La France en Pâtisserie – Rosa Roderigo

Mürbeteig Tarte Tatin & Konditorin Rosa Roderigo
(Fotos: Jennifer Braun & Dörthe Boxberg)

Im August habe ich insgesamt rund 49 Eier, 2.775 g Zucker und 1,675 kg Butter verbacken. Um den Zucker kommt man in der Pâtisserie nicht herum – der schöne deutsche Ausdruck „Zuckerbäcker“ kommt nicht von ungefähr. Aber über Eier, Butter, Sahne und Milch kann man sich durchaus mal Gedanken machen.
Daher habe ich mich wieder bei Rosa Roderigo gemeldet, die ich im Sommer dieses Jahres anlässlich ihrer Meister*innenprüfung als Konditorin interviewen durfte.
Das gesundheitliche, ökologische und ethische Für und Wider lasse ich an dieser Stelle außen vor, das kann und muss jede*r für sich selbst entscheiden. Aber interessant ist in jedem Fall, dass es für alles auch eine Alternative gibt …

Rosa, ist es eigentlich schwer, ohne tierische Produkte zu backen?

Man kann die meisten Rezepte ganz einfach „veganisieren“, man muss aber ein bisschen experimentierfreudig sein. Es gibt Rezepte, die auch ich ein paar Mal ausprobieren muss, bis ich sie so hinbekomme, wie ich das gerne hätte. Man braucht also ein bisschen Geduld, aber die muss man beim Backen ja sowieso haben.

Womit kann ich denn meine 49 Eier ersetzen?

Es gibt für alles eine passende Lösung. Statt Eiern kann man beispielsweise reife Bananen verwenden oder etwa Seidentofu. Damit bekommt man übrigens auch eine tolle Mousse au Chocolat hin. Gemahlene Leinsamen gehen auch. Da lautet die Faustregel: 2 Esslöffel Leinsamen in vier Esslöffeln warmem Wasser quellen lassen. Das sorgt für die Bindung, die sonst eben von den Eiern kommt.

Und die 1,675 kg Butter?

Margarine ist nicht nur günstiger, sondern auch verträglicher und reich an ungesättigten Fettsäuren. Nuss- oder Mandelmus gehen aber auch, oder Speiseöle. Dabei sollte man aber darauf achten, dass die kaltgepresst sind – wiederum wegen der Fettsäuren. Beim Speiseöl sollte man etwa dreiviertel der Butter ersetzen, also nicht die gesamte Menge. Kokosöl wäre auch eine Alternative. Damit wird das Gebäck sehr saftig, allerdings hat das einen intensiven Geschmack, den man mögen muss.

Und andere Molkereiprodukte?

Pflanzlichen Milchersatz gibt es ja inzwischen in jedem Discounter. Soja, Hafer, Reis – da kommt es auch wieder darauf an, was man für einen Geschmack haben will. Reismilch zum Beispiel ist meistens süßer und hat keine besondere Eigennote. Ich arbeite am liebsten mit Sojamilch, weil die eine sehr gute Bindung. Früher wurde außerdem auch viel ganz einfach mit Wasser gebacken.

Alles klar, dann ist der Rührteig für den Gâteau nantais schon mal abgedeckt. Wie machen wir den Mürbeteig für die Tarte Tatin?

Da würde ich mit Seidentofu arbeiten, für die lockere Beschaffenheit.

Da muss ich dann einfach mal ein bisschen mit experimentieren?

Hier kannst du das in der Tat komplett austauschen: 60-80 g Tofu ersetzen ein Ei. Das gilt auch für Bananen. Die sind eben auch ein gutes Bindemittel, aber eben auch geschmacklich auch präsent. Obwohl ich persönlich das bei fruchtigem Gebäck gerne mag.

Und die Puddingcreme im Paris-Brest?

Einfach Butter und Ei weglassen und auf die Stärke als Bindemittel setzen. Und ganz normales Puddingpulver ist im Normalfall auch vegan.

Bleibt noch der Honig in den Madeleines …

Denn kann man prima mit Zuckerrübensirup ersetzen. Ich bin mitten in der Lebkuchenproduktion und hab’s gerade ausprobiert. Ansonsten gehen aber auch Ahornsirup oder Agavendicksaft.

Rosas Instagram-Kanal @rosakochtgruen ist nach ihrer Meister*innenprüfung und während des ersten Lockdowns entstanden. Er bietet vegane Rezepte abseits der üblichen Salate und Bowls, handfestes und deftiges Essen für die Seele.

Und weil fast schon Weihnachten ist, gibt es hier – und nur für euch:

Rosas Lebkuchenrezept:

100 g Margarine
450 g Zuckerrübensirup
100 g brauner Zucker
600 g Mehl
20 g Kakao
1 Prise Salz
3 TL Lebkuchengewürz
1 TL Zimt
1/2 Packung Backpulver

Margarine und braunen Zucker im Topf bei kleiner Temperatur lösen.  Alle trockenen Zutaten in eine Schüssel geben und vorab vermengen. Zuckerrübensaft in die Mitte der Mischung geben. Die gelöste Margarine-Zucker-Mischung hinzufügen und mit einer Küchenmaschine durchkneten. Den Teig für mind. 1h kaltstellen. Den Ofen auf 170 Grad vorheizen. Nun den Teig circa 1 cm dick ausrollen. Beliebige Ausstecher wählen oder mit einem Messer die gewünschte Form ausschneiden und für circa 11-12 Minuten in den Ofen geben. Am besten schmeckt der Lebkuchen, wenn man ihn mit Kuvertüre abstreicht. Ausgarnieren kann man das Ganze aber auch mit Puderzucker und einem Tropfen Wasser. Wer mag kann den Guss mit Spinat oder Rote Beete Pulver durchfärben.

Viel Spaß!

ethnografische notizen 082: rotonda restaurant

„Erbse“ - Rotonda Restaurant, Köln 2014

„Erbse“ – Rotonda Restaurant, Köln 2014

Bei der Einrichtung hat man sich Mühe gegeben, nicht so auszusehen, wie man sich einen Businessclub im Allgemeinen wohl so vorstellt. Im Zeitschriftenregal am Eingang liegen das Slow Food Magazin und Business Punk. Es gibt anthrazitfarbener Filz und limonengrüner Stoff auf den Stühlen, helles Holz in den Möbeln, dunkles am Boden, eine kupferfarbene Säule und eine ebensolche Theke. Lediglich die apricotfarbenen flammenden Käthchen auf den Stehtischen und die Sansibar-Kiste im ansonsten sorgfältig gekramten Weinregal fallen ein wenig aus dem Konzept. Ich unterhalte mich mit dem Vertriebsmenschen einer mir bis dato unbekannten High End-Porzellanmanufaktur, der a) auch alleine hier ist und b) offensichtlich Geschäfte wittert. „Wir bestücken die zehn besten Businessclubs in Deutschland“, sagt er und ich wundere mich, dass es in Deutschland offensichtlich zehn Businessclubs gibt. Ein Mann mit einem weißen Suhrkampband in der Hand kommt auf uns zu. „Ich bin Oliver“, sagt er und gibt mir die Hand, „wir haben hin und her gemailt.“ Ich kann mich aber nicht erinnern, mit einem Oliver gemailt zu haben. Schließlich kapiere ich, dass es sich um den Geschäftsführer handeln muss. Der ist entweder sehr belesen oder hat seine Ansprache in einem Blanko-Notizbuch mit intellektuellen Anstrich notiert. Er habe heute Mittag noch extra angefertigtes Geschirr in Amsterdam abgeholt, erzählt er in Plauderstimmung. Der Ofen der Keramikerin sei so voll gewesen, dass sie statt den geplanten 48 ganze 60 Stunden habe brennen müssen. Der Porzellanmann guckt ein wenig irritiert. Wir nehmen an den Tischen Platz, deren Nummer sehr klein auf das Namensschild gedruckt ist. Die eine Hälfte unseres Tisches ist belegt von der Werbeagentur, an der anderen Hälfte sitzen der Porzellanmann, der Vertreter eines ebenso renommierten Bad-Armaturen-Herstellers, der Herr von der Firma, die für das Kupfer zuständig ist und ich.

Der Geschäftsführer ergreift von der Bar aus mit einem Mikrofon in der Hand das Wort. „Herzlich Willkommen im neuen Rotonda“, sagt er, „es hat sich einiges geändert. Eigentlich alles.“ Man wolle intelligente, bunte, frische Küche bieten und lege den Schwerpunkt deshalb auf ein veganes Menü. „Weil wir glauben, dass hier ein Teil der Zukunft liegt.“ Seine Aufzählung erinnert ein bisschen an die Fürbitten in einem katholischen Gottesdienst. Weil man aber keine pädagogische Einrichtung sei, könne man zu jedem Gang auch Fleisch oder Fisch dazu bestellen. Man verzichte auf Monsanto und Nestlé, verspricht er und – mit einem Blick zu den älteren Gästen im Raum – er wolle die Arbeit fortsetzen, die sein Vater in den letzten 15 Jahren geprägt habe. Er bespricht die kupferbeschichtete Säule und die neuen Sichtachsen in die Küche, denen ein Kampf zwischen Kochteam und ihm vorangegangen sei. In keinem Fall aber werde es wieder weiße Tischdecken geben. Er schlägt den Suhrkamp-Band auf (doch kein Notizbuch) und bekräftigt seine Ablehnung mit einem Zitat des Schweizer Schriftstellers Ludwig Hohl zur allgemeinen Nutzlosigkeit der Tischdecke. Plötzlich ist die Rede von acht Gängen, denen wir uns widmen sollen und ich schreibe schnell eine SMS nach hause, dass ich nun doch nicht schon nach den versprochenen anderthalb Stunden wieder zurück sein werde.

Erstaunlicherweise bestellen alle am Tisch das vegane Menü. Peer pressure nennt man das wohl. Der Service bringt türkisfarbene Keramikschalen mit Butter und Brot. „So was haben wir zuhause auch“, sagt der Porzellanmann, „für unsere Katzen.“ Ich hingegen finde die Keramik ganz reizend, bin allerdings auch sehr froh, nach drei großzügig ausgeschenkten Gläsern Cava endlich etwas Substanzielles vorgesetzt zu bekommen. „Der Weißburgunder von Dr. Loosen hat etwas mehr Säure“, sagt der Sommelier mit leicht schwäbischem Akzent, „aber auch mehr Restzucker, der zu den orientalischen Noten des Amuse passt.“ Selbiges besteht aus einem bemerkenswert luftigen Gewürzcouscous mit dicken Rosinen und Pistazien. Der Porzellanmensch begutachtet derweil den silbrigen Butterteller, der noch aus der Ausstattung des alten Clubs übernommen zu sein schein. „Den Rand“, resümiert er zufrieden, „bekommt Rosenthal einfach nicht hin.“ Der Sommelier schenkt mir zum dritten Mal Wein nach, vielleicht weil die anderen am Tisch immer darauf hinweisen, dass sie ja noch fahren müssen. Vermutlich habe ich bereits beim Aperitif meinen Ruf ruiniert. Die freundlicherweise auf meinem Platz ausgelegte Menükarte informiert mich darüber, dass der erste Gang den Titel „Erbse“ trägt. „Schmeckt spannend“, sagt die Dame von der Werbeagentur, die vorhin für die Auswahl der aus dem Material von Hutablagen im Auto gefertigten Sitzschalen gelobt wurde. Das gemahlene Currybrot ist ihr offensichtlich zu scharf. Wir unterhalten uns ein wenig über die Stühle und dann über die Gurke, die überraschend nach Fenchel schmeckt. „Man muss offen für Neues sein“, sagt mein Gegenüber ein wenig skeptisch.

Die Kellnerinnen und Kellner servieren „Süßkartoffel“. Außerdem Physalis, Vadouvan und Nüsse, wie ich der Karte entnehme. Dazu spricht Herr R. vom Frischparadies im nahegelegenen H., von dem Fisch und Meeresfrüchte kommen. Aber auch Gemüse, wie der Geschäftsführer betont. Herr R. erzählt von sehr frischen Fischen von sehr kleinen Boten in der Bretagne. Die seien High End, weil man gar keine frischeren bekommen könne. Von „um die Ecke“ hingegen stammt der Wein zum dritten Gang (Zucchini, Tomate, rote Zwiebel und Chili). Weniger weil er vom Oberrhein kommt, sondern vielmehr weil man ihn in dem von mir hochgeschätzten Vin naturel-Laden „Vincaillerie“ in der Ehrenfelder Leostraße kaufen kann, wie ich auf Nachfrage erfreut feststelle. Der Geschäftsführer hingegen ist seinerseits erfreut, dass er mir nicht erläutern muss, das Vin naturel im Idealfall ohne jegliche Zusatzstoffe auskommt und daher mit ganz unerwarteten Noten überraschen kann. „Choucroute“, sagt er und riecht noch einmal am Glas, „ja, Noten von Sauerkraut.“ Eigentlich habe er diesen Wein in spanischen Bechern servieren wollen, erzählt er, die Nase stünde in diesem Fall ja nicht so im Vordergrund. Ich nicke. „Wir justieren noch“, fährt er fort, „und ich bin dankbar für jede Unterstützung.“

Beim Hauptgang freue ich mich über die süße Apfel-Zimt-Note in der Soße der riesigen steinpilzgefüllten Ravioli am Boden des Tellers, die ich erst auf den zweiten Blick entdecke. Während ich mich so freue, landet eine Perlzwiebel in meinem Schoß. Der Porzellanmann hat früher einmal bei einer renommierten High End-Glasmanufaktur gearbeitet und erklärt, wie ein ordnungsgemäßes Colaglas beschaffen sein muss. „Möchten Sie auch eins?“, fragt er den Armaturenmann, der den ganzen Abend über bereits Cola trinkt. „Nein danke“, sagt der, „ich brauche das Original.“ Der Kupfermann lässt eine eindrucksvolle Broschüre mit den Arbeiten seiner Firma in High End-Geschäften in Prag, Dubai und London herumgehen. Im Laufe des Abends ist er der Einzige, der keinen Witz über fehlendes Fleisch auf dem Teller macht. Die anderen sprechen über Burger-Restaurants in Köln, Aachen und Düsseldorf, über Mett und Tartar. So, als könnten sie das Gemüse auf dem Teller durch Worte zu einer „richtigen Mahlzeit“ aufwerten. „Lecker war’s“, sagt der Armaturen-Mann als der Koch auf seiner Runde durch das Lokal bei uns Halt macht, „wir konnten bloß das Steak nicht finden.“ Saloum Raphael Doucouré lächelt höflich.

Es hat sich einiges geändert im Rotonda – manche Gäste brauchen vielleicht noch ein bisschen.

Rotonda Restaurant / Pantaleonswall 27 / Köln / www.rotonda-restaurant.de

ethnografische notizen 59: vegane pizza

Kastanienallee/Prenzlauer Berg, Berlin im November 2012

Kastanienallee/Prenzlauer Berg, Berlin im November 2012

„Wir könnten die vegane Pizzeria bei mir um die Ecke ausprobieren“, sagt Freund J. als ich ihn am Ende der Tagung anrufe, um mich nach dem Abendprogramm zu erkundigen. „Vegan“, sage ich“, „das klingt irgendwie spaßfrei.“ Beim Stichwort „vegan“ denke ich an farblose Personen in grauen Biokooperativen oder an meinen ehemaligen amerikanischen Studenten Brian, der im Rahmen seiner Selbstfindung solange auf jegliche Nahrung tierischen Ursprungs verzichtete bis ihm die Haare ausfielen und er sich entschloss, es doch lieber mit einer militärischen Ausbildung bei den US-Marines zu versuchen (letztere im Gegensatz zur bewussten Ernährung übrigens nachhaltig erfolgreich). „Ach komm“, sagt Jens, „sei mal offen für was Neues.“ Nun stehe ich einer fleischarmen Ernährung aus ethischen, ökologischen und politischen Gründen nicht abneigend gegenüber und Produkte aus Kuhmilch vertrage ich nur in kleinen Mengen, und trotzdem betrachte ich den gelegentlichen Verzehr von Tieren durchaus als legitim. Gesunde Mischkalkulation eben. Aber gut, da ich mich ja grundsätzlich gerne mal auf was Neues einlasse, beschließen wir, zumindest einmal gucken zu gehen. Außerdem wohnt Freund J. in einem Haus, in dessen Erdgeschoss sich ein österreichisch anmutendes Restaurant befindet, das nach eigenen Angaben die größten Schnitzel der Stadt anbietet und eine schöne Vorlage für Plan B liefert.

Das an der Kreuzung Hertzbergstraße und Sonnenallee gelegene Restaurant ist voll. Lediglich ein Tisch zwischen Abräumwagen und Kühlschrank ist noch frei und nachdem ich festgestellt habe, dass auf dem kleinen handgeschriebenen Schild nicht „reserviert“ sondern „Selbstbedienung, bitte bestellt an der Theke“ steht, nehmen wir Platz. Am Rande einer alten Kühltheke in der sich große Mengen roter Paprika, Auberginen und Zucchini befinden, die in ihrer Makellosigkeit nicht unbedingt an biologisch-dynamische Produktionsweisen denken lassen, finden wir die Speisekarten, die wir zu näheren Analyse mit an unseren Tisch nehmen.

Der Tisch hinter uns ist mit drei Amerikanern besetzt, eine junge Frau sowie ein älterer und ein jüngerer Mann, der mit seinen seitlich rasierten Haaren, seiner gepflegt vernachlässigten Kleidung und seinem Habitus als junger Kreativer ganz dem gängigen Hipster-Klischee erinnert. Seine Brille erinnert mich an die längst verstorbene Alwine M., die dereinst in meiner Heimatstadt ihre ehrenamtliche Tätigkeit auf das Sammeln alter Kassengestelle für die Armen in Sri Lanka konzentrierte, nachdem die von ihr organisierten Benefiz-Konzerte des örtlichen Polizeiorchesters keinen richtigen Anklang mehr fanden. Überhaupt hat man im Sfizy Veg, was laut Speisekarte sizilianisch für „Spaß an etwas haben“ ist, ein wenig den Eindruck, sich in einer Zeitmaschine zu befinden. Überall kleine Regalbretter von denen Zimmerpflanzen herunterranken, die ich seit mehr als 20 Jahren für ausgestorben hielt. An den Wänden Agitprop-Plakate, die beispielsweise Johannes Paul II. beim Verzehr einer Portion Spaghetti zeigen, ein altes, graues Telefon in einem goldenen Rahmen und ein Sammelsurium aus alten Postkarten, Fotos und Zeitungsausschnitten. Von dem Regal über unserem Tisch rankt eine Grünlilie, deren Blätter von einer großen himbeerförmigen Glühbirne rot angeleuchtet werden. Es besteht kein Zweifel, wir befinden uns in einem Hotspot der creative class der Hauptstadt, inmitten von Menschen deren äußere Erscheinung nebst Jutebeutel und übergroßen Strickpullovern sogar der New York Times Artikel ein Artikel wert war. Ihre Hipness ist Vorbote von etwas sind, was eigentlich Gentrifizierung heißt, aber nicht so genannt werden darf, da man ansonsten schon mal schnell ins Visier des Verfassungsschutzes gerät. An diesem Abend sitzen wir aber mittendrin und sind plötzlich dem Geheimnis der Avantgarde ganz nah.

Kastanienallee/Prenzlauer Berg, Berlin im November 2012

Kastanienallee/Prenzlauer Berg, Berlin im November 2012

„Ich glaube, dass ist ein ganz normales Lokal“, flüstert Freund J. während er durch die Karte blättert, „das ist gar keine vegane Pizzeria mehr.“ „Ich glaube schon“, flüstere ich zurück und zeige dezent auf das handgemalte Schild mit der Aufschrift „Meat is murder“ über dem Durchgang in der Küche. Auch wenn die Speisekarte durchaus etwas anderes vermuten lässt. Die klingt nämlich alles andere als vegan, Chicken Tikka Masala gibt es da, Currywurst mit Fritten und Pizza mit Schinken, Speck oder Chorizo. Warum, frage ich mich, gibt man sich soviel Mühe, dass was man eigentlich für ethisch falsch hält, nämlich das Fleisch von getöteten Tieren, möglichst passgenau zu imitieren? Adorno möchte man pathetisch den Verantwortlichen vorhalten, sie mit der Tatsache konfrontieren, dass es kein richtiges in einem falschen Leben geben kann. Aber schließlich zwingt mich ja keiner, hier zu Essen. Und weil es so absurd ist, bestellen wir einen gemischten Salat mit Nuggets zum Teilen sowie einen Pizzaburger für Freund J. und eine Calzone mit Gyros und Pommes („neu!“) für mich. Drei Gerichte in einem – das nenne ich großstädtische Effizienz. Leider haben wir uns auf dem Weg vom Tisch zum Bestellschalter nur die Nummern gemerkt und die Bedienung mit dem starken spanischem Akzent schlägt die Posten zunächst in der Karte nach, bevor sie sie in der Volltextversion mit einem dicken Bleistift auf dem dünnen Papier eines Kellnerblöckchens notiert. Danach erhalten wir eine kleine Marke aus braunem Karton mit der Nummer „28“. „Please don’t destroy“, ist handschriftlich auf der Rückseite vermerkt und man weiß nicht so genau, ob es sich um eine organisatorische Mitteilung handelt oder vielleicht doch um eine weitere politische Botschaft, mit der die Zerstörung unseres Planeten verhindert werden soll. An eine Wand in der Mitte des Lokals gelehnt steht ein hübscher junger Mann mit Vollbart und dunkelblauem Peacoat, der abwechselnd mit seinem iPhone herumspielt und konzentriert durch einen Packen Papier blättert, den er mit sich herumträgt. Zu Berlin gehört, dass man immer mit einem Projekt unterwegs ist. Als endlich seine Nummer aufgerufen wird, zieht er mit einem seligen Blick und einem großen Pizzakarton von dannen.

Kurz darauf kommt unser Salat mit den Nuggets. Er besteht aus Feldsalat, roten Zwiebelringen, Tomaten,  ein wenig veganem Käse und obenauf drei panierten und frittierten Objekten, die so aussehen, als hätte man sie aus der McDonalds-Packung geschüttelt. Sie schmecken, wie vegetarische, panierte und frittierte Objekte nun mal schmecken. Da hat es, seit den diversen Gemüseschnitzeln-, -frikadellen und -bratlingen aus Mensazeiten keine geschmackliche Evolution mehr gegeben.

„Achunswansisch“ ruft die Bedienung und Freund J. kommt mit zwei großen Tellern zum Tisch zurück. Sein Pizzaburger besteht aus einer großen Pizza, die mit ihrem Belag aus Tomate, Zwiebel, (vermeintlichem) Schinken und Käse so aussieht, wie eine Pizza eben so aussieht. Lediglich das in der Mitte befindliche, mit einer geschmolzenen Scheiblette abgerundete Häufchen, das man mit etwas Phantasie als Bürger identifizieren könnte, ist ungewöhnlich. Mein Teller hingegen ist mit einer riesigen Klapppizza bestückt, die obenauf sehr, sehr knusprig gebacken ist. Darüber hinaus ist sie ständig bestrebt, den ebenfalls dort ansässigen Beilagensalat aus Rauke, Kirschtomaten und Walnüssen über den Rand zu schubsen. „Und da sind Fritten drin“ frage ich etwas zweifelnd während sich Freund J. bereits an seine Pizza macht. „Schmeckt nicht schlecht“, befindet er, „an das Burgerdings hier traue ich mich aber noch nicht ran.“ Bei meiner Calzone arbeite ich mich von links durch den Teig und stoße irgendwann auf die ersten Pommes, die – das kann an dieser Stelle bereits verraten werden –  zumindest visuell nur bedingt vom gemeinsamen Überbacken mit Tomatensoße und Käsesubstitut profitieren. „Gar nicht so schlecht“, lautet aber mein erstes Urteil. Freund J. fuhrwerkt mit seiner Gabel auf meinem Teller herum. „Schmeckt nach Frittenfett“, sagt er. Selber schuld, denke ich, denn so wie mich ja niemand zwingt, in ein veganes Restaurant zu gehen, bin ich ja auch nicht verpflichtet dort eine Calzone Gyros Pommes zu bestellen. Alles freier Wille. „Wo ist denn Dein Gyros“, fragt mich Freund J. „Keine Ahnung“, antworte ich. „Das hier vielleicht?“, ich zeige ihm mit der Gabel ein rechteckiges Stückchen Materie, „nee, das ist auch eine Fritte. Vielleicht sind die Fritten ja als Gyrosersatz gedacht. „Quatsch“, sagt Freund J., „die kommen noch.“ Er soll Recht behalten und etwa in der Mitte des Teiggebildes stoße ich auf Stücke einer Substanz, die in Konsistenz und Geschmack in der Tat an Gyros erinnern. „Besser als erwartet“, fasse ich erneut zusammen und mache mich an den Burger auf dem Teller meines Gegenübers, der aus einem Stück Fleischersatz, Käse, Ketchup, Zwiebeln und einer größeren Menge veganer Mayonnaise besteht. „Weniger gut“, korrigiere ich mich, „aber Deine Pizza als solche finde ich lecker.“„Ich bestelle mir beim nächsten Mal auch so ein Gyros-Ding“, kündigt mein Gegenüber an. Wir tauschen die Teller, die aber aufgrund des gefühlten 20-prozentigen Fettgehalts aller Speisen dann doch nicht ganz geleert werden. „Jetzt noch ein Nachtisch“, sagt J., der sich bereits bei der Bestellung des Hauptgerichts für eine appetitlich mit Schokoraspeln verzierten dunkle Creme-Torte mit der geheimnisvollen Bezeichnung „Rohkostschokoladenkuchen“ entschieden hat. Ersterer Bestandteil bleibt im wahrsten Sinne des Wortes im Dunkeln, weil die Himbeerlampe über uns nicht genügend Licht liefert, um herausfinden zu können, aus was die grob gehackte Trägermasse der Creme bestehen könnte. „Toll“, Freund J. ist ganz begeistert, „die schmilzt ja richtig im Mund“, sagt er. „Kein Wunder“, antworte ich, „das liegt vermutlich daran, dass sie lediglich aus Kokosfett, Zucker und Kakao besteht. Wie eine riesengroße Portion Eiskonfekt. Hattet Ihr drüben eigentlich Eiskonfekt?“

Kastanienallee/Prenzlauer Berg, Berlin im November 2012

Kastanienallee/Prenzlauer Berg, Berlin im November 2012

Aber irgendwann ist auch dieser Posten geschafft. „Jetzt brauche ich eine Jägermeister“, stöhnt Freund J., „oder noch besser einen Aromatique.“ „Der ist ja von uns“, fügt er hinzu, was besagen soll, dass es sich um ein Ostprodukt handelt. „Haste mool nen Aro, hieß das bei uns“, sagt er mit übertrieben thüringischem Akzent, „komm, wir gehen.“ „Naja“, resümiert er als wir wieder zuhause ankommen und beim Aufschließen der Haustüre noch einen Blick ins Fenster des Schnitzellokals werfen, „hier wäre der Spaßfaktor sicherlich größer gewesen.“  „Mag sein“, antworte ich, „aber nicht halb so trendy!“