miniportion 266: waffeln

Waffelnacktessen, Brüssel 2013

Waffelnacktessen, Brüssel 2013

Im Fotoalbum, welches ich zum 18. Geburtstag geschenkt bekam, befindet sich ein Foto, auf dem ein als Dame verkleidetes Kind mit Hut und Schleier eine mit Puderzucker bestreute Waffel isst. Meine Mutter behauptet seit Jahren felsenfest, dass ich die auf dem Foto abgebildete Person sei. Ich hingegen habe an diese Maskerade überhaupt keine Erinnerung und bestreite diese Zuschreibung daher seit Jahren. Aber wie dem auch sei – wer, wie ich, auf dem Land aufwächst, ist mit Waffeln bestens vertraut. Zwischen Wiesen und Feldern gehören sie nämlich zum festen Repertoire von Sonntagkaffees, Kindergeburtstagen und Nachbarschaftsfesten. Wenn man sich dann auch noch, wie ich, im katholischen Milieu bewegt, hat man zumeist nicht nur eine Karriere als Waffelkonsument sondern auch eine solche als Waffelbäcker hinter sich. Einmal im Jahr, beim Pfarrfest, war es nämlich die Aufgabe der Jugendgruppen, Waffeln zu backen und aus einem Fenster des alten Pfarrheims hinaus gegen Papiermärkchen zu verkaufen, die man irgendwo in der Nähe des Bierstands für eine Mark käuflich erwerben konnte. Zu diesem Zwecke lieferte einer der örtlichen Bäcker mehrere Eimer mit Waffelteig, die im Laufe des Sonntagnachmittags in mehreren von Privatpersonen zur Verfügung gestellten elektrischen Eisen verbacken wurden. Am Ende des Tages waren die Eimer leer und den Mitgliedern der Jugendgruppe meist schlecht, weil man a) den Teig auch mal so kosten musste und b) die unschönen Waffeln ja nicht verkaufen und daher selbst aufessen muss.

Weniger in katholischer Manier und nicht auf dem Land, aber ebenfalls jedes Jahr, findet das weihnachtliche Waffelbacken bei unseren Freunden S. und A. statt. Immer am dritten Advent nämlich. In diesem Fall kommt der Waffelteig allerdings nicht aus einer Großproduktion, sondern die verwendeten 30 Eier werden in liebevoller Handarbeit von den Gastgebern ganz persönlich aufgeschlagen.

ethnografische notizen 019: waffelbacken im advent

Köln, Dezember 2010

In Köln bezeichnet man bereits mehr als zweimal in regelmäßigen Abständen hintereinander ausgeführte Handlungsmuster gerne als Tradition. Das Waffelbacken am 3. Advent veranstalten meine Freunde Stefan und Andreas hingegen bereits zum neunten oder zehnten Mal –  so genau kann sich da keiner mehr dran erinnern. Die Küche ist wieder aufgeräumt, die leeren Sektflaschen stehen ordentlich sortiert vor der Tür und die Spülmaschine läuft ein letztes Mal. Lediglich die Waffeleisen vom Vortag weisen noch ein paar Teigreste auf. Rund 35 Freunde und Bekannte verzehrten zwischen drei und elf Uhr insgesamt 72 Eier und mehr als 2 Kilogramm Butter.

Waffeln waren für mich jahrzehntelang weniger mit hippen Stehpartys als mit Pfarr- und Nachbarschaftsfesten verbunden. Mit großen von einer der Dorfbäckereien angelieferten weißen Eimern mit flüssigem Teig und mit auf der Wiese aufgebauten Waffeleisen, hinter denen gut gelaunte Hausfrauen die Kellen schwangen. Dabei ist das Rheinland umgeben von einem ganzen Waffeluniversum. Rechtsrheinisch hat man die herzförmige Standardversion sogar als regionale Spezialität schwerpunktmäßig in der „Bergischen Kaffeetafel“ verankert. Die Niederländer können mit ihren stroopwafels (auf französisch gaufre hollandaise) punkten – eine aus Holland stammenden Kombination aus dünnen mit Zimt gewürzten Waffeln und einer kochendheißen Butter-Zucker-Masse, die mitunter als Fabrikversion auch bei uns in den Supermärkten auftaucht. Vergleichbar auf belgisch-wallonischer Seite sind die Lütticher lacquemants, die vor allem auf dem Foire, dem im Oktober veranstalteten riesigen Jahrmarkts in rauen Mengen verzehrt werden und die statt Butter und Zucker mit ebenso heißem Apfelkraut aneinandergeklebt werden. Doch Belgien hat mehr zu bieten, wie beispielsweise die dicken Lütticher Waffeln aus Hefeteig oder die etwas elegantere, leichtere Brüsseler Version, die rund um das Manneken Pis mit Sahne, Schokolade und Erdbeeren vor allem bei amerikanischen Touristen Absatz findet.

In Köln gab’s am 3. Advent gleich vier Eisen und mit den Geschmacksrichtungen Standard, Walnuß und herzhaft gleich drei Versionen in Herzchenform. Auch das hat Tradition.

Köln, 2004