miniportion 358: cupcake

Veganer Passionsfrucht-Cupcake, Aachen 2014

Veganer Passionsfrucht-Cupcake, Aachen 2014

In Köln aß ich in einem kleinen Café einmal einen Cupcake namens Pocahontas. Das indianische des Gebäcks beschränkte sich dabei auf eine sehr dezente Ahornsirup-Note, ein kleines herbstliches Blatt aus Marzipan und einer nachsommerlichen rot-braunen Farbgebung. Im Nachhinein wäre ich vielleicht mit den Modell „Carla Bruni“, in zarten Violett-Tönen mit einem kandierten Veilchen und einer hübschen essbaren Perle besser bedient gewesen. Es gab, so meine ich mich zu erinnern, auch etwas aus dem britischen Königshaus, aber so genau weiß ich das nicht mehr. Im Übrigen hege ich den Verdacht, dass sich die einzelnen Prinzessinnen vor allem durch die Dekoration unterschieden. Süß ist eben meistens süß.

Der Cupcake wäre eigentlich der rechtmäßige Nachfolger des Muffins, von dem er sich in einigen Teignuancen, aber vor allem durch seine Creme-Haube unterscheidet. Ihr beider Verhältnis ist wohl etwa mit dem zwischen Königskuchen mit Rosinen und Buttercreme-Torte mit Belegkirsche zu vergleichen. Nachdem nun aber jeder bundesdeutsche Haushalt mit Muffin-Form und -Backbuch ausgestattet ist, ist es Zeit für etwas Neues. Und wir sollten beten, dass der Kelch der Pop-Cakes, also der kleinen runden glasierten Kuchen auf einem Stiel, endlich an uns vorbeigehen möge.

Dass man sich mit kleinen, einzelnen Gebäckstückchen wie Cupcakes oder auch Macarons so viel Mühe macht, ist eine vergleichsweise neue Entwicklung, auch wenn der Begriff „Cupcake“ bereits seit der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts belegt ist. In meiner Kindheit noch ging es bei Kuchen vor allem um große Stücke, mit denen man die Verwandschaft oder Nachbarinnen beeindrucken konnte. Hätte ich Mutter, Tanten, Omas oder sonstigen ambitionierten Bäckerinnen vorgeschlagen, doch anstatt einer ordentlichen Torte mal einen ganzen Haufen komplizierter Teilchen zu backen und zu verzieren, wäre ich vermutlich auf taube Ohren gestoßen.

miniportion 103: blueberrymuffin

Meine liebsten Muffins, Herzogenrath 2013

Meine liebsten Muffins, Herzogenrath 2013

Wenn ich bei Freunden zu Besuch bin, schaue ich mir gerne die vorhandenen Koch- und Backbücher an. Am Küchenregal lässt sich der Wandel von einer Versorgungs- zur Eventküche, hervorragend beobachten. Da, wo früher das Dr. Oetker Schulkochbuch stand, steht heute mindestens ein Werk von Jamie Oliver oder Tim Mälzer. In den Bibliotheken meiner Freundinnen gibt es außerdem fast immer ein asiatisches Kochbuch und eins mit ganz tollen vegetarischen Rezepten. Ein richtiger Standard ist mittlerweile der Besitz eines der diversen Themenbackbücher für Muffins. Die waren einmal ein sehr beliebtes Geburtstagsgeschenk oder Mitbringsel bei Einweihungspartys. Gerne auch mit dazugehörigem Muffinblech, wahlweise mit sechs oder zwölf Förmchen. Meistens lieb gemeint, auch wenn das darin erzeugte Gebäck sowieso nie so aussieht, wie in der beiliegenden Vorlage. Auch ich hatte mal so ein Blech und versuchte mich eines Tages am all american classic – dem Blueberrymuffin. Durch die Verwendung von aufgetauten Blaubeeren wurde das ganze aber eine ziemlich gräuliche Angelegenheit.

Das geht auch appetitlicher. Bei Starbucks bestelle ich einen Tall Cafe Latte Hazelnut und ein Wild-Blaubeer-Muffin mit wild gewachsenen Blaubeeren. Das klingt irgendwie gut – so authentisch und ursprünglich, mal abgesehen von der Tatsache, dass die Beeren aller Wahrscheinlichkeit nach irgendwo in Skandinavien oder Kanada von unterbezahlten Asiaten gepflückt wurden. Vor mir stehen drei Mädchen mit langen glatten Haaren, großen Brillen und überdimensionalen Handtaschen und warten auf ihren Iced Chocolate Mocha, Java Chip Frappuccino und Refresha Very Berry. Die Bedienung ruft meinen Namen auf, den ihr Kollege vorher mit einem dicken Filzstift auf den Becher geschrieben hat. Eins von den Mädchen kommt zurück und will – ohne ihre dicken Kopfhörer abzunehmen – noch etwas mehr Sojamilch in ihr Getränk: „Das ist voll mega-süß sonst.“ Genau das hatte ich bislang immer als Teil der Erfolgsgeschichte verbucht.

ethnografische notizen 33: turku/finnland 03

Frühstück im Scandic Julia

„Das Frühstück ist immer inklusive“, strahlt die Hotelangestellte hinter dem weißen Tresen des gerade sanierten Scandic Julia, einem unauffälligen siebenstöckigen Bau, in dessen Erdgeschoss der besagte Lidl befindet. Die Tische des Frühstücksraums und Restaurants auf der ersten Etage sind bis auf den letzten Platz belegt. Kinder pendeln gut gelaunt zwischen ihren Eltern und der Spielecke, die Fernsehen und eine Playstation bietet. Auf besonderen Kindersitzen fixierte Kinder sieht man hier nicht, die kleinen laufen kreuz und quer durch den Saal, die größeren bedienen sich selbst am Büffet. Die kleinen handtellergroßen Pfannkuchen, die hier blini heißen, sind inklusive einer großen Schüssel Erdbeermarmelade und mehreren Flaschen Sprühsahne kindgerecht auf niedrigen Tischen aufgestellt. Das Angebot erinnert irgendwie an Ikea, nicht nur weil es große Mengen Köttbullar gibt, sondern auch durch den eingelegten Hering, die geräucherte Makrele oder die Blaubeer- und Erdbeerkaltschale neben den verschiedenen Müslikomponenten. Die Schilder neben den Schüsseln, Schalen und Tabletts sind auf Schwedisch und Englisch, obwohl man an den Tischen überwiegend Finnisch hört. Vielleicht eine Frage der corporate identity des schwedischen Unternehmens und hier in Finnland, wo die Kinder ab dem 3. Schuljahr schwedisch und englisch lernen offensichtlich nicht wirklich ein Problem. Ich entscheide mich für ein dunkles Vollkornbrötchen, dass durch seine rechteckige Form ein bisschen an ein graumeliertes Sofakissen erinnert, für Äggsmör, eine Mischung aus hartgekochten, gehackten Eiern und Butter, Würstchen, Fleischbällchen und weiße Bohnen in Tomatensoße. Ein mit einer Reis-Ei-Mischung gefüllte Vollkorn-Pirogge (auf Finnisch Karjalan Piirakka) lässt noch einmal deutlich werden, dass Russland nicht wirklich weit ist, auch wenn schwedische Einflüsse, zum Beispiel in Form der kleinen Zimtschnecken, deutlich überwiegen.

Die gibt es, als Muffinssi, am frühen Nachmittag auch in groß bei der schwedischen Kaffeebudenkette Wayne’s Coffee, direkt neben der kleinen historischen Markthalle. Auch wenn der finnische Kaffee nicht besonders ist und wie sein schwedisches Schwestergetränk im Normalfall schon mehrere Stunden auf der Wärmeplatte verbracht hat, ist doch auffällig, dass es in Turku keinen Starbucks gibt. Auch einen Mc Donald’s sucht man vergeblich. Der Fastfood-Markt scheint, wie auch im Rest des Landes, fest in der Hand des Turkuer Konzerns Hesburger zu sein. Dessen Wurzeln gehen mit der Eröffnung eines ersten Kiosks durch Heikki Salmela bis ins Jahr 1966 zurück. Heute beschäftigt Hesburger gut 4.500 Mitarbeiter und verfügt, neben einer deutschen Filiale in Bad Oldesloe, über mehr finnische Restaurants als der globale Superkonkurrent.

Kauppahalli - historische Markthalle

Ebenso dünn gesät wie das Goldene M sind leider aber auch eigenständige Bäckereien, deren hübsche hölzerne Verkaufsbuden ich leider erst am nächsten Morgen in der Kauppahalli, der Markthalle, entdecke. Letztendlich erweisen sich, abgesehen von den kleinen dunklen Vollkornbrötchen namens Ruistrio, die in deutschen Discountern als Finnbrod verkauft werden, die Stände der Fleischer als interessanter. Denn da kann man auch als Nicht-Muttersprachler die eine oder andere Wurst erkennen. Es gibt Bratwurstia für 12,90 das Kilo, Sleesialainen Minibratwursti und Grillibratwursti. Die örtliche Wurstspezialität Hevosmakkara, deren ausgiebiger Verzehr ein fester Bestandteil des Integrationsverfahrens für Zuwanderer ist, wie mein Kollege nach der Lektüre einer Informationsbroschüre zu berichten weiß, ist freundlicherweise mit einem Pferdesymbol versehen.

Blaubeeren auf dem Markt

Die Stände auf dem riesigen Marktplatz ein paar hundert Meter weiter sind ebenfalls eine kuriose Mischung Obst- und Gemüse, Backwaren, Bekleidung und Flohmarktkram. Dazwischen ein ausrangierter Straßenbahnwagen, in dem man Kaffee trinken kann. Es ist Beerenzeit und die Verkäuferinnen füllen mit großen Metallbechern schwarze und rote Johannisbeeren, grüne und rote Stachelbeeren zu drei Euro pro Liter in Plastiktüten. Schalen mit Kulturheidelbeeren gibt es, aber auch kleine, dunkle Blaubeeren, die offensichtlich aus der Wildsammlung stammen und dementsprechend für acht Euro zu haben sind. Der Wald kann nicht wirklich weit sein, denn die Küchenabteilung des Kaufhauses Anttila bietet an der Kasse Blaubeerkämme aus rotem Plastik gleich in zwei Größen an. Aber weil frisches Beerenobst so schwer zu transportieren ist, kaufe ich in der Lebensmittelabteilung im Keller kurzerhand jeweils eine Packung getrocknete Karpalo (Vaccinium macrocarpon, vulgo Cranberries, zu deutsch übrigens Moosbeeren), Puolukka (Vaccinium vitis-idaea, Preiselbeeren – bei Ikea als Lingonberries zu haben) und Mustikka (Vaccinium myrtillus, Blaubeeren).

Schulkochbuch auf dem Markt

Am Rande des Marktes blättere ich für einen Moment in einem alten Schulkochbuch mit dem wohlklingenden Namen „Keittiöopas“, der bei der Google-Bildersuche neben ein paar Fotos just jenes Kochbuchs zahllose Abbildungen von Wasserhähnen liefert. „Kaksi Euro“, sagt der Verkäufer, der mich an einen betagten Seefahrer erinnert. Zwei Euro, der erste finnische Satz den ich vollständig verstehe. „Kiitos“, sage ich schwer untertreibend, „mein Finnisch ist aber leider zu schlecht für ein Buch.“

"Prässättyä häränrintaa ja sinappikastiketta" im Restaurant "Mami"

Auch der Hauptgang im Restaurant „Mami“, wo wir dank der Teilungswilligkeit eines britischen Paares dann doch noch einen Tisch auf der Terrasse ergattern können, ist eine sprachliche Premiere für mich. Nie zuvor aß ich ein Gericht mit fünf Umlauten. Übersetzt bedeutet Prässättyä häränrintaa ja sinappikastiketta etwa „in Brikettform gepresstes Rindfleisch mit Senfsoße“. Das klingt nicht besonders aufregend, ist in seiner Kombination aus (vermutlich getrocknetem) Rindfleisch, bißfesten Möhren-, Kartoffel- und Selleriestücken und eine schaumigen Senfsoße ein spektakulärer Abschluss des zweiten Abends in Turku.