ethnografische notizen 006: martinsbrezel

Aachen 2010

Die Bäckereifiliale unten im Haus verkauft Martinsbrezeln zu 2,75 Euro das Stück. Der Mann vor mir kauft gleich drei und lässt sie einzeln einpacken. Ich nehme die Letzte und beim bezahlen fällt mir auf, dass ich mich nicht erinnern kann, jemals selbst eine süße Brezel gekauft zu haben. Überhaupt verbinde ich sie nicht mit dem Verkaufsraum einer Bäckerei sondern mit dem Seitenausgang der Kirche St. Johannes der Täufer in Simmerath, wo sie jedes Jahr nach dem Ende des Martinszuges verteilt wurden. Süßer schwerer Hefeteig, nicht wie diese hier mit Hagelzucker und Mandel bestreut, sondern nach dem Backen in bloßem Kristallzucker gewälzt. Eingebackt in eine dünne Plastiktüte wurde die (wenn ich mich recht erinnere, von den örtlichen Bäckereien gespendete) Gabe über Nacht im Vorratsraum aufbewahrt und in den folgenden Tagen in vorsichtig rationierten Portionen, mit oder ohne Nussnougatcreme, verzehrt. Auf dem Schulhof der katholischen Grundschule wurde derweil diskutiert, ob die Brezel des einen Dorfes der Hauptgewinn sei, oder doch die Tüte mit Süßigkeiten, die im Nachbarort an ihrer statt verteilt wurde.

„Mit langer Tradition zieht einer der größten Martinszüge in Aachen im November durch das Frankenberger Viertel“, heißt es in einer Übersicht der diesjährigen Veranstaltungen am St. Martins-Tag in den Aachener Nachrichten. Die Eltern der teilnehmenden Kinder können im Pfarrbüro Gutscheine für Weckmänner zu kaufen. „Außerdem werden Glühwein und Kinderpunsch sowie Hot Dogs angeboten, um den Abend im Schein des Martinfeuers und der Laternen ausklingen zu lassen.“

Ich fahre ungern auf dem Ticket derjenigen, die behaupten, dass früher alles besser gewesen sei, aber Glühwein und Würstchen als Abschluss eines Brauchmusters, dass mit einem essbaren Geschenk für Kinder bereits im 16. Jahrhundert belegt ist (Alois Döring: Rheinische Bräuche durch das Jahr, Köln 2006) sind eine Degeneration der Ausgestaltung öffentlichen Lebens. Brezel und Weckmann waren mehr als bloße Lebensmittel, sie waren mit Bedeutung aufgeladene gesellschaftliche Symbole, die sowohl den Kindern als auch den begleitenden Erwachsenen Markierungen im Jahreslauf boten und konkrete Handlungsvorlagen beinhalteten. Glühwein und Hot Dogs hingegen können diese Aufgaben nicht erfüllen. Sie sind keine spezifischen Komponenten mehr, die nur zu einer bestimmten Zeit nur an einem bestimmten Anlass verzehrt werden. Aus einem einzigartigen Handlungsmuster ist ein austauschbarer Winter-Event geworden.