miniportion 247: zitrone

Zitrone, angenehm süß, Lüttich 2004

Zitrone, angenehm süß, Lüttich 2004

Man kann nicht sagen, dass ich grundsätzlich keine Dinge mögen würde, die sauer schmecken. Ich mag beispielsweise saure Gurken, Sauerkraut, Sauerbraten und natürlich meinen eigenen, selbstproduzierten Rotweinessig. Meinem Mann zufolge setze ich letzteren zum Beispiel im Salat gerne auch etwas zu großzügig ein, was vermutlich daran liegt, dass ich nach wie vor bei jeder Vinaigrette davon angetan bin, dass ich (bzw. die mir dabei behilflichen kleinen Essigbakterien) so etwas feines produzieren können.

Schwierig wird es aber mit Speisen und Getränken, die ja auch grundsätzlich süß sein KÖNNTEN. Zum Beispiel diese Sauren Pommes von Haribo, für die der weibliche Teil meiner Familie eine Vorliebe besaß. „Warum“, fragte ich mich als Kind schon, „isst man etwas, das so sauer ist, dass man sich schüttelt muss, wenn man auch richtigen Zucker draufmachen könnte?“ Warum in einen sauren Apfel beißen, wenn man auch einen süßen haben kann? Ich verstehe allerdings auch nicht – das gebe ich unumwunden zu – worin der Reiz einer Achterbahn liegt, wenn man ja genauso gut auch geradeaus fahren könnte.

Auch Zitronen sind in diesem Zusammenhang wie ein Fahrgeschäft auf der Anna-Kirmes zu bewerten. Sie haben eine ansprechende Farbe, duften angenehm, schmecken aber eigentlich nur mit mindestens einem Süßungsmittel. Zusammen mit Kollegin S. bestellte ich neulich bei einem iranischen Sandwichimbiss namens „La Crossini“ eine sogenannte Mexiko-Tasche, gefüllt mit Spinat und Feta. Mehr Fusion geht schlichtweg nicht! „Obacht“, sagte die Kollegin, „schmeckt sehr, sehr lecker, aber macht nicht satt!“ Wir entschieden uns also zusätzlich für einen kleinen Salat Shirazi, der laut meiner Recherche wahlweise nach einem iranischen Geistlichem, einem Schachspieler oder einem General benannt sein könnte und aus Tomaten, Gurken, Zwiebeln, Olivenöl und Zitronensaft besteht. „Zitronensaft“, dachte ich, „das klingt irgendwie frisch und gesund.“ War aber eher sauer.

miniportion 134: vinaigrette

Viel Soße, wenig vinaigre, Köln 2013

Viel Soße, wenig vinaigre, Köln 2013

Als Kind hatte ich eine Nachbarin, die ursprünglich aus Gütersloh stammte. Das war für mich in etwa so unglaublich weit entfernt wie die Sowjetunion, deren Umrisse ich zumindest schon einmal in meinem Politikbuch gesehen hatte. Aber Gütersloh, Metropole der Emssandebene war mir noch nirgends begegnet. Immer wenn wir Stadt-Land-Fluss spielten konnte ich fortan bei einer Stadt mit G nicht mehr Genf, Grenada oder Glasgow denken. sondern ausschließlich nur noch Gütersloh. Das erklärt auch, warum ich es nicht weiter verwunderlich fand, als ich selbige Nachbarin eines Tages bei einem Besuch dabei beobachten konnte, wie sie ihre Salatsoße mit Zucker verfeinerte. „Fremde Regionen – fremde Sitten“, dachte ich mir, „da kann die arme Frau auch nichts dafür. dass sie süß und herzhaft durcheinanderwirft.“

Julia Child, die als gebürtige Kalifornierin ja eigentlich Thousand Island, Blue Cheese and Caesar’s Dressing gewohnt gewesen sein müsste, empfiehlt eine Vinaigrette für Salate und einfach Marinaden. Bestandteile sind guter Weinessig, gutes Öl, Salz, Pfeffer, frische Kräuter und Senf nach Belieben. Man könne geschmacksloses Salat- oder aber Olivenöl nehmen.  „Worcestershire and curry“, so erläutert sie außerdem, „cheese and tomato flavorings are not French additions.” Das Wort Ketchup mag sie offensichtlich gar nicht erst in den Mund zu nehmen. Auch dem süßen Touch erteilt sie mit dem Dogma „sugar is heresy“ eine deutliche Absage. Dr. Oetker ist da weniger strikt, in der Kalten Küchen wird das Basisdressing aus Salatöl, Kräuteressig, Salz, Zucker, feingehackten Kräutern und Zwiebel nach Belieben hergestellt, die würzige Variante enthält zusätzlich einen Teelöffel Tomatenketchup.

Bei uns zuhause bestand die Salatsoße standardmäßig aus Essig und Öl, Senf, Zwiebel, manchmal Joghurt und immer Maggi. Letzteres lasse ich heute weg, nehme dafür aber meistens eine Prise Zucker. So kann man sich irren.