La France en Pâtisserie – Epilog

La France en Pâtisserie (Foto Jennifer Braun)

Der Abschluss hat dann doch ein paar Tage gedauert, weil ich mich erst einmal erholen musste. Ganz easy hatte ich mir das vorab so vorgestellt. Morgens ein bisschen backen, dann ein wenig schreiben und abends ein schnelles Foto machen. Dazwischen viel Freizeit, es sollte ja schließlich so eine Art Urlaub sein. Vielleicht jeden Tag mit dem Fahrrad in ein anderes Veedel fahren, wie ich das im Monocle Magazin von einem dänischen Städteplaner gelesen hatte.

Dann kam die sommerliche Realität und mit ihr Temperaturen von teilweise mehr als 36 Grad und eine Luftfeuchtigkeit, die die kleine Küche in meiner kleinen Wohnung in eine Mischung aus Backofen und Dampfsauna verwandelte. „Im vorgeheizten Backofen bei 220 °C für 30 Minuten backen. Die Ofentüre mit einem Holzlöffel dabei einen Spalt offenhalten.“ Letztendlich gab es dann kaum Zeit für Entdeckungstouren durch die eigene Stadt, allenfalls mal im unauffälligen Stechschritt zum Blumenladen und auf dem Rückweg sicherheitshalber noch schnell ein Kilo Zucker, zwei Päckchen Butter und eine Packung Eier einkaufen.

Aber ich will nicht jammern, ich habe viel gelernt, nicht nur über das Backen, sondern auch beim Backen. Präzision beispielsweise, Geduld und Disziplin. Wenn das Experiment nix geworden ist, fängt man einfach wieder von vorne an. Wer wie ich gerne kocht, hält gerne einen gewissen Abstand zum Backen. Weil man da nicht so spontan sein kann, weil man weniger Raum für Experimente hat und weil man hinterher nicht mehr korrigieren kann. Das, so habe ich gelernt, stimmt nur bedingt. Wenn man als Laie jeden Tag bis 18 Uhr etwas zu Fotografieren haben muss, dann ist einiges an Spontanität, Experiment und abschließender Korrektur notwendig. Wer hätte gedacht, dass man einen unregelmäßig getrockneten Meringue-Überzug mit einer einfachen (unbenutzten!) Nagelfeile wunderbar glatt bekommt? „Es kommt weniger auf die Präzision an“, sagt mein Konditorfreund Matthias, „sondern darauf, dass die Verhältnisse stimmen.“ Er selbst hat eine einfache Regel, mehr als ein Prozent darf man nicht von den Vorgaben abweichen. Dabei handelt es sich um eine Größenordnung, die bisher in meinem handwerklichen Universum nicht vorkam. Umso erstaunter war ich, dass die Dinge funktionierten, wenn man sich an die Angaben hält.

„Bist du wieder zurück?“ werde ich seitdem immer wieder gefragt, „wie war es denn in Frankreich?“ „Die 14 Tage waren eine wundersame Reise“, sage ich dann, „durch ein Land, dem ich mich seit Kindertagen sehr verbunden fühle.“ Die Reiseroute zwischen, sagen wir Tarte Tatin und Rousquilles, hat dabei einmal mehr verdeutlicht, wie vielfältig die kulturellen Muster zwischen Ärmelkanal und Mittelmeer sind.
Apropos Méditerranée – wie im Prolog zu dieser Serie beschrieben, hätten wir in diesem Jahr das letzte Stückchen der Grande Nation erkundet, just zu der Zeit, in der Teile der Provence und der Côte d’Azur zum Risikogebiet erklärt wurden. Einerseits bin ich froh, mit der Absage der Reise schon im Mai die richtige Entscheidung getroffen zu haben, andererseits wird mir das jährlich Abenteuer fehlen, dass am 7. September hätte starten sollen.

Insofern war La France en Pâtisserie eine schöne Ablenkung, für die ich mich bei allen Kooperationspartnerinnen bedanken möchte. Bei meiner Schwester, der Wissenshistorikerin Esther H. Arens für die kontextuelle Einordnung, bei Monika Fritsch vom Tourismusverband Atout France für die engagierte Hilfe bei der Suche nach regionalen Spezialitäten und Rezeptgeber*innen in Frankreich und bei den Profis und Amateuren vor Ort, aber vor allem bei der wunderbaren Fotografin und Freundin Jennifer Braun, die jeden Abend trotz eigener strammen Arbeitstage noch die Zeit und Muße fand, meine Tagesproduktion in Szene zu setzen.

Die Serie ist damit abgeschlossen, aber nicht vorbei! Derzeit feilen wir nicht mehr am Gebäck, sondern an einem Konzept für ein Buch, dass wir per Crowdfunding realisieren werden. Wir halten euch auf dem Laufenden.

Bis dahin merci et à bientôt!

miniportion 072: madeleine

Prousts Madeleines in der Industrieversion, 2012

Prousts Madeleines in der Industrieversion, 2012

Die wohl berühmteste literarische Erinnerung an einen Geschmack stammt vom französischen Autor Marcel Proust, der zu Beginn des 20. Jahrhunderts eine siebenbändigen fiktive Autobiografie mit dem Titel „À la recherche du temps perdu“ schrieb. Im ersten Buch, das unter anderem die Kindheit des Protagonisten in einem Dorf namens Cambray behandelt, beschreibt der Ich-Erzähler, wie er an einem Wintertage eine Tasse Tee und ein Madeleine zu sich nimmt und sich durch den Geschmack von Kuchen und Tee in seine Kindheit zurückversetzt fühlt.

Keine Weltliteratur, aber Weltklasse des Films ist „¿Qué he hecho yo para merecer esto!!“ (zu Deutsch: Womit habe ich das verdient?) des spanischen Regisseurs Pedro Almodóvar aus dem Jahre 1984. Auch hier spielen Madeleines oder Magdalenas, wie sie auf Spanisch heißen, eine wichtige Rolle. Die dick-bebrillte Oma der Geschichte sammelt Stöcke, will fortwährend zurück in ihr Dorf und denkt, dass sie von der Kohlensäure des Mineralwassers high wird, obwohl sie als Diabetikerin die von ihr in Unmengen verzehrten Madeleines nicht verträgt. Am Ende wird übrigens der Sohn der Familie an einen Zahnarzt verkauft.

Ein wenig unheimlich ist da eine zufällige Analogie in meinem Leben. Einmal nämlich verbrachte ich zwei Wochen im südfranzösischen Schüleraustausch. Untergebracht war ich aber nicht wie die anderen Jugendlichen in der Stadt, sondern bei einer Winzerfamilie (keine Zahnärzte!) in einem kleinen Dorf mit 104 Einwohnern. Dort wurde abends ziemlich gut gegessen, dafür morgens aber eher stehenden Fußes gefrühstückt. Was mich nicht weiter störte, weil ich, ohne etwas zu ahnen, eine Vorliebe für in Earl Grey-Tee getauchte Madeleines entdeckte. Diese Verbindung zu Proust wurde zuhause übrigens abrupt wieder gekappt. Madeleines gab es nur bei Tchibo, einzeln in Plastik verpackt und zu 90 Pfennig das Stück. Soviel war meinen Eltern meine literarische Karriere dann doch nicht wert.