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miniportion 366: pharisäer

29 Mrz
Unehrliches Tässchen auf dem Flohmarkt, Hamburg 2014

Unehrliches Tässchen auf dem Flohmarkt, Hamburg 2014

Eine solide katholische Erziehung hat ihre Vor- und Nachteile. Eher nachteilig empfinde ich die dauerhafte Implementation von Schuldgefühlen, die man vermutlich nie wieder vollständig loswerden kann. Unter solch widrigen Umständen ist daher schon eine gewisse Kreativität von Nöten, um trotz allem ein erfülltes und lustiges Leben zu führen. Die religiöse Überwachung baut sich also gewissermaßen en passant ihre eigene Umgehungsstraße. Während beispielsweise Fastenzeiten für die Angehörigen anderer Konfessionen und Religionen eine ziemliche Einschränkung bedeuten, leben die katholischen Traditionen davon, Ausnahmen von der Regel zu finden. Herrgottsbescheißerle etwa, mit Fleisch gefüllte Maultaschen, deren Inhalt, so hoffte man zumindest, vor dem Höchsten verborgen sein würde, oder aber der Verzehr von Biberfleisch, da man das Nagetier ja aufgrund seines schuppigen Schwanzes nicht anders als einen Fisch und damit als fastenzeitkompatibel einordnen konnte. Ein weiterer katholischer Reflex besteht darin, immer erst einmal die anderen für den Untergang der eigenen Werte und Sitten verantwortlich zu machen. Ein Pharisäer beispielsweise ist laut Duden zum ersten ein Angehöriger einer altjüdischen Bewegung, zum zweiten ein Heuchler und zum dritten ein heißer Kaffee mit Rum und geschlagener Sahne. Wenn man, wie ich, als Kind viel Zeit in der Kirche verbringt und dabei nicht aus Norddeutschland kommt, sind einem die beiden ersten Bedeutungen zwangsläufig bekannt, da das Neue Testament in der Darstellung jüdischer Personen nicht besonders differenziert ist, um es einmal vorsichtig auszudrücken. Das Getränk hingegen soll der Legende nach erst im 19. Jahrhundert in Ostfriesland erfunden worden sein, um das Alkoholverbot eines besonders strengen Geistlichen zu umgehen. An sich also in einem eher unkatholischer Landstrich, aber was dem einen sein Fleisch in der Fastenzeit ist dem anderen sein Rum im Kaffee.

miniportion 325: maultaschen

21 Dez
Maultaschen chinesische Art, Vaals 2013

Maultaschen chinesische Art, Vaals 2013

Schwäbische Küche gab’s zuhause nur gelegentlich, weil, bis auf eine freundliche, aus Stuttgart stammende Nachbarin ein paar Häuser die Straße hinunter, keine Verbindungen ins Ländle bestanden. Manchmal aber gab es Spätzle (zumeist fertig gekauft, seltener aus der Spätzlepresse) und manchmal auch Maultaschen (immer fertig gekauft). Wenn letztere auf den Tisch kamen (was meistens abends der Fall war, wenn keiner mehr Lust hatte, etwas richtiges zu kochen) und wir Kinder uns über den lustigen Namen amüsierten, verwies meine Mutter immer auf eine sogenannte Margarethe Maultasch, nach der die mit Brät und/oder Spinat gefüllten und gekochten Teigtaschen benannt seien.

Gut 30 Jahre später weiß ich nun, dass es sich dabei um eine adelige Dame handelt, mit bürgerlichem Namen Margarethe von Tirol, die im 14. Jahrhundert lebte und im Alter von 12 Jahren mit Johann Heinrich von Luxemburg vermählt wurde. Die Verbindung war jedoch nicht von Dauer und nachdem Margarethe die Ehe für nicht vollzogen erklärte, heiratete sie ein zweites Mal. Ein Umstand, der bei der böhmischen Verwandtschaft ihres ersten Gemahls nicht besonders gut ankam und der ihr den Beinamen Maultasch einbrachte. Nicht etwa weil sie, wie meine Mutter vermutete, mit einer Gesichtsdeformation geschlagen gewesen wäre, sondern als deftiges Synonym für liederliche Frau oder Hure. Ein Umstand, der meiner guten Mama sicherlich nicht bekannt war, ansonsten hätte sie sicherlich auf die Nennung der historischen Figur beim Abendbrot, unter Umständen sogar auf die Maultaschen im Ganzen, verzichtet.

Heutzutage greife ich bekannterweise höchst selten auf fertig gekauftes Essen zurück. Lediglich bei den BioBio-Maultaschen im Netto mache ich manchmal eine Ausnahme. Abends, wenn ich mal keine Lust zum Kochen habe. Die Geschichte von Margarethe Maultasch, dem liederlichen Frauenzimmer, muss ich mir dann allerdings immer selber erzählen.