ethnografische notizen 091: café pascher

Ich: 15.00 Uhr in der Stadt?

E.: Ok das passt. Gibt’s was Neues zum Ausprobieren?

Ich: Café Pascher, Dürener?

E.: Dürener am So ist wohl sehr seniorenlastig …

Ich: Schlimm?

E.: Lindenthal halt …

Ich: Ob DU das schlimm findest …

E.: Mittel 🙂 Ich glaub ich hab da mal Kuchen geholt, der war lecker.

 

Vanille-Buttercreme im Café Pascher, Köln 2015

Vanille-Buttercreme im Café Pascher, Köln 2015

Siri auf meinem iPhone findet nur das Pascha, wo ich aber weder den Sonntagnachmittag noch irgendeinen anderen Zeitabschnitt meines Lebens verbringen möchte. Das Samsung von P. erweist in dieser Hinsicht aber als sehr viel seniorentauglicher und führt uns zielsicher vor das Schaufenster einer kleinen Konditorei, deren Auslage mit der üblichen Domfolklore und gerade auch mit Konfetti und Luftschlangen dekoriert ist.

Wir gehen vorbei an der dicken Trumm neben der Kuchentheke und finden im hinteren Raum einen freien Tisch. Links und rechts ältere Ehepaare mit Kaffee und Kuchen. In der Ecke zwei junge Männer, die ein wenig verliebt scheinen. Ich hänge meine Jacke zwischen schwarze Persianer und weiche Paschmina-Schals. Eine Dame in karierter Hose, beigefarbenem Pullover und darüber befindlicher Halskette liest eine Illustrierte und guckt irritiert. Meine Schwester kommt und wir begeben uns zur Kuchenauswahl. Das Personal besteht aus jungen Bedienungen in weißen Blusen und schwarzen Schürzen, die freundlich aber resolut die Dinge im Fluss halten. Wir entscheiden uns für Kirschbaiser, Vanille-Buttercreme und Schoko-Mango-Torte. E. blättert in einer Illustrierten und hustet. Die Dame am Nachbartisch guckt irritiert. „Guck mal“, sagt meine Schwester und zeigt uns eine etwas ausgefranste Ausgabe der GEO, „den Bericht über Bindegewebe hat schon jemand mitgenommen.“

Eine Kellnerin fragt die irritierte Dame, ob es ihr etwas ausmache, wenn sich eine andere Dame zu ihr an den Tisch setzen würde. Es wäre nun einmal sehr voll um diese Zeit. Die Antwort kann man ihrem Gesichtsausdruck entnehmen, was die freundliche aber resolute Servicekraft aber nicht weiter beeindruckt. Sie geleitet eine etwas wackelige Seniorin in einer hübschen türkisfarbenen Samtjacke an den Tisch und bringt ihr das Gedeck von vorne. Flucht und Vertreibung in der Konditorei. Die Dame in Türkis mampft aber ganz ungerührt ihre Zitronenschnitte weiter und trinkt dazu Kaffe aus einer mit Marienkäferchen verzierten Tasse. Die Dame in Beige liest konzentriert bis angestrengt weiter im Stern. „Ihr Kaffee wird kalt“, sagt die in Türkis. „Mein Kaffee ist noch sehr heiß“, sagt die in Beige ohne aufzuschauen. Aus der Unterhaltung wird nichts, denke ich bei mir. Eine andere Seniorin zeigt ihrem Mann Bilder auf Facebook. Der guckt aber lieber woanders hin.

Die Inneneinrichtung des Cafés mit niedrigen Sesseln aus Kunstleder erinnert mich an das Wohnzimmer meiner Großmutter väterlicherseits, das bis auf die hohen Feiertage ein ungeheiztes Dasein führte. Auf den Tischen stehen die Teekarte und ein Werbeaufsteller für Pralifour, eine Spezialität des immerhin in vierter Generation familiengeführten Hauses.

Die Dame in Türkis gibt auf und möchte bezahlen. Das mit dem Wechselgeld ist aber nicht so einfach. „Darf ich“, sagt die Bedienung, und schickt sich an, das passende Kleingeld aus der Hand zu nehmen. „Nein“, sagte die Dame scharf und lässt die Hand zuschnappen. Es bedarf einer zweiten, ihr offensichtlich bekannten Kellnerin, um das Geschäft zu Ende zu bringen.

Vier junge Menschen kommen von draußen. „Das ist ja stark“, sagt einer von ihnen während er sich den Schal vom Hals wickelt. Er schaut sich verwundert um.

„Lindenthal halt“, denke ich.

miniportion 262: bienenstich

Bienenstich – westdeutsche Art, Köln 2013

Bienenstich – westdeutsche Art, Köln 2013

Der Bienenstich ist ein Kuchen, in dem die deutsch-deutsche Grenze weiterexistiert. Im Osten handelt es sich dabei nach wie vor um einen ungefüllten Blechkuchen, während er im Westen einmal durchgeschnitten und mit Pudding gefüllt wird. In den Standardbackbüchern beider Republiken – „Das Backbuch“ aus dem Verlag für die Frau von 1967 im Osten beziehungsweise Dr. Oetkers „Backen macht Freude“ von 1960 aus dem Westen – finden sich erstaunlicherweise beide Varianten. Auch im Westen gibt es einen „Bienenstich vom Blech“ mit einem Belag aus Butter, Zucker und Mandeln und auch im Osten findet sich ein Rezept für einen „gefüllten Bienenstich“ mit einer leichten Vanillecreme. Diese Einmut widerspricht allerdings den emotionsgeladenen Diskussionen, die ich in der Vergangenheit mit Freunden aus dem Osten über die wahre Zubereitungsform eines Bienenstichs führte. Persönlich bevorzuge ich die Wirtschaftswunder-Variante, die sich aufgrund der Kombination von sahniger Creme und panzerhartem Belag kaum anständig essen lässt. Über die Jahre entwickelte ich allerdings eine Kuchengabel-Technik, mittels derer sich seitlich kleinere Stücke des Mandelkruste abtrennen und verspeisen lassen – wenn man mal einen guten Eindruck machen muss.

In meiner Kindheit hingegen aß ich gefühlt viel zu wenig gefüllten Bienenstich – nicht etwa, weil ich im Osten großgeworden wäre, sondern weil im biologisch-dynamischen Do-it-yourself-Haushalt meiner Eltern nur sehr selten gekaufter Kuchen auf den Tisch kam. Nur manchmal, wenn sich die Kleinfamilie beispielsweise nach dem Einkauf in der Stadt im Café Heinig in der Schmiedstraße wieder zusammenfand, bestand die Möglichkeit, diese meisterhafte Krönung zwischen Torte und Teilchen zu konsumieren. Die Jugend meines Freunds F. aus Hessen, der mir berichten kann, dass Bienenstich zum festen Repertoire der Geburtstagsfeiern seiner Großeltern gehörte, kann ich daher nur beneiden.