Tag Archives: pasta

soulfood düren – #012

29 Mrz
Carbonara im Il Piacere, Düren 2017

Carbonara im Il Piacere, Düren 2017

Il Piacere

„Schön habt ihr’s hier“, sage ich und setze mich an einen der Tische mit den rot-weiß-karierten Decken. Ein bisschen Italo-Folklore, aber eher dezent – der Name des Restaurants als Schriftzug aus Weinkorken und ein paar Schilder mit Pizza und Pasta hier und da. „Ja“, sagt Georg Mierau, „man könnte noch so einiges machen, optisch verkleinern oder so, aber ist schon schön.“ Vorher, so erfahre ich, war hier auch ein italienisches Restaurant. „Portofino, bestimmt 30 Jahre lang – sah aus wie in den 70er Jahren.“ Er geht mit meiner Bestellung in die Küche. Im Hintergrund laufen italienische Pop-Klassiker. Dass das 70er-Ambiente definitiv weg ist, denke ich, während ich die schöne Theke aus roh gezimmertem Holz betrachte. Lediglich die Musik lässt noch erahnen, wie das hier mal ausgesehen haben muss.

Georg – wir einigen uns schnell auf’s duzen – kommt eigentlich aus Estland, aus Tartu, um genau zu sein. „Bin aber schon seit über 30 Jahren in Düren“, sagt er und erzählt, wie er durch einen Job in der Systemgastronomie zur italienischen Küche gefunden habe. Erst in Mönchengladbach und dann in Köln. Eigentlich hätte er eines der Lokale übernehmen sollen. „Hat nicht geklappt. Da haben meine Frau und ich beschlossen, dass wir selbst ein Konzept machen.“ Ein Pilotprojekt in Düren., zwischenzeitlich gab es auch mal einen Laden in Zülpich. Der lief zwar gut, weil es kaum Konkurrenz gab, war aber letztlich zu klein, um wirklich Gewinn zu machen. Deshalb konzentrieren sich die beiden jetzt auf Düren. Da haben wir also etwas gemeinsam.

Der Erst-Kontakt war überraschend: „Hallo Herr Arens, danke für den Blog, den Sie machen. Da Düren sehr italienisch-lastig ist – möchten Sie sich nicht mal an italienische Restaurants machen? Originale Rohes Ei-Speck-Parmesan-Lecker-Echt-Carbonara oder handgemachte Ravioli? Mit kulinarischen Grüßen Georg Mierau“

„Hallo Herr Mierau, das Thema „italienisch“ habe ich in der Tat noch nicht angepackt. Ganz spontan: Morgen Mittag bin ich in Düren. Da könnte ich mal vorbeischauen …“

Jetzt bin ich hier und freue mich auf die Carbonara. Ein Mann ein paar Tische weiter bestellt eine Flasche Wein. Offensichtlich ein Stammgast, der dem Padrone erklärt, dass er gerne jedes Mal an einem anderen Platz sitzt. „Dann schmeckt’s irgendwie auch jedes Mal anders“, sagt er und lacht. Ich probiere die hausgemachte Limonade – nicht zu süß, mit einer angenehmen Minz-Note. Der Chef bringt einen Teller mit meiner Carbonara, was übrigens soviel bedeutet wie „nach Art der Köhler“. Diese hier sind die besten, die mir seit langem auf den Teller gekommen sind – fest, aber nicht hart, mit würzigem Speck und Parmesan und zusammengehalten von einem Hauch Ei. „Wie werden die denn bei euch gemacht?“, will ich wissen. „Also die Pasta machen wir auch selber“, beginnt ein Plädoyer, dass in seiner Leidenschaft dem eines Italieners vermutlich in nichts nachsteht. Die hausgemachte Pasta werde al dente gekocht, währenddessen der Speck in nativem Olivenöl angebraten und beides wird dann mit den Eiern vermischt. „Das ist ziemlich original. Die Italiener machen den Parmesan noch ins Ei. Das stockt aber sehr schnell. Darum lege ich den obendrauf.“

Georg Mierau – Il Piacere, Düren 2017

Georg Mierau – Il Piacere, Düren 2017

Dass Georg Mierau eine kulinarische Mission verfolgt, wird nicht nur im Gespräch deutlich. Vor der Theke steht eine Tafel, auf der handschriftlich erklärt wird, warum die Nudeln al dente gekocht gehören (Aufnahme der Soße durch die raue Oberfläche) und was eine gute Pizza ausmacht (u.a. Mozzarella statt Gouda). 70:30 ist hier das Verhältnis zwischen Kochtopf und Ofen. Eigentlich würde er lieber mehr Pasta verkaufen. „Aber die Leute gehen für Pizza zum Italiener“, sagt er und wirkt dabei trotzdem nicht ganz unzufrieden.

Il Piacere | Weiherstraße 16 | Düren | http://www.il-piacere17.de

 

Im Projekt „Soulfood Düren“ mache ich mich auf die Suche nach der kulinarische Seele der Stadt. Mit interessanten Gästen spreche ich in der zweiten Runde über Lieblingsessen und -orte und das Thema „heute“. Am kommenden Freitag sind eine Konditorin, ein Supermarktleiter und eine Mitarbeiterin der VHS dabei.

Hier das Erklärvideo zur Veranstaltung.

Und hier noch eins.

 

Soulfood Düren II

  1. März 2017 | 19.00 Uhr | Bistro im Haus der Stadt

Tickets € 1 5 | iPUNKT Düren | Markt 6 | Tel. 02421 252525

ethnografische notizen 125: pastawerkstatt

17 Jan
Pastawerkstatt, Aachen 2016

Pastawerkstatt, Aachen 2016

Am Abend vorher habe ich schlechte Träume. Der Teig klebt und reißt, die Einkäufe sind viel zu knapp kalkuliert, es kommen viel weniger Leute als erwartet … Weiterlesen

ethnografische notizen 124: osteria

2 Jan
Der kleinste Pass der Welt, Köln, Januar 2016

Der kleinste Pass der Welt, Köln, Januar 2016

Mein liebster Ort im Restaurant ist der Pass. Jene geheimnisvolle Öffnung zwischen der Welt der Köche und Köchinnen und jener der Gäste. Das Fenster, durch welches das Essen zu mir kommt. Weiterlesen

miniportion 241: spaghetti

22 Sep
Freitagmittag im Büro, Aachen 2013

Freitagmittag im Büro, Aachen 2013

„Was ist das denn?“, frage ich einigermaßen entgeistert, als Kollege S. seine Pizza aus dem Karton packt, „so was habe ich ja noch nie gesehen!“ Es ist Freitagmittag und somit Zeit im Besprechungsraum mit einem Glas auf das Wochenende anzustoßen. „Das“, antwortet Kollege S., „ist Pizza und Spaghetti in einem. Du hast wohl noch nie nachts im besoffenen Zustand Essen bestellt.“ Da hat er recht. Was aber nicht daran liegt, dass nicht auch ich hin und wieder mal im nicht-nüchternen Zustand Heißhunger verspüren würde, sondern eher daran, dass in genau diesem Zustand, mitten auf dem Weg nach Hause, eine Filiale von Burger King zu finden ist. Die hat mir bislang aber noch nie angeboten, verschiedene Produkte ihres Sortiments in einem Gericht zu vereinen.

Bislang dachte ich deshalb immer, dass sich dergleichen Experimente, beispielsweise bei der Zubereitung von Pizzen auf das Hinzufügen von Elementen eines anderen Gerichtes beschränken würden. Etwa auf Gyros-Schnipsel oder Wurststückchen, Gurke und Röstzwiebel auf der berühmten Hotdog-Pizza von Freund M.. Dass man aber einfach zwei Bestellungen aufeinander packt, war mir wirklich neu. „Aber warum nicht?“, denke ich mir noch, bevor die Konversation einen anderen Weg einschlägt, weil die von Kollegin Z. für diesen Anlass besorgte Flasche Rotkäppchensekt von Unbekannten aus dem Kühlschrank entwendet wurde.

Als Kind der 1980er wuchs ich in einer Zeit auf, in der Nudelgerichte in Deutschland eine interessante Wendung nahmen. Weg von Makkaroni mit Butter als Beilage zu gutbürgerlichen Gerichten, hin zu eigenständigen Pastavariationen mit italienischem Flair. Irgendwann wusste man in Deutschland, dass zu bestimmten Pastasorten, bestimmte Soßen gehören und bestimmte Kombinationen ein absolutes No-Go sind. Da fällt mir ein, dass ich in der Aufregung völlig vergessen habe, meinen Kollegen zu fragen, ob seine Pasta denn auch „al dente“ war.