Tag Archives: Zitrone

miniportion 372: weiße limo

12 Apr
Weiße Limo auf Dänisch, Padborg 2014

Weiße Limo auf Dänisch, Padborg 2014

In meiner Jugend besuchte ich einmal die Karl May-Festspiele in Elspe. Das liegt bei Olpe im Sauerland und außer den besagten Aufführungen auf dem Kalkriff der sogenannten Attendorn-Elsper Doppelmulde gibt es dazu nicht sonderlich viel zu sagen. Aber in Kombination mit einem Autogramme verteilenden, vermutlich aus Ostdeutschland stammenden Indianer und einem spektakulären Auftritt von Pierre Brice reichte das schon aus, um den Ausflug zum Höhepunkt der Ferienspiele zu machen. An viel mehr Details kann ich mich leider nicht mehr erinnern, was der inzwischen vergangenen Jahre geschuldet ist und vielleicht auch der Tatsache, dass Karl May mich trotz der vielen spärlich bekleideten Männer nie besonders interessiert hat. Lediglich Miranda ist mir im Gedächtnis geblieben, eine etwas dralle und ebenso resolute Saloon-Besitzerin, die, wenn ich mich recht erinnere, während des Stücks von den Indianern entführt wurde oder so etwas in der Art. Damals verwechselte ich in der Aufregung das „a“ ihrem Namen mit einem „i“ und fragte mich, was das für Eltern sein müssen, die ihr Kind nach einer Limonade benennen. Aber in diesem Eintrag soll es weder um jene Miranda noch um ein Orangenfruchtsaftgetränk namens Mirinda gehen, die übrigens spanischen Ursprungs ist und deren Markenbezeichnung auf Esperanto so viel wie „wunderbar“ bedeutet. Stattdessen ist dieser Text allen authentischen Zitronenkracherln gewidmet, die in der Familie meines Mannes traditionell als „weiße Limo“ bezeichnet werden. Diese Konvention sorgte in der Anfangsphase unserer Bekanntschaft hin und wieder für Irritationen, weil ich mir unter einer weißen Limonade allenfalls ein wenig attraktives Milchmixgetränk vorstellen konnte. Heute aber, weiß ich was gemeint ist und nutze den Ausdruck manchmal selbst, wenn es mal schnell gehen muss. Vermutlich bin ich aber der einzige Mensch, der Miranda zu gelber Limonade sagt.

miniportion 363: nahrungsergänzungsmittel

5 Mrz
Nahrungsergänzungsmittel bei aufziehender Bronchitis, Köln 2014

Nahrungsergänzungsmittel bei aufziehender Bronchitis, Köln 2014

Vor mindestens 20 Jahren saß ich einmal nach dem Haarschnitt mit meiner damaligen Friseurin C. an der Theke ihres Salons und unterhielt mich mit ihr über Vitamine. C. kannte ich bereits aus (ihren) Jugendtagen, in denen sie nämlich bei uns im Dorf gemeinsam mit ihrer Mutter die Kirchenzeitung ausgetragen hatte. Und deshalb hielt ich ihr, auch nachdem sie das „Haarstübchen“ im Nachbarort verlassen und sich selbstständig gemacht hatte, die Treue. Selbige mag auch ein wenig durch die ausliegenden Illustrierten des Lesezirkels bedingt gewesen sein, aber das möchte ich hier lieber nicht vertiefen.

Wir saßen also an der Theke, die vermutlich irgendwie in schwarz-weiß, vielleicht mit ein bisschen Mint oder Flamingopink gestaltet gewesen sein wird. „Vitamine sind sehr wichtig“, sagte C. in einem eher mütterlichen Ton. Eine Aussage, die ich ihr umgehend bestätigte und darauf hinwies, dass auch ich mindestens einmal am Tag eine Multivitamin-Brausetablette zu mir nehmen würde. Das sei aber nicht dasselbe, wurde ich belehrt, worauf ich nicht rechtes zu entgegnen wusste. Denn Brausetabletten waren damals ja eine sehr modische Sache. Nach anfänglicher Monokultur in Zitrone oder Multivitamin, wuchsen sie plötzlich auch in Mango, Pfirsich-Maracuja oder Blutorange. Für uns junge Menschen war der Vitamingehalt oder gar der tatsächliche Nutzen dieser Produkte eher nebensächlich. Das Geschmackserlebnis stand im Vordergrund, wobei ich mich nie so wirklich für die Kulturtechnik meiner Mitschüler erwärmen konnte, Brausetabletten einfach vollständig in den Mund zu stecken und zu lutschen.

Den täglichen Konsum von derartigen Nahrungsergänzungsmitteln hielt ich bis weit in mein Studium hinein konstant. Irgendwie, so dachte ich, muss man ja auch an seine Gesundheit denken. Wie ich es schaffte, davon wegzukommen, kann ich nicht mehr so genau sagen. Vermutlich war es die Erkenntnis, das es einfach keinen Unterscheid macht.

miniportion 324: gummibär

20 Dez
Mundgeblasener Gummibär, Köln 2013

Mundgeblasener Gummibär, Köln 2013

Erzählte ich bereits, dass es auf der Herrentoilette unseres Büroflügels manchmal sehr intensiv nach Obst riecht? Eine Weile verdächtigte ich den einen oder anderen Kollegen eines doch recht extravaganten Aftershaves. Die sind heute nicht mehr so aktuell, aber es gab mal eine Zeit in der gewisse Männer mit „A*men“ von Thierry Mugler ziemlich genau rochen, wie die mit Schokolade überzogenen Fruchtspieße, die man auf dem Jahrmarkt kaufen kann. Aber das will ich hier nicht vertiefen. Die Ursache des olfaktorischen Fruchstaus auf dem Männerklo ist eine ziemlich große und deutschlandweit bekannte Marmeladenfabrik ein paar hundert Meter weiter. Je nach Produktionszyklus riecht es dann Erdbeeren oder nach Aprikosen, weitere Obstsorten habe ich bislang nicht identifizieren können. Aber immer, wenn es nach Erdbeeren riecht, denke ich „rot“, bei Aprikosen hingegen an ein helles „orange“. Zu mehr synästhetischen Fähigkeiten bringe ich es leider nicht.

Wie die meisten Kinder war ich Gummibärchen sehr zugetan. Nicht nur, weil Kinder Bärchen irgendwie süß finden und gerne auf kleinen Dingen rumkauen, sondern auch, weil man mittels des Fruchtgummis wunderbar Überlegungen über die kausalen Zusammenhänge zwischen Farbe, Geruch und Geschmacksrichtungen anstellen konnte. Laut Hersteller handelt es sich bei Letzteren um Erdbeere, Zitrone, Himbeere, Saftorange, Ananas und Apfel. Grüner Apfel und gelbe Zitrone leuchteten mir ein, den farblichen Unterschied zwischen Erd- und Himbeere fand ich zwar problematisch aber lediglich für die angegilbte Farbe der Ananas hatte ich kein Verständnis.

Seit irgendwann einmal „gummybears“ als mein „favorite candy“ identifiziert wurden, gehören sie zum festen Repertoire des Weihnachtspakets, dass ich seit nunmehr 20 Jahren von meiner amerikanischen Gastfamilie geschenkt bekomme. In den Staaten sind Gummibärchen allerdings ziemlich weich, ziemlich bunt und riechen allesamt wie diese Fruchtspieße auf dem Jahrmarkt.

miniportion 283: multivitamin

4 Nov
Apfel-Apfelsine-Möhre-Zitrone-Ingwer, Aachen 2013

Apfel-Apfelsine-Möhre-Zitrone-Ingwer, Aachen 2013

Zum Geschmack von Möhren habe ich ein ambivalentes Verhältnis. Roh als Salat finde ich sie toll, ebenso im Eintopf und nach der Zubereitung einer Hühner- oder Rinderkraftbrühe freue ich mich darauf, das noch heiße, weich gekochte Gemüse im Stehen aus dem Topf zu essen. Möhrensaft hingegen finde ich untrinkbar. Und damit meine ich nicht nur „nicht lecker“, sondern nur mit größtem Widerwillen zu schlucken. Lediglich in frisch gepressten Säften kann ich den Geschmack ertragen und auch dann nur, wenn genügend andere Früchte – Apfelsinen, Äpfel und Zitronen – sich Mühe geben, den Eigengeschmack der gewöhnlichen Gartenmöhre zu unterdrücken.

In der Wohnung unter unserer WG wohnten während meines Studiums diverse Konstellationen von Menschen, die es trotz des dazugehörigen kleinen Hinterhofs im Parterre meist nicht allzu lange aushielten, was vermutlich am permanenten Tageslichtmangel gelegen haben wird. Einmal zog dort für eine Weile ein Punkpärchen ein. Morgens wurden wir fortan pünktlich gegen sieben Uhr von einem höllischen Lärm geweckt, denn wir wochenlang nicht zuordnen konnten, da die naheliegendste Assoziation – ein Presslufthammer – ausgeschlossen werden musste. Im Laufe der Zeit kam ich jedoch dahinter, dass es sich um eine Saftzentrifuge handeln musste, mit der der alternative Morgen begrüßt wurde.

Als mich, Jahre später, im Berliner Winter, auch einmal permanenter Tageslichtmangel bedrohte, beschloss ich, mir ein ebensolches Gerät zuzulegen. Eine technische Generation weiter macht es nicht mehr ganz so viel Lärm – in etwa noch so viel wie ein Schlagbohrer. Jetzt im Winter kommt es morgens wieder zum Einsatz um meine Abwehr gegen die diversen Bakterien- und Bazillenstämme im Büro zu stärken. Und weil ich ein Mensch bin, der an Traditionen, den eigenen und auch den der anderen hängt,  warte immer höflich bis um punkt sieben, um die Höllenmaschine in Gang zu setzen.

miniportion 247: zitrone

27 Sep
Zitrone, angenehm süß, Lüttich 2004

Zitrone, angenehm süß, Lüttich 2004

Man kann nicht sagen, dass ich grundsätzlich keine Dinge mögen würde, die sauer schmecken. Ich mag beispielsweise saure Gurken, Sauerkraut, Sauerbraten und natürlich meinen eigenen, selbstproduzierten Rotweinessig. Meinem Mann zufolge setze ich letzteren zum Beispiel im Salat gerne auch etwas zu großzügig ein, was vermutlich daran liegt, dass ich nach wie vor bei jeder Vinaigrette davon angetan bin, dass ich (bzw. die mir dabei behilflichen kleinen Essigbakterien) so etwas feines produzieren können.

Schwierig wird es aber mit Speisen und Getränken, die ja auch grundsätzlich süß sein KÖNNTEN. Zum Beispiel diese Sauren Pommes von Haribo, für die der weibliche Teil meiner Familie eine Vorliebe besaß. „Warum“, fragte ich mich als Kind schon, „isst man etwas, das so sauer ist, dass man sich schüttelt muss, wenn man auch richtigen Zucker draufmachen könnte?“ Warum in einen sauren Apfel beißen, wenn man auch einen süßen haben kann? Ich verstehe allerdings auch nicht – das gebe ich unumwunden zu – worin der Reiz einer Achterbahn liegt, wenn man ja genauso gut auch geradeaus fahren könnte.

Auch Zitronen sind in diesem Zusammenhang wie ein Fahrgeschäft auf der Anna-Kirmes zu bewerten. Sie haben eine ansprechende Farbe, duften angenehm, schmecken aber eigentlich nur mit mindestens einem Süßungsmittel. Zusammen mit Kollegin S. bestellte ich neulich bei einem iranischen Sandwichimbiss namens „La Crossini“ eine sogenannte Mexiko-Tasche, gefüllt mit Spinat und Feta. Mehr Fusion geht schlichtweg nicht! „Obacht“, sagte die Kollegin, „schmeckt sehr, sehr lecker, aber macht nicht satt!“ Wir entschieden uns also zusätzlich für einen kleinen Salat Shirazi, der laut meiner Recherche wahlweise nach einem iranischen Geistlichem, einem Schachspieler oder einem General benannt sein könnte und aus Tomaten, Gurken, Zwiebeln, Olivenöl und Zitronensaft besteht. „Zitronensaft“, dachte ich, „das klingt irgendwie frisch und gesund.“ War aber eher sauer.