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ethnografische notizen 086: weihnachten 2000

27 Dez

Das Fest vor 14 Jahren – ein Bericht aus einer Zeit in der ich offensichtlich Quantität interessanter fand als Qualität.

14 Jahre später – vieles unverändert, Mützenich 2014

14 Jahre später – vieles unverändert, Mützenich 2014

 

  1. Dezember 2000 – daheim

10:54 Gehe viel zu warm angezogen alleine in die Stadt, um die letzten Geschenke zu kaufen. Gottseidank ist vom Weihnachtsmarkt nicht mehr viel zu sehen. Lediglich die Fettspuren der Imbissbuden auf dem Kopfsteinpflaster, auf denen man jetzt mit allen Einkäufen sehr einfach und unfestlich auf die Fresse fällt. 14:23 Kaufe einen Bilderrahmen, eine Zeitung, ein Taschenbuch und Salbeibonbons auf deren Rückseite die Familie Masserey beim Ernten des Salbeis in Venthône, im Kanton Wallis zu sehen ist. Außerdem zwei Filme zum Verknipsen. 18:00 Wieder zuhause. Raymond von der Kirche der letzten Tage klingelt und möchte mit mir per Sprechanlage über Gott sprechen. 18:10 Koche 500 Gramm Barilla mit Soße aus Tomaten, Paprika und Zwiebeln. 20:28 P. kommt friert den Rest Nudeln ein und kommt mit Salzstangen und einer Flasche Prosecco zurück vor den Fernseher. 21:16 P. taut die Nudeln in der Mikrowelle wieder auf und wir essen direkt aus der Schüssel. 22:57 Wir packen alle Geschenke zusammen. Im Flur sieht es aus, als würden wir 14 Tage nach Davos fahren.

 

  1. Dezember 2000 – bei den Eltern

07:00 Der Wecker klingelt. 08:58 Tanken. Der Liter Super Bleifrei kostet 1,92.9 Mark. 09:25 Zwischen Konzen und Mützenich stehen rotbunte, schwarzbunte und weiße Kühe auf der Weide. Trotz BSE wirkt keine sonderlich verrückt. 09:29 Papa kommt uns im Hof entgegen. Mama fragt: Warum tust Du mir das an?. Ich nehme an, sie meint meine neue Frisur. 09:30 Meine Schwester schläft noch. Als ich sie wecken will, sagt sie: Warum tust Du mir das an? 11:45 Spaziergang durch Monschau. Wir gehen ins Rur-Café, um P. die geschnitzte Wandvertäfelung zu zeigen, aber auch, weil wir sonst nicht wissen, wohin. „Am Wochenende gibt es Kakao, Kaffee und Tee nur in Kännchen.“ Dass es am Wochenende automatisch Sahne zur Schokolade gibt, steht nirgendwo. E. beschwert sich, dass ein gut geführtes Café zu solchen Zeiten mehr Personal haben müsste. 13:40 Mittagessen: Selbstgemachte Hühnersuppe mit Nudeln, dazu Baguette. 14:23 Aufgesetzter aus schwarzen Johannisbeeren. 14:40 P., E. und ich hängen vor dem Fernseher und schauen Sumo-Ringen. 15:40 Alle sind eingeschlafen. Draußen ist es -2 Grad, drinnen gibt es jetzt Kaffee und selbstgekneteten Christstollen. 17:12 Papa, E. und P. kommen vom Spaziergang zurück. 19:13 Abendessen: Königinnenpastetchen mit Worcester-Soße und Chicorée, Rotwein. 19:56 Walnußeis mit Eierlikör. Ich fühle mich nicht mehr ganz so leicht. 20:25 Portwein und Bescherung. P. hat alle Geschenke mit einer Art Eingangsstempel versehen. 21:40 Fange schon mal an, die Luftmatratze aufzupumpen. E. schläft im Gästezimmer, P. und ich im Wohnzimmer.

 

  1. Dezember 2000 – bei den Eltern/zu den Schwiegereltern

02:00 P. weckt mich, weil die Matratze Luft verliert und er sie aufblasen will. Gottseidank findet er die Doppelhubkolbenpunkte nicht. 07:37 Das Hochamt beginnt in diesem Jahr um 09:00 Uhr. 09:00 Hochamt. Die Predigt geht über den Konsum der Oberflächlichkeiten. Konsum mit Betonung auf der ersten Silbe, wie der einzige Lebensmittelladen im Dorf. E. und ich versuchen, uns nicht anzusehen. 09:49 Wieder zuhause, wieder Kaffee und Christstollen. 11:37 Portwein, Grauburgunder, elf Pfund Truthahn mit Mandelfüllung, Rotkohl aus dem Garten, Kartoffelklöße, Kartoffeln, gemischter Salat und Rotweincreme. 14:39 Die erste Etappe liegt hinter uns, Abfahrt nach Hofheim im Taunus. 14:50 Im dicken Schneetreiben halten wir an, um die Scheibenwischer sauber zu machen. 15:02 Rufe Tante M. an, um mitzuteilen, dass wir wegen der Wetterlage nicht wie geplant zu Kaffee und Kochen vorbeikommen, sondern direkt Richtung Frankfurt fahren. 17:09 Ankunft in Hofheim. Aus dem Augenwinkel sehe ich in der Küche eine nackte Ente, notdürftig in Küchenpapier gekleidet. 17:15 Apfelstrudel mit Sahne. Lehne zum ersten Mal höflich aber bestimmt ab und nehme statt dessen eine Tasse Tee. 17:37 Rufe in der Heimat an, um zu sagen, dass wir gut angekommen sind. Die Stimmung klingt ausgelassen durch den Hörer. 19:45 Vorab schon mal einen Rotwein aus Gläsern, die groß genug sind, um sich die Haare darin zu waschen. 20:00 Graubündner Rauchfleisch mit Salatherzen und Toast, mit Pfirsichen und Wirsing gefüllte Ente mit Semmelknödeln, Vanilleeis mit Himbeeren. 21:09 Mir ist so schlecht, wie schon lange nicht mehr. 21:18 Draußen ist es angenehm kalt. Mache heimlich auf dem Balkon ein paar Kniebeugen in der Hoffnung, dass sich dann alles etwas setzt. 23:46 Kurzatmiges Einschlafen.

 

  1. Dezember 2000 – bei den Schwiegereltern

07:36 Der Schneeräumservice räumt und schaufelt in Hessen offensichtlich auch da, wo kein Schnee mehr liegt. 09:36 Frühstück: verschiedene Brot- und Brötchensorten, Croissant, Müsli und Joghurt, Kaffee und Orangensaft, diverse Käse- und Aufschnittsorten ohne Berücksichtigung der Separatorenfleisch-Krise. Habe im Radio gehört, dass der deutsche Bundesbürger im Durchschnitt 31 Kilogramm Wurstwaren im Jahr verzehrt. 11:46 Ausflug nach Frankfurt. Im Städel-Museum sind lauter alleinstehende Herren mit ihre Müttern und im Treppenhaus riecht es nach Essen. 15:51 Tea Time mit anderthalb Packungen Butterspekulatius. 18:54 Habe Sodbrennen und trinke eine Kräutertee. 20:00 Abendessen: Dreierlei Fischsorten, Toast und Butter. Raclette mit verschiedenen Käsesorten, Ananas, Champignons, Hühnerfilet, Zwiebel, Pellkartoffeln und Brot. 21:27 Mir ist übel. Da helfen jetzt auch keine Kniebeugen mehr. 21:50 Jetzt hilft nur noch ein Jubiläumsaquavit.

 

  1. Dezember 2000 – bei den Schwiegerelten/zur Schwiegeroma

08:00 Sodbrennen. 08:17 Von 75,9 auf 77,5 kg finde ich vertretbar. P. behauptet, gar nicht zugenommen zu haben, räumt auf mein Insistieren aber dann doch zwei Kilo ein. 08:46 Esse ein Joghurt mit handgepflücktem Florenville-Rhabarber aus Flandern. Leider ist auf der Verpackung keine erntende Familie zu sehen, sondern lediglich der Boden aus Sand und Ton der ideale Wachstumsbedingungen liefert und Garant ist für den feinsäuerlichen Geschmack. 10:19 Lese im Zauberberg, den ich von den Schwiegereltern geschenkt bekommen habe. Führe die Unfähigkeit zur Konzentration auf den allgemeinen Übersättigungszustand zurück. 11:06 Abfahrt Richtung Köln. Es regnet heftig. 11:36 Rechts der Autobahn ein hohes grüngraues Futtermittelsilo vor einem weißen Feld. 11:57 Wir überholen einen Viehtransport, es gucken aber gottseidank keine Mäuler durch die Verstrebungen. 12:37 Ankunft in Porz. 12:40 Oma heißt uns mit Sauerbraten mit Rosinen und Printen, Weißkohlsalat und selbstgemachtem Apfelkompott im Rheinland willkommen. 13:35 Schaffe es gerade noch bis zum Sofa und kann sogar noch die Schuhe ausziehen. 13:45 Oma deckt mich vor dem Spülen noch einmal richtig zu. 15:00 Wir werden zum Metzger geschickt, um frische Bratwurst für das Abendessen zu kaufen. Wir einigen uns darauf, die Order einfach zu ignorieren. 15:55 Oma empört sich darüber, dass der Zauberberg viel zu klein gedruckt sei. 16:06 Kaffee und Käsequarkkuchen. Unter zwei Stücken kommt hier keiner weg. 16:29 Ziehe mich erneut aufs Sofa zurück. Informiere mich in der Neuen Post über den letzten Stand der unehelichen Kinder in den europäischen Fürstenhäusern. 18:25 P. und Oma machen die Speisereste in alten Margarinebehältern transportfähig. 18:41 Abfahrt, diesmal ohne Regen. 19:35 Zurück in Aachen. Irgendwie keinen Appetit mehr.

miniportion 340: karpfen

18 Jan
Silberkarpfenkoteletts, Berlin 2008

Silberkarpfenkoteletts, Berlin 2008

Meine ersten eigenen Haustiere waren gelbe und rote Goldfische und ich schwöre, dass ich nie daran dachte, sie zuzubereiten und aufzuessen. Einmal aber las ich in einem meiner Goldfischbücher, dass man die Zierfische in Asien auch verspeisen würde und dass sie zwar ein wenig modrig, alles in allem aber dem Karpfen nicht unähnlich schmecken würden. Damit war mein Interesse geweckt, denn zu den kulinarischen Mythen, die man von der Nachkriegsgeneration gerne erzählt bekommt, gehört die eines Karpfens, den es entweder a) früher IMMER an Weihnachten oder wahlweise IMMER an Silvester gegeben habe oder den es b) einmal gegeben habe, weil man das auch mal ausprobieren wollte. In meiner Familie existiert eine solche Geschichte der B-Variante, die mein Vater früher gelegentlich erzählt und die im wesentlichen aus der Anekdote besteht, dass das Tier eine Weile in der Badewanne gelebt und keiner es habe umbringen wollen. Mütterlicherseits weiß ich übrigens nichts von Karpfen zu berichten, obwohl die saarländischen Großeltern das erste richtige Badezimmer der Straße anschafften und somit die logistischen Voraussetzungen vorhanden gewesen wären.

Selbst aß ich Karpfen erstmals in einem Kellerrestaurant irgendwo in Prag, dessen Karte diverse böhmische Spezialitäten beinhaltete. Der Fisch kam in Scheiben, in Bierteig ausgebacken und mit derselben dunklen Soße, mit der auch alle anderen Gerichte böhmischer Provenienz ausgestattet waren. Später, als meine Eltern mich einmal in Berlin besuchten, wagte ich mich selbst an die Zubereitung, allerdings nicht lebend und im Ganzen, sondern in appetitliche Koteletts zerteilt, die ich beim Fischhändler auf dem Wochenmarkt erstand. Das Rezept hieß „Karpfen polnisch“ und beinhaltete neben Soßenlebkuchen, Sultaninen und Mandelstiften eine ganze Menge kleiner, perfider Gräten. Meine Eltern waren höflich begeistert, erzählen seitdem aber auffallend selten von Süßwasserfischen.

miniportion 310: plätzchen

2 Dez
Springerle ohne Butter und ohne Mandel, Aachen 2010

Springerle ohne Butter und ohne Mandel, Aachen 2010

Heute ist die hier erzählte Geschichte dem Adventskalender-Projekt meiner Blogger-Kollegin „giftigeblonde“ gewidmet, deren tägliches Treiben ich jeden Tag mit viel Interesse verfolge!

Ab Ende November ungefähr, wenn der Himmel bei kaltem Wetter morgens oder abends besonders schön rosarot gefärbt war, sagten meine Eltern uns, das Christkind backe gerade Plätzchen. Das kam mir als Kind sehr logisch vor, weil ab diesem Zeitpunkt auch meine Mutter damit beschäftigt war, diverse mit einer Papierserviette ausgelegte Metalldosen zu füllen, die dann im ungeheizten und dunklen Gästezimmer auf der alten Nähmaschine aufbewahrt wurden. Dieser Raum befand aus Kindersicht strategisch ziemlich günstig in einer Ecke des Hauses, so dass man ihn mit etwas Geschick auch unbemerkt besuchen konnte. Visiten, die gelegentlich zu Protesten der Plätzchenproduzentin führten, die die von ihr zusammengebackenen Vorräte für die Weihnachtstage schwinden sah. Heute denke ich, dass sie die Verluste schon einkalkuliert hatte. Aber damals wurde – zumindest offiziell – das Weihnachtsgebäck erst ab Heilig Abend gegessen. Der Advent war ja schließlich einmal so etwas wie eine Fastenzeit.

Auch die Großmutter meines Mannes war eine ziemlich produktive Hausfrau, die jährlich für meine Schwiegereltern und für jedes der beiden Enkelkinder jeweils ein Kilogramm Mehl zu Butterplätzchen verarbeitete, welche ausdrücklich schon vor den Feiertagen zu essen waren. Diese Angewohnheit behielt sie bei, bis sie sich schließlich mit 90 Jahren nach dem Umzug ins betreute Wohnen nicht mehr an einen neuen Backofen traute. Seitdem versuche ich mich immer wieder mal an ihrem Rezept, das aus eher vagen Angaben für Mehl, Zucker, Butter, Eier und Backpulver besteht. Dabei nehme ich „etwas mehr“ Butter, so wie es auf dem Zettel steht und ich pelle auch die Mandeln für obendrauf von Hand, weil die geschälten aus dem Laden „viel zu teuer“ sind. Das Ergebnis ist meistens passabel, reicht aber nie – auch nicht in meinen Augen – an die Originale von Oma heran. Ob nach ihrem Tod das Christkind die Regie beim Backen abgeben musste, ist übrigens noch ungeklärt.

ethnografische notizen 019: waffelbacken im advent

15 Dez

Köln, Dezember 2010

In Köln bezeichnet man bereits mehr als zweimal in regelmäßigen Abständen hintereinander ausgeführte Handlungsmuster gerne als Tradition. Das Waffelbacken am 3. Advent veranstalten meine Freunde Stefan und Andreas hingegen bereits zum neunten oder zehnten Mal –  so genau kann sich da keiner mehr dran erinnern. Die Küche ist wieder aufgeräumt, die leeren Sektflaschen stehen ordentlich sortiert vor der Tür und die Spülmaschine läuft ein letztes Mal. Lediglich die Waffeleisen vom Vortag weisen noch ein paar Teigreste auf. Rund 35 Freunde und Bekannte verzehrten zwischen drei und elf Uhr insgesamt 72 Eier und mehr als 2 Kilogramm Butter.

Waffeln waren für mich jahrzehntelang weniger mit hippen Stehpartys als mit Pfarr- und Nachbarschaftsfesten verbunden. Mit großen von einer der Dorfbäckereien angelieferten weißen Eimern mit flüssigem Teig und mit auf der Wiese aufgebauten Waffeleisen, hinter denen gut gelaunte Hausfrauen die Kellen schwangen. Dabei ist das Rheinland umgeben von einem ganzen Waffeluniversum. Rechtsrheinisch hat man die herzförmige Standardversion sogar als regionale Spezialität schwerpunktmäßig in der „Bergischen Kaffeetafel“ verankert. Die Niederländer können mit ihren stroopwafels (auf französisch gaufre hollandaise) punkten – eine aus Holland stammenden Kombination aus dünnen mit Zimt gewürzten Waffeln und einer kochendheißen Butter-Zucker-Masse, die mitunter als Fabrikversion auch bei uns in den Supermärkten auftaucht. Vergleichbar auf belgisch-wallonischer Seite sind die Lütticher lacquemants, die vor allem auf dem Foire, dem im Oktober veranstalteten riesigen Jahrmarkts in rauen Mengen verzehrt werden und die statt Butter und Zucker mit ebenso heißem Apfelkraut aneinandergeklebt werden. Doch Belgien hat mehr zu bieten, wie beispielsweise die dicken Lütticher Waffeln aus Hefeteig oder die etwas elegantere, leichtere Brüsseler Version, die rund um das Manneken Pis mit Sahne, Schokolade und Erdbeeren vor allem bei amerikanischen Touristen Absatz findet.

In Köln gab’s am 3. Advent gleich vier Eisen und mit den Geschmacksrichtungen Standard, Walnuß und herzhaft gleich drei Versionen in Herzchenform. Auch das hat Tradition.

Köln, 2004

werkzeugkunde 006: stollenschlauch

9 Dez

Titel: Stollenschlauch

Fundort: Berlin, Karstadt Hermannplatz

Jahr: 2009

Material: Cellophan