ethnografische notizen 42: istanbul– teil 1/4

Turkish Airlines, Düsseldorf - Istanbul, September 2009

Turkish Airlines, Düsseldorf - Istanbul, September 2009

Die Frau mit dem beerenfarbenen Kopftuch auf der anderen Seite des Ganges isst ein Kürbiskernbrötchen aus einem DM-Tütchen in ihrer Handtasche. Zwischen ihren in ein bodenlanges dunkles Gewand gehüllten Beinen und denen ihres Mannes ist eine mintfarbene Kühlbox gequetscht, die von der ansonsten eher strengen zuständigen Flugbegleiterin mit wohlwollenden Blicken bedacht wurde. Während das Flugzeug aufsteigt, legen die beiden in regelmäßigen Abständen behutsam eine Hand auf die Truhe und ich überlege mir, dass ich mein Mittagessen – zumindest, sagen wir, den Nachtisch –  dafür geben würde, einen Blick hinein werfen zu dürfen. Was nehmen Deutschtürken wohl mit in die alte Heimat? Fleisch? Eher nicht, denn der Import von illegalen Wurstprodukten erfolgt zumindest in den zahlreichen Zoll-Doku-Soaps des Privatfernsehens immer nach Deutschland hinein und nicht heraus. Aber umgekehrt? Was nimmt man mit, wenn man aus der Stadt zurück aufs Land fährt?

Giotto vielleicht? Die jedenfalls vermisst der 23-jährige Deutschtürke am Bosporus, der mir am Vorabend im Chat schrieb, Istanbul sei eine lebenswerte Stadt – „die Schoki hier ist aber richtig Scheiße!“ Doch die Dame neben mir sieht nicht unbedingt aus, als würde sie „Minigebäckkugeln in der Stange nach original italienischem Rezept“ (Ferrero) in die Türkei fliegen.

Sie erinnert mich vielmehr an eine Türkin kurdischer Herkunft, die ich in Berlin interviewte und die mir unvergleichlich poetisch erklärte, dass Essen der Heimat sei für sie ein süßer und ein bitterer Gedanke zugleich. „Bei uns riechen Gurken oder Tomaten schon ganz anders“, erklärte Frau T. vor rund zwei Jahren, „Wenn man die hier schneidet riecht es überhaupt nicht. Wenn man bei uns so eine Gurke durchbricht, dann verbreitet sich der Geruch im ganzen Raum.“

Das gilt offensichtlich auch im Luftraum, denn aus dem Vorderteil der Maschine verbreitet sich ein würziger Duft durch den Passagierraum. Eine der zahlreichen Flugbegleiterinnen verteilt Kopfhörer in Plastik und ein grünes Faltblatt mit dem Titel „Mutfakta kim var“ was so viel bedeutet wie: „Was ist in der Küche?“.

„Was ist in der Kühlbox?“ lautet aber die Frage, die mich immer  noch umtreibt. Da ich aber nach wie vor keinen Röntgenblick zu entwickeln vermag und mich auch nicht zu fragen traue, widme ich mich der Speisekarte, die sehr dezent in einer Fußnote darauf hinweist, dass die servierten Gerichte keine Produkte vom Schwein enthalten.

Es gibt gegrillte Hühnermedaillons mit Senf-Curry-Butter, Ratatouille und Tomatenreis oder Tas Kebabi, traditionelles Rindfleisch in Tomatensauce mit Ratatouille und Reis. Ich entscheide mich für das Kebab, dessen Fleisch die erhofft kräftige Kreuzkümmel-Knoblauch-Note hat. Und auch das Ratatouille sind nicht die üblichen in roter Soße zu Brei gekochten undefinierbaren Gemüseschnitzel, sondern bißfeste, deftige Stücke rote Paprika und Zucchini mit Tomaten und buttrigem und dennoch leichtem Reis.

Der Mann hinter uns fragt zum dritten Mal nach einem weiteren Brötchen, dass er auch anstandslos bekommt. Immerhin verzehren die Türken mit rund 150 Kilogramm pro Kopf den höchsten Brotkonsum Europas. Das kleine Tütchen mit Haselnüssen unter türkischer Flagge, das es zum Kaffee gibt, soll hingegen wohl daran erinnern, dass die Türkei Export-Weltmeister von Haselnüssen ist. Eine Tatsache, die auch im Bordmagazin „Skylife“ mit einer ganzseitigen Anzeige mit anonymisiertem Nutella-Brot beworben wird. Schon wieder fühle ich mich an Ferrero erinnert, diesmal an Rocher, die in den späten 80er Jahren eine Zeit lang laut Werbung aus byzantinischen Königsnüssen hergestellt wurden. In Andrew Dalbys „Tastes of Byzantium. The cuisine of a legendary empire” (London 2010) lese ich jedoch, dass den Byzantinern die Walnuss als die wahre königliche Nuss gegolten habe.

Die aktuelle Ausgabe von „Skylife“, das ich aus der Tasche des türkisfarbenen Ledersitzes vor mir fische, ist unter dem Titel „Dogu Anadolu“ Ost-Anatolien gewidmet und mit seinen englisch-türkischen Artikeln so ansprechend gemacht, dass es im Sinkflug in meinem Handgepäck landet. Neben Reisetipps aus einer muslimischen Perspektive, nämlich für Jerusalem, Malaysia, Saudi-Arabien und den Irak findet sich ein Artikel von zweieinhalb Doppelseiten Länge über Slowfood und den Bewegungsgründer Carlo Petrini. „Country technologies that will take over towns“, heißt es in einem Artikel, der neben Zeichnungen alternativer Urban Farmer schon wieder mit einer Fotografie von Haselnüssen illustriert ist, “in a world where the number of people living in towns now equals that of people living in rural areas.”

Beim Aussteigen werfe ich einen letzten Blick auf die mintfarbene Kühlbox und stelle mir vor, wie eine deutsch-türkische Hausfrau nach einer langen Reise voller Stolz Gemüse und Obst aus dem heimischen Garten präsentiert. Denn schließlich ist NRW verglichen mit Istanbul und seinen geschätzten 16 Millionen Einwohnern ein eher ländlicher Raum. Alles eine Frage der Perspektive.

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