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Supermarkt Challenge 07/07

26 Okt
Kalker Hauptstraße, Köln, Oktober 2018

Kalker Hauptstraße, Köln, Oktober 2018

Fazit

Eine ganze Woche bin ich unterwegs gewesen und habe mich am Einzelhandel hier in Köln-Kalk abgearbeitet. Das war lustig, manchmal verwirrend und mitunter auch ein bisschen anstrengend. Dass die Dinge meist nicht so laufen, wie man sich das vorher ausgedacht hat, ist Teil meines Berufs und einer der großen Reize des Journalismus.

Mein ursprünglicher Plan beinhaltete sieben Porträts von kleinen Geschäften und Verkaufsstellen, abseits der großen Supermärkte. Aber schon nach den ersten Anfragen strich ich die Anzahl auf vier zusammen und beschloss, nicht die Suche nach den Läden, sondern die Kommunikation mit ihren Inhabern (allesamt Männer, aber das ist eine andere Geschichte) und Mitarbeiter*innen in den Fokus zu nehmen. Die war mal schnell und problemlos, dann zäh und ergebnislos, mitunter musste ich mir das Vertrauen erarbeiten und einmal blieb das Verhältnis merkwürdig nebulös.

Alles in allem waren die Kontaktaufnahmen für mich persönlich mit einer überraschend hohen Hemmschwelle verbunden. Mit unbekannten Menschen zu sprechen, gehört ebenfalls zu meinem Beruf, aber irgendwie fiel es mir schwer, Notizbuch, Stift und Kamera zu packen und los zu ziehen. Vielleicht weil es mein eigenes Veedel ist und ich das erprobte Script beim Einkaufen, meine Comfort Zone als Kunde verlassen musste. Bei einem Interview, so kurz es auch sein mag, verlange ich nicht nur ein halbes Brot oder ein Pfund Bratwurst, sondern ich will ein Stück Privatheit, eine Geschichte, etwas persönliches, das weit über den regulären Einkauf hinaus geht.

Früher, vor dem Supermarkt, so vermute ich, war dieses Persönliche viel mehr, vielleicht sogar immer Teil des Verkaufsverhältnisses. Man kannte die Menschen vor und hinter der Theke, mitunter auch ihrer Sorgen und Nöte. Mit der Einführung der Selbstbedienung hat sich dieses Verhältnis dauerhaft verschoben. Zumindest im Supermarkt. Wir wollen gar keine persönliche Ansprache, wir wollen ein standardisiertes Produkt, möglichst das einer uns bekannten Marke. Und wir wollen möglichst schnell wieder draußen sein.

Immer wieder begegnete mir Misstrauen. Was will der von mir? Kostet das Geld? In einem Fall wurde ich sogar gefragt, ob ich mit dieser Aktion Geld verdiene. (Ja, tue ich. Ich bekomme für diese Beiträge ein kleines Honorar von der Initiatorin der Challenge.) Klar ist, der Bäcker, der Fleischer, der Röster und der Fischhändler gehen ihre Risiken selbst ein. Hinter ihnen steht keine geölte Marketingmaschine, die Fehler im Zweifelsfall ausbügelt oder abfedern kann. Er sei ernüchtert, so sagte mir einer meiner Gesprächspartner. Ich bin kein Lebensmittelhandwerker und kann das nur aus einer journalistischen Perspektive einschätzen. Aber ich glaube an gesellschaftliche Veränderung, und ich glaube daran, dass wir mit Spaß eine Menge erreichen können. Mit Lust, nicht mit Angst oder schlechtem Gewissen.

Also geht es mir nicht so sehr um die Kritik an den großen Konzernen, es geht mir um das, was jede*r, jeden Tag für sich selbst entscheiden kann.

Daher: Es gibt ihn noch, den geilen Scheiß. Geht hin, damit er nicht kaputt geht!

 

Diese Reihe ist Teil der „Supermarkt-Challenge“, einer Initiative der Aktion Agrar, die mit Kampagnen, Hintergrundrecherchen und Mitmach-Aktionen das Verhältnis der Menschen zu ihren Lebensmitteln verändern wollen. Eine Woche lang, vom 19. bis zum 26. Oktober, verzichten die Teilnehmer*innen der Challenge bewusst auf den Einkauf in Supermärkten und Discountern und werden dabei mit Tipps und Rezepten unterstützt.

miniportion 365: mettbrötchen

21 Mrz
Zwiebel auf Mett, auf Brötchen auf Serviette, Köln 2014

Zwiebel auf Mett, auf Brötchen auf Serviette, Köln 2014

Neulich, so erzählt mein Mann mir, habe man in der Firma ein gemeinsames Frühstück anberaumt. Zur Vorbereitung hätten er und seine Kollegen überlegt – nachdem man sich mehrheitlich für die Anschaffung von Mettbrötchen entschieden habe – wie viel man denn so pro Person berechnen müsse. Letztendlich entschied man sich für beeindruckende 200 Gramm, deren Gesamtmenge vom Metzger als hübscher Marienkäfer mit Punkten aus Zwiebelringen in Form gebracht wurde. Nach wie vor kann ich mich nicht entscheiden, was ich bemerkenswerter finde – die 1,2 Kilogramm für die insgesamt sechs Mitarbeiter oder die Tatsache, dass man so mir nichts dir nichts zum Mettkonsum umschwenken kann. Die Portionsgröße wurde übrigens noch im Laufe des Vormittags mit Hilfe einer Briefwaage nach unten korrigiert. Mettbrötchen sind, so höre ich, zu einem festen Bestandteil der Firmenkultur geworden.

Meine frühesten eigenen Erinnerungen an Mettbrötchen sind mit der Filiale einer Aachener Bäckerei verbunden, in der sich meine Mutter unweit des Doms einmal ein ebensolches auf die Hand kaufte. Vielleicht irre ich mich da aber auch, weil meine Mutter eigentlich nur sehr selten, sehr ungern etwas aus der Hand isst. Dafür würde allerdings sprechen, dass sie lange Zeit das einzige Mitglied der Familie war, für das ein Mettbrötchen überhaupt in Frage gekommen wäre. Aber manche Dinge bleiben wie sie sind und manche ändern sich. Während meine Mutter vermutlich auch wie vor gelegentlich ein heimliches Mettbrötchen zu sich nimmt, ist mein Mann, denn ich in früheren Zeiten mit rohem Hack und Zwiebeln auf einem Weißbrötchen sehr einfach in die Flucht hätte schlagen können, ein erklärter Fan von Mett-Witzen in den sozialen Medien geworden ist. Letztens bekam ich die Fotografie einer aus Hackfleisch geformten Muppet-Figur auf mein Handy geschickt – ein Kermett gewissermaßen. So ist das in deutschen Büros.

ethnografische notizen 017: wegberg-beeck

5 Dez

Wegberg-Beeck, Dezember 2010

Es ist Winter und  die Erkelenzer Haupteinkaufsstraße ist bei diesem Wetter nur mäßig belebt. Zum ersten Mal sehe ich einen ausgeräumten Netto City und auch das Eiscafé Teza nebenan sieht nicht viel besser aus. Die Aufschrift auf dem Schaufenster besagt, dass es jetzt auch Crêpes gibt, das braune Packpapier mit dem der Laden zugeklebt ist, lässt jedoch vermuten, dass hier schon länger gar nichts mehr zu bekommen ist. Die Temperaturen steigen auch tagsüber nicht über minus sieben und Hich bin froh als der Bus an Haltebucht D vorfährt. „Trinkt und esst nicht während der Fahrt, denn mit Abfall und Speiseresten möchte niemand gerne unterwegs sein“, steht auf dem Schild, das an der Glaswand hinter dem Fahrer befestigt ist. Wir fahren durch die Innenstadt und die Namen der vorbeiziehenden Restaurants und Imbissbuden lesen sich wie eine Chronik der wichtigsten bundesdeutschen Migrationswellen. Die Italiener scheinen offensichtlich bereits mit den ersten Anwerbungen Fuß gefasst zu haben.  „Dolomiti-Eis seit 1955“ steht auf einer fahlgelb getünchten Hauswand neben einem überdimensionalen kindlich gemalten Eisbecher. Der Grieche vor Ort heißt, wie könnte es anders sein, „Akropolis“, während die Döner-Bude sich ein kosmopolitisches „Berlin-Grill“ zugelegt hat. Gastronomie war einmal eine der weniger Möglichkeiten für Zuwanderer der Fabrikarbeit zu entkommen. Die originale Thai-Massage unweit des Bahnhofs zeigt, dass die Aufstiegschancen längst durch Dienstleistungen anderer Art erweitert wurden.

Auch Wegberg-Beeck, das Ziel meiner Reise, liegt unter einem schweren weißen Mantel. Dicke Schneeflocken fallen auf die bereits ordentlich geräumten Bürgersteige als ich aus dem Bus steige und ab und an fährt ein schwerer Mittelklassewagen vorbei.

„Nehmen Sie ruhig, hat die Frau gebacken“, sagt Herr G. und zeigt auf den Teller mit Spritzgebäck vor mir. So als wäre „die Frau“ eine Berufsbezeichnung wie „der Bäcker“ oder „die Metzgerin“. Gebacken wurde für den Weihnachtsmarkt am letzten Wochenende, dessen Verkaufserlös aus Plätzchen und Holundergelee mit und ohne Apfel dem Heimatverein zugute gekommen ist. „Verpflegung ist kein Problem hier im Haus“, fährt Herr G. fort, mit dem ich über die Anmietung des Museums für eine Konferenz spreche, ohne sich über die Komik seiner Ausdrucksweise bewusst zu sein, „Frauen haben wir genug hier.“ Wenn die nicht gerade aus dem Ort selber kommen, sind es Seniorinnen, die das Flachs- oder das Europäische Trachtenmuseum um die Ecke besuchen und oft eine Kombination aus Führung und niederrheinischer Kaffeetafel buchen. Dass wir uns am Rande des Niederrheins bewegen, lässt sich auch auf der altmodischen fünfeckigen Werbetafel erkennen, das an einer Hausecke für die Gaststätte „Tante Juliane“ wirbt.

„Vier mal 100“, erklärt Herr G. mir eine Faustregel zum Flachsanbau, der hier im äußersten Westen Deutschlands im Nationalsozialismus noch einmal eine politisch motivierte Subventionierung als „arische Pflanze“ erfuhr und 1945 abrupt zum Erliegen kam. „Am hundertsten Tag wird ausgesäht, hundert später keimen die Samen, hundert Tage später wird geerntet und jedes Samenkorn ergibt einhundert neue.“ Kinder können heute vor Ort ein Flachsdiplom erwerben, zu dem neben der Verarbeitung des Leinen-Rohmaterials auch das Backen eines Leinsamenbrots gehört. Das Flachsmuseum, eine vom örtlichen Heimatverein getragene Einrichtung, ist jedoch nicht nur in der Darstellung des Flachsanbaus vorbildlich. „Wir bemühen uns, den Kindern nebenher noch ein bisschen mehr Wissen zu vermitteln“, sagt Herr G. als er mir die Streuobstwiese und den Kräutergarten unter der dicken Schneeschicht zeigt.

Ein Stückchen weiter die Straße hinunter nennt ein mit Kreide beschriebenes Schild hinter der beschlagenen Scheibe eines Fleischers die anliefernden Bauern.  „Aus eigener Schlachtung“, steht zu lesen, „Schweine: Clever/Tüchenbroich, Hülsen/Beeck. Rind: Kremers/Heinsberg.“ Auf dem Rückweg zur Bushaltestelle ist die Metzgerei aber bereits geschlossen. Eine dick eingepackte Frau trägt zwei Dutzend Eier durch den Schnee nach hause. Es ist Winter in Wegberg-Beeck.