Tag Archives: pizza

soulfood düren – #016

14 Jul
Co_Lunch im Il Piacere, Düren 2017

Co_Lunch im Il Piacere, Düren 2017

Co_Lunch

Belegte Brötchen und Kuchen gibt’s im CO_SPACE Düren, Obst, Studentenfutter und Popcorn, Müsli-Kekse und Schoko-Kekse. Kaffee und Wasser sind gratis, Kaltgetränke zum Selbstkostenpreis. Aufkleber mit „I love Düren“ auf den Kühlschränken beweisen, dass wir uns wirklich in Düren befinden und nicht irgendwo in Ehrenfeld oder Neukölln. Am ersten Tag trinken wir alle unseren Kaffee aus kleinen braunen Einwegbechern, am zweiten Tag schon haben sich die meisten eigene Tassen mitgebracht. Weiterlesen

miniportion 252: anchovisfilet

3 Okt
Synchronschwimmen auf dem Fischmarkt, Istanbul 2011

Synchronschwimmen auf dem Fischmarkt, Istanbul 2011

Zu den Lebensmitteln, die ich als Kind wirklich unverzehrbar fand, gehörten neben Wein, grünen Oliven und Kapern auch Anchovis. So können sich die Zeiten ändern. Sardellen (die Bezeichnung „Anchovis“ war im Dorf vermutlich allenfalls dem italienischen Feinkosthändler Faccini bekannt, dessen Geschäft leider irgendwann der ersten PLUS-Filiale weichen musste) kamen im heimischen Küchensystem nur an einer Stelle vor, nämlich dann wenn selbstgemachte Pizza gegessen wurde. Auf einem für meinen Vater reservierten Teil der Unterlage aus Hefeteig (wie wir zu vier Personen mit einem Backblech Standardgröße auskamen ist mir bis heute ein Rätsel) wurden dann nicht nur grüne Oliven mit roter Paprikafüllung aufgebracht, sondern auch Sardellenpaste aus einer im Kühlschrank aufbewahrten Tube, die ich nicht nur geschmacklich zu intensiv sondern aufgrund ihrer grau-bräunlichen Färbung auch ästhetisch äußerst fragwürdig fand. Auf dem Teller untersuchten wir Kinder dann peinlichst genau, ob der Fischgeschmack der in willkürlichen Mustern herumliegenden Fischpaste nicht vielleicht doch auf unbefugte Weise sein Terrain verlassen und auch die für uns vorgesehenen Stück okkupiert hatte.

Meine Schwester schaffte den Sprung in die Welt der erwachsenengerechten Aromen altersgemäß früher als ich. Ich erinnere mich an eine Nudelsoße, die sie einmal nach Studienbeginn für mich kochte und die mit kleingeschnittenen Anchovisfilets gewürzt wurde. Danach war mein Interesse geweckt, auch wenn ich bis heute kein großer Fan von Sardellenpaste geworden bin. Dafür finde ich als erwachsener Mensch in Anchovisfilets gewickelte Kapern, Oliven und ein Glas Wein einen gelungenen Einstieg in gesellige Zustände jeder Art. Je nach Portionsgröße wünsche ich mir dann aber gelegentlich, ich hätte ein eigens auf mich zugeschnittenes Feld mit Lebensmitteln, die sonst niemand mögen würde.

miniportion 241: spaghetti

22 Sep
Freitagmittag im Büro, Aachen 2013

Freitagmittag im Büro, Aachen 2013

„Was ist das denn?“, frage ich einigermaßen entgeistert, als Kollege S. seine Pizza aus dem Karton packt, „so was habe ich ja noch nie gesehen!“ Es ist Freitagmittag und somit Zeit im Besprechungsraum mit einem Glas auf das Wochenende anzustoßen. „Das“, antwortet Kollege S., „ist Pizza und Spaghetti in einem. Du hast wohl noch nie nachts im besoffenen Zustand Essen bestellt.“ Da hat er recht. Was aber nicht daran liegt, dass nicht auch ich hin und wieder mal im nicht-nüchternen Zustand Heißhunger verspüren würde, sondern eher daran, dass in genau diesem Zustand, mitten auf dem Weg nach Hause, eine Filiale von Burger King zu finden ist. Die hat mir bislang aber noch nie angeboten, verschiedene Produkte ihres Sortiments in einem Gericht zu vereinen.

Bislang dachte ich deshalb immer, dass sich dergleichen Experimente, beispielsweise bei der Zubereitung von Pizzen auf das Hinzufügen von Elementen eines anderen Gerichtes beschränken würden. Etwa auf Gyros-Schnipsel oder Wurststückchen, Gurke und Röstzwiebel auf der berühmten Hotdog-Pizza von Freund M.. Dass man aber einfach zwei Bestellungen aufeinander packt, war mir wirklich neu. „Aber warum nicht?“, denke ich mir noch, bevor die Konversation einen anderen Weg einschlägt, weil die von Kollegin Z. für diesen Anlass besorgte Flasche Rotkäppchensekt von Unbekannten aus dem Kühlschrank entwendet wurde.

Als Kind der 1980er wuchs ich in einer Zeit auf, in der Nudelgerichte in Deutschland eine interessante Wendung nahmen. Weg von Makkaroni mit Butter als Beilage zu gutbürgerlichen Gerichten, hin zu eigenständigen Pastavariationen mit italienischem Flair. Irgendwann wusste man in Deutschland, dass zu bestimmten Pastasorten, bestimmte Soßen gehören und bestimmte Kombinationen ein absolutes No-Go sind. Da fällt mir ein, dass ich in der Aufregung völlig vergessen habe, meinen Kollegen zu fragen, ob seine Pasta denn auch „al dente“ war.

miniportion 178: hot dog

18 Jul
Professionelles Hot Dog-Geschirr auf dem Flohmarkt, Amsterdam 2006

Professionelles Hot Dog-Geschirr auf dem Flohmarkt, Amsterdam 2006

Bei Hot Dogs denke ich auch an Ikea, aber noch viel mehr an amerikanische Einfamiliehäuser in gepflegter Wohnlage. Ich denke an den Geruch von frisch gemähtem Rasen, an weit geöffnete Fenster und das Zischen von Möbelpolitur aus der Sprühflasche. Keine auf der Hand liegende Assoziationskette mag man jetzt denken, aber für mich a most valuable memory. Denn in meiner amerikanischen Gastfamilie gehörte sowohl der Hausputz als auch das dezente „ping“ der Mikrowelle, welches die gemeinsame Hotdog-Pause einleitete, zu den festen Samstagsritualen. Die Würstchen kamen dabei ganz klassisch von Oscar Mayer und waren so fest ins Plastik geschweißt, dass sie erst in der Mikrowelle ihre Kanten wieder verloren.

Auch in der Familie meines Mannes haben Hot Dogs eine gewisse Tradition. Allerdings eher im Urlaub, der in seinen Jugendjahren vielfach in Dänemark verbracht wurde. Da hatte ich, bei aller Affinität zu Wurst und Würsten, bei unserem ersten gemeinsamen Aufenthalt im Norden eine Menge nachzuholen. Mit der gleichen Selbstverständlichkeit wie nachmittags jemand zum Bäcker fuhr, um Wienerbrød und anderes Plundergebäck zu kaufen, wurden nämlich bei jedem Ausflug in die Fußgängerzone ziemlich grelle røde pølser verzehrt.

Nach der Veröffentlichung einer, wenn auch kleinen, Monografie über Wurstkultur in Europa dachte ich eigentlich, dass mich auf diesem Gebiet nun nichts mehr überraschen könnte. Bis ich vor einiger Zeit bei einer Kreativbesprechung eine Hot Dog-Pizza vorgesetzt bekam. Ein knuspriger Hefeteig, belegt mit feinen Wurst- und Gurkenscheiben, abgerundet mit Mayonnaise und Röstzwiebeln. Er habe das mal selbst ausprobieren wollen, erläuterte Freund M., man bestelle sich hin und wieder beim Pizzaservice ein ähnliches Produkt. Recht hat er, dachte ich, denn warum sollte Fusion Food eigentlich immer nur asiatische Vorlagen aufgreifen? Es lebe die italienisch-amerikanisch-dänische Freundschaft!

miniportion 017: pizza margherita

7 Feb
Straßenverzehr in Ehrenfeld, Köln 2010

Straßenverzehr in Ehrenfeld, Köln 2010

Margarethe Theresa Johanna, Königin von Italien, war Namensgeberin für eine Schutzhütte auf einem der Gipfel der Mont Blanc-Gruppe. Außerdem wurde der höchste Gipfel des Ruwenzori-Gebirges nach ihr benannt, der sowohl als höchster Berg von Uganda als auch des Kongo gilt. Das dürfte aber kaum jemanden interessieren. Internationale Bekanntheit erlangte die Dame aber durch die Patenschaft für eine neapolitanische Pizza, die der Legende nach ein Gastronom namens Raffaele Esposito im Jahr 1889 der Königin und ihrem Gatten Umberto I. serviert haben soll. Eine Anekdote, die mittlerweile gründlich wiederlegt ist, auch wenn die Potentatin tatsächlich Pizza auf ihr Zimmer bestellt haben soll. Der von wem auch immer gelieferte Prototyp der Margherita entsprach aber in jedem Fall in seiner pompösen symbolischen Aufladung – der Belag aus grünem Basilikum, weißem Mozzarella und roten Tomaten repräsentiert die Nationalfarben – dem nationalistischen Zeitgeist.

Die Dänen, die in den Dingen des Alltags weniger pathetisch gegenüber stehen und mitunter sehr praktisch denken, ehrten 1950 ihre gleichnamige Königin mit einem hübschen bunten Rührschüsselset, das seither in keinem staatstreuen Haushalt fehlen darf. Andere Länder, andere Sitten. Aus Österreich hingegen stammen die Sisi-Busserl. Winzige mit Marillenmarmelade gefüllte und mit Schokoladenspritzern verzierte Haselnussplätzchen aus der Hofbäckerei Edegger-Tax in Graz. Bei Wikipedia finde ich übrigens keinen entsprechenden Eintrag, stattdessen wird mir die Suche nach „Minibusse“ vorgeschlagen. Aber ich schweife ab …

Margarethe von Italien geriet nach ihrem Tod 1926 etwas in Vergessenheit, was nicht weiter schlimm ist, denn mit ihrer frühen Unterstützung Mussolinis bewies sie einen eher zweifelhaften Geschmack. Die nach ihr benannte Pizza hingegen entwickelte sich zu einem globalen, gastronomischen Verkaufsschlager. Als kulinarische Reduktion auf das wesentliche für die einen, als kostengünstigste Alternative auf der Speisekarte für die anderen.

ethnografische notizen 59: vegane pizza

9 Nov
Kastanienallee/Prenzlauer Berg, Berlin im November 2012

Kastanienallee/Prenzlauer Berg, Berlin im November 2012

„Wir könnten die vegane Pizzeria bei mir um die Ecke ausprobieren“, sagt Freund J. als ich ihn am Ende der Tagung anrufe, um mich nach dem Abendprogramm zu erkundigen. „Vegan“, sage ich“, „das klingt irgendwie spaßfrei.“ Beim Stichwort „vegan“ denke ich an farblose Personen in grauen Biokooperativen oder an meinen ehemaligen amerikanischen Studenten Brian, der im Rahmen seiner Selbstfindung solange auf jegliche Nahrung tierischen Ursprungs verzichtete bis ihm die Haare ausfielen und er sich entschloss, es doch lieber mit einer militärischen Ausbildung bei den US-Marines zu versuchen (letztere im Gegensatz zur bewussten Ernährung übrigens nachhaltig erfolgreich). „Ach komm“, sagt Jens, „sei mal offen für was Neues.“ Nun stehe ich einer fleischarmen Ernährung aus ethischen, ökologischen und politischen Gründen nicht abneigend gegenüber und Produkte aus Kuhmilch vertrage ich nur in kleinen Mengen, und trotzdem betrachte ich den gelegentlichen Verzehr von Tieren durchaus als legitim. Gesunde Mischkalkulation eben. Aber gut, da ich mich ja grundsätzlich gerne mal auf was Neues einlasse, beschließen wir, zumindest einmal gucken zu gehen. Außerdem wohnt Freund J. in einem Haus, in dessen Erdgeschoss sich ein österreichisch anmutendes Restaurant befindet, das nach eigenen Angaben die größten Schnitzel der Stadt anbietet und eine schöne Vorlage für Plan B liefert.

Das an der Kreuzung Hertzbergstraße und Sonnenallee gelegene Restaurant ist voll. Lediglich ein Tisch zwischen Abräumwagen und Kühlschrank ist noch frei und nachdem ich festgestellt habe, dass auf dem kleinen handgeschriebenen Schild nicht „reserviert“ sondern „Selbstbedienung, bitte bestellt an der Theke“ steht, nehmen wir Platz. Am Rande einer alten Kühltheke in der sich große Mengen roter Paprika, Auberginen und Zucchini befinden, die in ihrer Makellosigkeit nicht unbedingt an biologisch-dynamische Produktionsweisen denken lassen, finden wir die Speisekarten, die wir zu näheren Analyse mit an unseren Tisch nehmen.

Der Tisch hinter uns ist mit drei Amerikanern besetzt, eine junge Frau sowie ein älterer und ein jüngerer Mann, der mit seinen seitlich rasierten Haaren, seiner gepflegt vernachlässigten Kleidung und seinem Habitus als junger Kreativer ganz dem gängigen Hipster-Klischee erinnert. Seine Brille erinnert mich an die längst verstorbene Alwine M., die dereinst in meiner Heimatstadt ihre ehrenamtliche Tätigkeit auf das Sammeln alter Kassengestelle für die Armen in Sri Lanka konzentrierte, nachdem die von ihr organisierten Benefiz-Konzerte des örtlichen Polizeiorchesters keinen richtigen Anklang mehr fanden. Überhaupt hat man im Sfizy Veg, was laut Speisekarte sizilianisch für „Spaß an etwas haben“ ist, ein wenig den Eindruck, sich in einer Zeitmaschine zu befinden. Überall kleine Regalbretter von denen Zimmerpflanzen herunterranken, die ich seit mehr als 20 Jahren für ausgestorben hielt. An den Wänden Agitprop-Plakate, die beispielsweise Johannes Paul II. beim Verzehr einer Portion Spaghetti zeigen, ein altes, graues Telefon in einem goldenen Rahmen und ein Sammelsurium aus alten Postkarten, Fotos und Zeitungsausschnitten. Von dem Regal über unserem Tisch rankt eine Grünlilie, deren Blätter von einer großen himbeerförmigen Glühbirne rot angeleuchtet werden. Es besteht kein Zweifel, wir befinden uns in einem Hotspot der creative class der Hauptstadt, inmitten von Menschen deren äußere Erscheinung nebst Jutebeutel und übergroßen Strickpullovern sogar der New York Times Artikel ein Artikel wert war. Ihre Hipness ist Vorbote von etwas sind, was eigentlich Gentrifizierung heißt, aber nicht so genannt werden darf, da man ansonsten schon mal schnell ins Visier des Verfassungsschutzes gerät. An diesem Abend sitzen wir aber mittendrin und sind plötzlich dem Geheimnis der Avantgarde ganz nah.

Kastanienallee/Prenzlauer Berg, Berlin im November 2012

Kastanienallee/Prenzlauer Berg, Berlin im November 2012

„Ich glaube, dass ist ein ganz normales Lokal“, flüstert Freund J. während er durch die Karte blättert, „das ist gar keine vegane Pizzeria mehr.“ „Ich glaube schon“, flüstere ich zurück und zeige dezent auf das handgemalte Schild mit der Aufschrift „Meat is murder“ über dem Durchgang in der Küche. Auch wenn die Speisekarte durchaus etwas anderes vermuten lässt. Die klingt nämlich alles andere als vegan, Chicken Tikka Masala gibt es da, Currywurst mit Fritten und Pizza mit Schinken, Speck oder Chorizo. Warum, frage ich mich, gibt man sich soviel Mühe, dass was man eigentlich für ethisch falsch hält, nämlich das Fleisch von getöteten Tieren, möglichst passgenau zu imitieren? Adorno möchte man pathetisch den Verantwortlichen vorhalten, sie mit der Tatsache konfrontieren, dass es kein richtiges in einem falschen Leben geben kann. Aber schließlich zwingt mich ja keiner, hier zu Essen. Und weil es so absurd ist, bestellen wir einen gemischten Salat mit Nuggets zum Teilen sowie einen Pizzaburger für Freund J. und eine Calzone mit Gyros und Pommes („neu!“) für mich. Drei Gerichte in einem – das nenne ich großstädtische Effizienz. Leider haben wir uns auf dem Weg vom Tisch zum Bestellschalter nur die Nummern gemerkt und die Bedienung mit dem starken spanischem Akzent schlägt die Posten zunächst in der Karte nach, bevor sie sie in der Volltextversion mit einem dicken Bleistift auf dem dünnen Papier eines Kellnerblöckchens notiert. Danach erhalten wir eine kleine Marke aus braunem Karton mit der Nummer „28“. „Please don’t destroy“, ist handschriftlich auf der Rückseite vermerkt und man weiß nicht so genau, ob es sich um eine organisatorische Mitteilung handelt oder vielleicht doch um eine weitere politische Botschaft, mit der die Zerstörung unseres Planeten verhindert werden soll. An eine Wand in der Mitte des Lokals gelehnt steht ein hübscher junger Mann mit Vollbart und dunkelblauem Peacoat, der abwechselnd mit seinem iPhone herumspielt und konzentriert durch einen Packen Papier blättert, den er mit sich herumträgt. Zu Berlin gehört, dass man immer mit einem Projekt unterwegs ist. Als endlich seine Nummer aufgerufen wird, zieht er mit einem seligen Blick und einem großen Pizzakarton von dannen.

Kurz darauf kommt unser Salat mit den Nuggets. Er besteht aus Feldsalat, roten Zwiebelringen, Tomaten,  ein wenig veganem Käse und obenauf drei panierten und frittierten Objekten, die so aussehen, als hätte man sie aus der McDonalds-Packung geschüttelt. Sie schmecken, wie vegetarische, panierte und frittierte Objekte nun mal schmecken. Da hat es, seit den diversen Gemüseschnitzeln-, -frikadellen und -bratlingen aus Mensazeiten keine geschmackliche Evolution mehr gegeben.

„Achunswansisch“ ruft die Bedienung und Freund J. kommt mit zwei großen Tellern zum Tisch zurück. Sein Pizzaburger besteht aus einer großen Pizza, die mit ihrem Belag aus Tomate, Zwiebel, (vermeintlichem) Schinken und Käse so aussieht, wie eine Pizza eben so aussieht. Lediglich das in der Mitte befindliche, mit einer geschmolzenen Scheiblette abgerundete Häufchen, das man mit etwas Phantasie als Bürger identifizieren könnte, ist ungewöhnlich. Mein Teller hingegen ist mit einer riesigen Klapppizza bestückt, die obenauf sehr, sehr knusprig gebacken ist. Darüber hinaus ist sie ständig bestrebt, den ebenfalls dort ansässigen Beilagensalat aus Rauke, Kirschtomaten und Walnüssen über den Rand zu schubsen. „Und da sind Fritten drin“ frage ich etwas zweifelnd während sich Freund J. bereits an seine Pizza macht. „Schmeckt nicht schlecht“, befindet er, „an das Burgerdings hier traue ich mich aber noch nicht ran.“ Bei meiner Calzone arbeite ich mich von links durch den Teig und stoße irgendwann auf die ersten Pommes, die – das kann an dieser Stelle bereits verraten werden –  zumindest visuell nur bedingt vom gemeinsamen Überbacken mit Tomatensoße und Käsesubstitut profitieren. „Gar nicht so schlecht“, lautet aber mein erstes Urteil. Freund J. fuhrwerkt mit seiner Gabel auf meinem Teller herum. „Schmeckt nach Frittenfett“, sagt er. Selber schuld, denke ich, denn so wie mich ja niemand zwingt, in ein veganes Restaurant zu gehen, bin ich ja auch nicht verpflichtet dort eine Calzone Gyros Pommes zu bestellen. Alles freier Wille. „Wo ist denn Dein Gyros“, fragt mich Freund J. „Keine Ahnung“, antworte ich. „Das hier vielleicht?“, ich zeige ihm mit der Gabel ein rechteckiges Stückchen Materie, „nee, das ist auch eine Fritte. Vielleicht sind die Fritten ja als Gyrosersatz gedacht. „Quatsch“, sagt Freund J., „die kommen noch.“ Er soll Recht behalten und etwa in der Mitte des Teiggebildes stoße ich auf Stücke einer Substanz, die in Konsistenz und Geschmack in der Tat an Gyros erinnern. „Besser als erwartet“, fasse ich erneut zusammen und mache mich an den Burger auf dem Teller meines Gegenübers, der aus einem Stück Fleischersatz, Käse, Ketchup, Zwiebeln und einer größeren Menge veganer Mayonnaise besteht. „Weniger gut“, korrigiere ich mich, „aber Deine Pizza als solche finde ich lecker.“„Ich bestelle mir beim nächsten Mal auch so ein Gyros-Ding“, kündigt mein Gegenüber an. Wir tauschen die Teller, die aber aufgrund des gefühlten 20-prozentigen Fettgehalts aller Speisen dann doch nicht ganz geleert werden. „Jetzt noch ein Nachtisch“, sagt J., der sich bereits bei der Bestellung des Hauptgerichts für eine appetitlich mit Schokoraspeln verzierten dunkle Creme-Torte mit der geheimnisvollen Bezeichnung „Rohkostschokoladenkuchen“ entschieden hat. Ersterer Bestandteil bleibt im wahrsten Sinne des Wortes im Dunkeln, weil die Himbeerlampe über uns nicht genügend Licht liefert, um herausfinden zu können, aus was die grob gehackte Trägermasse der Creme bestehen könnte. „Toll“, Freund J. ist ganz begeistert, „die schmilzt ja richtig im Mund“, sagt er. „Kein Wunder“, antworte ich, „das liegt vermutlich daran, dass sie lediglich aus Kokosfett, Zucker und Kakao besteht. Wie eine riesengroße Portion Eiskonfekt. Hattet Ihr drüben eigentlich Eiskonfekt?“

Kastanienallee/Prenzlauer Berg, Berlin im November 2012

Kastanienallee/Prenzlauer Berg, Berlin im November 2012

Aber irgendwann ist auch dieser Posten geschafft. „Jetzt brauche ich eine Jägermeister“, stöhnt Freund J., „oder noch besser einen Aromatique.“ „Der ist ja von uns“, fügt er hinzu, was besagen soll, dass es sich um ein Ostprodukt handelt. „Haste mool nen Aro, hieß das bei uns“, sagt er mit übertrieben thüringischem Akzent, „komm, wir gehen.“ „Naja“, resümiert er als wir wieder zuhause ankommen und beim Aufschließen der Haustüre noch einen Blick ins Fenster des Schnitzellokals werfen, „hier wäre der Spaßfaktor sicherlich größer gewesen.“  „Mag sein“, antworte ich, „aber nicht halb so trendy!“