miniportion 295: speisekarte

Speisekarte in braunem Kunstleder, Aachen 2005

Speisekarte in braunem Kunstleder, Aachen 2005

Neulich besuchte ich im Rahmen eines Testessens zum ersten Mal seit gut 20 Jahren wieder ein Restaurant in meinem Heimatdorf. Das kommt nicht so oft vor, weil meine Eltern es sich für gewöhnlich bei den Besuchen der Kinder nicht nehmen lassen, selbst zu kochen und weil einem ja auch nicht immer der Sinn nach Jägerschnitzel oder Schweinfleisch süß-sauer steht. Denn gut-bürgerlich und chinesisch sind die beiden Kategorien, mit denen man dort oben eigentlich immer ganz gut fährt.

Jenes zu testende Restaurant jedoch entpuppte sich als ziemlicher Glücksfall, sowohl für uns als auch für die Nordeifel. Es befindet sich dort an genau der Stelle, an der Ende der 1970er/Anfang der 1980er das erste ausländische Restaurant des Dorfes eröffnete – ein Grieche namens Akropolis. Heute ist der Inhaber ungeklärter, vermutlich türkisch-kroatischer Provenienz und als er uns die auf einen langen Spiegel geschriebene Tageskarte mit Hasenrücken an Rotwein, Barbarie-Ente und Schwertfisch a la siciliana erläutert, wird deutlich, dass er mehr kann als üblich. In die eigentliche Speisekarte mit Filet und Rumpsteak werfen wir danach nur einen kurzen Blick.

Nach und nach treffen auch die zehn Personen ein, die im hinteren Teil des Lokals einen Tisch reserviert haben. Bei jedem Neuankömmling argwöhne ich zunächst, dass es sich um eine Person aus meiner Vergangenheit handelt könnte. Letztendlich kenne ich aber doch niemanden. Der Chef des Hauses verteilt die Speisekarten, bringt den Herren eine erste Runde Pils und nimmt die Bestellung auf. Die 133, die 45 und die 76 … was in meinen Ohren plötzlich so klingt, als wären wir doch im Jade-Garten gelandet. Wie auf dem Lande üblich, kommt das Essen zügig auf den Tisch – schließlich geht man ja nicht unbedingt der Geselligkeit wegen ins Restaurant, sondern in erster Linie um satt zu werden. „Steak mit Kroketten“, sagt die Kellnerin. „Keine Ahnung“, sagt einer der Gäste, „ich hatte die 76!“

miniportion 270: erdnüsse

Clickos – gebrannte Erdnüsse, Bonn 2013

Clickos – gebrannte Erdnüsse, Bonn 2013

In meinem Dorf gab es eine Gaststätte mit Namen „Zur Sonne“, wie es sie wahrscheinlich in sehr vielen Dörfern dieses Schlages gibt. Ich habe sie meines Wissens nie betreten und kann auch nicht von anderen Menschen berichten, die dort regelmäßig zu Gast gewesen wären. An einer Seite des Gebäudes jedoch befand sich ein roter Kaugummiautomat, der gegen einen geringen Betrag gleich zwei Produkte zum Kauf anbot. In der einen Hälfte gab es nämlich in ziemlich widerspenstiges Plastik eingeschweißte bunte Kaugummis, die, wenn man sie denn endlich ausgepackt hatte, aufgrund ihres Alters im Mund zerbröselten und nur mit einigem Kauaufwand wieder zu einer kaugummiähnlichen Masse verwandelt werden konnten, wobei dann der doch flüchtige Fruchtgeschmack längst über alle Berge war. Im benachbarten Schacht befanden sich rote, gebrannte Erdnüsse, die allen gegenwärtigen hygienischen Bedenken zum Trotz vollkommen unverpackt in die Ausgabeklappe rutschten, aus der man sie mit vor Aufregung ganz schwitzigen Händen rauspulte. Die „Verpackung unter Schutzatmosphäre“ ist sicherlich keine Erfindung der Kaugummiautomatenindustrie der frühen 1980er Jahre!

Dass die knallroten Zuckerklumpen etwas mit den Erdnüssen zu tun hatten, die hin und wieder zum Aperitif gereicht wurden, wäre mir dabei nie in den Sinn gekommen. Die einen war rot und irgendwie süß, die anderen hellbraun und salzig. Beide hatten jedoch eine gewisse Seltenheit gemein, die ihre Attraktivität steigerte. Wenn es salzige Erdnüsse gab, konnte ich nicht aufhören zu essen, bis ich irgendwann – zumeist von meinem Vater – ermahnt wurde, ich solle nicht essen, bis ich daran fühlen könne. Die Lust auf die gebrannten Erdnüsse aus dem Automaten war hingegen sehr viel unbeobachteter und subtiler. Wenn ein kurzer Griff hinter die Ausgabeklappe die Hoffnung bestätigte, dass der vorherige Käufer eine oder vielleicht sogar zwei Nüsse vergessen hatte – dann fing der Tag gut an!

miniportion 175: wasabi

Wasabimantel um Erdnüsse, Aachen 2013

Wasabimantel um Erdnüsse, Aachen 2013

Lange Zeit fand man in Deutschland den Konsum von Sushi, also ungekochtem Fisch, ziemlich unvorstellbar. Jetzt aber gibt es keinen Lieferservice mehr, der nicht ein kleines Sortiment mit Sashimi oder Maki, zumeist fragwürdiger Qualität, anbietet. Und auch sonst japanische Snacks allerorten – Wasabi auf Kartoffelchips, Wasabi um Erdnüsse oder Kichererbsen, um nur einige Beispiele zu nennen.

Mit meinem Vater besuchten wir vor einiger Zeit in meinem Heimatdorf ein chinesisches Restaurant namens Lotus. Das Etablissement befindet sich an einer Stelle, die im Volksmund „süßes Eck“ genannt wird, weil hier früher in einem alten Bauernhaus Süßwaren an Kinder verkauft wurden – aber das war vor meiner Zeit. Das Lotus gibt es nun bereits ein paar Jahre und sein Büffet zum Festpreis ist bei den Einheimischen durchaus beliebt. Knusprige Ente gibt es dort und Schweinefleisch süßsauer, Acht Köstlichkeiten und gebackene Banane. Auch das Dessertangebot ist auf den europäischen Geschmack zugeschnitten. Da aber das Konzept der strikten Trennung von herzhaft und süß nicht stringent eingehalten wurde, kam es zu folgender lustigen Verwechslung:

Auf einem kleinen Tisch standen zwei Schüsseln geschmacksneutrales, in Rauten geschnittenes Fruchtgelee, daneben Vanillepudding und anschließend – und jetzt kommt im wahrsten Sinne des Wortes eine gewisse Schärfe in die Angelegenheit –  ein weiteres kleines Behältnis mit Wasabi sowie abschließend ein kleines Tablett mit den besprochenen obligatorischen Sushi. Was ansonsten als bröckelige Paste in kleinen Portionen aufs Holzbrett kommt, wurde hier per Schöpfkelle in reichlich sämiger Konsistenz angeboten. Es kam wie es kommen musste und der Familienvater, in der asiatischen Küche nicht so bewandert, kehrte mit einem Schüsselchen Vanillepudding und einer Substanz zurück, die seinen ungeübten Augen wie Pistaziensoße erscheinen musste. Er ließ sich aber nicht beirren, denn bei aller Exotik – es wird gegessen, was auf den Tisch kommt.

miniportion 161: curaçao

Curaçao in der blauen Version, Curaçao 2009

Curaçao in der blauen Version, Curaçao 2009

Einmal trank ich auf Gran Canaria in einer billigen Bar einen billigen Cocktail. Das kann einem auf dieser Insel ja schon einmal passieren. Während der Rest der Reisegesellschaft die Aussicht genoss, beschäftigte mich eher die Angst, die fluoreszierenden Eigenschaften des Getränks, das vage nach Multivitaminsaft und Doppelkorn schmeckte, könnten nach Konsum auf mich übergehen. Dem war aber Gott sei Dank nicht so.

Cocktails – vor allem die, die im tropischen oder subtropischen Urlaub getrunken werden – sind ja gerne ziemlich groß und ziemlich bunt. Das hängt vermutlich mit unseren Assoziationen von einem unbeschwerten und kindlichen Leben, zum Beispiel in der Karibik, zusammen. Umso erstaunter war ich, als ich vor einigen Jahren eine Likörfabrik auf der niederländischen Insel Curaçao besichtigte und erklärt bekam, dass die ursprüngliche Version der Inselspezialität farblos, in dieser Form abseits der Insel aber nicht zu kaufen sei. Desillusionierend – mal ganz abgesehen von der Tatsache, dass die Produktion überhaupt nur durch eine ordentliche Fehlinvestition in Gang kam, als nämlich die Spanier im 16. Jahrhundert feststellten, dass von den von ihnen vor Ort angebauten Orangen allenfalls die Schale brauchbar war.

Mit Curaçao blue eingefärbten Orangensaft nannte man früher Grünspan oder grüne Witwe und ich erinnere mich dunkel, dass meine Mutter nach ihrem einzigen Besuch in unserer örtlichen Diskotheque namens Tanzbar San Diego (zwischen Heißmangel und Pfarrkirche gelegen), zu dem sie von ihren Kirchenchorschwestern animiert worden war, von einem derartigen Getränk erzählte. Später dann, als ich im jugendlichen Alter meine Geburtstage zwar nicht in der örtlichen Tanzbar, wohl aber in der heimischen Garage feiern durfte, übte eine alkoholfreie Version des niederländischen Herstellers Bols eine kurze Zeit lang einige Faszination aus. Hätten wir damals das Licht ausgemacht – wir hätten sicherlich innerlich geleuchtet.