Tag Archives: neukölln

ethnografische notizen 245: berlin-neukölln

1 Mrz
Burrito Baby, Berlin-Neukölln, Februar 2019

Burrito Baby, Berlin-Neukölln, Februar 2019

Neun Jahre später laufe ich durch meine alte Straße. Das Haus in dem ich zwei Jahre lang gewohnt habe scheint durchsaniert. Im Dunkeln leuchten die Wohnungen gediegen durch die alten Sprossenfenster. Wir sind auf dem Weg zum Abendessen und spazieren durch den Reuterkiez, vorbei an vietnamesischen, peruanischen und sudanesischen Restaurants. „Nach der gastronomischen Gentrifizierung kommt jetzt die kulinarische Ethnifizierung“, denke ich. Weiterlesen

ethnografische notizen 094: pho

6 Mrz
Pho Bo nach Art des Hauses, Reisschale, Berlin 2015

Pho Bo nach Art des Hauses, Reisschale, Berlin 2015

Zum ersten Mal aß ich Phở in Paris, vor rund 20 Jahren, als kosmopolitische Freunde aus meiner Heimatstadt mich kurzerhand für ein Wochenende mit in die französische Hauptstadt mitnahmen. An viel kann ich mich nicht mehr erinnern, außer an ein kleines, schmales Restaurant, das eigentlich schon geschlossen hatte, sich aber noch einmal überreden ließ, uns wenigstens eine Suppe zu servieren. Diese eine Suppe erwies sich im Nachhinein aber als vietnamesischer Signature-Dish mit einer Einlage aus Nudeln, Fleisch und Kräutern. Für Paris als ehemalige Kolonialmacht in Französisch-Indochina vielleicht nichts besonders, aber für einen am Ende des Vietnamkriegs geborenen Westdeutschen war die Sozialistische Republik in den 1990er Jahren nicht nur kulinarisch ein blinder Fleck.

Phở, so lese ich bei Wikipedia, sei eigentlich ein Frühstück, weshalb entsprechende Restaurants bereits früh öffnen und aber schon im Laufe des Vormittags wieder schließen würden. Das mit dem Frühstück gefällt mir, ich bin aber trotzdem froh, dass die „Reisschale“ gegenüber der Neuen Welt in Neukölln auch noch am frühen Nachmittag geöffnet hat.

Gleich fünf Personen arbeiten hinter der Theke. Sie tragen fahlgelbe T-Shirts über dunklen Longsleeves. Einer der Kellner trinkt einen Rest Kaffee aus einem Pappbecher und bringt mir die Speisekarte. Im Kragen seines T-Shirts hängt eine Lesebrille.. Draußen scheint die Sonne und Leute aus dem Bauhaus kommend vorbei Richtung Hermannplatz. Die Karte bietet neben thailändischen Gerichten auch Sushi. Ich bestelle Pho Bo nach Art des Hauses, leicht pikant und der Kellner wischt eine liegengebliebene Sprosse vom Tisch.

Eine Kellnerin in einem schulmädchenartigen Faltenrock bringt mir mein Wasser und kurz darauf mein Essen. Aus der weißen Schüssel steigt der Duft von Sternanis und Basilikum auf. Dünne, breite Nudeln, in einer sehr heißen Brühe. Stäbchen aus Plastik, deren Dekoration von der Spülmaschine ausgeblichen ist. Ich lasse die Suppe abkühlen, während ich mir Notizen mache.

Das ältere Ehepaar am Nachbartisch hat vor dem Essen einen Fruchtcocktail getrunken. Willst Du noch was, fragt die Frau ihren Mann und schiebt ihm ihren Teller rüber. Auf dem abgewetzten Laminatfußboden kann sehen, wo die Hauptwege verlaufen. Am Tisch auf der anderen Seite des Pfades unterhalten sich zwei junge Frauen mit Kind in einer Sprache, die ich nicht identifizieren kann

Eine vereinzelte amerikanische Touristin hält ihre Handtasche auf dem Schoß und studiert während des Essens ein Wellness-Prospekt. Hinter ihr eine Buddha-Statue, violette Orchideen und ein Buch mit dem Titel „In der Stille wächst die Kraft“. Lautlos läuft der Ventilator in der Glasfassade während ein älterer Koch seinen Kolleginnen eine vietnamesische Geschichte erzählt.

Vor der Türe stehen Biertischgarnituren für unempfindliche Gäste, denn obwohl die Sonne scheint, ist es noch ziemlich kalt. Eine Mitfünfzigerin in einem aus bunten gehäkelten Lappen zusammengesetzen Pullover bestellt eines der thailändisches Gericht. „Habe ich das richtig ausgesprochen?“, sagt sie und lacht unsicher. Der Kellner hat sie nicht verstanden und sie zeigt auf die Speisekarte.

Der Fahrer eines Kleinlasters mit der Aufschrift „Für das Essen nur das Beste – Gerlicher Öle und Fette“  fährt, unbeachtet vom Personal, eine Sackkarre mit vier großen mit strahlendgelbem Rapsöl gefüllte Behälter durch das Restaurant. Auf dem Rückweg schiebt er bräunliche Fette für die Entsorgung vor sich her.

Hintendurch wird gemörsert, von vorne hört man das Klappern der Woks. An der riesigen Dunstabzugshaube hängt eine kleines Eimerchen mit der Aufschrift Ömür-Joghurt.

Ein bärtiger Hipster-Junge mit Nasenring, enger Jeans, gestrickter Mütze und Parka bestellt ein Gericht mit Ente.

Die Welt in einer Reisschale.

miniportion 301: broiler

24 Nov
Hähnchen-Holzkohle-Grill-Apparat, Berlin 2013

Hähnchen-Holzkohle-Grill-Apparat, Berlin 2013

In meinem früheren Berliner Kiez, nicht weit vom Hermannplatz, gibt es einen arabischen Hähnchengrill namens „Ris A“. Dort kann man, zumindest war das noch vor ein paar Jahren so, gut essen. Beispielsweise gegrilltes Hähnchen mit Hummos und flachem, arabischen Fladenbrot. Das tun für gewöhnlich auch sehr viele Leute, die an den sehr einfachen Tischen des Lokals sitzen und dabei auf die Kreuzung schauen. Das eigentlich interessante aber kann man nur von außen sehen. Von dort aus kann man nämlich in einen kleinen Raum gucken, in dem sich zwölf Roste mit darin jeweils zwölf nackten Hähnchen auf einer Art Rad über Holzkohleglut drehen. Das macht insgesamt 144 Vögel, was ja eine Menge Material ist, das Personal aber nicht davon abhält, ständig neue Roste mit noch ungegrillten Hähnchen in die Höllenapparatur einzuspannen. Die Männer, die dies tun, sind dabei vollständig bekleidet, was ich persönlich ungewöhnlich finde, da sich meiner Einschätzung nach die Raumtemperatur irgendwo zwischen 50 und 70 Grad Celsius bewegen dürfte.

Eine kurze Internetrecherche ergab übrigens keinen Hinweis auf die Bedeutung des Restaurant-Namens „Ris A“ und es bleibt mir weiterhin unklar, ob es vielleicht irgendwo auf der Welt auch eine Filiale namens „Ris B“ gibt. Vielleicht bedeutet „Ris A“ aber auch einfach „Broiler“. Dies ist, um auch meine westdeutschen Leser ins Boot zu holen, eine im Osten übliche Bezeichnung für ein Brathähnchen, die wohl eines der wenigen angelsächsischen Leihwörter des DDR-Jargons darstellt. „Der Broiler aus dem Kombinat Industrielle Mast war das Produkt ehrgeiziger Agraringenieure, die sich über bürokratische Hemmnisse und ideologische Einwände in seltener Rigorosität hinwegzusetzen wußten“, schreibt Jutta Voigt in „Der Geschmack des Ostens“. Und weiter: „Wir konnten gar nicht genug kriegen vom Broiler, was nicht heißt, daß wir deshalb weniger Schweinefleisch aßen.“ Das wiederum, kann einem im „Ris A“ nicht passieren.