miniportion 293: zimtwaffeln

Zimtwaffeln althergebrachter Art, Mützenich 2013

Zimtwaffeln althergebrachter Art, Mützenich 2013

In den Rezeptbeständen meiner Mutter befindet sich eine handgeschriebene Karte aus dem Jahr 1972, auf der eine Schulfreundin meiner Mutter ihr, neben diversen Begebenheiten aus dem Alltag ihrer kinderreichen Familie, das Rezept von Zimtwaffeln notierte. Der Karte vorausgegangen war wohl ein Päckchen mit fertiggebackenen Zimtwaffeln. Man habe aber, so die Freundin, eine alte Tante zu Besuch gehabt und sei nicht früher dazu gekommen, die gewünschte Anleitung zu verschicken. Das Rezept an sich ist eher unspektakulär – Eier, Butter und Zucker werden schaumig geschlagen, mit Mehl, Backpulver und Zimt zu einem Teig verknetet, zu Kugeln gerollt und mit einem entsprechenden Waffeleisen zu sehr dünnen, knusprigen Waffeln gebacken. Interessanter ist da der mir unbekannte Kurzname, mit dem sie die Empfängerin des Briefes adressiert oder der Hinweis, dass sie beim Backen zählen solle, um ein gleichmäßiges Gelingen des Gebäcks zu garantieren. Genau diese Waffeln, so erzählt mir meine Mutter, hätten sie im Mädchenalter in der Adventszeit zusammen gebacken. Eine Erinnerung die damals, kurz vor dem ersten eigenen Kind, schon der Vergangenheit angehörte. Auch wenn im Haushalt mit einem unelektrischen Eisen für den Herd und einem etwas moderneren Apparat gleich zwei zimtwaffelgeeignete Geräte vorhanden waren, kann ich mich nicht an Zimtwaffeln erinnern. Sie gehören damit zu den Rezepten, über die gerne gesprochen wurde, die aber weniger gerne in die Tat umgesetzt wurden.

41 Jahre nach Eingang der Postkarte zeigt meine Mutter mir plötzlich ein neues Waffeleisen, das sie für wenig Geld in der Non-Food-Abteilung bei Aldi gekauft hat. Kein spezielles für Zimtwaffeln, sondern eins für Eishörnchen, aber trotzdem geeignet. Zusammen backen wir hauchdünne, knusprige Zimtwaffeln, die, so bestätigt sie mir, genau so seien, wie die von früher. Jetzt ist es an mir, wieder 20 Jahre warten.

miniportion 264: rotweinbirne

Rotweinbirne deutscher Art, Mützenich, 2004

Rotweinbirne deutscher Art, Mützenich, 2004

Anhand der Rotweinbirne lässt sich sehr anschaulich verdeutlichen, wie wenig vergleichsweise dicht beieinander liegende Regionen Europas, durch regelmäßigen Austausch auf politischer, wirtschaftlicher und persönlicher Ebene eng miteinander verbunden, von einander wissen.

Meine Schwester pflegte über einige Jahre den Kontakt zu einem jungen Niederländer aus V., den sie anlässlich ihres Abiturs auf einem Campingplatz kennengelernt hatte. Wilde Eifeljahre! Und wie das so ist mit sich verstetigenden Bindungen, werden diese nicht nur durch die jungen Leute gepflegt, sondern auch durch die darüberliegende Generation. Es ist in diesen Fällen Aufgabe der Mütter, ihren Kindern wohlüberlegte Präsente und Aufmerksamkeiten mitzugeben. Vermutlich handelte es sich bei der Gabe meiner Familie um einen Lieferung an Quittengelee, vielleicht war es auch Brombeermarmelade aus Wildsammlung oder ein selbstgebackener Stollen. So genau weiß man das heutzutage nicht mehr. Zurück kam eine Tüte voll kleiner, harter Birnen. Das mag in erster Instanz ein wenig despektierlich klingen, aber man muss wissen, dass sogenannte „stoofpeertjes“, also langsam eingekochte Birnchen eine gesamtniederländische Tradition darstellen und zu diversen herbstlichen und winterlichen Gerichten gereicht werden. In der Tüte befand sich aber noch eine weitere Überraschung – ein zweiter kleinerer Beutel mit Zimtstangen, einer unbedingten Zutat des Birnenrezepts. Seine Mutter habe darauf bestanden, so der etwas verlegene junge Mann, sie sei sich nicht sicher gewesen, ob es in Deutschland auch Zimtstangen gebe.

Es handelt sich bei dieser knappen Anekdote um eine Geschichte, die in den darauffolgenden Jahren gerne zu Besten gegeben wurden und die wir alle sehr lustig fanden. Heute, mit etwas Abstand und erweiterter interkultureller Kompetenz würde ich die Zimtvorsorge als bemerkenswerte Selbstreflexion bezeichnen: Anderswo können die Dinge anders sein.