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ethnografische notizen 266: köln in zeiten von corona

1 Apr

An dieser Stelle erzählen Kölner Gastronom*innen wie es ihnen gerade geht. Drei einfache Fragen und überraschend offene Antworten.

Interview mit Matthias Ludwigs, Törtchen Törtchen

Matthias Ludwigs, Törtchen Törtchen, Köln (Foto: privat)

Der Koch und Konditor ist seit 2012 einer der beiden Geschäftsführer der Patisserie-Manufaktur mit Sitz in Nippes und Filialen in der Innen- und Südstadt.

1. Wie war das, den Laden zuzumachen?

Das ist im Nachgang doch interessant, wenn man sieht, was man vor zwei Wochen noch für E-Mails geschrieben hat. An dem Freitag habe ich noch zu einer Bewerberin gesagt, dass ich ihr nach dem Wochenende den Vertrag schicke. Am Montag haben wir uns dann gefragt, was wir jetzt tun werden. Wir haben ja den großen Vorteil, dass wir sowieso immer etwa ein Drittel des Umsatzes über Außerhausverkauf machen. Und weil die Cafés nicht vom Ladenbauer gemacht sind, sondern komplett selbst zusammengebaut, war klar, dass wir am Dienstag einfach die Theke umstellen. So können die Kunden zwar nicht mehr rein, aber wir können weiterverkaufen. Das hat relativ gut funktioniert. Wir haben uns natürlich schon gefragt, wie das alles weitergehen soll. Uns war aber sofort klar, dass wir den Betrieb nicht schließen werden. Wir haben noch Ware, die verkauft werden muss, wir haben noch Rohstoffe, die verarbeitet werden können. Wir haben das Geschäft daher zurückgefahren und den Dienstplan für die Woche ausgedünnt. In der Apostelnstraße haben wir zum Beispiel nur noch 20 % Personal, statt fünf Leuten brauchen wir nur noch einen. Das haben wir erst einmal alles gemacht, ohne großartig weiter als einen Tag zu denken. Das ist mir persönlich nicht schwergefallen, ich bin bei so etwas immer recht nüchtern und suche dann eher nach Lösungen.

2. Was macht ihr gerade?

Letzte Woche waren wir vor allem mit dem Krisenmanagement beschäftigt. Am Sonntag haben wir alle angeschrieben: „So wie es aussieht, wird Kurzarbeit folgen müssen und wir wissen selber nicht, was los ist.“ Da hingen alle erst einmal in der Luft. Zufällig war am Montag bis auf einen Mitarbeiter das gesamte Backstubenteam da. Wir haben uns alle zusammengesetzt und erst einmal dargelegt, was das für uns bedeutet. Für uns als Unternehmer war das klar: entweder weitermachen oder Privatinsolvenz. Das muss man dann einfach auch so sagen. Es hilft ja nix, drumherum zu reden. Dann haben wir in die Runde gefragt, was man jetzt machen kann. Habt ihr Ideen? Es ist spannend zu sehen, wie schnell dann hochmotivierte Überlegungen kommen. Wir haben beschlossen, erst einmal einfach zu machen. Wir haben ja einen Onlineshop und können alle Produkte im Internet verkaufen. Dann machen wir eben ab 25 Euro einen kostenfreien Lieferservice. Beim Brainstorm-Kreativrunden-Coronakrisenmeeting haben wir uns aber auch gefragt, was machen die Kinder? Die haben keine Schule und sind zuhause. Jetzt drehen wir Backvideos und bieten Backmischungen für Kindern an. Natürlich müssen wir auch Kurzarbeitergeld beantragen und Liquiditätsplanung machen, aber wir müssen uns auch selber motivieren. Jetzt haben wir schon das zweite Video gedreht und drehen morgen noch eins. Wir haben kurzfristig die Cookie-Backmischung kreiert, wir haben so ein Do-it-yourself Granola-Hasenset zusammengestellt, und morgen gibt es die Brownie-Backmischung. Wir haben ja alles da, die Software für die Etiketten, die Verpackungen, die Rohstoffe – wenn wir ein paar von den Sachen verkaufen, dann ist das prima, wenn nicht, haben wir unseren Spaß damit gehabt und haben einen positiven Eindruck hinterlassen. Man muss jetzt kreativ sein.

Ich bin jetzt übrigens gerade die Törtchen Törtchen Hotline. Die wurde am ersten Tag aus Mangel an Alternativen als Rufumleitung auf mein Handy gelegt. Da haben wir sie gelassen und alle Kunden, die über diese Hotline anrufen, kommen zu mir. Die freuen sich alle sehr, dass wir weiterhin unsere Produkte anbieten. Die Kunden in den Läden genauso. Für die Mitarbeiter ist das psychologisch gut, wenn die noch ein, zwei Tage im Laden stehen und merken, dass die Leute sich freuen.

Privat habe ich gerade weniger Zeit also sonst. Am Wochenende hätte ich eigentlich frei gehabt, aber ich habe geliefert. Wobei das jetzt der Noch-Zustand ist, in der nächsten Woche wird sich das mit der Liefergeschichte hoffentlich alles ein bisschen eingespielt haben. Gerade finde ich es aber wichtig, als Unternehmer präsent zu sein. Wenn wir die Mitarbeiter schon in die Kurzarbeit schicken, muss man selbst auch anwesend sein.

3. Was werdet ihr als erstes machen, wenn die Krise vorbei ist?

Die Frage beantworten wir uns gerade. Weil wir den Betrieb nicht gestoppt haben, hat dieser Aspekt ehrlicherweise bislang noch keine Rolle gespielt. Ich habe gestern die ersten zwei Videos auf unseren Youtube-Kanal hochgeladen, da kommen dann noch das Hasenvideo und der Brownie-Film rein. Sowas war immer schon ein Gedanke gewesen, aber im normalen Tagesgeschäft überlegt man immer sofort, ob man damit Geld verdienen kann. Diese Frage können wir uns jetzt nicht direkt stellen. Wir können das jetzt einfach ausprobieren. Dieses Reset ist für uns daher erst einmal auch positiv. Wenn nicht jetzt, wann sonst? Es weiß ja noch keiner, was daraus resultiert.

ethnografische notizen 265: köln in zeiten von corona

1 Apr

Ristorante Giovanni, Neusser Straße, 26.03.2020

Nippes

Beim Kornbrenner sind die Rolladen runter. In den Blumenkästen auf der Fensterbank blühen ein paar Flammende Käthchen vor sich hin. „Wir wünschen allen erstmal Gesundheit, Geduld und Hoffnung“, steht auf einem Schild neben dem verschlossenen Eingang, „und dass wir uns alle wiedersehen nach dieser Krise! Euer Korni“

Buondi, der Pizza-Burgerladen nebenan bietet alle Speisen von der Karte zum Mitnehmen an. Auf diesem Stück der Neusser Straße ist am frühen Nachmittag aber niemand unterwegs.

Gegenüber, im Ristorante Giovanni, sind die Tische mit rot-weißkarierten Decken und Weingläsern eingedeckt. An der Türe hängt ein schönes, handgeschriebenes Plakat, die wichtigsten Infos sind in Rot doppelt unterstrichen. „Bleiben Sie gesund, Ihr Giovanni“.

Das Café Melange hat den Laden zum Wohl aller für den Publikumsverkehr geschlossen, Kaffee und Kuchen gibt es aber weiterhin. Eine Tafel verweist auf die Homepage www.espresso-fuer-koelle.de auf der man die eigenen Lieblingscafés mit einem virtuellen Espresso für 2,50 € unterstützen kann. „Natürlich bekommt jeder auch seinen richtigen Kaffee, wenn alles vorbei ist. Zeigt einfach eure PayPal-Überweisung vor.“

Auf einem kleinen Mauervorsprung vor dem Imbiss Tadim Kebap wird an den Umkreis von 50 Metern erinnert, in dem nichts verzehrt werden darf. Ein großer Pfeil auf Papier weist nach unten „Hier nichts essen“. Daneben steht ein Aschenbecher, vermutlich für das Personal.

Die Ketten stellen sich von Tag zu Tag professioneller auf.  Mitunter vermischen sich emotionale Appelle mit (ebenfalls berechtigten) Geschäftsinteressen. An der Filiale der Bäckerei Kamps lese ich, dass man nun auch telefonisch vorbestellen kann. „Denken Sie auch an Ihre Freunde, ältere oder kranke/nicht mobile Angehörige und Nachbarn, die sich über frische Backwaren freuen.“

Auch das Backwerk hat ein neues Plakat mit der Silhouette von zwei abstandhaltenden Menschen. „Warten Sie bitte gegebenenfalls. Danke für Ihre Geduld.“

Interessant ist, wer hier wen duzt und siezt, wer wie flapsig oder formal formuliert. Die Flora 6, die nach eigenen Angaben legendäre Veedelskneipe mit Charme, hat sich für einen sehr sachlichen Tonfall entschieden. „Liebe Gäste, aus gegebenem Anlass – Coronavirus (SARS-Co-V-2) und den damit verbundenen behördlichen Einschränkungen, müssen aufgrund der Verordnung der Stadt Köln v. 16.03.2020 ab einschließlich Dienstag, den 17.03.2020 alle Restaurants und Gaststätten bis auf Weiteres schließen“, heißt es auf dem Ausdruck im Kasten auf der dunkelbraun gefliesten Wand. „Wir werden euch informieren, sofern und sobald sich die Sachlage ändert.“

Da ist das Haus Schnackertz eine Ecke weiter sehr viel persönlicher. Auf der Metalltüre hängt ein dicht beschriebenes Blatt von einer Flipchart. „Unterstützt uns und bleibt vor allem gesund!“ Die Gäste werden darüber informiert, dass sie über Lieferando oder direkt am Telefon bestellen können, aber auch, dass sie bitte Abstand halten sollen.  „Wir haben Wartezonen entsprechend vorbereitet. Ggf. bitte draußen warten bis wieder Platz ist!“

Der Hornochse bietet ab 16.00 Uhr Burger zur Mitnahme und einen Zettel an der Türe, auf dem junge Menschen sich zum Einkaufen oder zur Kinderbetreuung anbieten. „Da das neuartige Coronavirus immer mehr das tägliche Leben verändert, würden wir, die jüngere Generation (SchülerInnen aus Köln, 16-19 Jahre) gerne helfen.“

Die Pizzeria Mitica Italia ist gänzlich geschlossen, der graue Rollladen heruntergelassen. „Aufgrund der aktuellen Situation müssen wir auf unbestimmte Zeit schließen! Hoffentlich bis bald“

Die Abholmetzgerei Jupp Schlömer hat geöffnet und außerdem ihr Sortiment erweitert. „Aufgrund der augenblicklichen Situation bieten wir Ihnen auch Hackfleisch in unseren Geschäften an. […] Bitte beachten Sie, dass der Artikel am selben Tag verbraucht oder eingefroren werden sollte! Bitte tätigen Sie keine Hamsterkäufe, es kommt täglich frisches Hackfleisch nach. Denken Sie auch an die Anderen!!“

Café Wohnraum, Neusser Straße, 26.03.2020

Das Café Wohnraum ist zuversichtlich. „Wir werden auch diese Hürde zusammen meistern“, steht auf dem Kundenstopper auf dem Gehweg. Im Inneren ist mit jeweils zwei Stühlen markiert, in welchem Abstand man sich aufstellen soll.

In der Verkündung der Filiale der Pizzeria Piccola klingt noch immer ein wenig Überraschung mit: „Leider gehen die aktuellen Ereignisse nicht an uns vorüber …“

Die Konkurrenz, Mimmo & Santo, hingegen nimmt’s mit sehr subtilem Humor. „Wir bitten um Ihr Verständnis und sind, sobald möglich, wieder für Sie da. Bleiben Sie gesund! La direzione“

Törtchen Törtchen ist geöffnet. Am Vortag erzählt mir Geschäftsführer Matthias Ludwigs, dass es bei aller Vorsicht, den Mitarbeiter*innen guttäte, mitzubekommen, dass sich die Kunden über die Öffnung freuen. Es gibt Quiche aus unserer Backstube, ofenfrisches französisches Landbrot und dann natürlich Macarons, Törtchen und Tartes. Ein Mädchen kommt aus dem Laden, als ich gerade ein Foto vom Angebot mache. Wir tauschen unbeholfen freundlich-verlegene Blicke aus. „Bitte gehen Sie weiter und verzehren die bei uns gekauften Produkte am besten zu Hause.“

Da Alessandro nimmt Bestellungen nur noch VOR der Türe an. „Laut Verordnung ist es verboten, sich im Laden aufzuhalten und alles nur To Go. Vielen Dank!“

Em Golde Kappes, Neusser Straße, 26.03.2020

Den Eingang vom Em Golde Kappes habe ich noch nie verschlossen gesehen. Darauf ein schlichtes rotes Schild.

Mit dem Verzehrverbot rund um die Restaurants und Imbisse stellen sich neue, praktische Fragen. Das Café Goldjunge bietet seine Speisen „warm zum Mitnehmen oder zum selber aufwärmen für zu Hause.“ Die Salatfabrik hat den Laden ausgeräumt und bietet nur noch To Go. Innen lehnt ein einsames, seltsam doppeldeutiges Schild mit der Aufschrift „stay healthy“gegen eine Säule im ansonsten vollkommen leeren Raum.

Metzgerei Stock, Neusser Straße, 26.03.2020

Das Jacques‘ Weindepot ist erst nach Aufforderung zu betreten, der Metzgerei Stock ist es ein Anliegen die Mitarbeiter*innen zu schützen. „Dazu werden wir, neben weiteren Abtrennungen, die im Auftrag sind, auch die Bedienvorgänge anpassen. Wir bitten um Ihr Verständnis, wenn sich dadurch längere Wartezeiten ergeben sollten.“ Hochkant aufgestellte rote Fleischerkisten aus Kunststoff trennen die Kunden voneinander.

Das Galerie Café nimmt Bezug auf die andauernde Toilettenpapier-Krise: „Klopapier kann man nicht essen – aber dafür unsere leckeren belegten Brote (z.B. Avocado-Lachs).“

Auf der anderen Straßenseite stehen die Kund*innen vom Eingang der Rossmann-Filiale an, die Schlange geht vorbei an Ernstings family, Geers Hörgeräte und der Maris Apotheke bis zum Rewe. „Verkaufe meistbietend“, witzelt ein Mann mit einem großen Paket unter dem Arm. Die meisten Leute lachen und ich muss an die Aufrufe auf Twitter denken, Anbieter von Trockenhefe zu Wucherpreisen zu melden.

Der Blumenladen Ecke Kuenstraße hat sein Geschäftsmodell komplett auf Selbstbedienung verlegt. Vor der Türe stehen Schnittblumen und Sträuße, Pötte und Töpfe. Die ausgewiesenen Preise steckt man einfach in den Briefkasten. Ein kleines Mädchen wirft ein paar Münzen hinein. „Möchtest du meins auch einwerfen?“, fragt eine ältere Dame freundlich und hält dem Kind einen 5-Euro-Schein hin. „AUF GAR KEINEN FALL!“, ruft die Mutter aufgeregt. „Entschuldigen Sie bitte“, sagte die Seniorin, „da habe ich gar nicht dran gedacht.“ „DAS GEHT GAR NICHT“, empört sich die Mutter weiter. „Entschuldigung“, sagt die alte Frau sichtlich betroffen. „WENN MIR WAS PASSIERT …“ Die Mutter ist nicht zu beruhigen.

„Liebst du was du machst?“ steht auf dem Graffito auf der Kaufhoffassade.

 

Anmerkungen:

Die Reportagen sind als Momentaufnahmen konzipiert. Die Ereignisse und Beobachtungen sind bei Erscheinen ca. zwei Tage alt, da ich Zeit brauche, um die Fotos zu archivieren, meine Notizen auszuwerten und einen Text zu schreiben. Vieles ist dann vielleicht schon nicht mehr aktuell, weil sich die Lage kontinuierlich verändert.

Grammatik, Orthographie und Zeichensetzung der Schilder habe ich in einzelnen Fällen behutsam angepasst, weil es nicht darum geht, möglichst lustige Beispiele zu finden. Die Originale sind auf den Fotografien dokumentiert.

Alle Rundgänge durch die Stadt wurden unter angemessenen Vorsichtsmaßnahmen durchgeführt. Ich fahre derzeit nicht mit der KVB, sondern mit dem Fahrrad. Ich bin allein unterwegs und halte Abstand zu anderen Menschen und führe allenfalls kurze Gespräche.

Meine Blogbeiträge verstehe ich als journalistischen Beitrag zur Bewältigung der Corona-Krise und ihren noch nicht absehbaren Folgen für die gastronomische Landschaft der Stadt.

ethnografische notizen 264: köln in zeiten von corona

30 Mrz

An dieser Stelle erzählen Kölner Gastronom*innen wie es ihnen gerade geht. Drei einfache Fragen und überraschend offene Antworten.

Interview mit Felix Engels, Suderman

Felix Engels, Suderman, Köln (Foto: privat)

Der Bartender führt seit 2015 gemeinsam mit Dominique Simon (Spirits) die Suderman Bar am gleichnamigen Platz im Agnesviertel.

1. Wie war das, den Laden zuzumachen?

Das ist jetzt schon zwei Wochen her, die Zeit geht schnell um. Das lag in der Luft und wir haben das mit der Schließung der Bars und Restaurants irgendwie vorhergesehen. Dass so etwas kommen würde war klar, aber die Frage war: Wann? Samstag waren wir noch auf einer Sitzung der Klub Komm gewesen, das ist eine Interessensgemeinschaft der Bar- und Clubbesitzer. Schon in der Eröffnungsrede wurde dann verkündet, dass alle Läden geschlossen werden würden. Wir haben den Express aufgemacht und da war die gleiche Schlagzeile zu lesen. Die offizielle Ankündigung kam dann erst zwei Tage später. Wir haben direkt das Team zusammengetrommelt und beschlossen, den Cocktailkurs, der an dem Nachmittag stattfinden sollte, abzusagen. Die Leute haben das Geld zurückbekommen und wir haben an dem Abend gar nicht mehr aufgemacht. Stattdessen haben wir über die Situation gequatscht und dann gemeinsam die Bar geputzt. Bevor jeder sein eigenes Ding macht, haben wir das als Team getan. Das war dann schon eine melancholische Stimmung, da war so eine Ungewissheit. Es war so ruhig auf den Straßen und nur wenige Leute kamen vorbei. Die meisten hatten es ja schon in der Zeitung gelesen. Zum Schluss kam noch der DJ, dem hatten wir aus Versehen nicht abgesagt. Der hat dann auch noch ein Bierchen mit uns getrunken. Das Fass, was wir noch angezapft hatten, das musste ja auch weg.

Dann sind wir erst einmal getrennter Wege gegangen. Wir wussten ja schon, dass wir erst einmal vier, fünf Wochen nicht hinterm Tresen stehen werden und haben uns vorgenommen, dass wir uns weiterbilden und die Dinge erledigen wollen, die wir sonst immer vor uns herschieben, weil zu viel zu tun ist. Da war es auf jeden Fall gut, dass wir gemeinsam den Laden abgebaut haben und ein letztes Mal als Team zusammengekommen sind.

2. Was macht ihr gerade?

In meiner Family haben wir eine gute Routine aufgebaut. Wir stehen ziemlich früh auf, ganz normal, als ob jetzt Kindergarten wäre. Wir frühstücken gemeinsam und strukturieren uns den Tag, damit jeder auf seine Kosten kommt. Ich versuche drei bis sechs Stunden am Tag zu arbeiten – die ganzen Admin-Sachen gehen ja weiter, wir versuchen gerade einen Lieferservice aufzubauen und dann läuft im Hintergrund noch das Barsymposium. Da ist also viel zu tun.

Aber es ist auch schön, Zeit für die Familie zu haben. Wir gehen jeden Tag in den Park und kochen viel. Man hat nicht diesen Zeitdruck mit Terminen und bestimmten Zeiten, an denen etwas passieren muss. Die Kinder kümmern sich ja eh nicht um einen Zeitplan. Das ist schon ganz gut, generell ist die Stimmung zuhause positiv.

Mit meinem Partner bin ich regelmäßig im Kontakt und es gibt WhatsApp-Gruppen in der Barszene, in denen wir uns gegenseitig auf dem Laufenden halten. Gemeinsam mit dem Spirits starten wir in den nächsten Wochen einen Lieferservice für Cocktails.  Wir wollen unter anderem zeigen, dass wir, das Spirits und das Suderman, eng miteinander verbandelt sind. Es wird eine kleine Außerhauskarte mit Signature Drinks und Klassikern geben, beispielsweise Manhattan, Negroni und auch Herrengedecke. Die Leute bestellen, bezahlen und wir liefern dann aus. Das ist im Endeffekt schon alles. Das hatte wir schon länger auf der Liste stehen, nicht erst seit der Krise, und nehmen das jetzt in Angriff.  Wir wollen das aber nicht übers Knie brechen, das soll auch nachhaltig sein.

3. Was werdet ihr als erstes machen, wenn die Krise vorbei ist?

Privat freue ich mich auf jeden Fall wieder auf den Sportverein. Und dann kann ich es kaum erwarten, mit dem Team anzustoßen, dass wir es geschafft haben. Mittlerweile vermissen wir alle den Kontakt mit den Gästen in der Bar. Da freue ich mich drauf, auf die kleinen Details, die unsere Arbeit ausmachen, auf die Drinks, auf die Leute, auf die Aromen, auf die Musik und die Atmosphäre.

ethnografische notizen 263: köln in zeiten von corona

29 Mrz

An dieser Stelle erzählen Kölner Gastronom*innen wie es ihnen gerade geht. Drei einfache Fragen und überraschend offene Antworten.

Interview mit Marcello Caruso & Anna Siena, Caruso Pastabar

Anna Siena & Marcello Caruso, Caruso Pastabar, Köln (Foto: privat)

Das aus Neapel stammende Paar betreibt seit 2013 die Caruso Pastabar am Barbarossaplatz.

1. Wie war das, den Laden zuzumachen?

Zuerst wussten wir nicht, wann die Entscheidung für Deutschland kommen würde. Wir haben ja viel aus Italien mitbekommen und haben darauf gewartet, dass irgendwann auch hier etwas passieren würde. Bis zum Wochenende war der Laden immer noch komplett ausgebucht, wir waren da auf einer guten Welle. Freitag und Samstag war das schon komisch, weil trotz der Krise so viele Leute bei uns im Laden waren. Das hatten wir so nicht erwartet. Froh ist vielleicht nicht das richtige Wort, aber wir waren erleichtert, als der Laden dann zu war. Wir sagen immer: Hauptsache gesund bleiben! Das war also die richtige Entscheidung. Wir haben das als ein positives Signal empfunden, das uns, unseren Gästen und unseren Familien Sicherheit gibt.

2. Was macht ihr gerade?

In der ersten Tagen haben wir uns mit dem Kosten beschäftigt und alles runtergefahren. Wir haben das Kühlhaus ausgeschaltet, die übriggebliebene Ware noch verarbeitet und mit nach Hause genommen. Fast vier Tage haben wir noch Broccoletti gegessen, aber das war trotzdem lecker. Wir genießen die Zeit zuhause. Ehrlich gesagt waren wir noch nie so lange zu dritt zusammen. Noch nie. Das ist für uns etwas Neues, unser Sohn ist gerade mal zwei Jahre alt. Die Zeit ist gut für ihn. Er versteht immer mehr und will mithelfen, wenn Papa kocht. Das ist schön. Wir genießen die Zeit, kochen sehr viel und probieren viele Sachen hier zuhause aus.

Es ist aber trotzdem alles irgendwie absurd, was wir gerade erleben. Wir bekommen von unseren Eltern mit, wie es in Italien gerade läuft. Da darf man gar nicht mehr rausgehen, hier hat man ja noch die Möglichkeit, vor die Türe zu gehen. Wir haben so ein Glück hier – noch! Wir hoffen, dass das noch so bleibt, dass wir auch weiterhin nach draußen gehen können und nicht ganz zuhause eingesperrt werden.

Wir freuen uns gerade sehr über die Rückmeldungen unserer Gäste. Wir bestätigen normalerweise die Reservierungen immer noch einmal mit einer SMS, deshalb haben die unsere private Handynummer. Viele wollen wissen, wie es uns eigentlich geht. Manchen schicken uns Fotos vom Kochen zuhause und sagen: „Wir denken an euch. Unsere Pasta ist aber nicht so lecker wie eure.“  Andere bieten uns Unterstützung an, schlagen uns Gutscheinaktionen vor oder schicken uns Informationen über die Soforthilfen der Bundesregierung. Das ist sehr schön, dass diese Gedanken bei uns ankommen. Das erwarten man in so einem Moment ja nicht, weil eigentlich alle mit ihren eigenen Angelegenheiten beschäftigt sind.

3. Was werdet ihr als erstes machen, wenn die Krise vorbei ist?

Wir vermissen unsere Familien sehr, deshalb werden wir erst den Laden aufmachen und dann sofort die Besuche organisieren. Wir werden sofort Flüge buchen, entweder kommen die nach Deutschland oder wir nach Italien. Wir möchte alle wieder umarmen, das vermissen wir sehr. Wir wohnen ja hier in Köln, deshalb sehen wir uns nicht so oft. Man denkt in dieser Zeit sehr viel darüber nach, was eigentlich wirklich wichtig ist. Wir werden deshalb ein bisschen mehr Zeit zu dritt verbringen. Jetzt wird uns gerade deutlich, dass die Familie und die Gesundheit die wichtigsten Sachen im Leben sind. Dann erst kommt der Rest.

ethnografische notizen 262: köln in zeiten von corona

28 Mrz

Saint Louis, Deutzer Freiheit, 19.03.2020

Deutz

Am Vormittag treffe ich mich kurz mit einer Kollegin, um ihr meine Fahnen für die Schlusskorrekturen mitzugeben. Wir stehen auf der Deutzer Freiheit, in gehörigem Abstand voneinander. Sie ist schwanger, auf der Suche nach Toilettenpapier und mit einer großen Lust auf eine „Torta della Nonna“, einem italienischen Kuchen mit Zitronencreme und Pinienkernen. Ihr Mann habe ihr versprochen, am Wochenende für sie zu backen. Dafür braucht sie nun Mehl. „Viel Erfolg“, sage ich und lache, weil sie genau die beiden Dinge sucht, die kaum noch zu bekommen sind. Wir verabreden, getrennt in den umliegenden Geschäften auf die Suche zu gehen. „Beim Penny war ich schon“, sagt sie.

Ich stelle mich in die Schlange vor dem DM, während sie auf der anderen Straßenseite in den Rewe geht. Die Frau vor mir hält mindestens fünf Meter Abstand zu der Person vor ihr, was mir etwas übertrieben scheint. Der Senior hinter mir hingegen steht etwas dicht, wie ich finde. „Was soll das denn für einen Unterschied machen, ob wir hier draußen oder da drinnen so eng beieinanderstehen“, sagt ein Mann, der sich direkt hinter den älteren Herrn befindet. „Sie sind in der Tat ziemlich dicht dran“, antworte ich. Ob die Schlange denn bis zum Rhein reichen solle, regt sich der Mann auf. In der Drogerie gibt es, wie zu erwarten, weder Klopapier noch Mehl. Lediglich ein paar Packungen gemahlener Buchweizen liegen in den ansonsten leeren Regalen.

Die Schlange im benachbarten Bioladen hat sich inzwischen aufgelöst und ich muss nicht mehr warten, bis andere Kund*innen den Laden verlassen haben. „Kommen Sie rein“, sagt die junge Frau am Eingang freundlich und winkt mir zu. Aber auch hier gibt es kein Mehl, zumindest keines, was sich für die Zubereitung italienischen Feingebäcks eignen würde. Angesichts des, wenn auch begrenzten, Angebots an Roggenmehl und Kamuth überlege ich einen Moment, ob man nicht schnell ein entsprechendes Backbuch für Cupcakes, Cakepops und Whoppie Pies auf den Markt bringen sollte.

Draußen treffe ich die Kollegin wieder. Auch ihre Suche war erfolglos. „Immerhin habe ich Zitronen bekommen“, sagt sie stolz. „Lass mal nachdenken,“, überlege ich, „wo es vielleicht noch Mehl gibt. Ein Ort, auf den man jetzt nicht direkt kommt.“ „Im Zweifelsfall immer beim Nachbarn“, sagt sie.

Als ich mein Fahrrad wieder aufschließe, überhöre ich der Unterhaltung zweier älterer Frauen. „Ich gehe ansonsten gar nicht mehr raus“, sagt die eine. „Ich gehe mal gucken, was da ist“, antwortet die andere, „was es nicht gibt, das essen wir eben nicht.“

Das Café Heimisch schräg gegenüber ist dicht. „Vorübergehend geschlossen“, steht auf einem handgeschriebenen Zettel über einem traurigen Smiley. Die Kollegen von der Pizzeria Diana weiter hinten halten die Stellung. „Nur Speisen zum Mitnehmen“ heißt es auf dem Kundenstopper. „#staythefuckhome“ und „fuckcorona“ lese ich auf der Türe des geschlossenen Saint Louis auf der anderen Straßenseite., „Bleibt gesund und haltet durch.“

 

Anmerkungen:

Die Reportagen sind als Momentaufnahmen konzipiert. Die Ereignisse und Beobachtungen sind bei Erscheinen ca. zwei Tage alt, da ich Zeit brauche, um die Fotos zu archivieren, meine Notizen auszuwerten und einen Text zu schreiben. Vieles ist dann vielleicht schon nicht mehr aktuell, weil sich die Lage kontinuierlich verändert.

Grammatik, Orthographie und Zeichensetzung der Schilder habe ich in einzelnen Fällen behutsam angepasst, weil es nicht darum geht, möglichst lustige Beispiele zu finden. Die Originale sind auf den Fotografien dokumentiert.

Alle Rundgänge durch die Stadt wurden unter angemessenen Vorsichtsmaßnahmen durchgeführt. Ich fahre derzeit nicht mit der KVB, sondern mit dem Fahrrad. Ich bin allein unterwegs und halte Abstand zu anderen Menschen und führe allenfalls kurze Gespräche.

Meine Blogbeiträge verstehe ich als journalistischen Beitrag zur Bewältigung der Corona-Krise und ihren noch nicht absehbaren Folgen für die gastronomische Landschaft der Stadt.