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miniportion 108: sektschale

9 Mai
Bulles in rosé, Reims 2012

Bulles in rosé, Reims 2012

Das Smartphone schlägt mir den Begriff „deutschsprachig“ vor, als ich „Sektschale“ tippen möchte. Das ist lustig, aber auch nicht ganz verkehrt, weil ich mir beim besten Willen nicht vorstellen kann, dass man auch außerhalb Deutschlands eine spezielle Glasform entwickelt hat, um die lästige Kohlensäure beim Konsum von Sekt-, Schaum- und Perlwein zu eliminieren.

Einmal besuchte ich einen Vortrag des Comité Champagne im örtlichen Deutsch-Französischen Kulturinstitut. Man hatte einen Physiker eingeladen, der über die Bedeutung der „bulles“, also derjenigen Bläschen, die die Raffinesse des Getränks der Getränke ausmachen, referierte. Der junge Naturwissenschaftler kannte sich dabei nicht nur mit den physikalisch-mechanischen Voraussetzungen der Bullesbildung aus, sondern berichtete auch sehr versiert über die Beschaffenheit idealer Champagnergläser. Selbige dürfen nämlich nicht klinisch sauber sein, weil die Bläschen sich sonst nirgendwo sammeln können. Die aus diesem Grunde – bei besseren und somit teureren Gläsern – am Boden angebrachte Gravierung sollte aber nur dezent sein, weil sonst ein zu starker senkrechter Bläschenstrom das Getränk schneckenförmig in Wallung bringt, so dass sich die Blume nicht entfalten kann. Basiskenntnisse eben, wissen wir ja.

Die Sektschalen meiner Eltern hätte dieser Franzose vermutlich nicht einmal als Getränkebehälter erkannt, geschweige denn als Serviergefäß für Champagner. Es handelt sich dabei um flache Schalen mit schwerem Fuß, mit denen seit Jahr und Tag bei Geburts- und Feiertagen angestoßen wird. Selbstredend mit Sekt, Champagner war und ist bei aller Liebe zum guten Leben in meinem Elternhaus unbekannt. Außerdem wird in ihnen an Weihnachten die Rotweincreme von Dr. Oetker serviert. Jedes Mal überkommt mich dann das unheimliche Bedürfnis, in den flachen Rand beißen zu müssen. Aber das ist im Gegensatz zur Bläschenentwicklung eine ganz persönliche Empfindung.