ethnografische notizen 103: stachelbeeren

Stachelbeeren zum Selberpflücken – Erkrath, Juli 2015

Stachelbeeren zum Selberpflücken – Erkrath, Juli 2015

„Bauerngarten, Ilex crenata-Einfassungen“, lese ich in der Broschüre, „Obst, Gemüse und Blumen.“ Nachdem wir am „Tag der Offenen Gartenpforte“ bereits einen schrecklichen und einen sehr schönen Privatgarten in Langenfeld besichtigt haben, hängen wir trotz des mäßigen Wetters den Pfarrgarten von Erkrath noch hinten dran. Wir parken auf dem Parkplatz des benachbarten Altenheims und drehen eine Runde durch die quadratischen Beete. „Hat Potenzial“, sagt Freund A., der eine Gärtnerausbildung hat. „Der Pfad zwischen naturbelassen und verwildert ist ein schmaler Grad“, befinde ich und weil wir uns nicht erinnern können, auf dem Hinweg ein Café gesehen zu haben, beschließen wir, für Kaffee und Kuchen nach Köln zurück zu fahren.

P. bei der Stachelbeer-Ernte – Erkrath, Juli 2015

P. bei der Stachelbeer-Ernte – Erkrath, Juli 2015

„Sollen wir vielleicht noch ein paar Beeren pflücken“, fragt P., der auf dem Hinweg schon mit großen Interesse die in einer Kurve zwischen Unterbach und eben jenem Erkrath gelegene Selbstpflückanlage zur Kenntnis genommen hatte. Damit sind alle einverstanden. Wir passieren eine wilde Ansammlung von handgemalten Schildern und Beachflaggen, die für Erd- und Himbeeren, Schnittblumen und frische Aprikosen werben und parken auf einem Rasenstück vor dem eingezäunten Gelände. Auf der anderen Seite des Zauns laufen zwei Frauen in Richtung Himbeeren, ihre mitgebrachten Schüsseln in der Hand. In einem zusammengebretterten Stand verkauft ein junger Mann schon vorgepflücktes Obst und ein bisschen Gemüse. „Wir haben keine Behälter dabei“, sage ich zu ihm. „Kein Problem“, antwortet er mit einem deutlichen polnischen Akzent und reicht uns transparente Plastikschalen mit Henkel, „was wollen Sie pflücken?“ P. entscheidet sich für Johannisbeeren, ich interessiere mich, wie immer, vor allem für die Stachelbeeren. Die beiden anderen können sich noch nicht so recht entscheiden.

Brombeeren, Stachelbeeren, Johannisbeeren – Erkrath, Juli 2015

Brombeeren, Stachelbeeren, Johannisbeeren – Erkrath, Juli 2015

Wir laufen an den langen Reihen entlang. „Ich will mal die Himbeeren probieren“, sagt S. und schlägt sich in die Büsche. P. steckt sich ein paar rote Johannisbeeren in den Mund und verzieht das Gesicht. „Sauer“, konstatiert er, „die brauchen noch Sonne.“ Ich biege bei den Stachelbeeren ab. An den ersten Büschen hängen nur vereinzelt ein paar kleine Früchte. Ein wenig enttäuscht gehe ich weiter und nehme erleichtert zur Kenntnis, dass die meisten Kunden wohl lieber direkt am Eingang ernten. Vorsichtig probiere ich eine Beere. „Süß“, sage ich zu A., „ganz anders als früher.“ Noch ein paar Meter weiter sind die Sträucher voll mit prallen, dunkelroten großen Stachelbeeren. Ein bisschen Sonnenbrand haben die meisten von ihnen abbekommen, was ihrem Geschmack aber keinen Abbruch tut. P. hat die Johannisbeeren aufgegeben, macht jetzt auch in Stachelbeeren und wir pflücken beide Schalen voll.

Stachelbeerernte – Erkrath, Juli 2015

Stachelbeerernte – Erkrath, Juli 2015

Eine jüngere und eine ältere Frau kommen uns entgegen und schauen auf unsere Ernte. Die jüngere sagt etwas auf polnisch zur älteren und das deutsche Wort „Stachelbeere“ kommt drin vor. Auf dem Parkplatz auf der anderen Seite des Zaunes, trinken ein paar Männer polnisches Bier. Vermutlich haben sie die Erdbeeren gepflückt, die wir auch noch mitnehmen. Zwei Schalen mit auffällig dunklen Früchten, deren Inneres so rot ist, dass es fast im Auge weh tut. „Die sind von Feld dahinten“, sagt der freundliche junge Mann von vorhin, „Sorte Malwina“. Er packt unsere Einkäufe in Plastiktüten. „Bauerngarten“ steht in gelben Lettern auf einer stilisierten roten Sonne. „Hat Potenzial“, denke ich.

miniportion 340: karpfen

Silberkarpfenkoteletts, Berlin 2008

Silberkarpfenkoteletts, Berlin 2008

Meine ersten eigenen Haustiere waren gelbe und rote Goldfische und ich schwöre, dass ich nie daran dachte, sie zuzubereiten und aufzuessen. Einmal aber las ich in einem meiner Goldfischbücher, dass man die Zierfische in Asien auch verspeisen würde und dass sie zwar ein wenig modrig, alles in allem aber dem Karpfen nicht unähnlich schmecken würden. Damit war mein Interesse geweckt, denn zu den kulinarischen Mythen, die man von der Nachkriegsgeneration gerne erzählt bekommt, gehört die eines Karpfens, den es entweder a) früher IMMER an Weihnachten oder wahlweise IMMER an Silvester gegeben habe oder den es b) einmal gegeben habe, weil man das auch mal ausprobieren wollte. In meiner Familie existiert eine solche Geschichte der B-Variante, die mein Vater früher gelegentlich erzählt und die im wesentlichen aus der Anekdote besteht, dass das Tier eine Weile in der Badewanne gelebt und keiner es habe umbringen wollen. Mütterlicherseits weiß ich übrigens nichts von Karpfen zu berichten, obwohl die saarländischen Großeltern das erste richtige Badezimmer der Straße anschafften und somit die logistischen Voraussetzungen vorhanden gewesen wären.

Selbst aß ich Karpfen erstmals in einem Kellerrestaurant irgendwo in Prag, dessen Karte diverse böhmische Spezialitäten beinhaltete. Der Fisch kam in Scheiben, in Bierteig ausgebacken und mit derselben dunklen Soße, mit der auch alle anderen Gerichte böhmischer Provenienz ausgestattet waren. Später, als meine Eltern mich einmal in Berlin besuchten, wagte ich mich selbst an die Zubereitung, allerdings nicht lebend und im Ganzen, sondern in appetitliche Koteletts zerteilt, die ich beim Fischhändler auf dem Wochenmarkt erstand. Das Rezept hieß „Karpfen polnisch“ und beinhaltete neben Soßenlebkuchen, Sultaninen und Mandelstiften eine ganze Menge kleiner, perfider Gräten. Meine Eltern waren höflich begeistert, erzählen seitdem aber auffallend selten von Süßwasserfischen.