miniportion 190: koriander

Kurz vor dem Servieren hinzufügen, Korianderverpackung/Niederlande

Kurz vor dem Servieren hinzufügen, Korianderverpackung/Niederlande

Meine erste Erfahrung mit Koriandersamen hatte einen sehr katholischen Hintergrund. Einmal im Jahr nämlich pilgerte die Kirchengemeinde unseres Dorfes nach H., immerhin rund 20 Kilometer nordwestlich gelegen. Zu diesem Zwecke begab man sich zunächst ins Tal, dann auf ein Schiff über den Rursee, um schließlich die Reststrecke wieder zu Fuß zurückzulegen. Diese kurze Streckenbeschreibung dient der Veranschaulichung der vielen Pausen, in den diverse Speisen und Getränke zum Einsatz kamen. In H. gab es zwischen Ankunft und Kreuzweg ein Mittagessen, an das ich mich aber nicht mehr erinnern kann. Wohl aber an die sogenannten Wallfahrtsperlen, die ich von diesem Ausflug mitbrachte. Dabei handelte es sich um mit pastellfarbenem Zucker überzogene Samen des Echten Korianders in einer dünnen Plastiktüte. Diese bewahrte ich nach der Rückkehr lange Zeit in der Schublade unter meinem Bett auf, um sie gelegentlich mit ritueller Andacht zu mir zu nehmen. Als langjähriger Messdiener hatte ich schließlich ausreichend Übung in solchen Angelegenheiten. Geschmacklich fand ich das Produkt übrigens durchaus ansprechend, die im Mund zurückbleibenden Reste der Samenkapsel führten allerdings zu einer eher sparsamen Verwendung und als irgendwann die Tüte riss und ich die Wallfahrtsperlen zwischen Spielzeug, Apothekenpostern und diversem Krimskrams hätte heraussuchen müssen, erlosch mein Interesse.

Soviel zur Frucht von Coriandrum sativum, deren weltweite Produktion zu einem großen Teil zu Currymischungen verarbeitet wird. Die grünen Bestandteile der Pflanze hingegen polarisieren und sind beispielsweise für Freund S. schlicht unverzehrbar. Damit ist er nicht alleine. Koriander wird nämlich gelegentlich auch als Wanzenkraut bezeichnet. Nicht etwa, weil es gegen Ungeziefer helfen würde, sondern weil der Geruch der Pflanze an Wanzen erinnere. In diesem Fall fehlen mir aber schlicht die Vergleichswerte.

ethnografische notizen 025a: entrecôte mit gebratenen semmelknödeln und koriander-hollandaise

Entrecôte mit gebratenen Semmelknödeln und Koriander-Hollandaise

„Am ehesten vielleicht steak frites“, antwortet mir Karl-Heinz Lambertz, der Ministerpräsident der Deutschsprachigen Gemeinschaft Belgiens, auf meine Frage, worauf er denn am ehesten Lust habe, wenn er von einem Auslandsaufenthalt nach Belgien zurückkehre.

„Allez“, denke ich, „das soll es heute abend auch bei mir sein!“ Und weil ich am Eupener Busbahnhof noch eine halbe Stunde auf die Linie 14 warten muß, die mich zurück nach Deutschland bringt, widme ich mich nach der Politik in aller Ruhe der benachbarten Delhaize-Filiale. Auch hier in der belgischen Peripherie, in Eupen mit seinen rund 18.000 Einwohnern, ist Belgiens größte Supermarktkette eine Offenbarung. Ich erstehe 254 Gramm Entrecôte aus biologischer Erzeugung und knackig-festen Chicorée, der – frisch aus dem Brabanter Boden gezogen, wie mir das Etikett erzählt, in dieser Qualität nicht zu bekommen ist. Zuhause entscheide ich schweren Herzens auf die frites zum Steak zu verzichten, schneide stattdessen die Semmelknödel vom Vortag in Scheiben und rühre mir fix eine Hollandaise für das mitgebrachte Koriandergrün. Manchmal muss man sich eben was gönnen, wenn man aus dem Ausland zurückkommt.