Tag Archives: museum

ethnografische notizen 235: france 2017/08

18 Jun
Erdbeeren einst und heute, Brest/Plougastel Juni 2017

Erdbeeren einst und heute, Brest/Plougastel Juni 2017

„Oh“, sage ich, als wir uns nach dem Museumsbesuch die ausliegenden Prospekte im Eingangsbereich anschauen, „es gibt ein Erdbeermuseum.“ P. verdreht die Augen. Und während ich diesen Text hier schreibe, fällt mir auf, dass eigentlich ziemlich oft die Augen verdreht werden.

„Da“, sage ich später am Abend, als wir in der Wohnung auf dem Sofa sitzen und zeige aus dem geöffneten Fenster, „da drübern, auf der anderen Seite des Wassers. Die Erdbeerinsel.“ Vom Balkon aus kann man nämlich die Halbinsel Plougastel sehen, die seit der Einführung der weißen Erdbeere aus Chile durch Amédée-François Frézier im Jahre 1714 vor allem durch den Erdbeeranbau bekannt ist. Bis nach London und Manchester gingen früher die „fraise de Plougastel“.

Diese und weitere Besonderheiten lernen wir aber erst am folgenden Tag beim Besuch des „Musée de la Fraise et du Patrimoine“. Eine hübsche Mischung, wie ich finde, Erdbeeren plus Kulturerbe. Fast wären wir jedoch gar nicht hineingegangen, weil die Mittagspause laut Broschüre schon 30 Minuten vorbei, weit und breit aber noch niemand zu sehen ist. Als wir ein bisschen vor dem Eingang herumlungern, öffnet eine ältere, grauhaarige Dame die Türe und stellt auch den Kundenstopper nach draußen.

„Gilt mein Presseausweis hier?“, frage ich. „Je regrette“, sagt die Dame, „wir sind ein privates Museum, aber ich gebe ihnen gerne eine Reduktion.“ Sie gibt 4,50 Euro statt 5 Euro in die Kasse ein. „Ich habe da so ein Stempelheft“, sagt P., der plötzlich ganz wild darauf scheint, möglichst viele Museen in der Region zu besuchen. „Oh“, sagt Madame, „in diesem Falle kostet der Eintritt nur 3,50. Also für sie beide!“ Ich zücke einen 50 Euro-Schein und die Museumsdame guckt etwas betreten. „Ohlala, den kann ich nicht wechseln, aber ich gebe ihnen eine noch einen Nachlass.“

Das Museum selbst ist eine liebenswerte Sammlung von Trachten, alten Möbeln und Erdbeerartefakten. Kartenmaterial über die Verbreitung verschiedener Sorten auf der Halbinsel, Nachbauten historischer Spitzdachhütten zur Zwischenlagerung und diversen Gemälden rund um die Ernte.Das schönste Kunstwerk aber gab’s schon am Vorabend, als Dessert im Restaurant Ô Zinc: krokanter Sablet, feine Sahnecreme und saftige Plougastel-Erdbeeren, so klein, dass wir sie unter dem Zierschnee zunächst für Himbeeren halten.

MATHURIN MEHEUT | La cueillette des fraises à Plougastel | o.J.

RESTAURANT Ô ZINC | 48 Rue de Lyon | Brest

ethnografische notizen 225: berlin 2017/02

20 Jan

Garten der Lüste – Gemäldegalerie der Staatlichen Museen zu Berlin

Abgelegen zwischen irgendwie Parkplätzen und Baustellen, an denen mit diesen Temperaturen irgendwie niemand arbeitet. Das Niemandsland des Potsdamer Platzes ist nach Wende aus der Mitte hierhergerutscht. Irgendwie, alles irgendwie. Unmengen von Rollsplit, die, auch jetzt, wo das Eis der letzten Wochen nicht mehr da ist, nicht weggekehrt werden. Die beiden älteren Damen vor mir versuchen, das Gebäude durch die mittlere Eingangstüre zu betreten. Die macht aber keine Anstalten sich zu öffnen. Ich halte ihren die rechte Türe auf, während sie sich die Schuhe an der Schmutzmatte abstreifen.

Frans Snyders | Stilleben mit Hummer und Früchten | o.J. Kopie nach Hieronymus Bosch | Der Garten der Lüste | um 1550/60 Jan Davidsz de Heem | Früchte und Blumenkartusche mit Weinglas | 1651

Frans Snyders | Stilleben mit Hummer und Früchten | o.J.
Kopie nach Hieronymus Bosch | Der Garten der Lüste | um 1550/60
Jan Davidsz de Heem | Früchte und Blumenkartusche mit Weinglas | 1651

Am Eingang unterhält sich eine blonde Wächterin (in Zivil) mit ihrem schnauzbärtigen Kollegen (in Uniform) über die Überstundensituation. Weil ich nicht stören möchte, frage ich eine Kollegin im Nachbarraum nach der Hieronymus Bosch-Ausstellung. Da scheine ich nicht der erste zu sein. Sehr verbindlich weist sie mir den Weg und begleitet mich sogar ein paar Schritte. Bevor sie an ihren Platz zurückkehrt, bitte ich noch um Erlaubnis, mit dem Handy und ohne Blitz fotografieren zu dürfen. „Selbstverständlich“, sagt sie.

Frans Hals | Catharina Hooft mit ihrer Amme | um 1619/20 Jan Gossaert | Der Sündenfall | um 1525 Nicolaes Maes | Alte Frau beim Apfelschälen | um 1655 Meister des Gereon-Altars | Marienaltar aus St. Gereon | um 1420/30

Frans Hals | Catharina Hooft mit ihrer Amme | um 1619/20
Jan Gossaert | Der Sündenfall | um 1525
Nicolaes Maes | Alte Frau beim Apfelschälen | um 1655
Meister des Gereon-Altars | Marienaltar aus St. Gereon | um 1420/30

In Raum Römisch Zwei (Deutsche Malerei) berührt ein kleines Mädchen mehr oder weniger unbeabsichtigt den Rahmen eines Bildes und erschrickt ob des durchdringenden Alarmtons. Eine jüngere Frau mit zwei auf den Hals tätowierten Sternen, einem knielangen Pullover (schon wieder ein Pullover) und einer schwarzen Carharrt-Mütze durchquert den Saal.

Joachim Antonisz Wtewael | Küchenstück mit dem Gleichnis vom Großen Gastmal | 1605 Anne Vallayer-Coster, Stilleben mit Schinken, Flaschen und Radieschen, 1767 Pieter Bruegel d.Ä., Die niederländischen Sprichwörter, 1559

Joachim Antonisz Wtewael | Küchenstück mit dem Gleichnis vom Großen Gastmal | 1605
Anne Vallayer-Coster, Stilleben mit Schinken, Flaschen und Radieschen, 1767
Pieter Bruegel d.Ä., Die niederländischen Sprichwörter, 1559

Im der dann doch irgendwie überschaubaren Sonderausstellung sitzen weitere ältere Damen in kurzen Tweed-Jackets und flauschigen Pullovern auf schwarzen Plastikklappstühlen und kleben an den Lippen eines jüngeren Kunsthistorikers. Als er ihre Aufmerksamkeit auf eine Kopie des Gartens der Lüste lenkt, drehen sie ihre Stühlchen synchron um einen Viertelschlag nach rechts.

Quinten Massys | Die thronende Madonna | um 1525 Meister des Hausbuchs | Das Abendmahl | um 1475/80 Pieter Aertsen | Marktfrau am Gemüsestand | 1567

Quinten Massys | Die thronende Madonna | um 1525
Meister des Hausbuchs | Das Abendmahl | um 1475/80
Pieter Aertsen | Marktfrau am Gemüsestand | 1567

Ich verlasse die Schau und spaziere chronologisch an den Höhepunkten westeuropäischer Kunstgeschichte vorbei. Dürer, Cranach, Holbein. Einiges kommt mir sehr bekannt vor. Van Eyck, Bruegel, Bosch. „Das auch hier?“, denke ich. Rubens, Rembrandt, Vermeer. Lauter Juwelen, versteckt in einem unscheinbaren, beinahe unsichtbaren Museum mit noch unspektakulärerer Bezeichnung.

Hendrick ter Brugghen | Esau verkauft sein Erstgeburtsrecht | o.J. Matteus Stom | Esau verkauft sein Erstgeburtsrecht | o.J. Willem Kalf | Stilleben mit chinesischer Porzellandose | 1662

Hendrick ter Brugghen | Esau verkauft sein Erstgeburtsrecht | o.J.
Matteus Stom | Esau verkauft sein Erstgeburtsrecht | o.J.
Willem Kalf | Stilleben mit chinesischer Porzellandose | 1662

„Man müsste“, sage ich wenig später beim Lunch zu meinem Berliner Freund P., „man müsste mal das ganze klassizistische Gerümpel von der Museumsinsel aufräumen.“ Ich gerate in Fahrt. „Antikensammlung interessieren doch eigentlich nur ein Nischenpublikum.“ Relikte fragwürdiger preußischer Ideale, die den Bürger durch die Erbauung vor griechischen Statuen zum Maßhalten aufriefen und ihn so regier- und beherrschbar machen sollten. „Edle Einfalt, stille Größe“, oder so. Und irgendwie immer noch.

Denn die Dicken und die Alten, die Hässlichen und die Gierigen, die Maßlosen und die Fleischigen, die Obszönen und die Geilen – wohnen weiterhin unbemerkt irgendwo zwischen Parkplatz und Baustelle im Zonenrandgebiet am Potsdamer Platz. Es lohnt sich, sie dort einmal zu besuchen!

Jan Steen | So de Ouden songen, so pypen de jongen | u, 1663 Jan Vermeer | Das Glas Wein | um 1661|62 Simon Marmion | Szenen aus dem Leben des hl. Bertin | 1459

Jan Steen | So de Ouden songen, so pypen de jongen | u, 1663
Jan Vermeer | Das Glas Wein | um 1661|62
Simon Marmion | Szenen aus dem Leben des hl. Bertin | 1459

Gemäldegalerie

Staatliche Museen zu Berlin | Kulturforum

Matthäikirchplatz 6 | Berlin

ethnografische notizen 68: römisch-germanisch

1 Jun
Sog. Trierer Spruchbecher mit der Aufschrift „VITVLA MEA“ (mein Kälbchen), Köln 2014

Sog. Trierer Spruchbecher mit der Aufschrift „VITVLA MEA“ (mein Kälbchen), Köln 2014

Auf der Domplatte isst eine Familie ihre Butterbrote auf einem Mäuerchen vor einem Beet mit verschiedenfarbigen Stiefmütterchen. Ein asiatisches Pärchen knabbert derweil an den Domkeksen, die es um die Ecke zu kaufen gibt und behält ein wenig ängstlich den Obdachlosen im Auge, der mit einer Taschenlampe gründlich die Mülleimer nach Pfandflaschen absucht. Der Mann bittet um ein Foto mit dem Dom und ein weiteres mit dem Römisch-Germanischen Museum im Hintergrund.

Ein Teil des Untergeschosses, im Halbdunkel hinter dem berühmten Dionysosmosaik, auf dem 1999 das spektakuläre G8-Dinner stattfand, ist dem römischen Alltag gewidmet. Eher gelangweilt ausschauende Schülergrüppchen trotten träge hinter ihrem Lehrkörper durch niedrige Räume mit terrakottafarbenem Anstrich. Die in hell beleuchteten zweigeschossigen Glasvitrinen untergebrachten Objekte sollen ihnen das Leben in der Antike näherbringen. Ein amerikanischer Tourist liest seiner Frau die an den Vitrinen angebrachten Kurztexte in englischer Sprache vor.

Drei Einzelvitrinen mit den Titeln „Kostbares Tafelgeschirr“, „Feines Geschirr“ und „Glas- und Tongeschirr“ widmen sich im weitesten Sinne der Esskultur. Beispielsweise in Form eines großen Bronzeeimers mit der Inventarnummer 8956, eine schwarz gefirnisste Dellenschale, Inventarnummer 27, 102, N8055 und ein ovales Glastablett mit der Nummer Glas 869. „Zur Veranschaulichung römischer Speise- und Trinksitten dienen die aufgestellten Tische“, heißt es in einem an einer Glasscheibe befestigten Text, hinter der sich schwarze und rote Keramik, Glasgefäße und zwei aus Stein gehauenene Korbsessel befinden, „nach römischem Brauch lagen in den gallischen und germanischen Provinzen die Männer auf Speisesofas, während die Frauen auf Korbsesseln saßen.“

„Krass“, sagt eine der Schülerinnen zu ihrer Freundin, „gleich gehen wir aber zu Mäckes!“

 

miniportion 286: milch

7 Nov
Vorzugsmilchwagen auf der Domäne Dahlem, Berlin 2008

Vorzugsmilchwagen auf der Domäne Dahlem, Berlin 2008

Obwohl oder vielleicht gerade weil Milch ein so banales Lebensmittel ist, lässt sich sehr viel über sie sagen. Der „weiße Motor“, wie sie in einer langjährigen niederländischen Werbekampagne bezeichnet wurde ist nämlich gerade aufgrund dieser Alltäglichkeit mit den vielfältigsten Erinnerungen verbunden.

Neulich besuchte ich im unweit der Grenze liegenden niederländischen Städtchen Sittard eine Ausstellung mit dem Titel „Drie kwart eeuw zuivel in Sittard“, was zu deutsch so viel bedeutet wie „Dreiviertel Jahrhundert Molkerei in Sittard“. Es handelte sich dabei um eine sehr liebevoll und detailliert zusammengestellte Ausstellung über die lokale Milchproduktion zwischen 1912 und 1987. Das Haus war an diesem Sonntag sehr gut besucht, weil man einen Museumssonntag veranstaltete und während wir uns eine weitere Sonderausstellung zur Verbindung von Landschaft, Umweltschutz und bildender Kunst anschauten, dämmerten im benachbarten Auditorium eine beträchtliche Reihe von Senioren und Seniorinnen im Halbdunkeln vor sich hin, obwohl ein sehr engagierte älterer Herr die Produktionsmenge der letzten 75 Jahre erläuterte. Als wir nun gerade die Umweltavantgarde hinter uns lassen wollten, um uns im ersten Stock nun auch die Molkerei-Schau näher bringen zu lassen, beendete der Herr seinen Vortrag, so dass wir gewissermaßen von einem beigefarbenen Seniorenstrom mitgerissen wurden und uns zwischen lauter Besuchern und Besucherinnen befanden, die mit den ausgestellten Milchproduktewerbetafeln, Bullenzuchtbüchern und Preismedaillen sehr persönliche Erinnerungen verbanden. Zu meinem Unglück warf ich wohl einen etwas zu langen Blick auf eines der Exponate, der einen der anwesenden Zeitzeugen indirekte dazu aufforderte, mir anhand seiner 46-jährigen Betriebszugehörigkeit das eine oder andere ausgiebig zu erläutern. In Sachen dreiviertel Jahrhundert Milchproduktion in Sittard macht mir jetzt keiner mehr was vor.