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ethnografische notizen 245: berlin-neukölln

1 Mrz
Burrito Baby, Berlin-Neukölln, Februar 2019

Burrito Baby, Berlin-Neukölln, Februar 2019

Neun Jahre später laufe ich durch meine alte Straße. Das Haus in dem ich zwei Jahre lang gewohnt habe scheint durchsaniert. Im Dunkeln leuchten die Wohnungen gediegen durch die alten Sprossenfenster. Wir sind auf dem Weg zum Abendessen und spazieren durch den Reuterkiez, vorbei an vietnamesischen, peruanischen und sudanesischen Restaurants. „Nach der gastronomischen Gentrifizierung kommt jetzt die kulinarische Ethnifizierung“, denke ich.

Das Burrito Baby in der Pflügerstraße ist ziemlich voll. „Geht ihr gerade?“, sagt J. zu einem jungen Paar, das gerade mit seinen Taschen kramt. „We just arrived“, antwortet die Frau auf Englisch. Wir finden einen anderen Tisch und bestellen einen „BBB“ mit schwarzen Bohnen, Tofu und Gouda, eine „Hot Mama“ mit Pintobohnen, Soja-Schnetzeln und Jalapeños und eine Portion Nachos. Von den verschlissenen Polsterbänken blicken wir auf buntes Sperrmüll-Mobiliar. Vor uns steht ein gelber Plastikkorb mit Hot Sauce, Besteck und Servietten. Zunächst glaube ich, dass die beiden Jungs, die im Hinterzimmer große Mengen Reis, Bohnen und Salat in Soft-Tortillas wickeln, vielleicht mal eine Rucksack-Tour durch Mexiko gemacht haben. Auf dem Bon lese ich dann aber: „mextralian street food, just a little slower“ und außerdem, dass es eine Filiale in Mannheim gibt. „32,50 bitte“, sagte der Mann an der Kasse. „Mach 35“, antworte ich automatisch und dann erst fällt mir auf, dass wir ja in Berlin sind und der Preis irgendwie nicht mehr wirklich zur Einrichtung passt.

Am nächsten Tag kehre ich zum Mittagessen ins Viertel zurück. Früher gab es hier unten in der Pannierstraße eine Dönerbude an der Ecke, einen etwas altbackenen Italiener und diverse Bier-Spelunken. Als ich ging, hatte gerade Berlin Burger International aufgemacht. Als Vorbote gewissermaßen. Jetzt liegt schräg gegenüber meiner alten Wohnung das „Schwabylon“, dessen Name in eine Reihe passt mit dem „Chutnify“ (indisch), dem „From Hanoi with Love“ (vietnamesisch) oder der „Babbo Bar“ (italienisch). Es gibt Spätzle – vegetarisch oder mit Fleisch. „Homemade with organic eggs“ steht über der Theke. Das zusätzliche Wiener Würstchen kostet aber nur einen Euro. Dazu Hiphop, eine rustikale Einrichtung und ein bisschen Schwaben-Folklore. „Gottseidank, da Ranza spannt.“ Drei junge Menschen bestellen Kässpätzle und warten auf den Bänken vor der Türe auf ihr Essen. Ein Deliveroo-Fahrer betritt den Laden und bekommt wortlos eine Papiertüte ausgehändigt. Ich entscheide mich für Spätzle, Linsen und Wurst und belustige mit einem Facebook-Post einige Rheinländer*innen, die – im Gegensatz zu den an Schwaben gewohnten Berlinern – nicht wissen, dass es sich bei diesem Gericht um eine klassische Kombination handelt.

„Das ist alles irgendwie so dezidiert, so vorhersehbar“, denke ich später, während ich an der Ampel stehe und den Rest eines Zettels mit der Ankündigung eines „temporary dining“ entziffere. „Wo ist das Ephemere geblieben, das Flüchtige, das heute hier und morgen nicht mehr, das Berlin einmal ausgemacht hat?“

Die Stadt liefert die Antwort wenig später selbst. Am Nachmittag kaufe ich in Mitte ein Buch mit dem Titel „You and I Eat the Same“ und lese in der U-Bahn einen ersten Aufsatz. In „There is no such thing as a nonethnic restaurant“ untersucht der amerikanische Historiker Paul Freedman die Popularität des sogenannten „ethnic food“ und der „normative cuisine against which ethnic food seems exotic.“ Das, was er für die USA in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts beschreibt, gilt nicht unbedingt für ganz Deutschland – aber vielleicht doch ein wenig für das Berlin der Gegenwart. “The first members of the American majority to show up at restaurants that had originally been established to cater to homesick immigrants were called, affectionately or derisively, bohemians (…) equivalents of what would later be called ,yuppies’ and more recently ,hipsters’ (…).” Der Besuch eines ethnischen Restaurants verursache nicht unbedingt eine Veränderung in der Einstellung gegenüber Migrant*innen, sondern sei mitunter auch als Teil des „otherings“ zu verstehen, mit dem der eigene kulturelle Hintergrund als Norm stabilisiert werde. Doch die Frage nach einer vermeintlich authentischen und unveränderlichen eigenen Küche bleibt in Neukölln als globalem touristischem Hotspot zunächst einmal unbeantwortet.

Am Hermannplatz hat „Johnen’s Curry – seit 1984“ geschlossen, wegen Umbau, wie es auf dem Zettel am Fenster der Bude heißt. Auf der Ablage stehen kleine, leere Schnapsflaschen. Als noch offen war gab es Currywurst ohne Darm, Dampfwurst und Boulette – jeweils für 1,30. Ein halbes Brötchen kostete 20 Cent.

 

Paul Freedman, There is no such thing as a nonethnic restaurant. S. 160-171
In: Chris Ying (Hg.), You and I eat the same.
New York, 2018

 

ethnografische notizen 244: foodcamp cologne 02

1 Sep
Food Camp Cologne im Marieneck, 08/2018

Food Camp Cologne im Marieneck, 08/2018

E-Mail an die Teilnehmer*innen (28.08.2018)

Liebe Food Camper,

noch zwei Tage und es geht los! Vorab noch ein paar Worte zum gemeinsamen Kochen am Freitag: In den kommenden Tagen werden wir uns mit der Annahme beschäftigen, dass Köln mehr zu bieten hat als die Brauhauskarte bietet. Trotzdem sollen die kölschen Klassiker nicht fehlen. Wir haben daher Warenkörbe zusammengestellt, mit denen man theoretisch ganz traditionelle Gerichte wie Rievkoche, Himmel un Äd oder Prummetaat kochen KÖNNTE. Die Herausforderung wird aber sein, diese kölschen Signature Dishes auf ein neues Niveau zu heben. Und da seid ihr alle gefragt. (…) Alles kann, nichts muss. Hauptsache wir sind mit Spaß bei der Sache. Weiterlesen

ethnografische notizen 243: foodcamp cologne 01

31 Aug
Food Camp Cologne im Restaurant maiBeck, 08/2018

Food Camp Cologne im Restaurant maiBeck, 08/2018

 

Dass in Köln gerade nicht nur viele interessante Restaurants eröffnen, sage ich, sondern, dass da generell eine Aufbruchsstimmung zu verspüren sei. Endlich!

Die 16 anwesenden Journalist*innen, Blogger*innen und Expert*innen im maiBeck schauen mich erwartungsvoll an, während ich das Programm der nächsten Tage durchgehe.

Und plötzlich merke ich, während ich mir selber zuhöre, was eigentlich meine Mission geworden ist. Weiterlesen

ethnografische notizen 242: palermo

12 Mai
Cedri & Granita, Palermo 04/2018

Cedri & Granita, Palermo 04/2018

„Menù touristico?“ schreibt eine Bekannte leicht pikiert unter mein Foto auf Facebook. Eine Werbetafel mit gleichlautender Aufschrift, ein schnauzbärtiger Koch mit ausladender Kochmütze, rotem Halstuch und einem Holzlöffel in der Hand. „Recherche“, antworte ich, „aber nur von außen.“ Allerdings mache ich mir keine Illusionen, als Nicht-Tourist durchgehen zu können. Auch ohne kurze Hosen, Sandalen, Spiegelreflexkamera auf dem Bauch und Reiseführer in der Hand sind wir gut zu erkennen. Weiterlesen

ethnografische notizen 241: liège

12 Mrz

Ein Sonntag in Lüttich, oder vom Glück, Freunde in Belgien zu haben

„Wir essen heute Mittag in der Stadt“, sagt J. bei unserer Ankunft, „und später dann noch einmal zuhause.“ Das ist normal, denn schließlich sind wir ja in der Wallonie, wo jede Mahlzeit als sozialer Akt von Bedeutung begriffen wird und außerdem waren wir schon lange nicht mehr zu Besuch. „Dazwischen schauen wir uns eine Ausstellung an.“ Nach dem Kaffee spazieren wir los, die steile Rue pierreuse hinunter, über die Place du Marché bis runter zur La Batte, dem großen Wochenmarkt. „Neu“, denke ich, während wir durch die Neuvice laufen, „auch neu. Ebenfalls neu.“ Es hat sich eine Menge getan seid unserem letzten Besuch. Es gibt einen verpackungsfreier Lebensmittelladen namens l’Entre-Pot, einen anderen für lokal produziertes Obst und Gemüse (Les petits producteurs) und eine Handvoll hipper Cafés und Restaurants. Weiterlesen