miniportion 277: sanddorn

Sanddorn im Park, Berlin 2008

Sanddorn im Park, Berlin 2008

Auf meiner morgendlichen Joggingrunde kam ich in Berlin zwei Jahre lang an einem Sanddornstrauch vorbei. Seit Kindertagen erfreut sich diese Pflanze meiner tiefen Zuneigung. Vermutlich weil die von meinem Vater gelegentlich zubereitete Sanddornmilch aus Milch und einer Sanddorn-Orangen-Fruchtzubereitung der Firma Schneekoppe immer einen besonderen Moment kennzeichnete. Da konnte die an anderer Stelle beschriebene Bananenmilch einpacken. Sanddorn war nämlich sehr viel exotischer als Bananen, weil man die Frucht an sich so gut wie nie zu Gesicht bekam. Ein anderes Sanddornprodukt mit einer gewissen Aura waren die Fruchtschnitten, die aus dem Reformhaus stammend, bei längeren Fahrten zusammen mit Trinktütchen aus dem Cockpit nach hinten verteilt wurden. Meine verhaltene Sanddorn-Obsession ging sogar so weit, dass ich auf meiner ersten Klassenfahrt auf der weiterführenden Schule nach Gerolstein in der Vulkaneifel einen nicht unbeträchtlichen Teil meines mitgebrachten Taschengelds im örtlichen Reformhaus in ein Sanddornhonig-Gemisch als Mitbringsel für meine Eltern investierte.

Jahre später, in der Hauptstadt, beobachtete ich die Reifung der Sanddornbeeren und beschloss eines Tages mich nach der Arbeit noch einmal in den Park zu begeben, um die Ernte einzufahren. Dieses Vorhaben erwies sich jedoch aufgrund der dornigen Beschaffenheit von Hippophae rhamnoides als ziemlich schwierig, so dass ich mir unter der Beobachtung einiger Obdachloser auf einer Parkbank die Arme zerkratzte. Aus Gründen der Effizienz schnitt ich daher mit einer mitgebrachten Schere einige besonders üppige Zweige zur häuslichen Verarbeitung ab. Dort allerdings erging es mir nicht besser. Die überreifen Beeren zerplatzten bei der geringsten Berührung in grellorangefarbenen Fruchtbrei, der sich unappetitlich mit diversen Spinnen und Insekten mischte. Seitdem gebe ich doch lieber wieder einen beträchtlichen Teil meines Taschengelds für fertige Produkte aus.

miniportion 271: apfelsine

Der Prachtwagen der Appelsinefunke (Nippeser Bürgerwehr) im Rosenmontagszug, Köln 2012

Der Prachtwagen der Appelsinefunke (Nippeser Bürgerwehr) im Rosenmontagszug, Köln 2012

Ich bin nun wahrlich niemand, der gerne den Niedergang der deutschen Sprache beklagen oder sich über die Vielzahl von Anglizismen in unserem Alltag beklagen würde. Aber es gibt Worte, bei denen ich es schade finde, dass eine globale Normierung gewissen Eigenarten hinwegrafft. Apfelsine ist so ein Wort. Und auch auf die Gefahr hin, dass ich mich jetzt 30 Jahre älter anhöre, als ich eigentlich bin: Das war früher bei uns die ganz normale Bezeichnung für Citrus sinensis. Nicht dass mir der Ausdruck Orange nicht geläufig gewesen wäre, aber ich kann mich noch erinnern, als ich zu Schulzeiten erstmals jemanden einen „O-Saft“ bestellen hörte und schlichtweg nicht wusste, was gemeint war.

Beide Bezeichnungen stammen vermutlich aus dem Niederländischen. Orange ist die Kurzform von Oranienapfel, dem niederländischen „oranjeappel“ entsprechend, dass vom arabischen/persischen „nārandsch/nārendsch“ für „ bittere Orange“ abgeleitet ist. Auch über die Verschiebung von „a“ zu „o“ gibt es Vermutungen, vielleicht hat man ans französische „or“ für Gold gedacht, vielleicht an die südfranzösische Stadt Orange, in der ein Großteil des Imports verhandelt wurde.

Das ist an sich ja schon eine schöne Geschichte, wenngleich ich die etymologische Herleitung der Vokabel Apfelsine, vom niederländischen „sinaasappel“ für „Apfel aus China“ noch viel schöner finde. Zum einen, weil Herkunftsregion China und Handelsort Niederlande so anschaulich in einem jetzt deutschen Wort zusammengefasst sind, zum anderen aber auch, weil man das Verhältnis von romanischen und germanischen Sprachfamilien an diesem Beispiel so gut erklären kann und vielleicht auch, weil Apfelsine ein so hübsch kompliziertes Wort ist, wo allerorten auch Sprache glatter und stromlinienförmiger wird. Aber ich wollte ja nicht jammern. Und ab jetzt sag ich nur noch Apfelsine, versprochen!

miniportion 041: obstteller

Frisches Obst, Curaçao 2009

Frisches Obst, Curaçao 2009

Seit mein Vater pensioniert ist, verbringt er viel Zeit mit Tätigkeiten wie Malen und Schreiben. Oben in seinem Arbeitszimmer. Das ist meiner Mutter, die sich tagsüber viel in der Küche aufhält, nur bedingt recht. Schließlich hatte sie tagsüber gerne ein wenig Ansprache und auch gerne ein wenig Kontrolle. Aber sie wäre nicht meine Mutter, hätte sie nicht einen passenden, subtilen Trick auf Lager. Zu meinen Favoriten ihres derzeitigen Repertoires gehört der Einsatz des Obstteller. Der Augenarzt habe gesagt, sie solle jeden Tag eine Tomate und eine Banane essen und überhaupt sei Obst natürlich gut. Das gilt nach 42 Ehejahren natürlich automatisch auch für meinen Vater und lässt einen gewissen gestalterischen Spielraum. Es gebe Tage, so berichtet zumindest dieser, an denen der Vitaminkonsum auf vier bis sechs Portionen am Tag ausgeweitet werde, die selbstredend in der Küche serviert werden. So geht das mit den Synergieeffekten.

Männer und der Verzehr von Früchten ist aber nicht nur in meinem Elternhaus ein komplexes Thema. Die aushäusige Vitaminversorgung meines Schwiegervaters, so erzählt mir die Schwiegermutter, wurde jahrzehntelang über das Obsttellerchen seiner Sekretärin geregelt. Die schälte die Mandarinchen, schnitt das Äpfelchen und portinionierte das Banänchen. Nun bin ich keine Sekretärin und arbeite glücklicherweise nicht im selben Gebäude wie mein Mann, aber gewisse Muster kann ich durchaus auch in unserer Wochenendbeziehung wiedererkennen. Auf den Punkt gebracht: Selber schälen ist nicht drin.

Ich empfehle daher von montags bis freitags den Verzehr von Rosinen und anderem Trockenobst! Nüsse gehen zur Not auch noch. Oder den eines Fruchtcocktails aus der Dose, der vermutlich zurecht nur noch auf wenigen gastronomischen Inseln in Deutschland zu finden ist. Wobei geschälte Trauben, gekochte Birnenstückchen und eine gelegentliche Cocktailkirsche zu den irgendwie schönen Kindheitserinnerungen gehören.