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ethnografische notizen 231: france 2017/04

14 Jun
Place du Martray, Saint Brieuc, Juni 2017

Place du Martray, Saint Brieuc, Juni 2017

„Saint Brieuc?“, sagt Madame als wir uns verabschieden, „j’adore!“ Sie verschwindet in ihrem Arbeitszimmer und kommt mit einer Postkarte wieder zurück. Ein Kunstfoto vom Strand von St. Brieuc. „Habe ich gemacht. Wir fahren immer dorthin. Magnifique!“

In der gut 45.000 Einwohner*innen starken Stadt angekommen, sehen wir das aber bereits ein bisschen nüchterner. „Wir sind hier“, sagt der junge Mann im Office du Tourisme. Er zeigt auf eine Stelle auf dem ziemlich großen Stadtplan vor sich. Und weil ich ihn erwartungsvoll anschaue, fühlt er sich wohl genötigt, noch mehr zu erzählen. „Also wir haben hier eine sehr schöne Straße“, sagt er und zeichnet mit einem dicken Filzstift links und rechts der Rue Fardel eine Markierung. „Das gibt es hier ein Museum. Das ist kostenlos.“ Er zögert kurz. „Und hier bei der Kirche gibt es eine Keksmanufaktur.“

„Wenn man nicht viel hat, findet man auch wenig schön!“, sage ich ein wenig gehässig als wir die eingezeichnete Straße hinuntergehen. Obwohl die aus dem 15. Jahrhundert stammenden Häuser mit ihren geschnitzten Löwenköpfen wirklich nicht uninteressant sind. Die Keksmanufaktur entpuppt sich allerdings als unscheinbares Outlet, dass wir links liegen lassen. Statt dessen gehen wir zurück zum Place du Martray, um endlich ein Galette Saucisse zu essen. Das ist nämlich, so las ich in diversen Reiseführern, der kleinste gemeinsame kulinarische Nenner der Bretonen.

In der Fußgängerzone und auf dem Platz selbst räumen die Marktbeschicker zusammen. Neben der Kathedrale warten noch ein paar Imbisswagen und ein Bouquinist auf Kundschaft. Auf dem Büchertisch fallen mir ein Roman namens „La soupe aux choux“ (als Film mit Louis de Funès) und eine Studie über männliche Prostitution ins Auge. Gegenüber sortiert ein sehr brauner junger Mann ohne Hemd mit einer Sonnenbrille in Tricolore-Farben einen Berg von Plastikartikeln zu je einem Euro zurück in Kisten. Wir kaufen unser Galette Saucisse bei „Sonja“, vor deren Bude drei kuriose Menschen Crêpes essen und Kaffee aus weißen Plastikbechern trinken. Alle drei tragen das gleiche orangefarbene Halstuch. In die Jahre gekommene Pfadfinder vielleicht.

Sonja wickelt die Bratwurst sorgfältig in einen Buchweizenpfannkuchen, den in ein Fettpapier und das ganze Paket schließlich noch einmal in einen Küchenpapier mit der Aufschrift „Bistro“. „Lecker“, sagt P., „schön kross gebraten, die Wurst.“