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ethnografische notizen 40: belgiens trost – teil 4/5

6 Sep

Das kleine Königreich im mittleren Westen Europas steckt tief in der Krise. Lediglich Essen und Trinken eint die zerstrittenen Landesteile. Noch, den mit einer drohenden Pleite unserer genussfreudigen Nachbarn könnte auch dieses letzte Stück gemeinsamer Identität verschwinden

Auslage einer Konditorei, Lüttich 2010

Auslage einer Konditorei, Lüttich 2010

In der Küche seines Lütticher Hauses aus dem 17. Jahrhundert steigt der emeritierte Linguist Joseph Vromans durch eine Falltür im Holzboden hinab in seinen Weinkeller. „Bon“, sagt er, „so siebenhundert Flaschen werden es schon sein. Seit ich pensioniert bin, kann ich mich etwas ausführlicher meinem Hobby widmen.“ Der überzeugte Sozialist und engagierter Mitarbeiter zahlreicher Nachbarschaftsprojekte steht stolz in seinem sorgfältig weiß gekälkten Gewölbe. In der Mitte führt ein schmaler Weg aus schweren Blausteinplatten durch den hellen Kies. „Ich erfasse alle Einkäufe in einem Computerprogramm. Der Rechner sagt mir dann immer, welche Weine ich als nächstes am besten trinken kann.“ Der Preis spiele keine so große Rolle, betont er. Kollegen, die bis zu 150 Euro für eine Flasche ausgeben, kann er nicht verstehen. „Manchmal kaufe ich auch im Supermarkt, bei Delhaize oder Colruyt. Wenn der Wein gut ist.“ Entlang des Wegs stehen Kisten mit Weißwein, hohe gelbe Kästen mit großen schlanken Bierflaschen mit Champagnerverschluss und kleine gedrungene mit Kronkorken. „In zwei Tagen kommt die Familie meiner Frau“, sagt Vromans, „wir rechnen mit rund 25 Personen. Der Rotwein steht schon oben, um auf Temperatur zu kommen.“ Oben in der Küche trifft Carola Henn erste Vorbereitungen für das Abendessen. Ihr Vater war Koch beim belgischen Militär, ihre Mutter ist immer noch eine begeisterte Köchin. Im Flur ist auf einer Kreidetafel in einem Wochenplan eingetragen, wer von der vierköpfigen Familie zum Abendessen zu hause ist. „Da sind wir vielleicht etwas altmodisch“, sagt Joseph, „aber das ist für uns sehr wichtig. Wir sitzen fast jeden Abend mit unseren Kindern am Tisch.“

Dass Belgier wohl kaum am Essen sparen werden, davon ist auch Joseph Vromans überzeugt. „Da spielt die Krise so gut wie keine Rolle“, sagt der emeritierte Linguist und streicht sich über seinen imposanten Schnauzbart, „die meisten Menschen hier finden es nicht so schlimm, ein billigeres Auto zu fahren oder an Kleidung zu sparen.“ Essen und Trinken hingegen scheinen hierzulande nahezu unantastbar zu sein. „Vielleicht gehen sie weniger teuer essen als früher“, ergänzt Carola Henn, ebenfalls Sprachwissenschaftlerin und Vromans Lebensgefährtin, „wobei die Flamen durch die Bank weg mehr Geld in Restaurants lassen als wir hier in der Wallonie, wo das Durchschnittseinkommen um einiges niedriger ist.“ In der Tat finden sich die meisten belgischen Michelin-Sterne in Flandern. Sowohl die beiden 3-Sterne Etablissements (Brugge und Kruishoutem) als auch zwölf der vierzehn Restaurants mit zwei Sternen. „In der Wallonie gehen die Leute gerne auch schon mal in eine einfachere Frittenbude“, sagt Joseph Vromans. Das habe keinen Einfluss auf die Frequenz der Restaurantbesuche, betont er, aber ein schickes Ambiente spiele momentan nur noch eine geringe Rolle.