miniportion 252: anchovisfilet

3 Okt
Synchronschwimmen auf dem Fischmarkt, Istanbul 2011

Synchronschwimmen auf dem Fischmarkt, Istanbul 2011

Zu den Lebensmitteln, die ich als Kind wirklich unverzehrbar fand, gehörten neben Wein, grünen Oliven und Kapern auch Anchovis. So können sich die Zeiten ändern. Sardellen (die Bezeichnung „Anchovis“ war im Dorf vermutlich allenfalls dem italienischen Feinkosthändler Faccini bekannt, dessen Geschäft leider irgendwann der ersten PLUS-Filiale weichen musste) kamen im heimischen Küchensystem nur an einer Stelle vor, nämlich dann wenn selbstgemachte Pizza gegessen wurde. Auf einem für meinen Vater reservierten Teil der Unterlage aus Hefeteig (wie wir zu vier Personen mit einem Backblech Standardgröße auskamen ist mir bis heute ein Rätsel) wurden dann nicht nur grüne Oliven mit roter Paprikafüllung aufgebracht, sondern auch Sardellenpaste aus einer im Kühlschrank aufbewahrten Tube, die ich nicht nur geschmacklich zu intensiv sondern aufgrund ihrer grau-bräunlichen Färbung auch ästhetisch äußerst fragwürdig fand. Auf dem Teller untersuchten wir Kinder dann peinlichst genau, ob der Fischgeschmack der in willkürlichen Mustern herumliegenden Fischpaste nicht vielleicht doch auf unbefugte Weise sein Terrain verlassen und auch die für uns vorgesehenen Stück okkupiert hatte.

Meine Schwester schaffte den Sprung in die Welt der erwachsenengerechten Aromen altersgemäß früher als ich. Ich erinnere mich an eine Nudelsoße, die sie einmal nach Studienbeginn für mich kochte und die mit kleingeschnittenen Anchovisfilets gewürzt wurde. Danach war mein Interesse geweckt, auch wenn ich bis heute kein großer Fan von Sardellenpaste geworden bin. Dafür finde ich als erwachsener Mensch in Anchovisfilets gewickelte Kapern, Oliven und ein Glas Wein einen gelungenen Einstieg in gesellige Zustände jeder Art. Je nach Portionsgröße wünsche ich mir dann aber gelegentlich, ich hätte ein eigens auf mich zugeschnittenes Feld mit Lebensmitteln, die sonst niemand mögen würde.

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