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ethnografische notizen 099: żurek/gdańsk

24 Mai
Żurek im Restaurant Kubicki, Danzig 2015

Żurek im Restaurant Kubicki, Danzig 2015

Das Problem mit dem Essen auf Reisen ist, dass man sich erst langsam an die landläufigen Portionsgrößen herantasten muss. Ein Teller Pasta in Italien als Zwischengericht, um nur ein Beispiel zu nennen, ist etwas anderes als eine Portion Bolognese beim gutbürgerlichen Italiener um die Ecke. Polnische Tellergerichte, so stellt sich aber schnell nach unserer Ankunft in Danzig heraus, scheinen wie gemacht für den deutschen Geschmack. Viel und preiswert – um nur die beiden wichtigsten Anforderungen des durchschnittlichen Bundesbürgers an die vor ihm befindliche Speisekarte zu nennen. Und auch ich, der ich ja zumeist getrieben werde von der Suche nach regionalen und saisonalen Außergewöhnlichkeiten, gebe zu, dass es mir auf Reisen manchmal darum geht, satt zu werden.

Im Restaurant Kubicki, direkt am Wasser mit Sicht auf die Philharmonie gelegen, haben wir für den ersten Abend einen Tisch reserviert. Weil die Dame von der Agentur, bei der wir das Appartement gemietet haben, uns das Lokal empfohlen hat und weil es eigentlich in jedem Reiseführer als Gastro-Tipp gehandelt wird. Wir werden an einer langen Bar vorbei in eine der hinteren Räumlichkeiten geführt. Neu eingerichtet scheint mir der Laden, aber mit viel Gefühl für das „alte Danzig“, nach dessen Spuren die meisten Touristengruppen hier suchen. Auf der Visitenkarte, die ich mir im Vorbeigehen schon mal einstecke, ist eine Postkartenansicht der Stadt von 1902 zu sehen. Auch wenn zwischendurch mal alles kaputtgebombt wurde, die Silhouette der Stadt ist in etwa die gleiche geblieben. Ein Mann spielt auf einem einfachen, an einer Wand aufgestellten Klavier. Wir werden in einer gemütlichen Ecke platziert und bekommen die Karte. Es könne ein bisschen dauern, sagt der Kellner, man habe gerade eine ziemlich große Reisegruppe zu bedienen. Die sitzt an einem langen Tisch in meinem Rücken, kommt hörbar aus Deutschland und wird mit jeder Runde Piwo ein bisschen lauter. Als der Klavierspieler „O sole mio“ spielt, steht einer der Reisenden auf und fängt laut an zu singen. Nicht unbedingt schlecht, aber unbedingt laut. Die Gruppe johlt, während die restlichen Gäste etwas betreten dreinschauen. So ganz sole mio ist man ja dann meistens doch nicht.

Wir studieren die Karte. Unter den Vorspeisen stoße ich auf Żurek, Sauermehlsuppe mit Wurst. Unter Sauermehl kann ich mir nicht wirklich etwas vorstellen, auch wenn die englische Übersetzung „sour rye flour soup“ vermuten lässt dass es Richtung Sauerteig gehen könnte. Meine Neugierde ist geweckt. „Die Sauermehlsuppe (…) ist eine Suppe auf der Basis einer Sauerteigbrühe mit typisch saurem Geschmack“, lese ich später auf Wikipedia, „sie kommt vor allem in der polnischen und der weißrussischen Küche vor, ist jedoch auch fester Bestandteil der schlesischen, der slowakischen und der tschechischen Küche.“ Ob es sich dabei um eine Vorspeise handele, frage ich den Kellner. Der nickt freundlich. Und vor dem „traditionellen Danziger Schweinsruckenbraten mit Weiskraut und Kartoffeln“ – einem Kotelett, das denen in Kölner Brauhäusern in nichts nachsteht – wird ein dunkelblauer Keramiktopf vor mir platziert. Der ist ziemlich voll mit einer hellen, gebundenen Suppe mit gehackten Kräutern. Und als ich umrühre finde ich außerdem in Scheiben geschnittene Wurst, ein gevierteltes Ei und Speck. Żurek schmeckt weniger sauer, als ich erwartet habe. Lecker und ziemlich deftig, denke ich und dass der Kellner mir nicht ganz die Wahrheit gesagt haben kann. Die Portion Eintopf vor mir ist so groß, dass man sie durchaus auch als Hauptmahlzeit hätte verkaufen könnte.

Żurek am Lech-Wałęsa-Flughafen, Danzig 2015

Żurek am Lech-Wałęsa-Flughafen, Danzig 2015

In den nächsten Tagen begegnet uns die Sauermehlsuppe auf Schritt und Tritt. Auf den Speisekarten der Restaurants, als Tütensuppe im Supermarkt oder in der Basisversion als trübe Flüssigkeit in einer kleinen Plastikflasche bei der lustigen Gemüsefrau auf dem Markt, bei der wir für fünf Groschen eine Ogórki, eine große eingelegte Gurke kaufen. Auf dem Heimweg, haben wir am Flughafen noch genug Zeit, etwas zu essen. Während die anderen sich für einen Burger entscheiden, nehme ich eine letzte Portion Żurek. Knapp zehn Złoty kostet die Schüssel. Und wieder frage ich die Bedienung nach der Portionsgröße. Diesmal aber nicht, weil ich nur eine kleine Vorspeise möchte, sondern weil ich befürchte, gegebenenfalls nicht satt zu werden. So eine Suppenschüssel sieht auf der Reklame ja schon einmal größer aus, als dann auf dem Tablett an der Kasse. „200 ml“, sagt die junge Frau und ich schließe aus der prompten Antwort, dass ich nicht der erste Kunde bin, der diese Frage stellt. Ich bestelle vorsichtshalber noch ein Stück Spinatkuchen dazu. Die Flughafensuppe schmeckt mir noch ein bisschen besser als die im Restaurant. Und auch die polnische Quiche ist lecker. Allerdings hätte man das Stück problemlos als Hauptgericht verkaufen können. Danach sollte ich beim nächsten Mal vorher fragen.