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soulfood düren – #005

22 Nov

Düren. Ich mache mich auf die Suche nach den kulinarischen Vorlieben, Erinnerungen und Gewohnheiten dieser Stadt mit deutschem Durchschnitt. Zwischen Köln und Aachen, zwischen hier und da. Ungeliebte Stadt, weggebombt und Annakirmes, Underdog, Papier. Reden wir drüber, denn sprechen über Essen und Trinken heißt sprechen über das Leben, die Liebe und die Stadt …

Bonjour Vietnam, Düren, November 2016

Bonjour Vietnam, Düren, November 2016

Bonjour Vietnam

Auf meine Anfrage im Facebook-Forum „Düren, unsere Stadt“, bekomme ich den neuen Vietnamesen in der Zehnthofstraße ans Herz gelegt. „Unbedingt empfehlenswert“, schreibt D., „authentische Küche, guter Service. Eine Bereicherung für Düren.“ „Was gab’s denn beim letzten Besuch?“, frage ich zurück. Prompt folgen zwei appetitliche Fotos. „Unbedingt den vietnamesischen Kaffee zum Abschluss.“ „Und die Suppe als Vorspeise“, ergänzt M. mit einem eigenen Bild. Weiterlesen

ethnografische notizen 094: pho

6 Mrz
Pho Bo nach Art des Hauses, Reisschale, Berlin 2015

Pho Bo nach Art des Hauses, Reisschale, Berlin 2015

Zum ersten Mal aß ich Phở in Paris, vor rund 20 Jahren, als kosmopolitische Freunde aus meiner Heimatstadt mich kurzerhand für ein Wochenende mit in die französische Hauptstadt mitnahmen. An viel kann ich mich nicht mehr erinnern, außer an ein kleines, schmales Restaurant, das eigentlich schon geschlossen hatte, sich aber noch einmal überreden ließ, uns wenigstens eine Suppe zu servieren. Diese eine Suppe erwies sich im Nachhinein aber als vietnamesischer Signature-Dish mit einer Einlage aus Nudeln, Fleisch und Kräutern. Für Paris als ehemalige Kolonialmacht in Französisch-Indochina vielleicht nichts besonders, aber für einen am Ende des Vietnamkriegs geborenen Westdeutschen war die Sozialistische Republik in den 1990er Jahren nicht nur kulinarisch ein blinder Fleck.

Phở, so lese ich bei Wikipedia, sei eigentlich ein Frühstück, weshalb entsprechende Restaurants bereits früh öffnen und aber schon im Laufe des Vormittags wieder schließen würden. Das mit dem Frühstück gefällt mir, ich bin aber trotzdem froh, dass die „Reisschale“ gegenüber der Neuen Welt in Neukölln auch noch am frühen Nachmittag geöffnet hat.

Gleich fünf Personen arbeiten hinter der Theke. Sie tragen fahlgelbe T-Shirts über dunklen Longsleeves. Einer der Kellner trinkt einen Rest Kaffee aus einem Pappbecher und bringt mir die Speisekarte. Im Kragen seines T-Shirts hängt eine Lesebrille.. Draußen scheint die Sonne und Leute aus dem Bauhaus kommend vorbei Richtung Hermannplatz. Die Karte bietet neben thailändischen Gerichten auch Sushi. Ich bestelle Pho Bo nach Art des Hauses, leicht pikant und der Kellner wischt eine liegengebliebene Sprosse vom Tisch.

Eine Kellnerin in einem schulmädchenartigen Faltenrock bringt mir mein Wasser und kurz darauf mein Essen. Aus der weißen Schüssel steigt der Duft von Sternanis und Basilikum auf. Dünne, breite Nudeln, in einer sehr heißen Brühe. Stäbchen aus Plastik, deren Dekoration von der Spülmaschine ausgeblichen ist. Ich lasse die Suppe abkühlen, während ich mir Notizen mache.

Das ältere Ehepaar am Nachbartisch hat vor dem Essen einen Fruchtcocktail getrunken. Willst Du noch was, fragt die Frau ihren Mann und schiebt ihm ihren Teller rüber. Auf dem abgewetzten Laminatfußboden kann sehen, wo die Hauptwege verlaufen. Am Tisch auf der anderen Seite des Pfades unterhalten sich zwei junge Frauen mit Kind in einer Sprache, die ich nicht identifizieren kann

Eine vereinzelte amerikanische Touristin hält ihre Handtasche auf dem Schoß und studiert während des Essens ein Wellness-Prospekt. Hinter ihr eine Buddha-Statue, violette Orchideen und ein Buch mit dem Titel „In der Stille wächst die Kraft“. Lautlos läuft der Ventilator in der Glasfassade während ein älterer Koch seinen Kolleginnen eine vietnamesische Geschichte erzählt.

Vor der Türe stehen Biertischgarnituren für unempfindliche Gäste, denn obwohl die Sonne scheint, ist es noch ziemlich kalt. Eine Mitfünfzigerin in einem aus bunten gehäkelten Lappen zusammengesetzen Pullover bestellt eines der thailändisches Gericht. „Habe ich das richtig ausgesprochen?“, sagt sie und lacht unsicher. Der Kellner hat sie nicht verstanden und sie zeigt auf die Speisekarte.

Der Fahrer eines Kleinlasters mit der Aufschrift „Für das Essen nur das Beste – Gerlicher Öle und Fette“  fährt, unbeachtet vom Personal, eine Sackkarre mit vier großen mit strahlendgelbem Rapsöl gefüllte Behälter durch das Restaurant. Auf dem Rückweg schiebt er bräunliche Fette für die Entsorgung vor sich her.

Hintendurch wird gemörsert, von vorne hört man das Klappern der Woks. An der riesigen Dunstabzugshaube hängt eine kleines Eimerchen mit der Aufschrift Ömür-Joghurt.

Ein bärtiger Hipster-Junge mit Nasenring, enger Jeans, gestrickter Mütze und Parka bestellt ein Gericht mit Ente.

Die Welt in einer Reisschale.

miniportion 189: matcha

29 Jul
Japan Matcha Pulvertee, Bonn 2013

Japan Matcha Pulvertee, Bonn 2013

Matcha, so meinte Freund D. schon im vergangenen Jahr, sei der Trend der den Bubbletea endgültig ablösen werde. Ich hoffe zwar sehr, dass er damit recht behält, hege aber doch noch ein paar Zweifel. Nicht so sehr, weil ich mich bei einem Spaziergang durch die Aachener Innenstadt vor einem ehemaligen Bubbletea-Fachgeschäft plötzlich mit dem neuen Trendprodukt „Bubblewaffle“ konfrontiert sah, sondern vielmehr aufgrund des intrinsischen Aufwands, der vor dem Verzehr des Getränks betrieben werden muss. Denn während die mehr oder wenige komplexe Zubereitung des Bubbleteas dem Verkäufer oder der Verkäuferin aufgebürdet wird, liegt beim Matcha-Tee die Verantwortung für das regelgerechte Erhitzen und Abkühlen, Auf- und Abgießen, Rühren und Schäumen ausschließlich beim Konsumenten oder der Konsumentin.

Matcha ist der japanische Ausdruck für gemahlenen Tee und einer der Hauptbestandteile der dort beheimateten Teezeremonie. Während man bislang in Deutschland bei selbigem Ritual im Allgemeinen an bleich geschminkte Damen dachte, die mit kirschroten Lippen in weiten Kimonos vor diversen mysteriösen Gerätschaften auf dem Boden knien, ist das zentral gestellte Getränk plötzlich Teil des bildungsbürgerlichen Kanons geworden. Sogar in Aachen, wo in zentraler Lage nun gleich vier Teeboutiquen auf engstem Raume um die Aufmerksamkeit der Kunden konkurrieren. Eine davon gehört einer zierlichen Dame mit einem ebenso zierlichen Windhund, der auf den Namen Emily hört. Dort versuchte ich meinen ersten Matcha-Tee. Und weil es unhöflich ist, Menschen, die man nicht kennt, ohne Umschweife nach ihrer Herkunft zu befragen, wartete ich formgerecht, bis sie ihre in Vietnam lebende Mutter erwähnte. Höflich fragte ich also nach Art und Beschaffenheit des Tees, den man dort trinke. „Oh“, antwortet die Dame, „eher schlecht!“ Man trinke Tee ohne besondere Aufmerksamkeit. „Jetzt müsste Ihr Wasser die richtige Temperatur haben“, fuhr sie fort, „und immer schön in einer Acht rühren.“