Kas|sen|zet|tel 006


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Kassenzettel 006, Aachen 2016

Kassenzettel 006, Aachen 2016

Eine viel befahrene Ausfallstraße in den Aachener Norden. Aachens letztes Schirmgeschäft und ein paar hundert Meter weiter ein Museum für zeitgenössische Kunst in Aachens letzter Schirmfabrik. Eine KIK-Filiale, ein Kaisers mit Parkplatz, eine Videothek und eine hübsche altmodische Apotheke. Weiterlesen

miniportion 250: schwarzwurzeln

Schwarzwurzeln im Glas, Köln 2013

Schwarzwurzeln im Glas, Köln 2013

Die Schwarzwurzel gehörte lange Zeit zu der Sorte Gemüse, von dem sogar ich Landkind nicht wirklich wusste, wie es außerhalb der im Supermarkt erhältlichen Glaskonserven aussah. In dieser Form gab es sie gelegentlich in einer Vinaigrette mit kleingeschnittenen Zwiebelchen als Salat zum Abendessen. Stets begleitet von dem Hinweis meiner Mutter, dass in ihrer Kindheit immer ihr Vater das Schälen habe übernehmen müssen, weil man danach immer so dreckige Finger behalte. Das hielt ich lange Jahre für sehr übertrieben, bis ich in meinen Berliner Jahren in der Lebensmittelabteilung des größten Karstadts der Welt, im Untergeschoss am Hermannplatz, einem Gemüse begegnete, dass ich zunächst für überlange und sehr schmutzige Mohrrüben hielt. Laut Etikett handelte es sich jedoch um Schwarzwurzeln aus Brandenburg und weil ich grundsätzlich alles interessant fand, was aus dem Umland der Hauptstadt kam, kaufte ich zum ersten Mal in meinem Leben ungekochte und unbehandelte Schwarzwurzeln. Zuhause konsultierte ich ein Schulkochbuch, das mir dazu riet, die Schwarzwurzeln nach dem Schälen direkt in kaltes mit Essig und Mehl vermischtes Wasser zu geben, damit die Stangen weiß bleiben. Keine Rede von schmutzigen Fingern und dem zu einem dunkelbraunen Klebstoff oxidierenden Saft der Pflanze, der am Schälmesser mehrere Spülmaschinengänge überdauerte. Das ist schon ein erhöhtes Risiko für die Zubereitung eines Gemüses, das eigentlich eher unspektakulär schmeckt. Aber auch unspektakuläre Nahrungsmittel haben ihre Nuancen und die von Schwarzwurzeln rangieren für mich zwischen angenehm fad und wohlig wohlbekannt. Wobei ich mich ernsthaft frage, ob es überhaupt noch andere Zubereitungsmöglichkeiten über „als Salat“ oder „in weißer Soße“ hinaus gibt. Die bekannteste Sorte hört laut Wikipedia übrigens auf den Nahmen „Hoffmanns Schwarzer Pfahl“, was mir aber ein bisschen frivol scheint, für so ein gutbürgerliches Gemüse.

ethnografische notizen 029a: löwenzahn

Heimatmuseum Reinickendorf, Berlin 2010

Heimatmuseum Reinickendorf, Berlin 2010

Der Löwenzahn war, wenn auch nicht unbedingt auf der Rückseite der 500 DM-Scheine, auf der er eine Weile zu sehen war, ein ständiger Begleiter meiner Kindheit. In Umkehrung der natürlichen Chronologie hieß meine liebste Fernsehsendung erst Pusteblume und dann aus rechtlichen Gründen irgendwann Löwenzahn. Es gab eine kinderfreundlich-besuchbare Nachbarin im Ort, die aus den gelben Blüten und Zucker dunklen Sirup herstellte und mit dem aus den hohlen Stängeln austretendem Milchsaft konnte man sich lustige Muster auf den Arm drücken, die an der Luft zu permanenten braunen Ökotätowierungen oxidierten. Die gelbe Blume inspirierte mein kindliches Gemüt auf einem Buch mit dem Titel „Gesundheit aus der Apotheke Gottes“, dessen Autorin Maria Treben, Erfinderin der Schwedenkräuter, ihr Wissen direkt von der Jungfrau Maria erhalten haben wollte.

Doch einmal im Jahr ging mir der Löwenzahn gewaltig auf die Nerven. Dann nämlich, wenn der Frühling kam und meine Eltern, die sonst so großen Wert auf Abwechslung und Ausgewogenheit der Ernährung ihrer Kinder legten, in nahezu hysterische Verzückungen verfielen und gefühlte Wochen bis zur Blüte der Pflanze kaum ein anderes Gemüse mehr auf den Tisch kam. „Herrlich“, sagte mein Vater dann, „an Latzen“ – so die regionaltypische Bezeichnung der salatähnlichen Blätter des Löwenzahns – „könnte ich mich krank essen.“ „Das so etwas einfaches so lecker sein kann“, pflichtete meine Mutter ihm dann bei.

Wir Kinder stocherten derweil im Salat und beschwerten uns über den einen oder anderen Grashalm, fiel die freudige Ernte des Gemüses doch räumlich und zeitlich mit dem ersten Jäten des Rosenbeetes vor dem Haus zusammen. Interessant fanden wir allenfalls, dass hier Eifel und Saarland eine kulinarische Schnittmenge aufwiesen, auch wenn die Eifeler Latzen im Saarland aufgrund ihrer harntreibenden Wirkung Bettseicher oder französisch-handfest pis-en-lit genannt werden.

Nordeifel, April 2011

Nordeifel, April 2011

Heute liegen die Dinge etwas anders, während meine Eltern nach wie vor zu Frühlingsbeginn den Rasen abgrasen – „elf mal hintereinander“ lautete die bisherige Bilanz – esse ich höchstens einmal im Jahr Löwenzahn. Leider, mittlerweile habe ich den leicht bitteren Geschmack schätzen gelernt. Das mag mit der sparsamen Verfügbarkeit abseits der Heimat zu tun haben, in Aachen und Köln ist Löwenzahn allenfalls im Feinkosthandel erhältlich und auch die langen, gelblichen Blätter, die mein türkischer Gemüsehändler in Neukölln zuweilen im Angebot hatte, kommen an den Salat meiner Jugend nicht heran.  Essen ist eben ein wenig mehr als Nahrungsaufnahme. Der Mangel des Originals, das Verlangen nach dem Authentischen, wird im Laufe der Jahre zu einer Vergegenwärtigung von Heimat.

Nordeifel, April 2011

Nordeifel, April 2011

Löwenzahnblätter vor der Blüte am oberen Ende der Wurzel stechen, waschen und putzen. Mit einer Vinaigrette aus Essig, Öl, Senf und Zwiebeln vermischen, ein paar gestampfte Kartoffeln unterheben und mit ausgelassenen Speckwürfeln und ggf. einem kleingeschnittenen Spiegelei garnieren.