miniportion 310: plätzchen

Springerle ohne Butter und ohne Mandel, Aachen 2010

Springerle ohne Butter und ohne Mandel, Aachen 2010

Heute ist die hier erzählte Geschichte dem Adventskalender-Projekt meiner Blogger-Kollegin „giftigeblonde“ gewidmet, deren tägliches Treiben ich jeden Tag mit viel Interesse verfolge!

Ab Ende November ungefähr, wenn der Himmel bei kaltem Wetter morgens oder abends besonders schön rosarot gefärbt war, sagten meine Eltern uns, das Christkind backe gerade Plätzchen. Das kam mir als Kind sehr logisch vor, weil ab diesem Zeitpunkt auch meine Mutter damit beschäftigt war, diverse mit einer Papierserviette ausgelegte Metalldosen zu füllen, die dann im ungeheizten und dunklen Gästezimmer auf der alten Nähmaschine aufbewahrt wurden. Dieser Raum befand aus Kindersicht strategisch ziemlich günstig in einer Ecke des Hauses, so dass man ihn mit etwas Geschick auch unbemerkt besuchen konnte. Visiten, die gelegentlich zu Protesten der Plätzchenproduzentin führten, die die von ihr zusammengebackenen Vorräte für die Weihnachtstage schwinden sah. Heute denke ich, dass sie die Verluste schon einkalkuliert hatte. Aber damals wurde – zumindest offiziell – das Weihnachtsgebäck erst ab Heilig Abend gegessen. Der Advent war ja schließlich einmal so etwas wie eine Fastenzeit.

Auch die Großmutter meines Mannes war eine ziemlich produktive Hausfrau, die jährlich für meine Schwiegereltern und für jedes der beiden Enkelkinder jeweils ein Kilogramm Mehl zu Butterplätzchen verarbeitete, welche ausdrücklich schon vor den Feiertagen zu essen waren. Diese Angewohnheit behielt sie bei, bis sie sich schließlich mit 90 Jahren nach dem Umzug ins betreute Wohnen nicht mehr an einen neuen Backofen traute. Seitdem versuche ich mich immer wieder mal an ihrem Rezept, das aus eher vagen Angaben für Mehl, Zucker, Butter, Eier und Backpulver besteht. Dabei nehme ich „etwas mehr“ Butter, so wie es auf dem Zettel steht und ich pelle auch die Mandeln für obendrauf von Hand, weil die geschälten aus dem Laden „viel zu teuer“ sind. Das Ergebnis ist meistens passabel, reicht aber nie – auch nicht in meinen Augen – an die Originale von Oma heran. Ob nach ihrem Tod das Christkind die Regie beim Backen abgeben musste, ist übrigens noch ungeklärt.

miniportion 302: butterkeks

Knusperkeks an der Tankstelle, Aachen 2013

Knusperkeks an der Tankstelle, Aachen 2013

Im vergangenen Jahr wurde der goldene Leibniz-Keks vom Bahlsen-Fabriktor in Hannover entwendet, zur Erpressung von guten Taten seitens des Herstellers eingesetzt und schließlich in einer medienträchtigen Aktion wieder rückerstattet. Da ich anschließend von verschiedenen Personen gefragt wurde, ob ich hinter dieser Angelegenheit stecken würde, möchte ich an dieser Stelle noch einmal ganz deutlich betonen: Ich war das nicht! Man sollte sich also nicht von der Verwendung von aufgeklebten Zeitungsbuchstaben in erpresserischen Briefen (wenn auch mit dem Allgemeinwohl zuträglich) zu falschen Schlussfolgerungen leiten lassen. Die von mir gebastelten Wörter des Tages dienen lediglich der Stimulation meiner Leser und Leserinnen und finden ausschließlich in den sogenannten Social Media Verwendung, keinesfalls aber in der Entführung von symbolträchtigen Objekten der Alltagskultur. Wie ich an anderer Stelle ja bereits erwähnte, pflege ich mir sogar in unbewachten, schwedischen Freilichtmuseen den Diebstahl von Gegenständen zu untersagen. Und dazu zählen auch Kekse.

Als Kind fragte ich mich manchmal, wo der Unterschied zwischen Keksen und Plätzchen ist. Und um ehrlich zu sein, frage ich mich das heute auch noch. Liegt es an regionalen Unterschieden oder an der Jahreszeit? Sind nur flache Feingebäcke ein Keks? Ich würde nämlich selbstredend zu einem Butterkeks nie Plätzchen sagen. Auf Reisen im Auto wurde man ja schließlich auch nicht gefragt, ob man ein Plätzchen wolle, sondern einen Keks. Selbiger wurde dann in der weißen Wellpapier-Verpackung aus dem Cockpit gereicht.

Leibnizkekse hießen im Osten übrigens Hansa-Kekse, um wieder einmal die gesamtdeutsche Verständigung zu fördern. Was irgendwie aber verwunderlich ist, da die Westkekse bereits 1891 nach dem Universalgelehrten benannt wurden, der ja 1646 in Leipzig geboren wurde. Allerdings starb er 70 Jahre später in Hannover und muss also irgendwann in seinem Leben „rübergemacht“ haben. Das hat man ihm vermutlich übel genommen.

ethnografische notizen 005: spritzgebäck

Aachen 2010

Zimtsterne und Marzipankartoffeln schon Anfang November? Das vielfach bejammerte Angebot von Weihnachtsgebäck und -süßigkeiten schon weit vor der Adventszeit ist eine simple Frage von Angebot und Nachfrage. Würden alle, die über ein viel zu frühes Erscheinen der Waren in den Läden den Kopf schütteln, wirklich bis zum Advent warten und nicht unter dem Hinweis, dass es ja dann nichts mehr gäbe, doch schon frühzeitig Vorräte anlegen, so wären die Discounter gezwungen, ihre Auslieferungen nach hinten zu verlegen. Aber ein Dominostein im Oktober bedeutet noch keinen Kulturverlust per se. Die Tatsache, dass sich bestimmte Ernährungsmuster aus ihrem ursprünglichen zeitlichen Kontext herauslösen, kein Phänomen einer vollständig von industrieller Nahrungsmittelproduktion bestimmten Gesellschaft – in Aachen werden seit langem ganzjährig Printen, in Nürnberg auch zu Ostern Lebkuchen verkauft.

In gleich mehreren Supermarktketten findet sich in diesen Tagen eine Fertigbackmischung für Butterspritzgebäck, die bei näherer Betrachtung jedoch eine ganz andere Frage aufwirft.  „Auf die Plätzchen, fertig, los!“, heißt es auf der Internetseite des Anbieters, „RUF Butter-Spritzgebäck gelingt sicher, so dass man sich ganz aufs Formen und Dekorieren der kleinen Kunstwerke konzentrieren kann.“ Laut Hersteller müssen bei der Zubereitung lediglich 250 Gramm Butter und zwei Eier hinzugefügt werden.

Was bitte, fragt man sich, könnte denn bei Spritzgebäck schief gehen? Nichts wäre auch für Back-Laien einfacher zu korrigieren als ein zu fester oder zu weicher Teig. Das „Spritzen“ des Gebäcks mit dem Fleischwolf ist darüber hinaus durch seine quasi unendliche Wiederholbarkeit ein ideales Übungsfeld. Ein Blick auf ein Nachkriegs-Familienrezept zeigt mit Mehl, Zucker, Butter, Eier, Backpulver und Vanillzucker (sic!) nahezu identische Inhaltsstoffe. Vom einen oder anderen überflüssigen Zusatzstoff einmal abgesehen. Worin liegt also der Mehrwert der Backmischung? In der bloßen Tatsache dass ich Mehl und Backpulver, Zucker und Vanillinzucker nicht mehr selbst mischen muss?

Die Antwort findet sich nicht in der Zubereitung, in keiner Arbeitserleichterung, nicht in den Zutaten und damit auch nicht im Geschmack. Der Kauf einer ansprechend bunten Verpackung inklusiv dem Erfolgsversprechen entspricht dem Erwerb einer Idee. Der Einfall, dass man ja eigentlich auch mal wieder Spritzgebäck machen könnte. Das hierfür ein Supermarkt notwendig ist, darin liegt die eigentliche Verarmung.

Rezept Martha M. (1917-2010)