miniportion 315: glühwein

Glühwein – besonders weihnachtlich, Berlin 2008

Glühwein – besonders weihnachtlich, Berlin 2008

Spätestens ab Totensonntag beginnt die Glühweinsaison. Dieser Tatsache können auch die globale Erderwärmung und spätspätherbstlich sonnige Tage nichts anhaben. Glühweinkonsum ist dann gewissermaßen eine bürgerliche Pflicht, die oftmals mit einer  völligen Abschaffung jeglicher Qualitätsansprüche einhergeht. Hauptsache es knallt. Neulich besuchte ich mit Freunden einen Glühweinstand an der Rückseite des historischen Rathauses meiner Heimatstadt und bezahlte für vier alkoholische Heißgetränke und zwei Mal Kinderpunsch stolze 30 Euro. Inklusive Pfand versteht sich, aber immerhin.

Kein Wunder dass wir uns früher, nachdem wir in der Oberstufe das gesetzlich glühweinfähige Alter erreicht hatten, so einiges einfallen ließen, um die traditionell übertriebenen Preise zu umgehen. Zum Beispiel die Anfertigung von heißem Glühwein aus dem Discounter mittels einer handelsüblichen Kaffeemaschine. Das geht, einfach den Wasserbehälter befüllen und einschalten. Es dauert allerdings eine ganze Weile, bis der Kaffeegeschmack nachlässt und noch länger, bis der Kaffee danach nicht mehr nach Glühwein schmeckt. Aber damit nimmt man es in dieser Lebensphase ja ohnehin nicht so genau.

Man muss sich aber gar nicht auf überfüllten Weihnachtsmärkten mit Plastikdekoration oder in 70er-Jahre-Gymnasien aus Sichtbeton bewegen, um in den Genuss von Glühwein zu kommen. Das geht nämlich auch zuhause. Aus dem vorweihnachtlichen Kopenhagen brachte ich einmal ein schönes Rezept für den dort üblichen Gløgg mit. Danach fertigt man zunächst einen Grundsirup aus dunklem Bier, Portwein und Kandiszucker an, überbrüht und schält Mandeln und verliest und weicht Rosinen ein … Sicherlich eine ganze Menge mehr Arbeit als ein schnelles Gläschen auf dem Weihnachtsmarkt, aber in jedem Fall ungleich leckerer. Und wenn der Topf alle ist, kann man auf dem Sofa einfach ganz still und leise in die Kissen kippen und bis zum nächsten Morgen liegen bleiben.

miniportion 306: raclette

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Raclette-Käse im Ganzen, Munster 2018

Einmal besuchte ich meinen Lieblingsweihnachtsmarkt in Köln. Davon gibt es ja genügend, in sehr unterschiedlicher Ausstattung und Qualität. Mal wähnt man sich in einem stilvollen schwedischen Dorf, mal in Hobbit-Siedlung aus dem Herrn der Ringe, zumeist umgeben von vielen, nicht mehr nüchternen Menschen mit lustigen weiß-roten Mützen. Manche Standorte haben dabei den Charme der Wachstischtuchdecken-Abteilung eines Baumarktes kurz vor der Pleite andere wiederum, den einer liebevollen Grimmschen Märcheninszenierung. Sehr wohl fühle ich mich aber im kleinen aber exquisiten Weihnachtsmilieu rund um den Stadtgarten. Was auch damit zu tun hat, dass man dort den wohl besten Glühwein der Stadt bekommt. Eine Feststellung, die ich im übrigen schon lange vor einem entsprechenden Testergebnis im Stadtanzeiger machte. Das wollte ich an dieser Stelle mal gesagt haben.

Am liebsten stehe ich mit meinem Glühweinbecher unter einer der großen Platanen, unter dem ich mich im Sommer durchaus auch schon einmal mit einem Kaltgetränk befinde. Als wir uns im letzten Jahr dort einfanden, irritierte mich schon nach wenigen Minuten ein ziemlich strenger Geruch von schräg hinten. Zunächst dachte ich an mangelnde Körperpflege diverser Weihnachtsmarktbesucher, da aber das Publikum wechselte, der Geruch aber der Gleiche blieb, blieben zwei mögliche Urheber der Belästigung übrig: entweder ich selbst oder aber eine der umliegenden Buden. Im Nachhinein handelte es sich um ein bedauerliches Missverständnis, weil der vermeintliche Gestank sich bei genauerer Inspektion als der Duft eines großen, runden vollreifen Raclettekäses, der von fleißigen Damen unter einer Heizspirale geschmolzen und auf große Scheiben Graubrot gestrichen wurde.

Interessant ist an dieser Geschichte vor allem die Tatsache, dass, wenn man weiß, worum es sich handelt, auch ganz unangenehme Gerüche sehr lecker riechen können.

ethnografische notizen 010: ungarn 01

21. November 2010 – Budapest

Budapester Weihnachtsmarkt, November 2010

Der kulinarische Teil meiner Ungarnreise beginnt unspektakulär. Ich reiche der freundlichen Stewardess meinen vorab ausgedruckten Germanwings-Gutschein für ein Happy Picnic, dessen Analogien zum McDonalds-Klassiker vermutlich kein Zufalls sind. „Was möchten Sie dafür“, fragt sie geduldig. „Was gibt es denn“, möchte ich wissen. Sie zieht die Menükarte aus der Sitztasche meines Nachbarn und erläutert die Kombinationsmöglichkeiten aus Muffin, Schokocroissant und Wasa-Sandwich mit diversen Kalt- oder Heißgetränken. Ich entscheide mich für Orangensaft und das Wasa-Sandwich und erhalte eines der Sorte „cream cheese and chives“. Zwei Knäckebrotscheiben mit Frischkäse dazwischen, die auf wundersame Weise – laut Aufschrift ohne Konservierungsstoffe –  nicht pappig und weich werden, sondern vermutlich sogar bis zum Mindesthaltbarkeitsdatum im August 2011 frisch und knackig bleiben.

Auch in Budapest werde ich zunächst mit den Segnungen der Globalisierung konfrontiert. „Egészségedre“, sagt mein ungarischer Bekannter, der mir voller Stolz sein umgebautes Häuschen unweit der Innenstadt zeigt und reicht mir zum Jägermeister ein Glas belgisches Stella Artois, „was möchtest Du essen gehen?“ „Na ungarisch halt“, antworte ich.

Der Weihnachtsmarkt mitten im Zentrum sieht zunächst einmal aus wie in Deutschland auch. Kleine braune Holzbuden mit Weihnachtsartikeln, Spielzeug und Schmuck. Um diese Zeit haben die meisten Buden jedoch bereits geschlossen, nur noch ein paar Grüppchen sitzen auf dem mit Tischen und Bänken eingerichteten Podium auf der Mitte des Platzes und trotzen dem schlechten Wetter. Ein paar Meter weiter verkauft eine junge Frau Glühwein aus großen verzierten Krügen, die auf einem alten Ofen stehen. Daneben Glasvitrinen mit großen fast schwarzen Würsten, dicken Scheiben Polenta, Pommes und großen Stücken Schweinefleisch am Knochen. Auf der Theke stehen eine kleine Schüssel mit eingelegten grünen Peperoni und ein Blech mit Gurken, Sauerkraut und Paprika. Ich überlasse die Auswahl meines Abendessens Ferenc, der nach längerem Informationsaustausch mit der Verkäuferin mit einem großen Stück Fleisch, einer Polenta mit saurer Sahne und zwei hellgelben, kleinen runden Paprikaschoten. Beim Essen mit Plastikbesteck erzählt er, dass die Qualität des Essens in Budapest sich in den letzten Jahren wesentlich verbessert habe, dennoch hier und da zu wünschen übrig lässt. So habe die Frau von vorhin einer Kundin nicht sagen können, aus welchem Fleisch die Würste seien, die sie verkauft. „Das sind wir gewohnt“, sagt er, der, für einen Ungarn eher untypisch, nur Geflügel isst, „wenn ich bei uns in der Kantine so eine Frage stelle, muss auch erst immer der Koch gesucht werden.“ In meinem Fall handelt es sich eindeutig um Schweinefleisch, dass mit einem Haxenknochen daherkommt und mich mit einem angenehm kräftigen Pökelgeschmack an österreichisches Selchfleisch erinnert. „Ein typisches Winteressen“, erklärt Feri, „das hat meine Mutter früher auf dem Land auch so gemacht“. Die Polenta hingegen sei vor einigen Jahren noch eher unbekannt gewesen und hier in der Region ein transsilvanischer Einfluss. Die Paprika sind in sauer eingelegt, erstaunlich dickfleischig und ziemlich scharf. „Die braucht man zur Verdauung. Ungarisches Essen ist ja nicht unbedingt leicht.“

Unterstützung finden die Paprika dann auch nach einem kleinen Spaziergang entlang der Donau in einer Bar in der Nähe der Kathedrale. Pálinka, das ungarische Wort für Schnaps kann ich gerade noch erkennen, bin dann aber doch froh, einen fachkundigen Begleiter an meiner Seite zu haben. Wir beschließen den Abend mit Kaffee und einem mittelstarken Aprikosen-Pflaumen-Likör.

Budapest, November 2010