Tag Archives: kokosfett

miniportion 197: frittierfett

6 Aug
Sprudelndes Gold, Lüttich 2004

Sprudelndes Gold, Lüttich 2004

In Belgien haben Vegetarier es nicht unbedingt leicht. Nicht nur, weil wie in Frankreich trotz existierender fleischloser Gerichte der grundsätzliche Verzicht auf Fleisch und Fisch als bedenklich betrachtete wird. Sondern auch, weil sich hinter scheinbar vegetabilen Spezialitäten überall Produkte tierischen Ursprungs verbergen können. Fritten beispielsweise werden von Belgiern und Belgierinnen, die etwas auf sich halten, im Nierenfett vom Rind frittiert.

Die Frittieranleitung „Petites ou grandes fritures“ aus dem Jahr 1970, die sich dem Stempel im Einband zufolge einmal im Besitz der Lütticher Pattisserie Maison Beer befand, widmet gleich ein ganzes Kapitel der Auswahl des richtigen Frittierfetts. „Certaine graisses déstéarinées, comme le blanc de bœuf,”, heißt es dort, „ne communiquent ni goût, ni odeur aux ingrédients frits.” Hier auf der deutschen Seite hingegen ist man durchaus der Meinung, dass die unnachahmliche Note der belgischen Fritte gerade in der Auswahl des Fettes begründet liegt. Es mag aber auch an dessen Verwendungsdauer liegen. Jedenfalls finde ich „blanc de bœuf“, also „das Weiße vom Rind“ eine poetischeUmschreibung für etwas, was bei uns auf den unschönen Namen Rindertalg oder gar Unschlitt hört.

Zuhause wurde nur pflanzlich und nur in frühen Jahren frittiert. Später wurden Pommes frites und Kroketten als potenziell ungesund eingestuft und kehrten erst im Verlauf der 1980er Jahre in der fettarmen Backofenversion zurück. Ich erinnere mich aber an Stangen aus Kokosfett im Kühlschrank, die aussahen wie große Blöcke weißer Schokolade. Die Friteuse (Modell Topf mit Deckel) stand für gewöhnlich hintendurch im Spind. Einmal, so erzählt meine Mutter gerne, sei ich Sonntagsmittags auf den Deckel gestiegen, um an etwas höherlagerndes zu gelangen. Ich sei eingebrochen und mit dem lauwarmen Fett an den Füßen quer durch die Wohnung gelaufen. Nie wieder hatte ich so eine weiche Haut.

miniportion 089: kalter hund

20 Apr
Kalter Hund goes Nutella, Berlin 2010

Kalter Hund goes Nutella, Berlin 2010

Zum Geburtstag gibt es von meinen Eltern einen Kuchen nach Wahl. Das ist so, seit ich mich erinnern kann und stellt eine familieninterne Tradition dar, die unbedingt eingehalten werden muss. Seit einigen Jahren handelt es sich dabei um einen runden Nusskuchen mit Schokoladenüberzug, der meist von meinem Vater hergestellt wird. Früher gab es da selbstverständlich mehr Variation, aber im Alter – das betrifft beide Seiten – beschränkt man sich ja gerne auf das bereits Bekannte.

Mein jahrelanger Favorit war aber Kalter Hund, bestehend aus Butterkeksen und kakaohaltiger Fettmasse. Kalter Hund hieß, wenn meine Mutter besonders gut gelaunt war, auch Kalte Schnauze. Das allein fand ich schon unglaublich komisch. Hinzu kam natürlich der Geschmack – nicht nur als Erwachsene haben wir eine Vorliebe für fette Lebensmittel – sondern auch die Tatsache, dass es sich hier um einen Kuchen handelte, der nicht gebacken sondern geschichtet wurde und den letzten Schliff im Kühlschrank bekam. Heute gibt es diverse Backmischungen „ohne backen“, aber damals war das irgendwie noch etwas Besonderes. Noch viel aufregender fand ich aber die Tatsache, dass der Mischung aus Kokosfett, Zucker und Kakao eine gewisse Menge Instantkaffee zugefügt wurde. Heute würde man vermutlich einen Tasse Nespresso nehmen, aber den gab es ja damals noch nicht. Der Instantkaffee verbrachte übrigens den Rest des Jahres wartend im Küchenschrank. Getrunken wurde schon damals nämlich fair gehandelter Kaffee aus Guatemala, der über die Mitgliedschaft in einer ökumenischen Basisgemeinde bezogen wurde. So war das in den 80er Jahren – da wohnten ethische Grundüberzeugungen und konsumistische Bequemlichkeit Tür an Tür. Irgendwann stellte ich meine Kuchenbestellung dann auf andere Modelle um. Vermutlich fand ich Kalten Hund zu kindlich. Mit Überzeugungen hatte das in jedem Fall nichts zu tun – im Nusskuchen ist nämlich Rumaroma.