Tag Archives: küche

ethnografische notizen 240: wien 1/5

27 Dez

Es ist überall voll. Das Café Prückel betreten wir von der falschen Seite und stellen – bereits halbwegs in der Mitte des riesigen Etablissements befindlich – fest, dass sich auf der anderen Seite schon diverse Herrschaften in dicken Wintermänteln aufgereiht haben, um platziert zu werden. Zurück auf der Straße schlage ich den Mitreisenden vor, schnell schon einen Tisch für das Abendessen im gegenüberliegenden Traditionsrestaurant Plachutta zu reservieren. Während die anderen draußen warten, betrete ich das Lokal. Ein vorbeieilender Kellner hält freundlicherweise kurz inne und geht mit mir mögliche Zeitfenster durch. Heute und morgen erst nach 21.30 Uhr, Dienstagabend ginge auch etwas früher. Unter der Woche könnte es mittags auch mal ohne Reservierung klappen, sagt er. „Dann versuchen wir das doch mal“, sage ich unbestimmt. „Das würde uns sehr freuen“, sagt der Mann und fügt nochmals entschuldigend hinzu: „Es ist halt Weihnachtszeit!“ Weiterlesen

ethnografische notizen 088: ndouzem village

4 Jan
Huguette – Ndouzem Village, Aachen, Januar 2015

Huguette – Ndouzem Village, Aachen, Januar 2015

Ndouzem Village, sagt Huguette, das sei die Bushaltestelle am Dorf ihrer Großeltern. Also keine Bushaltestelle im europäischen Sinne vielleicht, sondern vielmehr ein Stichwort, dass man dem Busfahrer nennt, wenn man an einer ganz bestimmten Stelle, rund 300 Kilometer von der Hauptstadt entfernt, aussteigen möchte. Und weil wir bekanntlich ja gerne leckere Dinge mit schönen Erinnerungen verknüpfen, heißt das kleine Unternehmen von Huguette eben wie eine Bushaltestelle irgendwo in den unendlichen Weiten Kameruns. Eventköchin ist sie und kocht, wie heute Abend, in den Küchen ihrer Gäste Gerichte aus ihrer Heimat in Westafrika.

„Wenn wir Kinder bei den Großeltern ankamen“, erzählt sie und setzt sich zwischen den Gängen eine Viertelstunde zu uns, „dann durften wir gerade mal auspacken und dann mussten wir alle Omas im Dorf begrüßen gehen. Eine nach der anderen. Und überall gab’s was zu essen.“ Bei dieser Vorstellung werde ich ganz unruhig und frage mich insgeheim, was so ein Flug nach Kamerun kosten könnte und ob Huguette wohl sein freundlich sein würde, mich einmal mitzunehmen … Wir müssen an diesem Abend aber keine Runde drehen, sondern bekommen insgesamt vier verschiedene Gänge an den Tisch gebracht. Auch wenn das in Kamerun nicht unbedingt üblich ist, wo alles gleichzeitig auf den Tisch gestellt wird und man sich nimmt, worauf man gerade Lust hat. Ich selber pendele als Gastgeber aber zwischen Esstisch und Küche, um auch ein bisschen von der Zubereitung mitzubekommen.

Accra de Poulet, Aachen, Januar 2015

Accra de Poulet, Aachen, Januar 2015

Huguette nimmt eine Handvoll zähflüssigen Teig und lässt mit geschickten fließenden Bewegungen kleine Kugeln in das heiße Fett gleiten. Kurze Zeit später sitzt die Familie etwas gespannt um den fertigen Teller mit Accra de poulet, die in eine scharfe Pfeffersoße getaucht werden. Plötzlich bricht das Eis und auch der zweite Teller ist sofort gelehrt. Erst am nächsten Morgen wird mir so richtig klar, dass das Afrika-Bild der Generation meiner Eltern ein ganz anderes ist als das meine. Dass ihnen nach meiner Ankündigung, dass eine Köchin aus Kamerun uns an meinem Geburtstag bekochen wird, vermutlich sämtliche Klischees aus dem Katechismusunterricht durch den Kopf gegangen sein müssen, hatte ich nicht bedacht. Die Tatsache, dass Huguette seit 18 Jahren in Deutschland ist und mit Yaoundé aus einer Stadt kommt, die etwa so groß ist wie Berlin, blieb daher unerwähnt. An diesem Abend aber gibt es – auch wenn ich nicht das Gefühl habe, dass abseits der Einteilung in einzelne Gänge allzuviele Konzessionen an den deutschen Geschmack gemacht werden – kein Bushmeat, sondern Gerichte, die auch bei den zunächst skeptischen Senioren auf große Begeisterung stoßen.

Einen Salade royale tropicale mit Avocado, Ananas und Grapefruit zum Beispiel oder die Hauptspeise Ndolé zum Beispiel. Die Vorspeise nicht so ungewöhnlich, das Hauptgericht mit seinem mehrfach gekochten und gewaschenen Bittergemüse, Rindfleisch, Garnelen und gekochtem Erdnussmus hingegen schon fremder.

Ndolé mit Maniok und Kochbanane, Aachen, Januar 2015

Ndolé mit Maniok und Kochbanane, Aachen, Januar 2015

„Das ist unser Nationalgericht“, sagt Huguette, schlägt ihr großes Messer in das Stück Maniok in der linken Hand und trennt die braune Schale vom strahlendweißen Inneren der Wurzel. „Ndolé kommt eigentlich von der Küste, aber man ist es jetzt im ganzen Land.“ Sie hält mir das Maniok-Stück unter die Nase. „Muss man sorgfältig schälen und kochen“, sagt sie, „die Schale ist giftig.“ „Sieht aus wie Grünkohl“, sagt meine Schwiegermutter als die Schüsseln auf dem Tisch stehen und ich jedem eine Portion auftue. Der leicht bittere Geschmack des Gemüses, die kartoffelartigen Maniokstücke und die fruchtigen Kochbananen ergeben nicht nur ein optisch stimmiges Bild.

„So langsam werden wir müde“, flüstern mir meine Eltern zu, als Huguette sich nach dem Hauptgang wieder in der Küche an die Arbeit macht. Als sie mit zwei Tarte Tatin Banane zurückkommt, isst aber sogar meine Mutter, die sich bekanntermaßen nichts aus Nachspeisen macht, noch ein Stück. Ein paar Stunden später liege ich wohlig gesättigt im Bett und denke an die Bushaltestelle im Westen Kameruns, die jetzt nicht nur eine schöne Erinnerung für Huguette sondern auch für mich ist.

http://www.ndouzemvillage.de

ethnografische notizen 24: „living kitchen“, internationale möbelmesse köln

23 Jan

Anspruch und Wirklichkeit liegen oft weit auseinander. Um diese Einsicht zu gewinnen, muss man sich nicht erst in die Geschichte des Kommunismus vertiefen – ein Besuch bei der „Living Kitchen“, der neuen Attraktion der Internationalen Möbelmesse in Köln.

"Cooktainment" mit Nelson Müller, Internationale Möbelmesse Köln 2011

In Halle 4.1 mit dem hübschen neudeutschen Titel „Cooktainment/Kochshows“ begrüßt eine Vertreterin des Herstellers Hettich das überwiegend privat interessierte Publikum am letzten Tag der Messe. „Guten Tag meine Damen und Herren“, sagt die professionell-freundliche junge Frau in ihr fleischfarbenes Headset, „ich begrüße Sie zu unserer Vision der Küche 2015.“ In den folgenden fünf Minuten lässt sie per Touchscreen-Sensor diverse Hochglanzflächen nach links oder nach rechts gleiten, holt mit einem leichten Fingerdruck den unsichtbaren Wasserhahn aus seiner Versenkung und erklärt den staunenden Damen und Herren, dass sie auch auf der anderen Seite der Küchenwand, im Kaminzimmer, den Zustand des Hähnchens im Ofen per LCD-Bildschirm und in den Backofen integrierter Kamera im Auge behalten können. Sie lässt eine Besucherin die von beiden Seiten zu öffnende Spülmaschine bedienen und führt den erleichterten Start in den Morgen mittels eines eigens entwickelten Frühstücksmoduls vor. „Sie ist so sexy“, findet mein kalifornischer Freund Peter, der nicht ganz freiwillig mit von der Partie ist. Ich hingegen finde sie in etwa so charmant wie den von ihr präsentierte selbstverständlich in eine weitere glatte Oberfläche integrierte Eisklötzchenhersteller. Sie fährt und es verriegelt, sie spült und kalibriert und plötzlich erinnert sich mich an Doris Day in ihrem Film „Spion im Spitzenhöschen“ von 1966. Als Jennifer Nelson fand sie sich damals im Haus ihres Chefs in einer futuristischen Küche, erlag den Tücken des mit der Stimme gesteuerten Backofens und muss letztendlich vor den wiederholten Angriffen des vollautomatischen Staubsaugers fliehen. Was 45 Jahre später in Köln gezeigt wird, ist nicht die Zukunft sondern eine Wiederauflage einer mehr als 40 Jahre alten Vision. „Ich wünsche Ihnen noch einen schönen Sonntag“, sagt Miss Hettich, „nehmen Sie sich doch ein bisschen Tee mit, sie finden genug davon in der Spülmaschine.“

"Living Kitchen", Internationale Möbelmesse Köln 2011

Ein Stückchen weiter ein weiterer Menschenauflauf. Zahlreiche Besucher und Besucherinnen beobachten interessiert wie Fernsehkoch Nelson Müller eine Tasche in ein just entbeintes Entenbrustfilet schneidet. „An die eigenen Messer lässt man niemanden ran“, erklärt der Essener Profi, die Arbeit in der Küche sei eben etwas ganz persönliches. Das passt zum Stand nebenan, der unter dem Motto „Kochleidenschaft ohne Grenzen“ weitere Hochglanzoberflächen anpreist. Alles ziemlich teuer und alles ziemlich unpraktisch, wie man an den diversen jungen Frauen erkennen kann, die sich an nahezu allen Messeständen mit einer Flasche Glasreiniger in der einen und einem Mikrofasertuch in der anderen zwischen Induktionsfeld und Ceranfläche hin und her hangeln. Das hat mit Kochen, Lebensmitteln und Genuss irgendwie wenig zu tun. Hier fungiert die Küche als reines Statussymbol und der Preis muss eben sichtbar sein. Auch das ist nicht wirklich neu, im von mir vielzitierten Eifeldorf meiner Kindheit waren die Küchen der makellosen Einfamilienhäuser meist weiß („Die Megafarbe Weiß bleibt“ versprechen die Wohntrends 2011 im Messekatalog) und wurden selten bis gar nicht genutzt. Gekocht wurde vielfach im Keller, wohin die alte bei der Anschaffung einer neuen (Küche) verschwand. Da hat sich also wenig getan, auch wenn die meisten Anbieten in 2011 nicht mehr aus West-Germany stammen, sondern aus der Schweiz und den Niederlanden stammen. Lediglich die Schweden unterlaufen diese schöne Illusion der Küchenzukunft. „Falls Dir die Küchenmesse langweilig wird“, heißt es auf den in der Stadt plakatierten Werbungen, deren Frequenz Richtung Messegelände immer dichter wird, „Dein Messeticket gilt auch für die Fahrt zum nächsten IKEA.“

Bahnhof Deutz, Köln 2011