Tag Archives: Lüttich

ethnografische notizen 241: liège

12 Mrz

Ein Sonntag in Lüttich, oder vom Glück, Freunde in Belgien zu haben

„Wir essen heute Mittag in der Stadt“, sagt J. bei unserer Ankunft, „und später dann noch einmal zuhause.“ Das ist normal, denn schließlich sind wir ja in der Wallonie, wo jede Mahlzeit als sozialer Akt von Bedeutung begriffen wird und außerdem waren wir schon lange nicht mehr zu Besuch. „Dazwischen schauen wir uns eine Ausstellung an.“ Nach dem Kaffee spazieren wir los, die steile Rue pierreuse hinunter, über die Place du Marché bis runter zur La Batte, dem großen Wochenmarkt. „Neu“, denke ich, während wir durch die Neuvice laufen, „auch neu. Ebenfalls neu.“ Es hat sich eine Menge getan seid unserem letzten Besuch. Es gibt einen verpackungsfreier Lebensmittelladen namens l’Entre-Pot, einen anderen für lokal produziertes Obst und Gemüse (Les petits producteurs) und eine Handvoll hipper Cafés und Restaurants. Weiterlesen

ethnografische notizen 69: lequet, liège

5 Jun
Zwei Boulets de Liège bei Lequet, Lüttich 2014

Zwei Boulets de Liège bei Lequet, Lüttich 2014

Ob ich noch mit essen gehen würde, fragen mich die belgischen Kollegen nach der Konferenz. Man habe einen Tisch reserviert, in einem einfachen Restaurant. „Bien sûr“, sage ich. Schließlich bin ich ja mit dem Zug und nicht mit dem Auto nach Lüttich gekommen. Ich überlasse mich der belgischen Zeitrechnung, in der „noch etwas essen gehen“ bedeutet, dass wir noch ein, zwei Gläser lokales Weißbier im Tagungsraum trinken, dann in einer Bar um die Ecke einen richtigen Aperitif zu uns nehmen, um dann ins Restaurant aufzubrechen.

Selbiges heißt „Chez Stockis – Lequet“ und befindet sich in unmittelbarer Nähe zum Hauptgebäude der Universität. Der Patron, ein etwas kugeliger kleiner Mann mit einem blau-weiß gestreiften Hemd (der offensichtlich Stockis heißt oder zumindest so genannt wird), schaut ein wenig ungnädig, auch als die Kollegen ihm zu wiederholten Mal versichern, dass man einen Tisch reserviert habe. Sein Lokal gehört zu der Sorte, die vermutlich vor rund 30 Jahren zum letzten Mal renoviert wurde und von der man hofft, dass die nächste Sanierung auch noch mindestens 30 Jahre auf sich warten lassen wird. Hier und da blättert die Farbe von der Wand, die großzügig mit alten Fotografien, Postern für Simenon-Ausstellungen und Marionetten dekoriert ist. Gegenüber sitzt ein altes Ehepaar nebeneinander. Die beiden essen schweigend ihren Teller leer, trinken eine Flasche Rotwein und schauen ein Fußballspiel auf dem Fernseher über der Tür zur Küche.

Die Speisekarte passt auf ein A5-großes Blatt. Es gibt eine oder zwei Boulets de Liège mit Fritten, mit oder ohne Salat und Kompott und Nierchen Lütticher Art. „Wer bekommt keine Bouletten“, fragt der Patron, „und wer bekommt nur eine.“ Jetzt ist er deutlich besser gelaunt. „Ein paar unfreundliche Kommentare gehören hier zum guten Ton“, sagt meine Tischnachbarin, die ursprünglich aus Namur stammt. Stockis’ Frau bringt unsere Bouletten, Mayonnaise, Salat und Kompott. „Der Besitzer hat eine Schwester, der ein bekanntes Lokal in Visé gehört “, flüstert die Nachbarin, „wie heißt das noch mal?“ „L’Autobus“, sagt ihr Gegenüber, „die hat einen Sohn, der ist ein ganz bekannter Künstler, aber der Name fällt mir gerade nicht ein.“ „Gut, dass ich nicht mit dem Auto hier bin“, denke ich und nehme noch ein wenig Mayonnaise.

miniportion 210: honigmelone

19 Aug
Melone mit Schinken, Las Palmas 2010

Melone mit Schinken, Las Palmas 2010

Wenn wir früher C. und E., die Vettern meines Vaters im französischsprachigen Belgien, besuchten, versprach das für gewöhnlich einige kulinarische Highlights, für die die beiden kulinarisch hochbegabten Gattinnen B. und Y. zuständig waren. Schon während der gut halbstündigen Fahrt ins benachbarte Ausland freute ich mich dann auf die exotischen Chips-Sorten zum Aperitif und alles andere, was noch kommen würde.  Qualität und Quantität steigerte sich dann im Verlaufe der Mahlzeit zu ganz ungeahnten Höhen, die mir als Kind einen ersten Eindruck davon vermittelten, welche Bedeutung Essen und Trinken in Belgien haben. Sehr lebhaft im Gedächtnis geblieben sind mir beispielsweise die Vorspeisen. Dinge wie frittierte Kroketten aus Schinken und Käse oder mit Thunfischsalat gefüllte Pfirsiche.

Ich weiß nicht mehr genau bei welchem der beiden Brüder, ob in Dahlem oder in Xhorice, aber irgendwann in den 1980er Jahren aß ich dort zum ersten Mal eine halbe Honigmelone mit Parmaschinken. Einmal abgesehen von der Tatsache, dass die Portionen für uns Kinder keinen Sherry enthielten, war diese Kombination von Aufschnitt und Obst eine nachhaltige Offenbarung für mich.

Als wir vor kurzem von unseren Lütticher Freunden J. und C. anlässlich eines dort an Maria-Himmelfahrt stattfindenden Volksfestes zum Aperitif geladen waren, wurde diese Offenbarung knapp 30 Jahre später noch einmal übertroffen. Die beiden Kinder A. und T. servierten der über den hoch in die alte Zitadelle reichenden Garten verteilten internationalen Gesellschaft formvollendet diverse Häppchen – darunter Quiche, gegrillte Cocktailtomaten und Lachsterrine auf Toast. Eine Flasche Rosé machte die Runde, als plötzlich Gläser gereicht wurden, in denen sich in feine Würfel geschnittene, mit gebackenem Parmaschinken gemischte Honigmelone befand. Und plötzlich bekam ich wieder eine Ahnung davon, was Essen und Trinken in Belgien bedeuten kann.

ethnografische notizen 40: belgiens trost – teil 4/5

6 Sep

Das kleine Königreich im mittleren Westen Europas steckt tief in der Krise. Lediglich Essen und Trinken eint die zerstrittenen Landesteile. Noch, den mit einer drohenden Pleite unserer genussfreudigen Nachbarn könnte auch dieses letzte Stück gemeinsamer Identität verschwinden

Auslage einer Konditorei, Lüttich 2010

Auslage einer Konditorei, Lüttich 2010

In der Küche seines Lütticher Hauses aus dem 17. Jahrhundert steigt der emeritierte Linguist Joseph Vromans durch eine Falltür im Holzboden hinab in seinen Weinkeller. „Bon“, sagt er, „so siebenhundert Flaschen werden es schon sein. Seit ich pensioniert bin, kann ich mich etwas ausführlicher meinem Hobby widmen.“ Der überzeugte Sozialist und engagierter Mitarbeiter zahlreicher Nachbarschaftsprojekte steht stolz in seinem sorgfältig weiß gekälkten Gewölbe. In der Mitte führt ein schmaler Weg aus schweren Blausteinplatten durch den hellen Kies. „Ich erfasse alle Einkäufe in einem Computerprogramm. Der Rechner sagt mir dann immer, welche Weine ich als nächstes am besten trinken kann.“ Der Preis spiele keine so große Rolle, betont er. Kollegen, die bis zu 150 Euro für eine Flasche ausgeben, kann er nicht verstehen. „Manchmal kaufe ich auch im Supermarkt, bei Delhaize oder Colruyt. Wenn der Wein gut ist.“ Entlang des Wegs stehen Kisten mit Weißwein, hohe gelbe Kästen mit großen schlanken Bierflaschen mit Champagnerverschluss und kleine gedrungene mit Kronkorken. „In zwei Tagen kommt die Familie meiner Frau“, sagt Vromans, „wir rechnen mit rund 25 Personen. Der Rotwein steht schon oben, um auf Temperatur zu kommen.“ Oben in der Küche trifft Carola Henn erste Vorbereitungen für das Abendessen. Ihr Vater war Koch beim belgischen Militär, ihre Mutter ist immer noch eine begeisterte Köchin. Im Flur ist auf einer Kreidetafel in einem Wochenplan eingetragen, wer von der vierköpfigen Familie zum Abendessen zu hause ist. „Da sind wir vielleicht etwas altmodisch“, sagt Joseph, „aber das ist für uns sehr wichtig. Wir sitzen fast jeden Abend mit unseren Kindern am Tisch.“

Dass Belgier wohl kaum am Essen sparen werden, davon ist auch Joseph Vromans überzeugt. „Da spielt die Krise so gut wie keine Rolle“, sagt der emeritierte Linguist und streicht sich über seinen imposanten Schnauzbart, „die meisten Menschen hier finden es nicht so schlimm, ein billigeres Auto zu fahren oder an Kleidung zu sparen.“ Essen und Trinken hingegen scheinen hierzulande nahezu unantastbar zu sein. „Vielleicht gehen sie weniger teuer essen als früher“, ergänzt Carola Henn, ebenfalls Sprachwissenschaftlerin und Vromans Lebensgefährtin, „wobei die Flamen durch die Bank weg mehr Geld in Restaurants lassen als wir hier in der Wallonie, wo das Durchschnittseinkommen um einiges niedriger ist.“ In der Tat finden sich die meisten belgischen Michelin-Sterne in Flandern. Sowohl die beiden 3-Sterne Etablissements (Brugge und Kruishoutem) als auch zwölf der vierzehn Restaurants mit zwei Sternen. „In der Wallonie gehen die Leute gerne auch schon mal in eine einfachere Frittenbude“, sagt Joseph Vromans. Das habe keinen Einfluss auf die Frequenz der Restaurantbesuche, betont er, aber ein schickes Ambiente spiele momentan nur noch eine geringe Rolle.

ethnografische notizen 25: l’art culinaire moderne

30 Jan

"L'Art Culinaire Moderne - La Bonne Table Française et Étrangère"

Auf dem Weg vom Lütticher Bahnhof in die Stadt passiere ich diesmal nicht nur diverse duftende Konditoreien und Fleischfachgeschäfte mit appetitlich drapierten Gerichten zum Mitnehmen, sondern komme auch am unlängst eröffneten Buchladen von Oxfam in der Rue Saint-Gilles vorbei. Schon die Öffnungszeiten sind mir sympathisch – Montag bis Freitag 10 bis 17:30, im Sommer bis 18 Uhr. Ältere Damen und Herren, denn solche betreiben offensichtlich das Geschäft, leben mit den Jahreszeiten und sind eben gerne nicht erst bei vollständiger Dunkelheit zuhause.

Ein altes belgisches Kochbuch vielleicht, denke ich mir und weil noch ein bisschen Zeit bis zum Termin ist, klappe ich meinen Regenschirm zusammen und betrete den Laden. Abgegriffene Paperbackromane in billigen Kiefernregalen und sorgfältig gestapelte alte Magazine auf den Tischen in der Mitte des Raumes. Dazwischen eine nahezu andächtige Stille, die nur durch die schlurfenden Schritte eines älteren Herrn im tannengrünen Pullover unterbrochen werden, der nach und nach ein paar Bücher in der Vitrine unweit der Kasse platziert. Es riecht nach altem Papier. In einer Plastikbox entdecke ich alte Kochzeitschriften. Nichts besonderes, eher langweilige Gebrauchsküche für den Alltag und darüber hinaus stammen die Hefte aus Frankreich. Eine benachbarte Kiste enthält, ebenfalls aus Frankreich, eine Menge dünner Taschenbücher mit dem Titel „Que sais je“ (Was weiß ich). Eine Art „Was ist Was“ avant la lettre, denn die ältesten Bücher stammen aus den direkten Nachkriegsjahren. Da jeder Band nur 50 Cent kosten soll, greife ich zu, auch wenn ich vermutlich nicht über die Einleitung hinaus kommen werde. „Les fruits coloniaux“ über den Anbau von exotischen Früchten von 1946 und „La Viande“ über die Strukturen des Fleischhandels der 60er Jahre. Es folgen ein Taschenbuch über das Hohe Venn und aus der Abteilung „Cuisine et cuisiner“ ein dünnes Heft über die Vorzüge des Frittierens. Letzteres übrigens, wer hätte es gedacht, eine originär belgische Publikation. Die Verwendung von Rinderfett sei nicht nur aus geschmacklichen sondern auch aus gesundheitlichen Gründen vorzuziehen, lese ich dort, es tendiere weniger dazu, sich im Frittiergut festzusetzen. Ansonsten ist die Kochbuchabteilung mit billig gemachten und nicht besonders interessanten Heftchen aus den letzten beiden Jahrzehnten zu Themen wie Cocktail, Low Carb und Mexikanische Küche bestückt.

Der Herr im tannengrünen Pullover platziert mit unendlicher Geduld ein antikes Kinderbuch in der Vitrine derweil ich die Verkaufstheke betrachte. Vor mir liegt ein dickes dunkelblaues Buch mit der goldenen Aufschrift „L’Art Culinaire Moderne – La Bonne Table Française et Étrangère“. „Ist das auch zu verkaufen“, frage ich den Schauwerbegestalter, der mich irgendwie an Mr. Stringer aus den frühen Miss Marple-Filmen erinnert. „Aber ja“, antwortet dieser und fügt etwas verlegen hinzu, dass er aber erst hinten durch den Preis erfragen müsse, das Buch sei gerade erst gekommen. Er  verschwindet nach hinten. Aus dem durch einen Vorhang zwischen zwei Regalen abgetrennten Hinterraum klingen die angeregten Stimmen älterer Damen bei der ehrenamtlichen Arbeit.

Während er sein Anliegen vorbringt, werfe ich einen ersten Blick in das gut vier Pfund schweren Buch von 1937. 3500 Rezepte und 480 Illustrationen verspricht mir der Inneneinband und in vergleichbaren Größenordnungen geht es weiter. Das zeitgemäße Menü umfasse sieben Gänge, lese ich auf S. 65. Eine Suppe, der man auch noch Austern vorweg gehen lassen könne, ein Fischgericht, ein Fleischgericht, ein kaltes Gericht plus Salat, die Gemüse (Plural!), der Käse und schließlich der Nachtisch, die Früchte und das Dessert. „Will ich“, denke ich und Mr. Stringer kehrt mit einer sanft wirkenden Miss Marple in einem taubenblauen Twinset zurück. Das Buch sei gerade erst eingetroffen, wiederholt sie, sie müsse erst den Preis ermitteln und ob ich vielleicht einen Moment Zeit hätte. Habe ich und während das Duo wieder verschwindet widme ich mich erneut der Kochbuchabteilung. Ich zähle alleine 15 Bände zum Thema „Kochen mit der Mikrowelle“, deren französische Bezeichnung „le micro-ondes“ zwar putzig ist, aber mit dem dänischen „mikrobølgeoven“ keinesfalls mithalten kann. Hat wohl irgendwann irgendjemand mal nach einem dieser eher technischen Versuchsaufbauten gleichenden Bücher gekocht? Kocht heute überhaupt noch jemand mit der Mikrowelle?

Mr. Stringer und seine Frau – der Filmdarsteller war im wahren Leben übrigens tatsächlich mit der Marple-Darstellerin Margaret Rutherford verheiratet – bleiben verdächtig lange im Hinterstübchen. „Das wird teuer“, denke ich mir und zähle schon mal die Preise der sonstigen Bücher aus meinem Stapel zusammen. Nach einer gefühlten Ewigkeit steht die Hobbydetektivin des antiquarischen Buchhandels mit ernstem Gesicht wieder vor mir. Sie habe den Band im Netz gefunden, berichtet sie; so, als habe sie gerade eine verschollen geglaubte Federzeichnung von Rembrandt wiederentdeckt. Sie nennt eine Internetseite und einen Preis den ich aufgrund ihres rasanten Französischs nicht verstehe. Sie schürzt die Lippen und legt den wohlondulierten Kopf ein wenig schräg. „Also“, sagt sie und ich fühle mich ein wenig wie ein Kandidat im Jungle-Camp kurz vor dem Rauswurf, „ich müsste schon … also … zwischen sechs und sieben Euro müsste ich schon verlangen.“ Wir einigen uns auf 6,50 und machen uns ans Abkassieren. Die geschäftsführende Direktorin ist offensichtlich genauso erleichtert über das abgeschlossene Geschäft wie ich es bin. Fröhlich tippt sie in die Kasse und vergisst die Return-Taste zu drücken, so dass schlussendlich statt der von mir auf die Schnelle kalkulierten neun Euro € 505,50 auf der Digitalanzeige erscheinen. Mr. Stringer verschwindet diskret im Hintergrund, aber eine weitere in vanillefarbenen Strick gekleidete Dame eilt zur Hilfe. Als die widerspenstige Kasse den Sofortstorno nach wie vor verweigert, schreibt sie den von mir zu zahlenden Betrag mit resoluten Bleistiftziffern auf einen alten Briefumschlag. „So“, sagt sie und knallt den Stift auf den Tresen, „wäre doch gelacht. Und das hier ist auch viel zu teuer“, sagt sie zu ihrer Kollegin, die ihr ohne Worte den Radiergummi reicht. Der Preis der Frittierbibel wird kurzerhand um zwei Drittel reduziert und beide lachen ein wenig dämonisch. „Sind Sie wirklich fertig“, fragen sie, plötzlich wieder ganz fürsorglich, „wir haben doch noch so viele Bücher.“ „3500 Rezepte müssen erst einmal reichen“, antworte ich, „ich komme aber gerne mal wieder, wenn ich dann damit durch bin.“