ethnografische notizen 222: muschelessen

18 Nov
Oh les belles moules, Muschelabend in der Vincaillerie, Köln, November 2016

Oh les belles moules, Muschelabend in der Vincaillerie, Köln, November 2016

Wir sind früh dran in Ehrenfeld und somit die ersten. Von der Venloer biegen wir in die Leostraße. Vor der Vincaillerie, in der heute ein experimentelles Miesmuschel-Dinner mit Weinbegleitung stattfindet, sitzen Leute auf dem Fensterbrett. In der Dämmerung kann ich nichts genaues erkennen. „Schön, dass ihr da seid“, sagt Gastgeberin Surk-ki Schrade als wir näher kommen. Sie stellt uns den jungen Mann neben sich vor „das ist B., der hilft mir ein bisschen.“ Durch das Schaufenster leuchtet eine lange Tafel für knapp 20 Personen, mit weißer Tischdecke und Tellern, zwanglos verteilten Baguettes und (noch) leeren Gläsern.

Die anderen Gäste treffen ein und suchen sich ihre Plätze aus. „Wenn ihr mehr als zwei seid, muss ich euch auseinandersetzen“, sagt Surk-ki, „sonst hocken hier alle wieder in Grüppchen aufeinander.“ Doch die Gefahr besteht irgendwie nicht und schon beim Apero reden alle durcheinander und kreuz und quer über den Tisch. Neben mir ein netter Typ aus dem Ruhrpott, dessen Namen ich irgendwie nicht mitbekomme, gegenüber M., eine junge Frau aus Bolivien. „Es gibt insgesamt 16 Kilo Muscheln, in vier unterschiedlichen Varianten“, erklärt die Gastgeberin den Plan, „wusstet ihr, dass es keine Muscheln mit Bio-Siegel gibt? Weil man das Meer nicht zertifizieren kann. Jetzt aber erst mal ein kleiner Apero. „Der ist, weil in der Vincaillerie nur Weine aus „vinification naturelle“ ausgeschenkt werden, selbstredend ungeschwefelt und ohne jegliche weitere Zusatzstoffe. Ein Müller-Thurgau 2015 von Stefan Vetter aus Franken.

Die ersten Muscheln kommen auf den Tisch. Zwei große dampfende Schüsseln. Weil wir zwar ziemlich familiär am Tisch sitzen, uns aber eigentlich nicht kennen, dauert es eine Weile, bis wir uns ganz zwanglos mit den Fingern bedienen und über die Teller der anderen greifen, um das Brot in den Sud zu tunken. Der besteht in diesem ersten Fall, neben Zwiebeln, Knoblauch und Petersilie, aus Olivenöl und eben – Müller. „Isst man in Bolivien auch Muscheln?“, frage ich M. „Wir haben kein Meer“, antwortet sie mit einem Lächeln und ich bin froh, dass ich vorab angekündigt habe, dass ich eigentlich so gut wie nichts über Bolivien weiß. Wir bekommen Silvaner aus Rheinhessen nachgeschenkt. „Oh Gott“, sagt J., die mir schräg gegenüber sitzt und auch zur Ruhrpott-Fraktion gehört, „ich bin noch beim Aperitif.“ „Du musst schneller trinken“, sage ich, „sonst bekommst du einen Eintrag ins Klassenbuch.“

Surk-ki und B. stehen derweil schon wieder hinter dem Gasbrenner und geben neue Muscheln in den Topf. „Ich bin gespannt, ob ihr selbst drauf kommt, was anders ist“, sagt die Chefin und gießt eine Flasche Riesling (Frick aus dem Elsass) an. Wir kosten und rätseln. „Irgendwie runder.“ „Genau, weicher.“ „Gibt es noch Brot?“ Butter macht in diesem Fall den Unterschied, lernen wir und teilen uns in zwei Gruppen. Normandie vs. Côte d’Azur. Der Wein im Glas kommt zum Ausgleich von Melsheimer in Reil an der Mosel.

„Halbzeit“, sage ich und denke, dass Muscheln ein ideales Essen für ausgedehnte Abende sind. Schnell gemacht und trotzdem durch die Handarbeit mit langer Verweildauer. „Pausenwein“, sagt Surk-ki und befüllt unsere Gläser mit dem ziemlich aufregenden Si Rose von Binner. Grauburgunder und Gewürztraminer, maischevergoren. Die Raucher*innen verziehen sich vor die Türe. „Wie Rosenwasser“, sagt ein Mädel am anderen Ende des Tisches.

Die nächste Muschelrunde ist sowohl im Glas als auch auf dem Teller weitaus geerdeter. Zum einen wird der recycelte Fond von Mal zu Mal intensiver (diesmal durch Lorbeere und Sellerie ergänzt), zum anderen steigen wir auf Rotwein um: Gamay, Beaujolais village 2011 von Karim Vionnet und Plein les ceps 2011, Grenache von Sylvain Respaut aus dem Roussillon.Die Stimmung steigt, die Gespräche werden lauter und das Tischtuch schmutziger.

Ein fast schon strenger Geruch steigt uns in die Nase. „Kreuzkümmel“, ruft Surk-ki. „Da bin ich froh, dass der nicht so intensiv riecht, wie er schmeckt“, sagt eine Dame ein paar Plätze weiter. „Isst man in Syrien auch Muscheln“, frage ich B. als ich beim Auftischen helfe. „Ja“, antwortet er, „aber nicht so.“ Dann ist er auch schon wieder unterwegs mit einer Schüssel, bevor ich fragen kann, wie man denn in Syrien Muscheln isst. Später dann, stoße ich mit ihm an. Groove, Syrah von Ozil aus der Ardèche. Und groovy it is. Links und rechts nehmen die Gespräche eine lebensanschauliche Wendung. Es geht ums Ganze. Ich schenke B. Wein nach und frage ihn nach seiner Heimat. Er bedankt sich höflich und stößt mit mir an. Fast 19 sei er, erzählt er ein wenig stolz, und über Ägypten und Griechenland nach Köln gekommen. Auf jeden Fall möchte er in hier bleiben. Die Sprache zu lernen sei ihm wichtig, wegen der Chance auf einen Ausbildungsplatz als Automechaniker. „Übung macht den Meister, sagen wir in Deutschland!“, resümiere ich und rieche ein letztes Mal an dem wunderbaren über Grenache-Maische gezogenen Blanc de noir in meinem Glas, „das gilt für Wein UND für Sprache.“

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