ethnografische notizen 53: maastricht & euregio maas-rhein, kandidat europäische kulturhauptstadt 2018 (1/5)

Eupen, August 2012

Tageskarte im Ratskeller Eupen, August 2012

„Mercredi“ steht über dem kopierten, handschriftlichen Tagesmenü des Ratskellers in Eupen, einem eher gediegenen Restaurant Ecke Klötzerbahn/Kirchstraße, unweit der Regierung der Deutschsprachigen Gemeinschaft Belgiens. Belgische Brasserieküche verspricht die Eigenwerbung. „Tagesmenü für € 12,50. Escalope de Poulet Sauce Provençale – Salat – Fritten oder Tranches de Roti de Boeuf Bearnaise – Salat – Fritten“. „My name is Vassili, how are you doing?” begrüßt der Besitzer die 15-köpfige Gruppe amerikanischer MBA-Studierenden aus Los Angeles mit denen ich an diesem Mittag in Eupen und Maastricht unterwegs bin.

Dass die Einwohner dieser rund 76.000 Einwohner umfassenden sprachlichen Minderheit trotz der Gemütlichkeit ihrer Region aus ihrer Mehrsprachigkeit Kapital zu schlagen wissen, ist nichts Neues (Esskultur der DG siehe: ethnografische notizen 38: belgiens trost – teil 2/5) und auch Mehrsprachigkeit von Speisekarten ist nicht unbedingt ein Alleinstellungsmerkmal. An nicht vielen Orten Europas aber wird man zwei Sprachen nicht nur nebeneinander, sondern in einer Symbiose aus Roti de Boeuf und Fritten mit Salat finden. Die Euregio Maas-Rhein, das deutsch-belgisch-niederländische Dreiländereck mit den Minimetropolen Aachen, Lüttich, Hasselt, Eupen und Maastricht, ist eine dieser Gegenden wo sich die kulturelle Vielfalt nicht nur in drei Hochsprachen und zwei Regionalsprachen äußert, sondern auch in einer vielfach noch unentdeckten kulinarischen Vielfalt.

Höchste Zeit also, auch einmal an dieser Stelle über meine hauptberufliche Arbeit für die REGIO Aachen im Rahmen des Projekts „Maastricht & Euregio Maas-Rhein Kandidat Kulturhauptstadt Europas 2018“ zu berichten.

Den Anfang macht ein Text, den ich im vergangenen Jahr auf Bitten des künstlerischen Leiters der Bewerbung, Guido Wevers, als Vorlage für die erste Version der Bewerbungsunterlagen geschrieben habe. Seither ist viel Wasser die Maas runtergeflossen und die zweite (finale) Version des sogenannten Bidbooks ist so gut wie fertig (Einreichung der Bewerbung November 2012/Entscheidung der Kommission Ende 2013). Meine Überzeugung, dass ein kulinarisches Bewusstsein einen Beitrag zur Rettung der europäischen Idee beitragen kann, ist hingegen unverändert.

 

Esskultur als Katalysator

Auch in klammen Zeiten ist die Euregio Maas-Rhein reich an Essbarem. Printen, Jenever, Reisfladen, Waffeln, Apfelkraut und Rotschmierkäse – um die touristischen Highlights zu nennen – sind vielleicht nicht europaweit, aber dennoch über die Grenzen der Region hinaus ein Begriff. Doch einzelne Produkte, so ausgewogen oder raffiniert sie auch sein mögen, sind lediglich Teilstücke eines darunter oszillierenden kulturellen Komplexes. Sie allein versetzen uns noch nicht in die Lage, das Küchensystem dieser Region zu erfassen. Nicht der marketingtechnische Erfolg solitärer Produkte interessiert uns daher als Kulturhauptstadtskandidaten, sondern ihr Verhältnis zueinander, die oft mit dem bloßen Auge kaum sichtbaren Schnittmengen und Differenzen auf dem Teller …

Vollständiger Text zum Download hier.