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ethnografische notizen 087: schwarzmarkt

28 Dez
Ktchp auf dem Schwarzmarkt in Köln-Ehrenfeld, 2014

Ktchp auf dem Schwarzmarkt in Köln-Ehrenfeld, 2014

Um früher eine Veranstaltung im Taschenkalender vormerken zu können, bedurfte es einer Anzeige in der Zeitung, eines Telefonanrufs oder gar einer Postkarte. Heute fliegen einem in den gesammelten sozialen Medien eine Menge an Events um die Ohren. Einladungen zu Ausstellungseröffnungen, Wohnzimmerkonzerten oder öffentlichen Weihnachtsfeiern zum Beispiel. Das meiste davon fliegt hier rein und da wieder raus. Um so erfreulicher sind Termine, die von irgendwoher kommen und dann irgendwie hängenbleiben. Wie etwa der Schwarzmarkt, eine kulinarische Tauschbörse in Köln Ehrenfeld.

„Ein offener Treff für alle Selbermacher, ohne kommerzielle Absichten“, heißt es in der Einladung, „Foodies, die ihre überzähligen Vorräte gerne eintauschen möchten gegen die Kreationen der anderen Küchenverrückten.“ „Irgendwie interessant“, denke ich und klicke auf „teilnehmen“. Einen Tag vor der Veranstaltung gibt es per Facebook letzte Anweisungen. „Ihr erscheint pünktlich und baut bis 14:30 Uhr Eure mitgebrachten Tauschobjekte auf. Dazu legt Ihr einen Zettel mit einer Beschreibung. Dann folgt eine halbe Stunde des Probierens und Bietens.“ „Irgendwie aufregend“, denke ich und fange an, mir zu überlegen, was ich denn eigentlich zum Tausch anbieten möchte. Essig ist da, Cariñena Reserva, gerade fertig fermentiert. „Nimm doch auch noch was von Deinem Suppenzeugs mit“, sagt P. Und weil das eine gute Idee ist, ignoriere ich den leicht despektierlichen Unterton in seiner Stimme. Mit Suppenzeugs meint er Tarhana, eine vergorene und getrocknete Mischung aus Mehl Joghurt und Gemüse. Und weil ich bin, wie ich bin, verbringe ich den halben Tag mit Verpacken und Beschriften mittels pinkfarbenem Washi-Tape und einer alten Reiseschreibmaschine.

Pünktlich um 14 Uhr erscheine ich am nächsten Tag im Marieneck, einem hübschen Lokal für Team und Firmenevent-Kochkurse im Herzen Ehrenfelds. Ein knappes Dutzend Leute unterhält sich bereits angeregt. Kinder laufen einem kleinen weißen Hund hinterher und hintendurch backt ein Mann sehr attraktive französische Weißbrote. Mit einem Blick auf die von den anderen mitgebrachten ausgefallenen Weine und Biere stelle ich meinen Söhnlein Brillant verstohlen an die Seite des Getränketischs und suche mir einen freien Tisch für meinen ersten eigenen Tauschladen. Nach und nach erscheinen mehr und mehr Foodies und arrangieren ihr Können in ordentlich bis kreativ beschrifteten Gläsern, Flaschen und Dosen. Links neben mir gibt es „handwerklichen Colasirup aus ätherischen Ölen nach Pembertons Originalrezeptur“, auf der anderen Seite ein rötliches Wunderöl mit unter anderem Sichuanpfeffer, Zimt und Sternanis. Es kommen zwei Imkerinnen mit Holunderblütenlikör im Gepäck und es gibt frisches Sauerkraut, Erdbeermarmelade mit Tahiti-Vanille und Gemüsefond mit Chili und Ingwer. Mit einem Löffel und einem Glas Wein in der Hand streunen wir von Tisch zu Tisch. Als ich BBQ-Soße und Tomatenketchup probiere, werde ich von einem blonden Jungen aufmerksam beobachtet. „Wenn Du tauschen willst,“ sagt sein Vater, „musst Du auch was sagen.“ Wir kommen schnell ins Geschäft und tauschen Essig gegen Ketchup. Zurück auf meinem Posten erkläre ich Herstellung und Anwendung meiner Suppengrundlage. Bei einem Produkt, das aussieht wie Kaninchenfutter, muss man eben ein bisschen überzeugen. Der benachbarte Cola-Sirup kommt besonders bei den anwesenden Kindern sehr gut an und ich sichere mir schnell eine kleine Flasche gegen ein Tütchen Tarhana. „Gärung wird ein ganz großes Thema“, sagt der Cola-Mann und wir stellen fest, dass wir dieselbe Literatur lesen. Der Brotbäcker schaut vorbei und zeigt Interesse am Essig. „Ich suche immer noch nach einem Burgunder“, sagt er. Ich frage ihn, ob er eine Vorstellung von der Essigproduktion hat. „Ich bin Lebensmittelchemiker“, antwortet er. „Na dann“, sage ich, „sonst hätte ich Dir Essigmutter mitgegeben.“ Wir verabreden, dass er sich bei Bedarf bei mir meldet und dass ich mit der Brotauswahl noch ein wenig warte, bis das Roggen aus dem Ofen ist.

Als der Nachmittag vorbei ist, gehe ich mit neuen Kontakten und einem Haufen selbstgemachter Dinge nach hause. In der Tüte sind Ketchup und Wunderöl, Colasirup und Holundergelee, Honig, Bratapfelaufstrich, Himbeeressig, Hagebuttenmus, Gemüsefond und ein warmes, duftendes Roggenbrot. Für so viel Essensglück schreibe ich beim nächsten Mal gerne auch ein paar Postkarten.