ kommen? Wenn die ihren Aufenthalt hier mit einem Restaurantbesuch verbinden wollen, müssten die jemand in der Fußgängerzone fragen.

Es gibt also Informationsbedarf?

Es gibt ein verschüttetes Nachfragepotenzial, das man freilegen muss. Düren muss in den einschlägigen Apps oder Guides vorkommen. Dazu muss sicher einige Aufbauarbeit geleistet werden, etwa gastronomische Beratung, ein Restaurantführer oder ein Hotelverzeichnis. Für Nicht-Dürener, und das ist ja noch meine Perspektive, liegt das eben nicht auf der Straße.

Und Sie haben als Wirtschaftsförderer ja auch ein professionelles Interesse.

Durchaus. Ansiedlungswilligen Unternehmen müssen wir Düren zeigen, wenn die vor Ort sind. Wo geht man mit denen hin? Ich gebe mich nicht zufrieden mit der Ansage, dass es hier nichts gebe und man lieber nach Köln oder Aachen fahre. Das wäre Anti-Marketing. Mag sein, dass das Angebot noch verbesserungsfähig ist, aber das gilt vermutlich für jede Stadt. Ich bin davon überzeugt, dass es hier gute Restaurants gibt, die aber nicht ausreichend vermarktet und darum nicht wahrgenommen werden.

Was muss sich ändern?

Das fängt bei den Einwohnern an, geht über die Verwaltung und endet bei den Unternehmen. Wir alle sind Botschafter dieser Stadt, müssen das Angebot kennen und nach außen tragen. Die Aachener und die Kölner fühlen sich ganz klar als Botschafter ihrer Stadt – der Dürener unterschätzt, was er hat. Wir müssen die Stadt mit mehr Selbstbewusstsein wahrnehmen und nach außen transportieren. Das gilt für das kulinarische Angebot, aber auch für die Wirtschaftsstruktur und eigentlich alle Angebote von Kultur bis Kinderbetreuung. Da hat Düren mehr zu bieten, als man von außen erkennen kann.

 

Im Projekt „Soulfood Düren“ mache ich mich auf die Suche nach der kulinarische Seele der Stadt. Mit interessanten Gästen spreche ich in der zweiten Runde über Lieblingsessen und -orte und das Thema „heute“.

Hier das Erklärvideo zur Veranstaltung.

Soulfood Düren II

8.02.2017, 19.00 Uhr Betriebsrestaurant der Sparkasse, Wilhelmstr. 38

Karten (15 Euro, inkl. Verköstigung) beim iPunkt, Markt 6

ethnografische notizen 098: metamorfoza/gdańsk

20 Mai
Ochsenschwanz/Sauerampfer/Waffel – Restauracja Metamorfoza, Gdańsk 2015

Ochsenschwanz/Sauerampfer/Waffel – Restauracja Metamorfoza, Gdańsk 2015

Weil das eigentlich für den Samstagabend vorgesehene Fischrestaurant schon nachmittags ausgebucht ist, machen wir uns auf gut Glück auf die Suche nach einem Abendessen. Wir versuchen, uns an die Lokale zu erinnern, an denen wir tagsüber vorbeigelaufen sind. „Müssen wir uns gegebenenfalls mal für abends merken“, sagen wir in solchen Fällen immer und vergessen den Namen umgehend und zwei Straßen weiter auch die Adresse wieder. A., den Stadtplan fest in der Hand, schreitet voran. Und weil die Innenstadt von Danzig nicht besonders groß ist, finden wir – vermutlich eher zufällig – tatsächlich das eine oder andere besagte Restaurant.

Beim ersten Versuch überzeugt uns der Tisch nicht (enge, dunkle Ecke), beim zweiten ist es die Karte (uninspiriertes Italo-Fusion-Food). Und dann stehen wir ein paar Straßenecken weiter plötzlich vor einem Lokal namens „Metarmorfoza“. Sieht von außen ziemlich voll aus, die wenigen Tische sind besetzt mit jungen Norwegern. Wir fragen trotzdem und werden gebeten, noch zehn Minuten zu warten – ein Tisch sei nicht gekommen und man könne gleich Bescheid geben. Wir gehen ein paar Meter weiter und betrachten die Futterstation der örtlichen Katzenhilfe auf der anderen Straßenseite, die sowohl von Katzen als auch von dicken Tauben besucht wird, bis wir kurze Zeit später hereingebeten werden.

Auch dieses Restaurant ist, wie die meisten hier, mit dicken, schweren, tiefen Polstermöbeln bestückt. Gelb und rot. Ich frage mich, ob die Polen unsere Gaststätten in Deutschland aufgrund der harten Stühle nicht furchtbar ungemütlich finden. Der Kellner, ein schöner junger Mann mit unvermeidlichem Vollbart, nimmt unsere Jacken und erklärt das Menü. Jedes Gericht wiege ungefähr 100 Gramm, plus minus 20. Wir gehen gemeinsam die Karte durch. Es gibt insgesamt neun Kombinationen, aus denen man drei, fünf, sieben oder neun Gänge bestellen kann. „Using the bounty of the region and digging into history, tradition and culture, Justyna (die Eigentümerin) presents the Polish & Pomeranian cuisine in an innovative manner“, heißt es auf einem Handzettel, den ich später zusammen mit der Visitenkarte einstecke.

Die einzelnen Gänge haben jeweils eine lateinische Überschrift – etwa Clupea harengus für Hering oder Pastinaca sativa für Pastinake – was mich mit meinem ausgeprägten Kategorisierungs- und Ordnungstick schon freudig stimmt. Darunter sehr knappe und nüchterne Umschreibungen der Zutaten wie duck/potato/onion oder pike/beef flank/stock. Der Kellner notiert unsere Bestellungen auf einem kleinen Zettel und weil wir vier unterschiedliche Vorstellungen von dem haben, was wir lecker finden, muss er einiges schreiben.

Schon beim ersten Amuse, einem winzigen Möhrengebäck mit Gänseblümchengarnitur fühle ich mich angenehm an unser Projekt „Geländegang“ erinnert. Eine Assoziation die sich in den folgenden Gängen fortsetzt. „Gruß aus Danzig“, schreibe ich den Jungs im MaiBeck später, „es gab Sauerampfer, Gänseblümchen, Giersch, Vogelmiere und Löwenzahn.“ „Danzig ist Weltklasse“, antwortet Jan Maier, „schön, daß wir mit den Wegekräutern nicht in der Kölner Nische stecken.“

Spätestens mit den ersten Gängen werden die Ambitionen des Lokals und die Inspiration durch Redzepi und Noma in Komposition und Anmutung der Gerichte deutlich. Der schöne Mann bringt Hering und Dill auf einem metallisch-grün schimmernden Keramikteller. „Soll ich ehrlich sein?“, frage ich meine Leute am Tisch, „sieht wunderschön aus, schmeckt aber irgendwie nach nichts.“ Die anfängliche Enttäuschung reißen die folgenden Gänge aber umgehend wieder raus. Es gibt (zumindest für mich) Tartar mit pochiertem Wachtelei, noch einmal Hering und Sauerklee; Huhn mit polnischen Frytki und Pastinakenmayonnaise; süße mit Ochsenschwanz gefüllte Waffelröllchen, Sauerampfer im Blatt und als Mousse und zum Abschluss einen spektakulär frischen Berliner mit Pudding aus Enteneiern und Puderzucker, dazu Saft vom gekochten Apfel in einer kleinen Flasche, deren Kronkorken die Kellner erst am Tisch entfernen.

Zufrieden sitzen wir danach in tiefen, weichen, gelben und roten Polstermöbeln und sind eigentlich ganz froh, dass das Fischrestaurant an diesem Samstag bereits ausgebucht war.

 

Restauracja Metamorfoza

Szeroka 22/23-24/26

Gdańsk

www.restauracjametamorfoza.pl

ethnografische notizen 074: mantı

9 Aug
Mantı in der Elsassstraße, Aachen 2014

Mantı in der Elsassstraße, Aachen 2014

Beim dritten Anlauf klappt es endlich mit dem Mittagessen mit Freund R. Wir verabreden uns am Elsassplatz in Aachen-Ost, einem Viertel, das ich allenfalls mal mit dem Auto durchquere. „Nur bergauf“, denke ich missvergnügt, als ich vom Büro losfahre. Die zum Platz gehörige Elsasstraße hat sich verändert, seit ich vor rund 15 Jahren von hier weggezogen bin. Läden, Lokale und Publikum sind nach wie vor überwiegend türkisch, aber die mittlerweile sanierten Fassaden der meist um die Jahrhundertwende gebauten Häuser haben den heruntergekommenen, irgendwie riskanten Charme verloren. Vielleicht liegt das aber auch an meiner Wahrnehmung der gefährlichen Stadt, jetzt, wo das beschauliche Landleben schon lange zurück liegt. Es gibt Schmuckläden, Friseure, ein Gardinen-Deko-Geschäft, einen Metzger und einen Gemüseladen. Eine türkische Straße in Deutschland eben. Weil ich mich nicht mehr genau erinnern kann, in welchem der diversen Restaurants rund um den Platz wir uns verabredet haben, mache ich mein Fahrrad an einer Straßenlaterne fest und warte auf der Straße. Überwiegend Männer machen Mittagspause. Manche von ihnen kommen zu Fuß, andere parken ihre schweren Autos am Straßenrand.

Auch R. macht sein Fahrrad fest und wir gehen rüber zum Restaurant Beyti. Bestellt wird an einer Theke an der Küche, auf halber Strecke zum Innenhof. Wir begutachten die Tagesgerichte und der Koch erklärt uns, was es gibt. Hähnchen, Kalbfleisch und Lamm mit verschiedenen Gemüsesorten. Allesamt liebevoll dekoriert in tiefen Metallblechen. Freund R. entscheidet sich für Kalb mit Bohnen. „Und Tortellini haben wir“, sagt der Mann und zeigt auf ein mit Joghurtsoße überzogenes Gericht. Ich nicke und sage: „Dann nehme ich die Mantı.“ Wenn man schon Expertise hat, kann man sie ja auch mal dezent anbringen. Zwei Jahre lang fuhr ich nämlich auf dem Weg von Neukölln nach Schöneberg jeden Morgen mit dem Fahrrad an einer türkischen Bäckerei vorbei, an deren Türen ein Schild mit der Aufschrift hing: „Dienstags frisch Mantı“. Gegessen habe ich sie dort allerdings nie, weil nämlich auf dem Heimweg am Dienstagabend die Bäckerei immer schon geschlossen hatte.

Heute habe ich mehr Glück und die Bedienung bringt Brot, einen Salat und Wasser. „Sprudel wolltet Ihr, oder?“, sagt sie. „Sprudel“, denke ich, „habe ich schon seit Jahren nur noch meine Eltern sagen hören.“ Ich betrachte die auf die Wand gemalten Bilder von Aya Sofia und Bosporus und unterhalte mich mit R. über unsere Türkei-Erfahrungen. Er war noch nie in Istanbul, ich noch nie im Rest des Landes. Die Bedienung bringt die Tortellini. Dass Türken in Deutschland ein italienisches Wort nutzen, um Deutschen ein türkisches Gericht zu erklären, gefällt mir. Die Mantı selber übrigens auch. „Herrlich“, denke ich, als ich wieder auf’s Rad steige, „fünf Minuten bergab und ich bin wieder im Büro.“

miniportion 202: auflauf

11 Aug
Spinatlasagne – Mäuseportion, Köln 2013

Spinatlasagne – Mäuseportion, Köln 2013

Das Gericht, das mein Mann bei meinem ersten Besuch in seiner Wohnung für mich kochte, war ein Kartoffelgratin, das durchaus noch eine ganze Weile im Ofen hätte bleiben können. Aber nie wieder haben mir rohe Kartoffeln so gut geschmeckt wie damals. Und auch in der Folgezeit blieben Gratins und Aufläufe eine wichtige Rolle in unserer auch kulinarisch frischen Beziehung spielen. Da gab es nämlich ein kleines Restaurant am Rande der Innenstadt, das wir gelegentlich mit seinen Eltern oder Freunden besuchten. Das Lokal hieß Auflauf und servierte selbige zu moderaten Preisen in ovalen Keramikschüsseln auf Holzbrettern. Neben Nudeln gab es aber auch so ausgefallene Dinge wie Grünkern oder Bulgur, die man jeweils in einer Mäuseportion oder in einer solchen für den Bärenhunger bestellen konnte. Weniger ausgefallen hingegen war die Einrichtung des Ladens, die man offensichtlich vom Vorbesitzer (ich würde auf einen Griechen tippen) übernommen hatte und die im Wesentlichen aus zur Unkenntlichkeit verblichenen verblichenen Kunstdrucken und diversen mitgenommenen Topfpflanzen bestand.

Mal von der obligatorischen Lasagne bei größeren Familienfeiern abgesehen, gab es zuhause einen Auflauf eher häufig und einen anderen aus völlig unbekannten Gründen nur ein einziges Mal. Bei dem regelmäßig servierten Gericht handelte es sich um „Frau Antjes Kartoffelauflauf“, der neben den namensgebenden Knollen aus rotem Paprika, Zwiebeln, Tomaten und großen Mengen Käse bestand. Der Solitär hingegen war eine Art Apple-Pie im Topf nach dem Rezept einer ehemaligen Arbeitskollegin und Freundin meiner Mutter. Und obwohl die Süßspeise unkompliziert in der Anfertigung war, schon beim ersten Mal bei allen Essern großen Anklang fand und ihre Wiederholung in regelmäßigen Abständen eingefordert wurde, schaffte es „Omas Apfelauflauf“ nur ein einziges Mal auf unseren Tisch. Vermutlich der Grund, warum sich heute noch alle an den Geschmack erinnern können.