ethnografische notizen 290: frankreich 2021 (10/14)

Domaine de Kervéguen, Bretagne (09/2021)

Der Besuch von Weingütern oder anderen Produktionsstätten von alkoholischen Traditionsgetränken kostet mich immer ein wenig Überwindung. Nicht, weil ich nicht gerne trinken würde. Das Problem liegt vielmehr in einer diffusen Angst, keine Ahnung von den Dingen zu haben. Grundsätzlich bin ich dann doch eher ein F&B-Allrounder.

In der Bretagne aber, beim Cidre, liegt meine Hemmschwelle deutlich niedriger. Vielleicht, weil es keine Cidre-Expert*innen in meiner näheren Umgebung gibt und das Getränk bei uns – nun ja – nicht wirklich ernst genommen wird. Wohingegen es in Frankreich eine durchaus nationale Relevanz haben kann. Aber ich will nicht vorgreifen.

Auf dem Weg nach Roscoff passieren wir mehrere Schilder mit Hinweisen auf den Cidreverkauf ab Hersteller. Auf der Rückfahrt machen wir uns lustig über die an die Briten gerichteten Hinweise, rechts zu fahren. Dann folgen wir der ersten Tafel, die verspricht, uns zu einem Produzenten zu bringen. Wir kommen in einen kleinen Ort namens Guimaëc und wieder hinaus, über enger werdende Straßen und gelangen – wie so oft, wenn man in der französischen Provinz unterwegs ist – an den Punkt, an dem man denkt, dass man sich auf jeden Fall verfahren hat.

Aber die Hauptstadt ist nie weit. Dass man den Elyseepalast in Paris beliefere, lese ich auf einem Schild auf dem Parkplatz der am Ende des Feldwegs gelegenen Domaine de Kervéguen. Die Ausmaße lassen erahnen, dass hier während der Saison viel los ist. Am heutigen Montag aber sind wir die einzigen Besucher, was ich zunächst ein wenig bedauere. In einem urigen Empfangsraum bekommen wir ein erstes Glas zur Degustation gereicht und werden aufgefordert, die Produktion auf eigene Faust zu besichtigen. Wir spazieren durch die langgestreckten Keller und lesen ein bisschen was über das Handwerk. Nachdem wir sowohl die Obstwiesen als auch den Taubenschlag aus dem 11. Jahrhundert hinter dem Hof besichtigt haben, verkosten wir zwei weitere Gläser und beenden den Besuch mit dem Kauf von sechs Flaschen – darunter die Sorte „Carpe Diem“, der Favorit des ehemaligen Staatspräsidenten Jacques Chirac.

Erst jetzt fällt mir auf, dass es sich um die gleiche Domaine handelt, deren Flaschen beim Mittagessen auch auf der Karte der Crêperie in Roscoff standen. Ein Hoch auf die Handyfotos, die ich gelegentlich von Speisekarten machen (eine schwierig abzugewöhnende Restauranttesterangewohnheit).

Während P. bezahlt, werfe ich einen interessierten Blick auf die ebenfalls zum Verkauf angebotenen Cidretassen aus blauer Keramik, den die Frau hinter der Theke schlicht ignoriert. So, als wisse sie bereits, dass ich doch keine davon kaufen werde. Auf einem kleinen Tisch darunter liegt ein Buch über die 2015 mit dem Fernsehsender ARTE produziert Serie „À pleines dents!“, zu Deutsch: „Schlemmen mit Gérard Depardieu“.

„Von dem ehemaligen Piratennest Roscoff geht es mit dem Fischkutter hinaus auf Hummerjagd“, lese ich später über die erste Folge der Serie. „Bei ihrer Rückkehr besuchen Gérard Depardieu und Laurent Audiot den Cidre-Produzenten Eric Baron von der Domaine de Kervéguen.“

„Gérard Depardieu ist nicht nur Schauspieler, sondern auch Feinschmecker“, heißt es in der Produktbeschreibung bei Amazon. „Gemeinsam mit Laurent Audiot, dem Chefkoch seines Pariser Gourmettempels „La Fontaine Gaillon“ geht er auf eine kulinarische Entdeckungsreise quer durch Europa.“ Manchmal ist es doch schöner, einen leeren Parkplatz am Ende des Feldwegs zu finden.

ethnografische notizen 289: frankreich 2021 (9/14)

Wilde Blaubeeren, Vogesen 09/2021

In der Bretagne finden wir ein paar saure Brombeeren und massenhaft Schlehen in den Hügeln oberhalb der Küstenlinie. Außerdem ein paar Bäume mit wilden Äpfeln. Ein paar besonders schöne Exemplare davon lesen wir auf und nehmen sie mit nach Hause. Unterschiedliche Sorten, von fahlgelb über hellgrün bis dunkelrot.

Weiterlesen

ethnografische notizen 288: frankreich 2021 (8/14)

Austern vom Markt in Lannion (09/2021)

Als wir in den Ort hineinfahren, sehen wir den Markt. Wir sind in Lannion, weil der dortige Supermarkt laut Google auch sonntags geöffnet hat. Es ist Ebbe und wir parken am Ufer des Flusses Léguer, der um diese Uhrzeit fast komplett leergelaufen ist. „Lass uns erst mal hier gucken“, sage ich. Ein gutes Dutzend Marktstände mit Obst und Gemüse, ein bisschen Fleisch und Wurst, sowie appetitlich duftenden Hähnchen vom Grill.

Weiterlesen

ethnografische notizen 287: frankreich 2021 (7/14)

Merguez & Couscous in Denipaire / French Tacos in Saint-Dié-des-Vosges (09/2021)

Nach der ganzen Frankreichfolklore mit Austern, Paté und Weißwein von der Loire ist mir für abends ausnahmsweise mal nach einem anderen Horizont. In einem der riesigen Supermärkte in den allgegenwärtigen Industriegebieten streife ich durch die Frischeabteilung als mein Blick auf eine schwarze Styroporschale mit Merguez fällt.

Weiterlesen

ethnografische notizen 286: frankreich 2021 (6/14)

Oignons de Roscoff, 09/2021

Gegen Mittag, nachdem ich mir im örtlichen Decathlon eine Badehose gekauft habe, begeben wir uns vollständig in die Folklore – wir fahren nach Roscoff.

Die Straße hinaus zur Spitze der Halbinsel ist gesäumt von Gemüsefeldern. Um diese Jahreszeit gibt es vor allem Kohl und Artischocken, deren Köpfe in verschiedenen Formen (schlank und länglich oder rund und dick) und Farben (blassgrün bis tiefviolett) über die Feldränder ragen. Ein riesiges, handgemaltes Schild verweist auf den Verkauf von „oignons – produit de terroir“.

Weiterlesen