miniportion 216: backerbse

Backerbsen, Mützenich 2005

Backerbsen, Mützenich 2005

Backerbsen, also in heißem Fett ausgebackene Teigtropfen, scheinen ein Phänomen zu sein, welches laut Wikipedia „eine typische Suppeneinlage der Regionalküchen im mitteleuropäischen Raum“ darstellt. Schwammiger kann man’s wohl nicht formulieren. Die Suppeneinlage mit Ursprung in Vorarlberg scheint jedoch strikt auf den deutschsprachigen Raum Europas beschränkt zu sein. Auch nach gründlicher Recherche fand ich im Internet mit „fried batter pearls“ nur eine einzige Übersetzung, die zudem eher umständlich-beschreibend und nicht nach sentimentalen Kindheitserinnerungen klingt.

Backerbsen verbinde ich persönlich nämlich zum einen mit einem Ort und zum anderem einem Datum. Das eine hat dabei aber nichts mit dem anderen zu tun. Bei dem Ort handelte es sich um das Brotfach in der Resopalküche meiner Großmutter väterlicherseits, in dem eben nicht nur Brot, sondern aus unerfindlichen Gründen auch die Maggiflasche und ein Vorrat an Backerbsen aufbewahrt wurden. Vielleicht befand sich beides auch in unterschiedlichen Fächern und ich werfe da im gegenwärtigen Lebenszeitalter etwas durcheinander. In diesem Fall müssen wir leider warten, bis im hohen Alter auch die Details der frühen Kindheit wieder ins Gedächtnis zurückkehren. In jedem Fall hat die Brotlade einen faszinierenden Magnetverschluss und in jedem Fall aß ich, wenn niemand hinschaute, gerne einige Backerbsen mit ein paar Tropfen Maggiwürze. Einfach so, auch wenn ich natürlich die dazugehörige Suppe nicht abgelehnt hätte. Ich war schließlich ein hungriges Kind. Die Suppe gab es – und damit kommen wir zum angekündigten Datum – immer am 24. Dezember. Oder an Heilig Früh, wie das im Familien-Jargon hieß. Dann nämlich war das Suppenhuhn für die Königinnenpastetchen am Heiligen Abend ausgekocht und die feste Speisenabfolge der Weihnachtstage begann mit einer kräftigen Hühnersuppe mit Markklößchen und Backerbsen. Ich hätte die Backerbsen aber auch so gegessen. Mit ein paar Tropfen Maggiwürze vielleicht.

miniportion 191: eierstich

Eierstich im Vorstadium, Teuven 2005

Eierstich im Vorstadium, Teuven 2005

Eierstich gehört mit Markklößchen und Backerbsen zwar zu den klassischen Suppeneinlagen, kam aber zuhause selten auf den Tisch, weil mein Vater kein Freund von Suppen als Vorspeisen war. Da findet jeder Eierstich sein Ende. Bei meiner Großmutter väterlicherseits jedoch, am ersten Weihnachtsfeiertag, gab es immer Suppe mit Eierstich. Nicht von der Oma, sondern von Tante H., der stets die Zubereitung der Hühnersuppe zugeteilt wurde. Zum einen, weil sie darin ein ziemliches Geschick an den Tag legte, zum anderen, weil ihre Eltern über eine kleine Hühnerfarm verfügten. Das eine mag das andere bedingt haben. Jedenfalls verband ich Eierstich lange Jahre mit besonders festlichen Anlässen, wie sie im Kapitel „Unser kleines Fest im März – Konfirmation oder Kommunion“ im Neuen Sanella-Kochbuch von 1959 beschrieben sind. Dort finden sich Rezepte für Champignon-Eier, Berliner Frikassee, Mokka-Igel und Roter Hahn (flambierte Grapefruit), aber auch für Bunten Eierstich (mit Spinat) in Hühnerbrühe. „Solche Feste erfordern von der Hausfrau allerlei Mühe und Arbeit“, heißt es im Text, „die sie sich für diesen Anlaß aber gerne macht. Unser kleiner Menüvorschlag ist übrigens bei guter Vorbereitung ohne weitere Hilfskraft zu verwirklichen.“

Für die Großmutter meines Mannes hingegen gehörte Eierstich zum Standardessen bei unseren samstäglichen Besuchen. Dicke Würfel gestockten Eis, in denen die Petersilie auf den Boden gesunken war, lagen mit kleingeschnittenen Fleischstücken schon bei Ankunft in gerecht verteilten Portionen in den Suppentassen und schwammen kurz darauf gemeinsam mit ausgekochten Möhren in selbstgekochter Suppe vom Rind oder Fetter Brühe vom Würfelchen. Wenn es vor dem Essen Suppe gab – also eigentlich fast immer – war übrigens das Trinken von Wasser oder Saft strikt verboten. Die Flüssigkeitsaufnahme hatte an diesen Tagen ausschließlich über Kraftbrühe und Kaffee zu erfolgen. Alles andere war eh viel zu kalt und schlecht für den Magen.