miniportion 193: kürbiskern

Käferbohnen mit Kernöl, Graz 2012

Käferbohnen mit Kernöl, Graz 2012

Früher war alles besser. Da kam nämlich mindestens einmal im Jahr Freund J. aus Österreich angereist, um uns für ein paar Tage in Aachen mit seiner Anwesenheit und seinem Dialekt zu beglücken. Im Gepäck hatte er zwar nicht die Reichsinsignien, wohl aber Kernöl aus seiner steirischen Heimat. Des weiteren aß er biologisch-dynamische Äpfel und kochte Krautsuppe mit viel Paprika. Später, in Amsterdam, importierte Freundin R. (aus Oberösterreich) den Himbeerschnaps ihrer Eltern in größeren Mengen. Aber das ist eine andere Geschicht’. Worauf ich aber hinaus will ist die Tatsache, dass beide Produkte in ehemaligen Mineralwasserflaschen abgefüllt und transportiert wurden. So macht man das auf dem Land. Während der Himbeerschnaps meist schnell aufgetrunken wurde, stand das Kernöl eine Weile im Kühlschrank, bis es für diverse Salatsoßen oder in der Kürbissuppe aufgebraucht war. Währenddessen stellten Freund G. und ich uns bei jeder Mahlzeit vor, wie im Kreis sitzende kräftige steirische Damen die Kerne aus den halbierten Kürbissen wuzelten.

Auf einer Dienstreise in die Steiermark und nach Slowenien begegnete ich den Kernen erstmals in ihrer österreichischen Heimat, wo der Steirische Ölkürbis zu Beginn des 20. Jahrhunderts durch eine Mutation die dicke Schale der Samen verlor. In der Hofkonditorei Edegger-Tax in Graz ließ mich eine ältere Dame im weißen Berufskittel nicht nur ihre Sisi-Busserln sondern auch ihre Steirische Panthertatzen kosten, während sie sich, aufgrund der hohen Temperaturen etwas ermattet, darüber beklagte, dass alle Aushilfen am Brückentag frei hätten. Es is halt a Kreuz mit’m Personal. Während es sich bei den Busserln um kleine mit Marillenkonfitüre aufeinandergesetzte und mit Schokolade verzierte Haselnussplätzchen handelt, sind die aus Zucker, Kürbiskernen, Eiweiß und Mandeln bestehenden Tatzen überaus verfeinerte Amaretti. Den Rücktransport nach Deutschland überlebten sie nur vereinzelt.

miniportion 017: pizza margherita

Straßenverzehr in Ehrenfeld, Köln 2010

Straßenverzehr in Ehrenfeld, Köln 2010

Margarethe Theresa Johanna, Königin von Italien, war Namensgeberin für eine Schutzhütte auf einem der Gipfel der Mont Blanc-Gruppe. Außerdem wurde der höchste Gipfel des Ruwenzori-Gebirges nach ihr benannt, der sowohl als höchster Berg von Uganda als auch des Kongo gilt. Das dürfte aber kaum jemanden interessieren. Internationale Bekanntheit erlangte die Dame aber durch die Patenschaft für eine neapolitanische Pizza, die der Legende nach ein Gastronom namens Raffaele Esposito im Jahr 1889 der Königin und ihrem Gatten Umberto I. serviert haben soll. Eine Anekdote, die mittlerweile gründlich wiederlegt ist, auch wenn die Potentatin tatsächlich Pizza auf ihr Zimmer bestellt haben soll. Der von wem auch immer gelieferte Prototyp der Margherita entsprach aber in jedem Fall in seiner pompösen symbolischen Aufladung – der Belag aus grünem Basilikum, weißem Mozzarella und roten Tomaten repräsentiert die Nationalfarben – dem nationalistischen Zeitgeist.

Die Dänen, die in den Dingen des Alltags weniger pathetisch gegenüber stehen und mitunter sehr praktisch denken, ehrten 1950 ihre gleichnamige Königin mit einem hübschen bunten Rührschüsselset, das seither in keinem staatstreuen Haushalt fehlen darf. Andere Länder, andere Sitten. Aus Österreich hingegen stammen die Sisi-Busserl. Winzige mit Marillenmarmelade gefüllte und mit Schokoladenspritzern verzierte Haselnussplätzchen aus der Hofbäckerei Edegger-Tax in Graz. Bei Wikipedia finde ich übrigens keinen entsprechenden Eintrag, stattdessen wird mir die Suche nach „Minibusse“ vorgeschlagen. Aber ich schweife ab …

Margarethe von Italien geriet nach ihrem Tod 1926 etwas in Vergessenheit, was nicht weiter schlimm ist, denn mit ihrer frühen Unterstützung Mussolinis bewies sie einen eher zweifelhaften Geschmack. Die nach ihr benannte Pizza hingegen entwickelte sich zu einem globalen, gastronomischen Verkaufsschlager. Als kulinarische Reduktion auf das wesentliche für die einen, als kostengünstigste Alternative auf der Speisekarte für die anderen.