ethnografische notizen 33: turku/finnland 03

Frühstück im Scandic Julia

„Das Frühstück ist immer inklusive“, strahlt die Hotelangestellte hinter dem weißen Tresen des gerade sanierten Scandic Julia, einem unauffälligen siebenstöckigen Bau, in dessen Erdgeschoss der besagte Lidl befindet. Die Tische des Frühstücksraums und Restaurants auf der ersten Etage sind bis auf den letzten Platz belegt. Kinder pendeln gut gelaunt zwischen ihren Eltern und der Spielecke, die Fernsehen und eine Playstation bietet. Auf besonderen Kindersitzen fixierte Kinder sieht man hier nicht, die kleinen laufen kreuz und quer durch den Saal, die größeren bedienen sich selbst am Büffet. Die kleinen handtellergroßen Pfannkuchen, die hier blini heißen, sind inklusive einer großen Schüssel Erdbeermarmelade und mehreren Flaschen Sprühsahne kindgerecht auf niedrigen Tischen aufgestellt. Das Angebot erinnert irgendwie an Ikea, nicht nur weil es große Mengen Köttbullar gibt, sondern auch durch den eingelegten Hering, die geräucherte Makrele oder die Blaubeer- und Erdbeerkaltschale neben den verschiedenen Müslikomponenten. Die Schilder neben den Schüsseln, Schalen und Tabletts sind auf Schwedisch und Englisch, obwohl man an den Tischen überwiegend Finnisch hört. Vielleicht eine Frage der corporate identity des schwedischen Unternehmens und hier in Finnland, wo die Kinder ab dem 3. Schuljahr schwedisch und englisch lernen offensichtlich nicht wirklich ein Problem. Ich entscheide mich für ein dunkles Vollkornbrötchen, dass durch seine rechteckige Form ein bisschen an ein graumeliertes Sofakissen erinnert, für Äggsmör, eine Mischung aus hartgekochten, gehackten Eiern und Butter, Würstchen, Fleischbällchen und weiße Bohnen in Tomatensoße. Ein mit einer Reis-Ei-Mischung gefüllte Vollkorn-Pirogge (auf Finnisch Karjalan Piirakka) lässt noch einmal deutlich werden, dass Russland nicht wirklich weit ist, auch wenn schwedische Einflüsse, zum Beispiel in Form der kleinen Zimtschnecken, deutlich überwiegen.

Die gibt es, als Muffinssi, am frühen Nachmittag auch in groß bei der schwedischen Kaffeebudenkette Wayne’s Coffee, direkt neben der kleinen historischen Markthalle. Auch wenn der finnische Kaffee nicht besonders ist und wie sein schwedisches Schwestergetränk im Normalfall schon mehrere Stunden auf der Wärmeplatte verbracht hat, ist doch auffällig, dass es in Turku keinen Starbucks gibt. Auch einen Mc Donald’s sucht man vergeblich. Der Fastfood-Markt scheint, wie auch im Rest des Landes, fest in der Hand des Turkuer Konzerns Hesburger zu sein. Dessen Wurzeln gehen mit der Eröffnung eines ersten Kiosks durch Heikki Salmela bis ins Jahr 1966 zurück. Heute beschäftigt Hesburger gut 4.500 Mitarbeiter und verfügt, neben einer deutschen Filiale in Bad Oldesloe, über mehr finnische Restaurants als der globale Superkonkurrent.

Kauppahalli - historische Markthalle

Ebenso dünn gesät wie das Goldene M sind leider aber auch eigenständige Bäckereien, deren hübsche hölzerne Verkaufsbuden ich leider erst am nächsten Morgen in der Kauppahalli, der Markthalle, entdecke. Letztendlich erweisen sich, abgesehen von den kleinen dunklen Vollkornbrötchen namens Ruistrio, die in deutschen Discountern als Finnbrod verkauft werden, die Stände der Fleischer als interessanter. Denn da kann man auch als Nicht-Muttersprachler die eine oder andere Wurst erkennen. Es gibt Bratwurstia für 12,90 das Kilo, Sleesialainen Minibratwursti und Grillibratwursti. Die örtliche Wurstspezialität Hevosmakkara, deren ausgiebiger Verzehr ein fester Bestandteil des Integrationsverfahrens für Zuwanderer ist, wie mein Kollege nach der Lektüre einer Informationsbroschüre zu berichten weiß, ist freundlicherweise mit einem Pferdesymbol versehen.

Blaubeeren auf dem Markt

Die Stände auf dem riesigen Marktplatz ein paar hundert Meter weiter sind ebenfalls eine kuriose Mischung Obst- und Gemüse, Backwaren, Bekleidung und Flohmarktkram. Dazwischen ein ausrangierter Straßenbahnwagen, in dem man Kaffee trinken kann. Es ist Beerenzeit und die Verkäuferinnen füllen mit großen Metallbechern schwarze und rote Johannisbeeren, grüne und rote Stachelbeeren zu drei Euro pro Liter in Plastiktüten. Schalen mit Kulturheidelbeeren gibt es, aber auch kleine, dunkle Blaubeeren, die offensichtlich aus der Wildsammlung stammen und dementsprechend für acht Euro zu haben sind. Der Wald kann nicht wirklich weit sein, denn die Küchenabteilung des Kaufhauses Anttila bietet an der Kasse Blaubeerkämme aus rotem Plastik gleich in zwei Größen an. Aber weil frisches Beerenobst so schwer zu transportieren ist, kaufe ich in der Lebensmittelabteilung im Keller kurzerhand jeweils eine Packung getrocknete Karpalo (Vaccinium macrocarpon, vulgo Cranberries, zu deutsch übrigens Moosbeeren), Puolukka (Vaccinium vitis-idaea, Preiselbeeren – bei Ikea als Lingonberries zu haben) und Mustikka (Vaccinium myrtillus, Blaubeeren).

Schulkochbuch auf dem Markt

Am Rande des Marktes blättere ich für einen Moment in einem alten Schulkochbuch mit dem wohlklingenden Namen „Keittiöopas“, der bei der Google-Bildersuche neben ein paar Fotos just jenes Kochbuchs zahllose Abbildungen von Wasserhähnen liefert. „Kaksi Euro“, sagt der Verkäufer, der mich an einen betagten Seefahrer erinnert. Zwei Euro, der erste finnische Satz den ich vollständig verstehe. „Kiitos“, sage ich schwer untertreibend, „mein Finnisch ist aber leider zu schlecht für ein Buch.“

"Prässättyä häränrintaa ja sinappikastiketta" im Restaurant "Mami"

Auch der Hauptgang im Restaurant „Mami“, wo wir dank der Teilungswilligkeit eines britischen Paares dann doch noch einen Tisch auf der Terrasse ergattern können, ist eine sprachliche Premiere für mich. Nie zuvor aß ich ein Gericht mit fünf Umlauten. Übersetzt bedeutet Prässättyä häränrintaa ja sinappikastiketta etwa „in Brikettform gepresstes Rindfleisch mit Senfsoße“. Das klingt nicht besonders aufregend, ist in seiner Kombination aus (vermutlich getrocknetem) Rindfleisch, bißfesten Möhren-, Kartoffel- und Selleriestücken und eine schaumigen Senfsoße ein spektakulärer Abschluss des zweiten Abends in Turku.

ethnografische notizen 31: turku/finnland 01

Restaurant Pinella, Turku/Finnland

Restaurant Pinella, Turku/Finnland

„Entschuldigung“, sagt der mittelschwer alkoholisierter und leicht verwahrloste Mann auf der Parkbank, „darf ich Sie etwas fragen?“  Ich gehe direkt in den Sicherheitsmodus und mache einen Schritt zurück. Er reicht mir eine ungeöffnete Bierdose. „Tysk Øl“ – deutsches Bier – steht in goldenen Lettern auf schwarzem Grund zu lesen. Offensichtlich hat er uns zugehört und uns unschwer als Deutsche identifiziert. „Hier“, sagt er und zeigt auf den Namen des Bieres, „Neuenburg? Was bedeutet das?“ Ich erkläre ihm, dass es sich um einen, in Deutschland unbekannten Markennahmen handelt. „Danke“, sagt er, „hier um die Ecke gibt es übrigens einen Laden, da können Sie deutsche Produkte kaufen. Lidl heißt der.“ „Danke“, sage auch ich, „wir haben eigentlich mehr Interesse an finnischen Produkten“. Das scheint ihn zu freuen und wir bekommen – im besten Englisch – eine kurze Abhandlung über finnisches Bier, welches aber nicht zu vergleichen sei mit dem einer wahren Biernation wie Deutschland. „Lapin kulta“ sei ganz in Ordnung, erzählt er und das es eine Brauerei hier in der Innenstadt gebe, die ganz passables eigenes Bier braue. „Aber fangen Sie nicht mit dem stärksten an …“

Wir lehnen am Geländer am Flussufer und beobachten die Leute beim Abendessen in der Hoffnung auf einen freien Platz. Die Restaurants sind gut besucht an diesem lauen Sommerabend. Die Tische auf der Terrasse des  direkt am Fluss gelegenen „Mami“ sind voll belegt. „Drinnen können Sie leider auch nicht warten“, sagt die freundliche aber bestimmte Bedienung, die mit ihren blonden Zöpfen ein bisschen so aussieht, als würde sie im nächsten Jahr für Suomi beim Grand Prix antreten, „wir sind heute Abend leider komplett ausgebucht.“ Gegenüber im „Pinella“, auf der anderen Seite des Wassers, finden wir noch einen freien Platz auf der langgestreckten Außenterrasse entlang der in den Hang gebauten, gedrungen-klassizistischen Säulenhalle.

Das Servicepersonal hat viel zu tun an diesem Dienstagabend in der finnischen Provinz. Gerade mal rund 177.000 Einwohner hat Turku, die Minimetropole im Südwesten Finnlands, rund 160 Kilometer von Helsinki entfernt. Gerade mal so viele Menschen wie den Landkreis Lüneburg ihr zuhause nennen und trotzdem sind die Restaurants und Kneipen an diesem Abend mehr als nur belebt. Junge Eltern spazieren mit ihren Kindern am Wasser entlang und Jugendliche sitzen auf der Kaimauer und rauchen. Auf dem Fluss schwimmt ein Schwarm überdimensionierter Eiderenten,  unter der Brücke hängt ein Vorhang aus blauen Glasstücken, der sich im Wasser spiegelt und große runde rote Schilder entlang der Promenade erläutern die Projekte. Turku ist Kulturhauptstadt Europas 2011 und scheint sich der Chancen einer 365-Tage langen medialen Aufmerksamkeit in der ganzen Union bewusst zu sein.

„Sorry“, sagt die Kellnerin und stellt eine Karaffe mit Leitungswasser auf den Tisch, „das Menü ist leider aus, das haben heute Abend einfach zu viele Leute bestellt.“ Schade, denn Rotforelle mit Trüffelmayonaise, Flussbarsch mit Jakobsmuscheln in Weißweinbutter und Schokoladenganache mit Erdbeersorbet klingen irgendwie gut und liegen mit 39 Euro weit unter dem, was man im teuren Norden erwarten würde. Aber ausgegangene Tagesgerichte haben für mich immer auch etwas beruhigendes. „Op is op“, wie der Niederländer sagt, bedeutet eben auch, dass nicht schon drei Monate im Voraus auf Vorrat gekocht wird.

Wir entscheiden uns für Kroepoek mit Fisch, für New York Tenderloin und den hauseigenen Pinella-Burger mit Pommes. Und weil der Chablis La Croix Saint-Joseph 2009 mit 35 Euro bei sagenhaften 23 Prozent Steuer auch noch irgendwie zu verantworten ist und weil die Aussicht auf die Aura so schön ist, bestellen wir auch die.

Das Krabbenbrot kommt, klassisch mit Lachs und Gurken respektive mit Thunfisch-Ceviche und Ananas, auf einem hübschen Brettchen und auch der perfekte Burger sitzt auf einem kleinen Holztablett. Das passt zum Rest des Ambientes, modern aber nicht zu kühl, elegant aber ohne Schnörkel. Der Hauptgang folgt, und von diesem Zeitmanagement kann der Rest Europas sich eine Scheibe abschneiden, im gebührenden Abstand. So, dass man genug Zeit zum Erzählen, zum Gucken und zum Nichtstun hat, ohne dass einem die Pausen auffallen – auch wenn man die Tische bei einer höheren Frequenz sicher häufiger hätte belegen können.

„How did it taste“, fragt die Bedienung und schaltet, obwohl es ja nicht wirklich richtig dunkel wird, die in die Speichen des dunkelgrauen Sonnenschirm integrierten Lampen an, „would you like some desert?.“ Und weil der bereits mehrfach an uns vorbeigetragene Chocolate Brownie mit Vanilleeis so gut aussieht und weil die Aussicht auf die Aura immer noch so schön ist, sagen wir auch hier nicht Nein.

Restaurant Pinella, Turku/Finnland

Restaurant Pinella, Turku/Finnland