miniportion 283: multivitamin

Apfel-Apfelsine-Möhre-Zitrone-Ingwer, Aachen 2013

Apfel-Apfelsine-Möhre-Zitrone-Ingwer, Aachen 2013

Zum Geschmack von Möhren habe ich ein ambivalentes Verhältnis. Roh als Salat finde ich sie toll, ebenso im Eintopf und nach der Zubereitung einer Hühner- oder Rinderkraftbrühe freue ich mich darauf, das noch heiße, weich gekochte Gemüse im Stehen aus dem Topf zu essen. Möhrensaft hingegen finde ich untrinkbar. Und damit meine ich nicht nur „nicht lecker“, sondern nur mit größtem Widerwillen zu schlucken. Lediglich in frisch gepressten Säften kann ich den Geschmack ertragen und auch dann nur, wenn genügend andere Früchte – Apfelsinen, Äpfel und Zitronen – sich Mühe geben, den Eigengeschmack der gewöhnlichen Gartenmöhre zu unterdrücken.

In der Wohnung unter unserer WG wohnten während meines Studiums diverse Konstellationen von Menschen, die es trotz des dazugehörigen kleinen Hinterhofs im Parterre meist nicht allzu lange aushielten, was vermutlich am permanenten Tageslichtmangel gelegen haben wird. Einmal zog dort für eine Weile ein Punkpärchen ein. Morgens wurden wir fortan pünktlich gegen sieben Uhr von einem höllischen Lärm geweckt, denn wir wochenlang nicht zuordnen konnten, da die naheliegendste Assoziation – ein Presslufthammer – ausgeschlossen werden musste. Im Laufe der Zeit kam ich jedoch dahinter, dass es sich um eine Saftzentrifuge handeln musste, mit der der alternative Morgen begrüßt wurde.

Als mich, Jahre später, im Berliner Winter, auch einmal permanenter Tageslichtmangel bedrohte, beschloss ich, mir ein ebensolches Gerät zuzulegen. Eine technische Generation weiter macht es nicht mehr ganz so viel Lärm – in etwa noch so viel wie ein Schlagbohrer. Jetzt im Winter kommt es morgens wieder zum Einsatz um meine Abwehr gegen die diversen Bakterien- und Bazillenstämme im Büro zu stärken. Und weil ich ein Mensch bin, der an Traditionen, den eigenen und auch den der anderen hängt,  warte immer höflich bis um punkt sieben, um die Höllenmaschine in Gang zu setzen.

miniportion 250: schwarzwurzeln

Schwarzwurzeln im Glas, Köln 2013

Schwarzwurzeln im Glas, Köln 2013

Die Schwarzwurzel gehörte lange Zeit zu der Sorte Gemüse, von dem sogar ich Landkind nicht wirklich wusste, wie es außerhalb der im Supermarkt erhältlichen Glaskonserven aussah. In dieser Form gab es sie gelegentlich in einer Vinaigrette mit kleingeschnittenen Zwiebelchen als Salat zum Abendessen. Stets begleitet von dem Hinweis meiner Mutter, dass in ihrer Kindheit immer ihr Vater das Schälen habe übernehmen müssen, weil man danach immer so dreckige Finger behalte. Das hielt ich lange Jahre für sehr übertrieben, bis ich in meinen Berliner Jahren in der Lebensmittelabteilung des größten Karstadts der Welt, im Untergeschoss am Hermannplatz, einem Gemüse begegnete, dass ich zunächst für überlange und sehr schmutzige Mohrrüben hielt. Laut Etikett handelte es sich jedoch um Schwarzwurzeln aus Brandenburg und weil ich grundsätzlich alles interessant fand, was aus dem Umland der Hauptstadt kam, kaufte ich zum ersten Mal in meinem Leben ungekochte und unbehandelte Schwarzwurzeln. Zuhause konsultierte ich ein Schulkochbuch, das mir dazu riet, die Schwarzwurzeln nach dem Schälen direkt in kaltes mit Essig und Mehl vermischtes Wasser zu geben, damit die Stangen weiß bleiben. Keine Rede von schmutzigen Fingern und dem zu einem dunkelbraunen Klebstoff oxidierenden Saft der Pflanze, der am Schälmesser mehrere Spülmaschinengänge überdauerte. Das ist schon ein erhöhtes Risiko für die Zubereitung eines Gemüses, das eigentlich eher unspektakulär schmeckt. Aber auch unspektakuläre Nahrungsmittel haben ihre Nuancen und die von Schwarzwurzeln rangieren für mich zwischen angenehm fad und wohlig wohlbekannt. Wobei ich mich ernsthaft frage, ob es überhaupt noch andere Zubereitungsmöglichkeiten über „als Salat“ oder „in weißer Soße“ hinaus gibt. Die bekannteste Sorte hört laut Wikipedia übrigens auf den Nahmen „Hoffmanns Schwarzer Pfahl“, was mir aber ein bisschen frivol scheint, für so ein gutbürgerliches Gemüse.

miniportion 223: holunder

Bereinigter Holunder, Köln 2011

Bereinigter Holunder, Köln 2011

Roter Holunder, so dachten wir als Kinder, sei giftig. Und da man als Kind ja einen gewissen Sinn für Dramatik hat, dachten wir gerne, er sei tödlich giftig. Deshalb kochte ich mit einem anderen Jungen aus der Straße auf einem Esbit-Kocher im Hof ein tödliches Gift, das im Wesentlichen aus rotem Holunder und den Früchten der Eberesche bestand, aber nie zum Einsatz kam. Wir hatten ja auch kein Wikipedia, dort las ich nämlich erst Jahrzehnte später, dass lediglich der Verzehr von rohen roten Holunderfrüchten zu Brechdurchfall führen könne, sie im gekochten Zustand aber durchaus essbar seien. Schwarzer Holunder, den man normalerweise für Saft oder Gelee nimmt, kam in der Nordeifel nicht so häufig vor. Vielleicht fand ich ihn auch einfach weniger interessant, weil ihm nicht der Ruf vorauseilte, tödlich giftig zu sein.

Diese Sorte entdeckte ich nämlich erst mit meinem Umzug in die Hauptstadt für mich. Als ich einmal im Treptower Park mit Schere und Eimer unterwegs war, wurde ich von diversen Berliner Senioren und Seniorinnen angesprochen, die begeistert waren, dass ein (vergleichsweise) junger Mann, einer solchen Tätigkeit nachging. „Haben wir früher ja auch gemacht“, sagten die meisten von ihnen mit einem nostalgischen Gesichtsausdruck – ohne zu begründen, warum sie damit aufgehört hatten. Grundsätzlich gehörten aber sowieso fast ausschließlich Menschen mit türkischem Hintergrund zu denen, die man dort in Parks und anderen öffentlich zugänglichen Grünflächen bei der Ernte von irgendetwas beobachten konnte. Haselnüsse beispielsweise, Mirabellen und Pflaumen oder die Früchte der so weit im Norden eher selteneren Maronenbäume. Die mehr als reiche Holunderernte blieb jedoch mir allein überlassen, was vielleicht damit zusammenhängen mag, dass die hier vorkommende Art Sambucus Nigra im Mittelmeerraum nicht bekannt ist. Vielleicht gilt sie ja als giftig. An Gelee aus Rotem Holunder habe ich mich schließlich bislang auch noch nicht getraut.