ethnografische notizen 216: TEFAF Maastricht 2016

Mehr zur European Fine Art Fair 2016 hier.

The European Fine Art Fair (TEFAF) 2016, Maastricht - Beeren

The European Fine Art Fair (TEFAF) 2016, Maastricht – Beeren

links oben: Stillleben / Isaac Soreau / 1604 – nach 1638

links unten: Douville Stundenbuch / Picardie / 1480-1490

rechts: Gold, Emaille, Diamanten und Nephrit / Fabergé (Henrik Wigström) / ca. 1910

The European Fine Art Fair (TEFAF) 2016, Maastricht - Patisserie

The European Fine Art Fair (TEFAF) 2016, Maastricht – Patisserie

links: Konditor / August Sander / 1912-1932

rechts oben: Dynamic Assortment / Peter Anton / 2016

rechts unten: Waffeln und Butter / Deutschland / ca. 1610-1620

The European Fine Art Fair (TEFAF) 2016, Maastricht - Granatapfel

The European Fine Art Fair (TEFAF) 2016, Maastricht – Granatapfel

oben: Stillleben mit Früchten / Antoni de Lust / 1655

unten links: Wachsfrüchte / Francesco Garni Valetta / 1808-1889

unten rechts: o. A.

The European Fine Art Fair (TEFAF) 2016, Maastricht - Mahlzeit

The European Fine Art Fair (TEFAF) 2016, Maastricht – Mahlzeit

links: Das Caffé Lavena am Markusplatz in Venedig / Italico Brass / 1911

rechts oben: Restaurant / MECC Maastricht / 2016

rechts unten: Das letzte Abendmal / Antwerpen / ca. 1500

ethnografische notizen 095: internationale tourismus börse

„Willkommen in Deutschland“, itb Berlin 2015

„Willkommen in Deutschland“, itb Berlin 2015

In den Gängen zwischen den Messehallen kann man an Ständen mit orangefarbener Plastikmarkise frisch gepressten Apfelsinensaft kaufen. Drei Größen sind ausgestellt, für 2,50, 4,50 und satte 5,50 Euro. Eine junge Frau im orangefarbenen T-Shirt bedient eine halbautomatische Maschine in der die Früchte dekorativ aus einem Behälter nach unten rutschen. Ein kleiner Mann mit einer Aktentasche in der Hand nimmt sich einen der Säfte und trinkt aus dem Strohhalm. Offensichtlich denkt er, dass es sich um Gratis-Getränke handele. Die Verkäuferin zeigt auf das entsprechende Schild, der Mann stellt den Saft wieder hin und geht. Ein paar Meter weiter sitzen erschöpfte Messebesucher und Anbieter im fensterlosen Übergang auf Biergartenmöbeln und essen undefinierbar bayerische Gerichte. An den Wänden blau-weiße Rauten, Brotzeit in blauer Neonschrift und ein rundes Coca-Cola-Schild.

Später, am Mittag, bestelle ich in der Gastlandschaft Rheinland-Pfalz gefüllte Klöße. Ich sitze zwischen Geschäftsleuten auf unbequemen Hockern an hohen Tischen und bekomme drei sehr runde Klöße mit gefriergetrockneter Petersilie und einer Soße mit überraschend authentischer Kümmelnote. „Gefillte Klees mit Specksauce, dazu empfehlen wir ein kühles Bitburger Pils“, steht auf der Speisekarte. Zwei Herren am Nebentisch versuchen ein Bier zu bestellen. „Haben Sie Bons“, fragt die Servicekraft. Die beiden nennen den Namen eines Herren, mit dem sie verabredet seien. Ob der denn Bons habe, fragt die Kellnerin. „Der ist hier Geschäftsführer“, sagt einer von beiden. Die junge Frau lässt sich aber nicht beeindrucken. „Wenn’s nicht geht, geht’s nicht“, sagt der eine. „Dann atmen wir eben nur die Luft hier“, sagt der andere. Beide schauen auf ihre Handys, während sie sich unterhalten.

Ich spaziere durch die Hallen der deutschen Regionen. Es gibt Gummibärchen, abgepackte Apfelchips. Köln hat das Schokoladenmuseum im Gepäck und reicht mit einer Zange kleine Pralinen von einem Silbertablett. Hinter einer Trennwand warten graue Plastikwannen mit in Zellophan verpacktem Geschirr und Besteck auf ihren Einsatz. Eine Dame aus Quedlinburg im historischen Kostüm macht mich auf die Möglichkeit eines Senfworkshops aufmerksam. „Da können Sie genau den Senf machen, den sie brauchen. Wir haben 50 Sorten.“ Alles wird zum Event.

In Rumänien nehme ich mir ein kopiertes Blatt mit Angeboten für Kochkurse in den Karpaten. „Interessieren sie sich für Rumänien“, sagt die junge Frau hinter der Theke. „Das hier finde ich interessant“, sage ich und zeige auf das Paoer. „Wollen Sie in einer Gruppe kommen oder … privat?“ „Das wäre privat“, sage ich. „Schön“, sagt sie und beendet das Gespräch.

Nach diversen Stunden in der trockenen Messeluft mache ich mich schließlich auf den Heimweg. „Der Chef hat den janzen Tag nur mit seinem Handy “, berlinert eine blondierte Dame am Ausgang Nord in Richtung ihrer Kollegin, „und nur jefressen.“

ethnografische notizen 28: TEFAF maastricht

TEFAF Maastricht, März 2011

TEFAF Maastricht, März 2011

Es ist kurz vor elf an diesem Dienstag in Maastricht. Im ersten richtigen Frühlingswetter des Jahres strömen die Besucher und Besucherinnen in Scharen vom Busparkplatz zum Haupteingang von The European Fine Art Fair (TEFAF), einer der bedeutendsten Kunstmessen weltweit. Eine sorgfältig frisierte Seniorin überreicht ihrem Begleiter vor der Garderobe den viel zu warmen Mantel und seufzt, dass die Sonne doch schon sehr viel Kraft habe. Freundlich lächelnd sammeln die dezent gekleideten Hostessen an der Eingangskontrolle die Tickets ein. Erst vorgestern kam es im laufenden Betrieb zu einem spektakulären Juwelenraub und man ist sichtlich bemüht, den Einlass gelassen zu gestalten. Schlanke junge Männer mit zurückgekämmten Haaren und tadellos sitzenden dunkelblauen Anzügen mit Einstecktuch gehen zielstrebig durch die Eingangshalle mit ihren Wänden aus frischen blutroten Nelkenblüten.

Angenehm temperiert sind die Messehallen, die als solche schon nach wenigen Augenblicken vergessen sind. In einem mit unendlichen finanziellen Mitteln ausgestatteten Privatmuseum wähnt man sich, oder in der Shop-in-Shop-Etage eines KaDeWes der bildenden Kunst. Die Hauptverkehrsadern der TEFAF sind mit dicken beigefarbenem Teppich ausgelegt, großzügig mit lachsfarbenen oder gelb-rot geflammten Tulpen bepflanzt und heißen Champs Elysées, New Bond Street oder Sunset Boulevard. Ihre Kreuzungen tragen Namen wie Grote Markt oder Rembrandt Plein. Sogar einen Vrijthof gibt es,  benannt nach dem auf dem anderen Ufer der Maas liegenden größten Platzes der Stadt.

Eine fingerdicke Broschüre im Pressepaket der TEFAF erläutert die Folgen des Krisenjahres 2010. Der Kunstmarkt sei hart getroffen worden, heißt es im Text mit dem „Crisis and recovery“, und dass man bislang lediglich im Falle der USA und Chinas von einer Erholung sprechen könne.  Doch auch in Europa sei der Markt nach wie vor ein wichtiger Arbeitgeber für immerhin rund 412.000 Menschen, die in direkt oder indirekt ihre Brötchen mit dem Verkauf von Kunst verdienen.

Eine für eine Pariser Galerie tätige Dame erinnert mit ihren langen platinblonden Haaren und ihrem perfekten grellbunten Make-up ein wenig an die Zeichnungen exotischer Paradiesvögel in den in der Papier-Abteilung zur Schau gestellten Folianten. Vorsichtig nippt sie Kaffee aus einem Papierbecher und macht dabei den Eindruck, als wäre dies ihre Hauptmahlzeit für die ganze Woche. Dabei spielen Essen und Trinken eine gewichtige Rolle an diesem Vormittag. Sowohl an der Wand und in der Vitrine als auch auf dem Teller. Und beide kann man für einen nicht unerheblichen Betrag käuflich erwerben. Diverse niederländische Stillleben aus dem 17. Jahrhundert sind zu haben, wahlweise mit Granatapfel, Hummer oder Gurken, dass sie bei der Preisauszeichnung offensichtlich vergessen wurden, bedeutet nichts gutes. Ein Dutzend aquarellierte Süßwasserspeisefische aus dem China des 19. Jahrhunderts sind hingegen mit 16.000 Euro beziffert.

„Ich habe noch nichts gesehen, was ich haben muss“, sagt eine mittelalte Dame im Bouclé-Kostüm mit Ozelotstola zu ihrem Mann und ihr beiläufiger Tonfall lässt vermuten, dass dies keinesfalls witzig gemeint ist. „Komm lass uns was essen gehen“, erwidert der, „oder erst mal einen Champagner?“ Insgesamt sieben gastronomischen Angeboten bietet die TEFAF ihren Gästen. „La Concorde“  heißt das direkt hinter dem Eingang gelegene Restaurant, dessen Besucher durch geschickt platzierte Wände und Stofflagen vor neugierigen Blicken geschützt werden. Die Brasserie „Fifth Avenue“ gewährt da schon großzügigere Einblicke. Aber auch hier heißt es: „Please wait to be seated.“ Die strikt französische Speisekarte am Eingang offeriert 6 huîtres (creuse no. 3 de Bretagne) für 19,50 Euro, Steak Tartare au couteau für 25 Euro oder ein Omelette Norvégienne für 9,50 Euro zum Dessert. Die Ozelotdame und ihr Gatte verschwinden an den Wartenden vorbei direkt in den hinteren Teil des Etablissements. Im Café South, über eine Treppe in der Papierabteilung zu erreichen teilt sich ein niederländisches Ehepaar ganz offensichtlich nicht aus persönlicher Sparsamkeit – ein Stück Käsekuchen. Ein Café North gibt es auch, dann eine Champagnerbar mit Austernangebot und noch eine Sushi Fusion Theke auf der mit rotem Licht unterlegt kleine bunte Teller ihre Kreise ziehen.

Im Food Court, oben rechts auf dem Lageplan, herrscht um diese Zeit schweigsame Geschäftigkeit. Nur wenige der mit Narzissen, Mohn und Anemonen dekorierten schwarzen Tische sind schon besetzt. Vereinzelt tragen ernst ausschauende Kunsthändler kleine Miniaturweinflaschen auf ihren Tabletts und verzehren schweigend ihren frühen Lunch. Das Servicepersonal an den Ausgabeschaltern rüstet sich vor einer strahlend pinkfarbenen Wand für den bevorstehenden Ansturm. Dampf steigt auf und glänzende Edelstahlbehälter voller geschnittener Gemüse und fertiger kleiner Speisen werden hin und her getragen. Die Kopfbedeckungen aus weißem Papier in Form von einfachen Schiffchen oder hochaufragenden Hauben geben Aufschluss über die Stellung der Angestellten. Eine junge Frau in einer bodenlangen cremefarbenen Schürze poliert den seitlich neben den Tischen aufgestellten Geschirrwagen. Suppe und Dim Sum gibt es, Backwaren, Pasta und Grillgerichte. Pasta mit Trüffelöl und Parmesan sind für 10 Euro zu haben, ein American Hamburger auf Sesambrötchen mit traditioneller BBQ-Sauce kostet 12,50 Euro und für ein vegetarisches Gyozo-Körbchen (Inhalt drei Stück) muss man 9 Euro bezahlen. Langsam breitet sich ein nicht unangenehmer Duft im Raum aus. Eine nicht genauer zu bestimmende appetitliche Mischung aus gebratenem Rindfleisch in Butter, Kaffee und Zimtgebäck.

Eine gute Stunde später, gegen halb ein, sind fast alle Tische belegt. Eine ältere Dame mit einem roten Samtkäppchen und einem überdimensionierten Glasring studiert den Lageplan, während ihre Begleitung ein Tablett mit Wasserflaschen und zwei in braunen Backpapierförmchen gebackene Quiches heranschafft. Am Nachbartisch sitzen drei Freundinnen in teuren, sportlichen Lederjacken. Offensichtlich Passionierte und pensionierte Kunstliebhaberinnen, die sich im örtlichen Dialekt über die Qualität der zur Schau gestellten Stücke unterhalten. „Es ist gar nicht so einfach, an so einem Tag die Contenance zu halten“, sagt die eine scherzhaft und sortiert die Salatblätter auf ihrem Teller, „aber immerhin kann man über das Essen wirklich nicht klagen.“

Der Kunstmarkt in Europa mag noch angeschlagen sein, die Kunden und Kundinnen scheinen bei Austern, Sushi und Champagner, bei White Chicory Soup with Carrot Reduction und Swedish Polar Bread with Ribeye and Truffle Mayonaise auf dem Weg der Erholung.

Kurz vor dem Ausgang, auf dem Place de la Concorde, in der Nähe eines der kostenlosen Wasserspenders, die beim Zapfen blau gefärbtes UV-Licht verstrahlen, hält ein weiteres Trio seine Mittagspause. Eine unauffällige ältere Dame mit einem kleinen Rucksack, ein Herr im leicht fadenscheinigen Tweed-Anzug und seine Frau die ihren selbstgefertigten kanariengelben und mit Abbildungen alter Meister bedruckten Rock zur Schau stellt. Ihr Mann beißt lustvoll in ein mitgebrachtes Sandwich der Supermarktkette Albert Heijn. Mozzarella tomaat pesto steht in grüner Schreibschrift auf der weißen dreieckigen Verpackung, und weiter: „Diese schrecklich frischen Sandwichs werden vor allem von Menschen gegessen, die gestresst auf dem Weg zum nächsten Termin schon zu spät sind … alle anderen setzen sich gemütlich hin und genießen.“ Ein schönes Motto – auch für die bedeutendste Kunstmesse der Welt.