Tag Archives: matjes

miniportion 312: matjes

5 Dez
Heringhappen auf dem Markt, Leiden 2004

Heringhappen auf dem Markt, Leiden 2004

Wenn man klein ist, dann ist auch die Welt noch eher klein und lange Zeit war das Holland das am weitesten entfernte Land, das ich mir vorstellen konnte. Als Kind war mir dabei der Unterschied zwischen nationalstaatlichen Grenzen und denen von Bundesländern nicht immer klar und gelegentlich bestand ich deshalb im Auto darauf, auch an der Grenze zu Rheinland-Pfalz „Nun ade, du mein lieb Heimatland“ zu singen. Aber das ist eine andere Geschichte.

Die Grenze zu den Niederlanden war mir natürlich schon deshalb geläufig, weil wir sie zum kostengünstigen Einkauf von Gemüse, Benzin und Fisch häufig überquerten. Trotzdem brachte ich den hinter Aachen gelegenen Grenzort Vaals anfänglich gerne mit dem britischen Wales durcheinander. Aber auch das legte sich im Laufe der Zeit. Dennoch blieb der ein paar Meter jenseits von Deutschland stattfindende Wochenmarkt sehr exotisch für mich, weil das Konzept „Wochenmarkt“ als solches in meiner dörflichen Heimat gänzlich unbekannt war. Hier wurden nicht nur Obst und Gemüse in unvorstellbaren Mengen verkauft, hier machte der wie Rudi Carell klingende Käsehändler beim Abwiegen von „altem Holländer“ jedes Mal den selben Witz und vor allem konnte man hier neben Backfisch auch Matjes-Heringe kaufen. Tote Fische, die nicht als Filet kamen und auch noch ihren Schwanz besaßen, waren mir eigentlich eher suspekt. Aber die Tatsache, dass man sie am selbigen packt, über den Kopf hebt und stückchenweise abbeißt, überstieg alles je Gesehene. Aber um ganz ehrlich zu sein, habe ich das auch nie gesehen und verlasse mich hier vollständig auf die Schilderungen meiner Mutter, die ja mit ihren Nachbarinnen zu ganzen anderen Zeiten auf dem Markt verkehrte.

Heute allerdings vermute ich, dass diese Verzehrmethode, wie der Akzent von Rudi Carell, die Tulpen im Keukenhof zu Lisse oder die Figur von Frau Antje, schlicht von cleveren Werbestrategen für den deutschen Markt erfunden wurde.

miniportion 159: brathering

29 Jun
Heringstöpfe im Stadtmuseum, Köln 2012

Heringstöpfe im Stadtmuseum, Köln 2012

Bei Brathering dachte ich jahrelang an Grit Boettcher. Bis ich bei den Recherchen zu diesem Film herausfand, dass Studienrätin Frau Dr. Knörz, die Englischlehrerin in der fraglichen Szene der siebenteiligen Klamaukreihe „Die Lümmel von der ersten Bank“ gar nicht von Boettcher sondern von einer Schauspielerin namens Ruth Stephan gespielt wurde. Wie dem auch sei, in einer Folge der zwischen 1968 und 1972 gedrehten Filme gibt es eine Szene, in der Schüler Pepe Nietnagel zu Beginn des Unterrichts um die Erläuterung der Aussprache des Wortes „brathering“ bittet, welches er in einem Truman Capote Roman gefunden habe. „Brääässering“, sagt Frau Dr. Knörz und damit ist der Witz eigentlich auch schon vorbei, bei mir aber Jahrzehnte später noch präsent.

Während eine Generation zuvor noch Brathering aus der eigenen Produktion gegessen wurde, kam bei uns nur Dosenware auf den Tisch, meistens am Freitagabend (wahlweise auch Heringsfilet in Senf- oder Tomatensoße und zu besonderen Anlässen auch Thunfisch in Tomatensud mit Erbsen und Zwiebeln). Neben dem panierten Hering mochte ich übrigens vor allem die mitgelieferten Champignons und Zwiebeln.

Vor ein paar Jahren kaufte ich auf einem Flohmarkt einen Keramikbehälter für eingelegte Heringe aus dem Westerwald (die Keramik, nicht der Hering). Damit einher ging der Wunsch, einmal selber Bratheringe zu braten. Mit dem Fahrrad fuhr ich zum einzigen Fischgeschäft meiner Heimatstadt, dass etwas versteckt in einem Industriegebiet zwischen einer Filiale von McFit und einer von Burger King liegt. Frische Heringe gebe es nicht mehr, sagt mir der auskunftsfreudige Fischverkäufer niederländischer Herkunft, man dürfe wegen der Parasitengefahr nur noch solche verkaufen, die eingefroren gewesen seien. Diese könne er mir aber gerne in Dänemark bestellen. Das ging mir dann doch etwas zu weit und ich kaufte ein halbes Dutzend Matjes – die sind wenigstens in der Aussprache unverfänglich.