Tag Archives: Likör

ethnografische notizen 123: feste feiern

31 Dez
Man muss die Feste feiern, wie sie fallen ... Köln, Dezember 2015

Man muss die Feste feiern, wie sie fallen … Köln, Dezember 2015

Am 21. August 2015 tranken Freund D. und ich ein Bier auf einem Jahrmarkt, den man anlässlich der Reit-EM auf dem Aachener Katschhof installiert hatte. Das ist an und für sich ja nichts besonderes. Bemerkenswert ist hingegen die Tatsache, dass wir uns a) im Umfeld der Reiterspiele befanden (wo ich mich nicht im allergeringsten für Pferdesport erwärmen kann) und wir b) Bitburger tranken (was ich im wahren Leben für gewöhnlich erfolgreich zu vermeiden weiß). Weiterlesen

miniportion 239: goldwasser

19 Sep
Güldenes Nass, Köln 2013

Güldenes Nass, Köln 2013

In meiner Familie väterlicherseits ist es seit vielen Jahren üblich, sich zu Geburts- und Namenstagen Alkohol zu schenken. Von dieser Regel wird allenfalls abgewichen, wenn es sich um runde Jubiläen handelt. Dann nämlich gibt es meist praktische Geschenke wie Fahrräder, Mikrowellen oder Digitalkameras. Ansonsten aber gibt es „eine schöne Flasche“. Als Kind fürchtete ich mich sehr vor dem Moment, an dem ich einmal kein richtiges Geschenk mehr überreicht bekommen würde, sondern „eine schöne Flasche“.  „Wie schlimm muss es sein“, dachte ich mir, „wenn man kein dauerhaftes Präsent mehr bekommt, sondern etwas, was man austrinken und dann entsorgen kann?“ Wir sprechen hier von Zeiten, in denen sich mir die Vorzüge von alkoholischen Getränken noch nicht vollständig erschlossen. Auch diese Jahre hat es einmal gegeben, aber das ist eine andere Geschichte.

Die „schöne Flasche“ unterschied sich allerdings von Jubilar zu Jubilar, von Jubilarin zu Jubilarin. Was Mütter, Tanten, Schwestern und Schwägerinnen bekamen, weiß ich nicht mehr so genau. Vielleicht eine Flasche Wein oder einen Sherry. Für die Väter, Onkel, Brüder und Schwager gab es Schnaps und für die Oma ein Likörchen. Dabei hatte die durchaus eine Vorliebe für härtere Kost. Beispielsweise Cognac im Kaffee oder Rum im Tee, wobei der in beiden Fällen vorgeschobene Teelöffel keinerlei Funktion beim Abmessen der Quantität des Sprits hatte, sondern vielmehr dazu diente, den Vorgang unauffällig vonstatten gehen zu lassen. „Huch“, sagte sie dann und füllte sich die Tasse. Da man aber älteren Damen keinen Schnaps verehrt, bekam sie Likör. Ich erinnere mich beispielsweise an einen sogenannten Mozartlikör, den aber niemand mochte. Meine Mutter bekam irgendwann einmal eine Flasche Danziger Goldwasser geschenkt, deren Inhalt ich aufgrund einer frühkindlichen Vorliebe für glitzernde Dinge sehr anziehend fand. Da hatte ich ja noch keine Ahnung.

ethnografische notizen 008a: schlehen

18 Nov

Aachen 2010

„Was pflücken Sie da?“, fragte mich etwa jeder zweite Spaziergänger, als ich im vergangenen Spätherbst am Berliner Spree-Ufer im Treptower Park die graublauen Beeren von den bereits kahlenden Sträuchern erntete. „Kann man die essen?“ Willig leistete ich meinen Beitrag zur Volksbildung und erklärte, dass es sich um Schlehen handele, die man aufgrund ihres hohen Gerbstoffgehalts nicht einfach so verzehren könne, die sich aber hervorragend zur Herstellung von Aufgesetztem eigneten. „Aha“, antworteten die meisten Fragenden, um dann ein paar Meter weiter doch heimlich eine der Früchte in den Mund zu stecken. „Selbst schuld“, dachte, wenn nur Sekunden später die angekaute Beere erschrocken wieder ausgespuckt wurde. Wer mal eine frische Schlehe im Mund hatte, weiß, was eine pelzige Zunge ist.

Anders ist der Kenntnisstand in Aachen, wo ich mich in diesem Jahr zur Bevorratung meines Likör-Bestands ins zentrumsnahe Gillesbachtal aufmache. „Aha, Aufgesetzter“, sagt ein wohlwollend lächelndes Pensionistenpaar. „Es hat noch nicht gefroren“, ermahnt der nächste Passant, „am besten über Nacht noch mal in den Froster, dann geht das Haarige raus und die werden süßer.“

Recht hat er, auch wenn das eine mit dem anderen zunächst einmal nichts zu tun. Schlehensaft kann man Unmengen von Zucker hinzufügen, er wird süß und zieht einem trotzdem alles zusammen. Denn die Gerbstoffe, die das unangenehm trockene Gefühl auf der Zunge hinterlassen, verschwinden erst, wenn die Früchte lange am Strauch hängen. Das kann kein Kühlfach ersetzen. Dass es später im Herbst jedoch dann mitunter schon gefroren hat, führt dazu, dass die in der Wildpflaumenart enthaltene Stärke in Zucker umgewandelt wird. Daher schmecken die Früchte weniger herb und gleichzeitig auch süßer. Wer jedoch nicht bis in den Winter warten möchte oder befürchtet, dass ihm andere Sammler und Jäger zuvorkommen werden, der kann ruhig auch zu dem Tiefkühltrick greifen, denn die Gerbstoffe sind im Idealfall im Endprodukt weniger zu schmecken – die Süße der Früchte hingegen leisten einen wichtigen Beitrag zum unvergleichlichen Aroma.

Denn Schlehen eignen sich hervorragend zur Herstellung von Brand, Wein und eben Aufgesetztem. Nicht nur hierzulande sind Getränke unter der Bezeichnung „Schlehenfeuer“ populär. Im baskischen Navarra werden seit einigen Jahren für den an Beliebtheit zunehmenden Anis-Schlehenlikör namens Patxaran sogar Schlehen auf Plantagen kultiviert. Der südosteuropäische Slivowitz, ein Pflaumenlikör, der sich vor allem in den 1980er als Digestif in den meisten jugoslawischen Restaurants einen Namen machte, verweist durch die Ableitung vom indogermanischen Wort (s)li für bläulich, auf die Verwandschaft zwischen und Kulturpflaume und Wildschlehe, deren Name den gleichen Ursprung hat.

Hierzulande findet man die mannshohen, mitunter stacheligen Sträucher vor allem als Heckenbepflanzung am Rande alter Weidegebiete. Ab Oktober kann man rund anderthalb Zentimeter dicken Früchte ernten, die mit ihrem unvergleichlich süß-herben Geschmack als Likör so manchen Winterabend erträglich machen. Industriell gefertigte Produkte sind häufig mit Rum angesetzt, persönlich bevorzuge ich aber einen guten Doppelkorn, in dem ich die ein, zwei Tage im Froster aufbewahrten Schlehen mit weißem Kandis und einer dünnen Stange Ceylon-Zimt ansetzte.

In agrarisch geprägten Gegenden wurde früher mittels der Schlehenblüte ein günstiger Erntetermin für das Getreide ermittelt, indem man die Tage zwischen den ersten Blüten und dem Patronatsfest des Heiligen Georg zählte. Ich hingegen zähle nach dem Ansetzen die Tage bis Weihnachten, denn nach etwa sechs Wochen auf einer sonnigen Fensterbank ist es Zeit für eine erste Qualitätsprobe.

Aachen 2010