miniportion 319: lactose

Steht zwar drauf, ist aber nicht drin, Maastricht 2013

Steht zwar drauf, ist aber nicht drin, Maastricht 2013

Noch nachhaltiger als liebgewonnene Familientraditionen oder romantische Abendessen bei Kerzenschein erinnern wir uns der Mahlzeiten, die wir nicht vertragen haben. Die, von denen uns ein wenig übel geworden ist, die, von denen wir eine Fischvergiftung davon getragen haben oder in deren Verlauf wir sonstige Gastroenteritiden davongetragen haben.

Vor vielen Jahren einmal aß ich, noch zuhause bei meinen Eltern, eine ordentliche Portion Schmorgurke mit Hackfleisch und Reisbeilage. Später am Tag wurde ich krank, was grundsätzlich nichts mit der Qualität der Zutaten oder ihrer Zubereitung zu tun hatte, aber Jahre danach konnte ich die Nähe von Schmorgurken kaum ertragen, obwohl es sich dabei um ein Gericht handelt, was ich zuvor durchaus mochte und auch heute wieder schätze.

Anders hingegen ist das bei mir mit den Lebensmittel, deren Verzehr ich aufgrund meiner Unverträglichkeit von Milchzucker nicht besonders gut überstanden habe. Derer nämlich gibt es aufgrund der jahrelang unerkannt gebliebenen Intoleranz zu viele, als dass ich mich ihrer im Einzelnen erinnern könnte. Ganze Dekaden lang begann ich meine Tage mit einem großen Pott Milchkaffee, der im wesentlichen aus Milch mit etwas Kaffee bestand. Vervollständigt wurde diese Mahlzeit durch einen Teller Müsli mit Joghurt, im Laufe des Tages durch ein oder mehrere Joghurts ergänzt und hin und wieder abends durch das eine oder Pfannengericht mit einer gehaltvollen Sahnesoße abgerundet. Wenn ich solche Speisenfolgen an meinem Inneren Auge vorbeiziehen lasse, fühle ich den spontanen Impuls, mich selbst bei meinem eigenen Körper zu entschuldigen. Bitte, lieber Magen, lieber Dünn- und Dickdarm – vergebt mir, denn ich wusste nicht was ich tat.

Heute bin ich mehrheitlich abstinent und nur wenn ich bei Fremden eingeladen bin, mache ich großzügige Ausnahmen. „Diese Essen“, sage ich dann beim Abschied immer, „werde ich nie vergessen.“

miniportion 286: milch

Vorzugsmilchwagen auf der Domäne Dahlem, Berlin 2008

Vorzugsmilchwagen auf der Domäne Dahlem, Berlin 2008

Obwohl oder vielleicht gerade weil Milch ein so banales Lebensmittel ist, lässt sich sehr viel über sie sagen. Der „weiße Motor“, wie sie in einer langjährigen niederländischen Werbekampagne bezeichnet wurde ist nämlich gerade aufgrund dieser Alltäglichkeit mit den vielfältigsten Erinnerungen verbunden.

Neulich besuchte ich im unweit der Grenze liegenden niederländischen Städtchen Sittard eine Ausstellung mit dem Titel „Drie kwart eeuw zuivel in Sittard“, was zu deutsch so viel bedeutet wie „Dreiviertel Jahrhundert Molkerei in Sittard“. Es handelte sich dabei um eine sehr liebevoll und detailliert zusammengestellte Ausstellung über die lokale Milchproduktion zwischen 1912 und 1987. Das Haus war an diesem Sonntag sehr gut besucht, weil man einen Museumssonntag veranstaltete und während wir uns eine weitere Sonderausstellung zur Verbindung von Landschaft, Umweltschutz und bildender Kunst anschauten, dämmerten im benachbarten Auditorium eine beträchtliche Reihe von Senioren und Seniorinnen im Halbdunkeln vor sich hin, obwohl ein sehr engagierte älterer Herr die Produktionsmenge der letzten 75 Jahre erläuterte. Als wir nun gerade die Umweltavantgarde hinter uns lassen wollten, um uns im ersten Stock nun auch die Molkerei-Schau näher bringen zu lassen, beendete der Herr seinen Vortrag, so dass wir gewissermaßen von einem beigefarbenen Seniorenstrom mitgerissen wurden und uns zwischen lauter Besuchern und Besucherinnen befanden, die mit den ausgestellten Milchproduktewerbetafeln, Bullenzuchtbüchern und Preismedaillen sehr persönliche Erinnerungen verbanden. Zu meinem Unglück warf ich wohl einen etwas zu langen Blick auf eines der Exponate, der einen der anwesenden Zeitzeugen indirekte dazu aufforderte, mir anhand seiner 46-jährigen Betriebszugehörigkeit das eine oder andere ausgiebig zu erläutern. In Sachen dreiviertel Jahrhundert Milchproduktion in Sittard macht mir jetzt keiner mehr was vor.

miniportion 188: zwiebel

Zwiebel auf Brettchen, Köln 2010

Zwiebel auf Brettchen, Köln 2010

Gertrud Oheim, die Königin der Nachkriegsratgeberliteratur, nannte den Haushalt einmal „einen „Staat im Kleinen“. Nun gibt es aber in jeder Polis nicht nur Legislative und Judikative, sondern auch eine Exekutive, die dazu da ist, Normen und Werte durchzusetzen. Damals war dies zumeist der Familienvater, der sich gegen Verrohung und Verfall der Sitten zu stemmen hatte. Aber auch die Hausfrau hatte ihre kleinen Kriege zu gewinnen. Beispielsweise den gegen unangenehme Zwiebelgerüche an den Händen oder auch im Atem. In einem anderen Ratgeber mit dem Titel „1000 Winke über den Küchentisch – Erprobte Tips für die Hausfrau“ findet sich unter dem Buchstaben „Z“ zunächst ein Hinweis auf das Zutrinken. „Trinkt sie [eine Dame] von sich aus einem Herrn zu – dann ist sie keine Dame!“. Es folgt ein ganz praktisches Rezept für den Umgang mit Zwiebelgeruch, der „bei Besprechungen oder beim Tanz sehr unangenehm sein kann.“ Man solle, so das Buch, den ungewünschten Geruch einfach durch das Trinken eines Glases Milch zum Verschwinden bringen. Nichts für Laktose-Intolerante, fürchte ich.

Doch die Sorge um einen frischen Atem ist keinesfalls eine Angelegenheit der Nachkriegsjahre. Bis hinein in unsere Tage ging der Genuss von sogenannten Lauchgewächsen einher mit der Sorge um ungewünschte Aromen. Eine Werbung für Wrigley’s Doublemint aus den späten 1980er Jahren zeigt ein Buffet im tropischen Setting. Weiße Häuser, Palmen und Sonne. Die Kamera schwenkt auf einen Teller mit Salat, auf den ein Mann im hellgelben Polohemd gerade einen Berg von Zwiebelringen häufelt. „Ach, Du nimmst aber viele Zwiebeln!“, sagt seine Begleitung in ihrer über den Badeanzug geknoteten weißen Bluse. „Und Dein Atem“, schiebt sie, selbst ganz atemlos vor Entsetzen, hinterher. „Genießen Sie nach dem Essen Doublemint“, beruhigt die Stimme aus dem Off und als sie aus dem Pool steigt, darf er sie sogar auf den Mund küssen. Schlacht gewonnen! „Dou-ble-mint – für natür-lich fri-schen A-tem!“