Tag Archives: la saint george

ethnografische notizen 230: france 2017/03

13 Jun
La Saint Georges, Rennes, Juni 2017

La Saint Georges, Rennes, Juni 2017

„Hm“, sagt die Dame in der schwarzen Bluse, „eine Reservierung?“ Mit dem Zeigefinger fährt sie die vor ihr liegende Liste auf und ab und der große Anhänger um ihren Hals schaukelt bedenklich hin und her. „Auf welchen Namen noch einmal bitte?“ Ich wiederhole meinen Namen, der Finger fährt rauf und runter und der Anhänger pendelt. Sie schüttelt den Kopf. „Vielleicht auf den Namen unserer Gastgeberin“, werfe ich in den Ring. „Aha“, sagt die Dame erleichtert, „die reserviert immer in unserem anderen Restaurant.“ Sie bittet uns, zu folgen. Kurz darauf stehe ich wieder bei ihr an der Theke, um darauf hinzuweisen, dass der Fehler bei mir liegt. Auf unsere Gastgeberin möchte ich nichts kommen lassen. „Kein Problem“, sagt die Dame und hält ihren Anhänger fest.

Damit haben wir es geschafft, in die berühmte Crêperie La Saint Georges. Und per Zufall sogar ins Stammhaus. Das ist weitaus beieindruckender, als ich erwartet hatte. Keine Floklore, keine alten Apfelkisten, Mehlsäcke oder andere landwirtschaftliche Gerätschaften. Dafür ein hochfloriger anthrazitfarbener Teppich, mit grauem Samt bezogene Sitzmöbel und ausladende Lampen, die an riesige Sonnenhüte erinnern. Auch mit den endlos vergrößerten gelben und blauen Stoffmustern an der Wand, den runden Parabolspiegeln und den kleinen Lüster-Lämpchen auf den Tischen hat sich ein Innenarchitekt mal so richtig ausleben können. Um so überschaubarer wiederum die Karte. Zwei Seiten Galettes – herzhaft aus Buchweizenmehl – und zwei Seiten süße Crêpes aus Weizen. Ich nehme zunächst die Galette de saison mit Artischocke, Kartoffeln, Linsen und Saucisse de Morteau und dann ein Crêpe mit Caramel au beurre salé. Beides ist ebenso schlicht wie großartig. Ende der Durchsage.

Aber noch nicht alle haben genug. Auf den Terrassen der Restaurants entlang des Heimwegs wird noch gegessen und auch die Zeit der Bestellungen ist noch nicht vorbei. Noch eine Weile sitzen wir auf dem Platz vor der Oper und beobachten die an- und abfahrenden Deliveroo-Fahrer. Wie die Mauersegler über den Dächern der Häuser sind sie ständig in Bewegung, halten kurz inne und setzen ihre würfelförnigen, türkisfarbenen Rucksäcke auf die Stufen, um im nächsten Moment wieder aufzuspringen, die Rennradschuhe wieder in die Pedale zu klicken und die Straße rauf oder runter zu fahren.