miniportion 253: blümchenkaffee

4 Okt
Kein Boden in Sicht, Köln 2010

Kein Boden in Sicht, Köln 2010

Für die Kriegsgeneration hatte Kaffee – richtiger Bohnenkaffee – nach 1945 eine ganz besondere Bedeutung. Die Großmutter meines Mannes kaufte im Alterssparzwang zwar immer das billigste in Westdeutschland verfügbare Kaffeepulver, ließ aber, nachdem sie deren Inhalt in eine alte Metalldose mit geflicktem Plastikdeckel umgefüllt hatte, die leere Tüte noch mindestens einen halben Tag auf der Küchenanrichte liegen. Weil es ja so schön roch. Meine eigene Oma, so erzählt mein Vater gerne, sei in den 1950er Jahren geradezu süchtig nach Kaffee gewesen. Für Kaffeebohnen habe man einiges aufs Spiel gesetzt. Ihr Wohnort unweit der belgischen Grenze erwies sich bei der Beschaffung als unbedingter Standortvorteil. In meinen vornehmsten Erinnerung trägt sie eine himmelblau-weiß gestreifte Schürze und läuft mit einem Kessel voll heißem Wasser in der Hand hin und her zwischen Esszimmer und Küche, wo sie mit einem Melitta-Porzellanfilter Kaffee in eine große Porzellankanne aufgoss. Der von ihr servierte Kaffee war, zumindest kann ich mich nicht an entsprechende Beschwerden erinnern, nie besonders schwach. Anders als der Hagebuttentee, den es hin und wieder zum Abendbrot gab, dessen Teebeutel (einer pro Kanne) zur großen Begeisterung der anwesenden Familie mindestens zweimal genutzt wurde. Kaffee gab es aber auch immer nur in ordentlichen Tassen mit Zwiebelmuster und nicht in fragilen Sammeltassen, auf deren Boden man die Blümchen durch den dünnen Kaffee hätte sehen können. Aber ein kräftiger Kaffee war natürlich auch vierzig Jahre nach Kriegsende immer noch eine Frage der Ehre, während wir heute für einen Extra-Shot Espresso bezahlen müssen. Sogenannter Blümchen- oder auch Bodensee-Kaffee hat als Ausdruck spätestens seit dem sukzessiven Siegeszug von Café au lait, Cappuccino und Latte Macchiato ausgedient, von Frozen Frappuccino mal ganz zu schweigen. Auch durch kalorienreduzierte Sahne sieht man selbst die dicksten Blumen nicht.

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